1984 vs. me feat. Cinemania
Es stimmt vielleicht. Aus Sternenstaub sind wir, zu Sternenstaub werden wir, - es gibt nur die Unausweichlichkeit des eigenen Daseins, einen Mittelpunkt, auf den sich unsere volle Aufmerksamkeit konzentriert: Ich, Ich, Ich. Aber was tut dieses Ich, was für Schäden richtet es an?
Durch Zufall stolpere ich über einen Trailer, und sauge mich daran fest. Parallelen sind deutlich, - das ist mir schon mal passiert, > An Inconvenient Truth, aber irgendwie will die Wirklichkeit nicht passen, die mich da umgibt. Ich höre in den Medien von dem vierten Sachstandsbericht des IPCCs (hier), und sehe dann als nächstes das Lesbenbekenntnis der Anne Will. Auf der Straße sehe ich die Menschen ihren Müll neben den Mülleimer werfen, sehe Zigarettenstummel auf Rasenflächen, sehe, wie Tauben, Krähen, Elstern sich im Dreck verfangen; zwischen all den Windmühlen ragen die Industrieschlote auf, dazwischen die Autobahnen, und tausende Häuser, Supermärkte, Habgier-Attachments. Japan jagt wieder Wale, und ich fische aus meinem Briefkasten ein Schreiben von den Stadtwerken, in dem es heißt: innerhalb der letzten Wochen und Monate sind die Presie an den europäischen Strombörsen, welche maßgeblich für unsere Stormbezugspreise sind, stark angestiegen. Zusätzlich haben sich die Belastungen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz für Strom weiter erhöht. Belastungen? Eigentlich unfassbar, - das alles.
Ich bleibe an diesem Trailer* hängen, - vielleicht, weil die Bilder so plakativ sind, vielleicht, weil es die Wahrheit ist. Ich kann nichts lustiges mehr daran erkennen, an diesen pathetischen Worten, diesen Bildern, an Liebe und Frieden; ich kann nicht mehr geringschätzig sein, kann nicht mehr die Augenbrauen hochziehen. Panikma(s)che? Vielleicht. Aber es sind immer nur die Menschen, die diesen Worten, diesen Bildern, diesen Inhalten die Bedeutung rauben, - die alles aufrauhen und abnutzen, und verbraucht zurücklassen. Wie viele sind der Blindheit der Menschen wegen gestorben? Wie viele Tiere sind ausgerottet worden, wie viele ökologische Systeme nachhaltig gestört und letztlich zerstört, (der Viktoriasee ist da nur eines von unzähligen Beispielen), wie viele Katastrophen sind uns allein in diesem Jahr über die Bildschirme geflimmert, - in den letzten zwei, drei, vier Jahren? All die Tsunamis und Waldbrände, all das Abschmelzen des Eises und das Verlangsamen des Golfstromes, die Ölpest, das Verschwinden von Bienen und Fischen, - wo sind die Zusammenhänge zwischen dem Raubbau der Menschen und ihrem Wohlstand? Welche Bedeutung haben resistente Epidemien im Zusammenhang zu ökologischen Flüchtlingen? [Wir erinnern uns an die Tuberkulose- und HIV-Resistenzen (mit statistischer Ausbreitung)]. Wo bist du, kleines erbärmliches Nichts von Mensch, wo bist du im Angesicht dieser Probleme?
Alles, was ich höre ist: ICH. Es bleibt immer nur ein Ich zurück, an dieser Oberfläche, an diesem multimedialen care-life-Geschwätz, an diesen Events, Life8, und so weiter und so weiter, aber dann stehen die Autos doch im nächsten Stau, und die Skitouristen bejubeln den frühen Wintereinbruch, und in Japan jagen sie Wale. Was hilft das Bloggen im Angesicht des menschlichen Wahnsinns? (Die Burma-Idee ist so heuchlerisch wie jede andere; in der Ersten Welt zieht man sich gerne in die Ideen zurück, in die Ideale, wie die Welt sein sollte, und komm, wir schweigen für einen Tag, dann gedenken wir den Menschen und es geht ihnen sicher bald besser, - fuck, was für eine Logik. Die Probleme sind nur da, weil die Menschen schon in der Vergangenheit geschwiegen haben, anstatt das Maul aufzumachen).
Und ich verstehe nicht, verstehe wirklich nicht, wie man noch normal weitermachen kann. Wie man zur Arbeit gehen kann, in den nächsten Club, um ein bisschen zu feiern, um den Alltag zur Seite zu schieben, wie man tratschen, quatschen, wie man nur so viel reden kann, ohne etwas zu sagen, - tja, und draußen stirbt die Welt. (Was stirbt, ist nicht der Planet, sondern das, was wir gerne an Menschlichkeit noch in uns hätten). Ich kann nicht verstehen, wie man nicht alles stehen und liegen lassen kann, und sagen: Wie konnte es nur so weit kommen? Die Probleme, in denen der Mensch versinkt, sind die Probleme, die er sich selbst geschaffen hat. Wir sind Frankenstein, verdammt, und die Welt ist unser Monster. (Ist es die Konsequenz der Dummheit?)
Ich frage mich, während die Bilder sich allmählich in mein Bewusstsein graben, was die Generation der Zukunft über uns sagen wird. Während wir die Ressourcen dieses Planeten ausgesaugt haben, während das Öl zur Neige ging, während wir die Armen arm und die Reichen reich gehalten haben, während Kriege unseren Zusammenhalt schwächten, - während wir sagen: Das ist doch alles gar nicht so schlimm, so ist der Mensch, da lässt sich nichts ändern; während wir zusehen, wie alles alt und brüchig wird, wie neue Schienen rostig werden, - das Glas der Fenster ist längst trüb, - während wir so fröhlich lachen und klatschen und unserem Leben so viel Bedeutung beimessen, was bricht da aus den Fugen? Werden sie, diese Generationen der Zukunft, auf uns zurücksehen und sagen: Wie konnten sie nur so untätig bleiben, wie konnten sie nur so tun, als hätten sie nichts gewusst, wie konnten sie nur schweigen?
Plakativ, polemisch, wiederholend, - ja, all das. Aber fuck, fehlt den Menschen nicht einfach nur ein fieser Schlag mitten in die Fresse? Brauchen sie nicht dieses unmittelbare Bewusstsein der Auslöschung, allenfalls der Gefahr, um aufzuwachen, - aus ihrem Persilschein-Leben?
Denn letztlich, so ist doch die grausamste aller Wahrheiten, redet man sich nur ein, man wäre nicht Teil des Problems, hätte keine Schuld an dem Geschehen, an dieser Schieflage der ganzen Welt, - dabei geht mit jedem Einkauf, mit jedem Einschalten, mit jedem Wegschauen die Zerstörung weiter, setzt sich der Völkermord der Gleichgültigkeit fort, und der absolute Verlust der Menschlichkeit. Es sind immer die eigenen Hände, an denen das Blut Unschuldiger klebt. Es ist immer der eigene Mangel an Interesse, der die Unwissenheit gebärt, und damit die Dummheit. Nichts bleibt außer die kollektive Schuld, die individuelle Schuld, - eine Schuld, die keine Vergebung finden kann, und keine Absolution.
*The 11th Hour richtet sich natürlich und in erster Instanz an die amerikanische Bevölkerung und an dessen Regierung. Die Tatsache, dass sich Europa so sehr darum bemüht, dieses Umweltdesaster wieder einigermaßen in den Griff zu kriegen (haha, was ja nicht mehr möglich ist), ist natürlich respektabel, - dass allerdings der Hauptteil der Bevölkerung Europas nach wie vor verschwenderisch und ignorant mit Ressourcen umgeht, und kein ökologisches Bewusstsein besitzt, ändert leider nicht sehr viel an den Bemühungen mancher Menschen, darunter auch Politikern. Es beginnt bei jedem selbst, bei jedem Tropfen, bei jedem Fetzen Müll, bei jedem vergessenen oder verwehrten Ratschlag, es besser zu machen.






















