Interlude: Io vs. Me vs. moi vs. Ich

Ankommen ist weniger wichtig, denke ich.

Im Halbdunkel sitze ich zwischen Kondomen und Notizbüchern, eine Topfpflanze steht auf der Kante eines Lattenrosts, - sie steht da nur vorläufig, weil auf dem Schreibtisch, dort wo sie sonst immer steht, kein Platz mehr ist, - daneben: das ungemachte Bett; da liegt das Buch Das Wunder des Theismus von John Leslie Mackie, und ich glaube, es wird noch eine ganze Weile ungelesen bleiben, und dem schräg gegenüber der Playboy, - das ist ein kleiner Ausschnitt dieser Wohnung, und ich werde ihn vergessen.
Draußen ist es dunkel, drinnen vorläufig auch. Ich lerne nicht genug, denke ich. Ich fordere nicht genug von mir selbst, und clicke mich über das Profil eines der Fremden, die in der Ferne arbeiten, leben, - lieben! Zweiundzwanzig, sagt die Haut, sagen die Zahlen auf dem Plastikkärtchen, sagt, -- wer? Die Welt? Niemals. Die Jahre, die vergangen sind, erscheinen mir ewig, unwiederbringlich ewig, und doch bleibt alles zeitlos, ungekannt, namenlos. Verspannung, ich lieg allein im Bett. Memorandum.

Sie löffelt den Kaba aus dem Cappuccinoglas.
Tippt eilig Zeilen in virtuelle Welten.
Spricht ins Mikrophon, und hört hinein, in das Rauschen der Welt.

Nur Geduld.


Natürlich fühlt sich alles gut und richtig an, und ich expandiere, entferne mich von mir selbst, distanziere mich, in dem ich die Vergangenheit bewältige, und so weiter, und so weiter, und in der U-Bahn in Tokio schläft ein junger, gutaussehnder Mann ein, angelehnt an die Fenster im Rücken, - sein Kopf sinkt ein Stückchen tiefer, zur Seite, um danach wieder ein Stückchen hochzukreisen, -kreiseln, immer wieder, und von vorn, und ich bin nicht. Ich sehe sein schwarzes T-Shirt, mit dem Totenkopf-Aufdruck (der Totenkopf trägt eine kleine Schleife), und sehe einen der schönsten Sonnenuntergänge (m/) seines Lebens, sehe den McDonalds, in dem sie lachen und dann folgt ein Ave Maria auf der Autobahn. Ich weiß, dass er Atheist ist, genauso wie ich weiß, dass ich Agnostiker bin, und trotzdem erscheinen mir die Heiligtümer nicht lächerlich, nicht kindisch, auch wenn sie es vielleicht sind. (Ich dulde Gott nicht, Spiritualität schon). Wir gehen aneinander vorbei, ohne uns zu grüßen, fahren in Zügen, fliegen in Flugzeugen, ohne uns zu kennen, und mal ist das wunderschön, wie ein Lächeln, oder ein Wort, das beiläufig zur Seite fällt, - erst recht ein Danke, - und mal ist es schrecklich, enttäuschend, da ist es ein rechter Haken mitten in die Fresse rein, und am besten noch ein Tritt in die Eier, --

Und dann gibt es noch den anderen, den Schatten des Menschen, den ich kannte, vom Sehen, vom Reden, vom Hören kannte, und er flirrt vorbei, - ich frage, wie es ihm geht, und er antwortet, er studiere, und ich verstumme gekonnt gleichgültig. Keine Aufdringlichkeit mehr, keine Obsession, - es ist. Weitergehen. Prozess der Aufarbeitung. Der Rest ist bloße Naivität. Also sitze ich vor dem Messenger, und sehe eine Weile seinen Namen an. Es ist seltsam, wie die Welt geworden ist, denke ich, und überschlage meine Freunde mit pulsierendem Herzen. (Für mich steht die Welt still, wenn ich mit euch spreche).
Also sehe ich stattdessen dieses wunderschöne Mädchen an, - sie hat Augen, für die ich morden würde, Augen, Diamanten! kleine strahlende Scheiben, in denen sich Licht zu Farben bricht, namenlose Farben, nichts, mit dem man spielen kann, - und sie lächelt nicht; sie berührt nur ihren Honigmund mit den Fingern, und streicht sich Haare aus der Stirn, und es gibt keine Erwartungshaltung.

Wir sind Menschen, Menschen sind, - das ist alles.




Morgen brechen wir auf, zurück ins One-Horse Town, Stepford-Ville, und dann am Montag geht es (schätzungsweise) fürs erste nach Berlin. (Es wird eine Zeit kommen, da werde ich diesen Namen nicht mehr schreiben müssen, juhu). Wohnungssuche, Lebenssuche, zieh weiter Nomade, zieh endlich weiter.

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