Zombies für 39,95

Was bleibt von den Menschen übrig, wenn man ihnen alles gibt?

(Es ist nicht der Verlust, über den ich nachdenke, - es ist der Überfluss).


Teil 1.
Also sitze ich mit Unverstand und ihrem Freund, H., auf dem Marilyn-Manson-Konzert in Böblingen, und sauge mich an den Menschen fest, die sich eine Etage tiefer durch die Eingänge quetschen, in Richtung Bühne. (Wir sitzen dekadent ein Stückchen oberhalb und trinken Wein aus Plastikbechern). Es sind vergessene Menschen, dort unten in der Tiefe; Menschen in knöchellangen, abgewetzten Ledermänteln, in Latexganzkörperanzügen; junge Männer in Hot Pants und Netzstrümpfen, Rockabillys mit weißen Matrosenmützchen, geschminkte Männer, halbnackte Männer, und Frauen, - so viele Frauen in zu engen Shirts, in zu engen Röcken, schlecht frisiert, mit verrutschtem Lippenstift; sie drängeln sich aneinander vorbei, und betasten sich mit ihren Maskarablicken, mit ihren strähnigen Haaren, mit ihren schwarzen Spitzenhandschuhen. Alte arschlose Männer in ausgewaschenen Jeans torkeln von einem Punkt zum andren, und lassen ihre zerknautschen, vom Alkohol verbrauchten Frauen in den oberen Rängen eingeklemmt zurück; eingeklemmt zwischen Emohipsters in geringelten Pullovern, - mit stilechten Seitenscheiteln, - und Ritzmichaugenaufschlägen, zwischen postpubertierenden Mädchen mit aufgeschnallten Engelflügelchen, deren Riemen sich ins Rückenfett schneiden, zwischen Undercutsfrisuren, farblich im Neonröhrenlachen erstickt, zwischen epileptischen Grobmotorikern, die den Takt nicht treffen, zwischen überblondierten Schlampen, die von einer Zigarette zur anderen atmen und sich das Maul über die Dicken zerreißen, die sich in halbseidene Kleider geworfen haben, etc.

Der Saal ist voller ausgeblichener Augen, und verspiegelter Blicke; überall sind rote Nasen, die eifrig zerkratzt werden, überall: schwarz ausgefranste Lippen, in denen sich der Alkohol verliert; Stiefel in allen Größen und Formen und Farben; Röcke und Röhrenkleider, durchsichtig, und den tätowierten Rücken preisgebend, oder die Oberarme, oder die Schenkel, - es ist ganz egal. Es gibt hier keinen Dresscode, es gibt nur Schwarz als Wechselschicksal für diejenigen, die sich in unzähligen Reihen an die eisernen Barrikaden drücken, für diejenigen, die später das Dampfdruckkonfettifeuerwerk in die Haare kriegen, für diejenigen, die ihre halbgefüllten Plastikbecher an die Rücken derer werfen, die ihnen die Sicht versperren, für diejenigen, die sich im Laufe des Konzerts von ihren T-Shirts häuten werden, um mit nacktem Oberkörper den Schweiß des Anderen zu riechen. Es gibt niemanden, außer die beautiful people, die dicht an dicht gedrängt, Universen zwischen sich schieben.

Ich beobachte die Menschen ganz genau, während wir warten. (Und wir warten an diesem Abend tatsächlich Stunden, - als wäre die Tatsache, dass wir direkt am Eingang die Kamera abgeben mussten, nicht schon schlimm genug). Und das ewige Warten wird mit Turbonegro zur Ewigkeit; der stark übergewichtige Mann macht auf der Bühne viel zu lange den Hampelmann, - schwabbelnd, schwuchtelig, überdreht deutsche Satzfragmente in das Publikum werfend, in dem nur jeder neunte klatscht. (YMCA singen diese Village People nicht mehr; sie bestehen heute nur noch aus Matrosen). Öde, - nur die Dame mit dem ausgewaschenen roten Haar, und der überladenen Jeansjacke, auf die sie ihre Lieblingszitate geschmiert hat, - sowohl stilistisch, als auch grammatikalisch falsch, - mag noch amüsieren: sie kreischt bei jeder Pause so laut, dass mir die Ohropax aus dem Gehörgang fliegen; ihre Versuche, im Takt zu klatschen sind eine Ode an die Deutschen selbst. Aber irgendwann ist auch das vorbei.
Es folgen Hohlstunden, die man mit The Prodigy und Kayne West zu überbrücken versucht, und derweil heizt sich das Publikum noch weiter auf. Wir, Unverstand, H. und ich, sitzen gelassen in unseren Sperrsitzen und trinken weiter Wein, lachen, grummeln, ziehen über die Tussen her, die sich gegenseitig schminken und es damit nicht unbedingt besser machen, und ich frage mich, ob ich das alles unverschämt finden soll. (Die Kamera, die Vorband, die Wartezeiten). Aber ich verfalle in Ohropaxfummeleien. (Auch wenn das letztlich gar nichts hilft; ich bemerke nicht mal mehr, wann ich sie verliere).

Zombies

Dann: Hände hoch! Blitzlichtgewitter! Wie ein Reaktorkern detonieren die Lichter. Vorhang auf für Manson. Und die hell bestrahlten Gesichter, Körper, Leben, die sich gegenseitig auf die Zehen treten, erstarren im Kreischen der Gitarren, vergessen sich, verschwinden. Übrig bleibt Manson, oversexed like ever.
Er bringt ein Lied nach dem anderen, wild und bunt gemixte Evergreens, von jedem seiner Alben mindestens eines (meist meine Lieblingslieder), und tauscht minimalistisch, aber exponentiell das Equipment: zuerst hat er nur sein Messer-Mikrophon, dann seinen Hut, später steht ein großer Stuhl auf der Bühne, auf dem er sich räkelt, und dann ändert sich alles mit einem (Pauken)Schlag: während dem Fight-Song rütteln Zeugenberichte von Amokläufen über den Beamer, dann verpufft Dampf zu hellem Licht, (überhaupt: die Lichtinstallationen in grün und violett, blau und rot lassen keinen Raum mehr für Gedanken); bei Reflecting God steigt Manson unter Getöse in die Höhe, mit Konfetti, Blitzlichteffekten, - und er lässt sich feiern; samt seinen Blitzfahnen, die sich an den Bühnenwänden herabrollen und er selbst, als großer Diktator, zerschmettert seine Mikrophone, und verbrennt die Bibel, die ein fleißiger Bühnenmitarbeiter in das Bühnendunkel rettet, - er bringt sein volles Programm. (Er weiß sich zu inszenieren). Und die Menge johlt, brüllt, - nur versteht sie auch?

Dann endet alles wie ein böser Traum; das Licht geht an, die Bühne wird abgebaut, noch während sich die Leute nach draußen drängen, und man schaut sich aus rotgeränderten Augen irritiert an. War's das schon?

Ja, das war's.
Rock n Roll für 39,95.
Ein Superstar, der seine Lieder an die Massen verschachert, die nicht über sie reflektieren. (So kreischen sie bei der Textzeile: the death of one is a tradegy, the death of millions is just a statistic laut mit, aber ihr Kopf, - arbeitet der mit?) Selig sind all jene, die in ihren Lederlatexkostümen in die Halle stolperten und sie befriedigt wieder verlassen, weil sie für ihr Geld entlohnt worden sind; jene, die sich zu Hause abschminken und davon schwärmen, dass sich Manson während dem Konzert an den Sack gegriffen hat; jene, die sich ihre Stricher- und Nuttenoutfits wieder in den Schrank hängen und dann das nächste Album kaufen. Weiter: Alltag. Weiter: Normalität. Zombie-Authentizität, Zombie-Leben, - sie würden auch heute auf Hitler reinfallen. Selig ist das Morgen nach dem Heute. Inhalte? Sind eine nette Showeinlage.
All die beautiful people strömen hinaus ins Dunkel, als das Konzert endet, strömen hinaus und tiefer ins Vergessen. Übrig bleibt der Tinnitus.






Manson war toll; ich mochte die Show, und seine Liedauswahl. Nur die Leute waren mir mehr als suspekt.

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