Additional Hours

Es ist 17.15 Uhr. Der Kinosaal Das Kinozimmer ist im Grunde leer, wären da nicht der junge Mann zwei Reihen hinter mir und ich, - und unser kleines zerbrechliches Schweigen, das von seinem Nasehochziehen ab und zu recht geräuschvoll unterbrochen wird, oder von dem reibenden Stoffgeräusch, das entsteht, wenn ich wieder meine Arme und/oder Beine neu zu justieren versuche. (Meist mit dem Resultat, dass ich noch viel mehr verkrampfe, like ever).
The 11th Hour läuft zu beschissenen Uhrzeiten an beschissenen Tagen, nichts mit Kinotag-Lifestyle, nichts mit Happy Hour; stattdessen reißt die Kinotusse mit einem völlig überzogenen angepissten Gesichtsausdruck das Bisschen Papier von der Karte und weist mich mit dem ausgesprochen sinnfreien Ratschlag: Kino 2 (vor dessen Toren ich bereits stehe) beinah schon passiv-aggressiv gerade aus, unfreiwillig komisch dabei. Als hätte ich mich bei drei Schritten völlig verlaufen. Das Kino Lichtspielhaus ist tadellos leer, heute. An einem Dienstag Nachmittag rechnet man ja auch wirklich nicht mit Kundschaft, - schon gar nicht für einen Dokumentarfilm über Umweltzerstörung, und dessen Konsequenz. (etc).

So viel vorab: Mit der Einschätzung, dass The 11th Hour plakativ ist, hatte ich mehr oder minder recht. Schon die ersten eineinhalb Minuten zeigen hastige Zusammenschnitte der menschlichen Geißeln, - Flutkatastophen, Hurrikans, zerstörte und weggeschwemmte Häuser, leidende Menschen, Tiere, - dann folgen zwischengeschnittene Sequenzen von Wissenschaftlern, Umwelt-Aktivisten, und sonstig Engagierten. Bei manchen Szenen bekomme ich Gänsehaut, bei manchen Sätzen auch, - seien es nun die Sätze von Stephen Hawkins, oder einem Indianer (dessen eigentliche Tätigkeit oder Identität mir idiotischerweise völlig entfallen ist, - hauptsächlich hat sich sein Indianer-Sein eingebrannt, - und ja, meine Dummheit ist fast schon körperlich spürbar), oder von anderen Menschen, der Friedensnobelpreisträgern Wangari Muta Maathai beispielsweise (sie bekam den Friedensnobelpreis im Jahr 2004), fuck, - selbst von den pathetischen Sätzen eines Leonardo DiCaprios bekomme ich dieses flüchtige Gefühl von Gänsehaut.
Dabei sind es weniger die Fakten, die zusammengetragen werden, - die sind mir zum größten Teil längst bekannt, wenn auch nicht in dieser Darstellungsform, - oder der eigentliche Ton, der angestimmt wird, - verzweifelt, aber irgendwie auch von einem Optimismus geprägt, den man mit Worten gar nicht rational beschreiben kann, - die Gänsehaut machen, es ist mehr das Ganze, das Gefüge. Es ist poetisch, ohne es sein zu wollen. Sowohl in Hässlichkeit als auch in seiner Schönheit.

Ich dachte bisher immer, jeder rationale Mensch müsste die Zusammenhänge verstehen, - die Zusammenhänge zwischen der Verschmutzung der Meere, der Erde, der Luft, und den Auswirkungen und der Balance, von dem Eingreifen der Menschen in ökologische Systeme, etc., - aber als ich es jetzt selbst so sehe, so geballt, so zusammengeschnitten, musikalisch begleitet, mit dem Opus des Todes im Nacken, da habe ich (wieder) begriffen, nichts verstanden zu haben. Oder zumindest nicht vollständig. Es ist ein Stehen am Abgrund; du sitzt vor der Leinwand und es rauscht alles durch dich hindurch, all diese Katastrophen in dieser Dringlichkeit, in dieser allumfassenden Zerstörungswut, - und was ist ein Mensch? Was ist ein Ich? Es ist nur eine Wiederholung dessen, was ich schon damals in der Grundschule gelernt habe, Kreisläufe vom Entstehen und Verfallen des Lebens, und es ist eine Lektion in Demut (der Indianer erfasst es zum Schluss ganz richtig: Dieser Planet hat Zeit, sich zu regenerieren; die Erde hat Zeit die Zerstörung zu überdauern, all die Erosionen, all das Gift, das wir in ihre Venen pumpen, in ihre Gewässer, in ihre Luft, - all die abgeholzten Wäldern werden verschwunden bleiben, aber nach den Wüsten, nach der Dürre, nach dem Ende dieses Lebens wird sie wieder neues Leben bringen, - das Leben auf diesem Planeten lässt sich nicht auslöschen, nicht einfach so, nicht durch eine Hybris, die sie selbst geschaffen hat, - aber der Mensch? Der Mensch hat keine Zeit).

The 11th Hour zeigt mit einer überschnappenden Deutlichkeit die Unverzeihlichkeit des menschlichen Handelns, - und dessen Endgültigkeit. Die Geister, die wir riefen, bekommen wir nämlich jetzt nicht mehr los. (Oder zumindest nicht zum größten Teil). Das, was wir heute Klimawandel nennen, ist mehr als nur eine Worthülse, mehr als die Panikmasche kapitalistischer Großkonzerne, als der Hinweis von weltfremden Interessensverbänden, von Randgruppen (Ökoparasiten, Post-Hippietum), - der Klimawandel wird nicht abgehakt, in dem man sich auf einen sommerlichen Frühling bei 35° Celsius freut, in dem Überschwemmungen mit Spendenmarathons aus der Welt geschafft werden; der Klimawandel ist etwas Unausweichliches, von Menschenhand Beschleunigtes, etwas, das eine lange Kette von Problemen mit sich führt, - Umweltflüchtlinge sind da nur die Spitze des Eisbergs. (Eines Eisbergs, der wegschmilzt).
Was folgt ist das Beharren der Menschen, die Hoffnung nicht zu sehen, - die Möglichkeiten; was folgt ist das Schweigen, gereicht in bunten Tüten. (Auch dieses Jahr werden wieder Menschen Geschenken nachjagen, um etwas zu füllen, was sie nicht haben). Es will niemandem so richtig einleuchten, dass die Beschädigung der Ökosphäre nicht nur eine Beschädigung des Lebens an sich ist, sondern auch eine Beschädigung des Menschen selbst. Das vergiftete Wasser, das Staaten ins Meer pumpen, liegt als Fisch auf unseren Tellern; das Methan aus der Tierzucht löscht die Nahrung aus, die diese Tiere nähren sollte; wir essen ihre Krankheiten, nehmen Verfall und Tod mit Messer und Gabel in uns auf, - aber erkläre das! Steh auf der Straße und erklär es den Menschen, - was werden sie tun? Allenfalls abwinken, allenfalls vorübergehen, allenfalls vergessen. Ist es denn tatsächlich so verklärt zu sagen, dass alles eins ist, - alles Moleküle, Atome, kurzum: Stoffe, die sich vermischen, die sich schon immer vermischt haben, und die sich negieren, wenn sie nicht miteinander harmonieren, wenn die Balance gestört ist.

The 11th Hour entwirft ein Bild einer Zukunft, in der uns die nachkommenden Generationen nicht anschreien, weil wir ihre Gegenwart eben nicht verseucht, weil wir aus unseren Fehlern gelernt haben; es entwirft eine Utopie, für die ich sterben würde, um sie zu erreichen, eine Ordnung, eine Bedeutung für das menschliche Leben, einen Sinn. Es entwirft ein romantisches Bild von Frieden und Harmonie, und es zeigt letztlich auch Menschen, die sich heute, hier, die sich genau in diesem Augenblick dafür einsetzen, - egal auf welchen Wegen. Denn es stimmt: Jeder Mensch hat Fähigkeiten, und sie gilt es zu nutzen. Es gibt genügend Organisationen, genügend Ideen. Investigative Journalisten (die heute ja irgendwie recht selten Arbeiten finden) sind genauso wichtig, ja, entscheidend wie Wissenschaftler, Arichtekten, Ärzte, Menschenrechtler, Musiker, Tierschützer, Ingenieure, Lehrer, Künstler; es gibt kein Talent, dass in einer möglichen Zukunft nicht von Bedeutung wäre.
Nur man darf sich nichts vormachen: auf den Schultern der Menschen lastet heutzutage eine unaufwiegbare Last, eine unaussprechliche Bürde; wir tragen nicht nur die Schuld an unserem Tun, wir tragen auch die Schuld der Menschen, die vor uns lebten. Wir tragen einen Mechanismus in uns, einen Irrglauben, eine Depression, - eine völlig verschrobene Perspektive, - die uns denken lässt, wir seien in der Endgültigkeit gefangen, in der Unveränderlichkeit, in dem kleinen bescheidenen Leben. Kinotussen, die angepisst sind, weil man der einzige Kunde ist; Busfahrer, die einen ankeifen, weil man das Ticket nicht gelöst hat; alltägliche Menschen, die so blind sind und es nicht wissen; Politiker, die die Dringlichkeit nicht verstehen, kurzum: Menschen, die von sich behaupten, das Leben zu verstehen, die Grundsätze und Ziele setzen (und gesetzt haben), die in Wirklichkeit bedeutungslos sind. Es geht um Perspektiven, Denkansätze, Brainstorming. Es beginnt im Kleinen, immer noch beginnt alles im Kleinen, auch wenn es pathetisch klingt. (Ich stehe nach wie vor zu dem Pathos, denn er hält mich lebendig, und zeigt mir ab und zu seltene Momente des Glücks, die mehr wiegen als alles Leid).

Die Kette der Informationen scheint endlos, aber das ist sie nicht; sie beginnt immer bei einem selbst.



[Jeder leistet seinen Beitrag zur Verbesserung, oder zur Zerstörung, - daran glaube ich].



Erste Schritte:
> 11th hour action
> 11th hour page *
> greenpeace
> ipcc page


*Den Tipp bezüglich der Schulvorstellungen an Schulen weitergeben; vielleicht an engagierte Ex- oder Immernoch-Lehrer. Film ansehen, Meinung bilden, weiterempfehlen, darüber reden, - selbst dann, wenn man ihm kritisch gegenüber steht.

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