the shadow of the day
Du kommst heim, wenn es regnet. Du gehst rückwärts an mir vorbei sobald ich am Fenster sitze, und bleibst schließlich an der Türe stehen. Dann verschwindest du im Morgengrauen.
Ich komme nicht von dir los, flüstere ich dir in die Ohren, während mein Mund den deinen sucht. Ich komme nicht weg von dir. Und meine Hände greifen in den Irrgarten deiner Haare, verhaken sich in den Dornenranken deiner Gedanken, und alles ziept und zwickt in meinem Inneren, während ich versuche, mich daraus zu lösen. Es ist, als wäre mein Herz in diesem gläsernen Schaukasten gefangen, den du im Vorübergehen aufgestellt hast, - wie um zu sagen: Seht euch das an. Es ist nicht mehr als ein Muskel. Das kann nichts empfinden. Und Menschen gehen daran vorbei, sehen nur flüchtig hin, gehen weiter, zum nächsten Ausstellungsstück dieses Lebens, und vergessen die Herzensbrecher dieser Welt.
Ich komme nicht von dir los. Dabei bist das schon lange nicht mehr du. Du-Sein. Das ist ein schöner Körper mit schönen Proportionen, aber ohne Seele. Das sind die schwarzen Dunkelkammern deiner Augen, dein Medusenkopf unbelebter Schönheit, und das Schweigen deiner Lippen. Dabei rauhe ich doch meine Worte an dir auf: Ich gebe dir ein Fragezeichen mit auf den Weg, das du zum Leerzeichen machst; ich frage, welche Musik du gerne hören würdest, und du bleibst taub. Dein steinernes Gesicht bleibt unsichtbar hinter meinen Fragen zurück, es gibt keine Antworten mehr, die aus deinem Mund entkommen könnten. Es gibt kein Innehalten mehr und kein bewusster Blick, in dem ich aufgehen könnte, in dem ich aus dem Inneren ins Freie brechen könnte, es ist alles anonym, alles ungeliebt und verbrauchbar, - also warte ich, verfange mich aufs Neue in deinen Händen, Beinen, in dem klopfenden Herzteil, der Kopfnote deiner ewigen Jugend.
Wir werden nicht besser, - egal wie oft wir uns berühren. [Ich fühle dich nicht].
Später reden wir dann wieder aneinander vorbei, horchen ins Telephon, als ob der andere noch was zu sagen hätte, und schweigen dann aus Langeweile beide. Es ist fast schon komisch, wie kindisch wir uns verhalten; kindisch, wenn man es aus der Ferne betrachtet. Ich möchte, dass Gläser fliegen und dass das beste Porzellan zerbricht; ich hätte gerne einen Sturm in diesen Vierwänden, in diesem immergleichen Spielraum unseres Verstandes, dem allmählich der Sauerstoff ausgeht; ich möchte dich packen und an den Schultern schüttelnd fragen, weshalb du dich so dumm verhälst, - warum du mir ausweichst, wenn wir nicht ausweichen können, weshalb du einsilbig wirst, wenn es so viel zu sagen gäbe, warum du überhaupt noch da bist und nicht endlich verschwindest ...
Nein. Ich komme tatsächlich nicht von dir los. Aber die Zeit kommt. Ich werde gehen, und dann ist alles auf einmal vorbei. Dann wird dein Autoschlüssel nicht mehr wie ein Anker auf meiner Kommode aufschlagen, dann wird dein Schaukasten während dem Umzug zerbrechen, dann werde ich frei sein. Frei von dir und mir, von dieser Vorstellung, die nicht mit der Realität kompatibel ist, - dann wird alles aufhören. Das Essen in klaustrophischen Kammern, das Denken in engstirnigen Klammern, dieses Gefühl, dass alles irgendwie falsch ist. Dann muss ich deinen Namen nicht mehr anstarren, muss nicht mehr die letzten Sätze durchlesen, die in meinem Handy wie Splittergranaten detoniert sind, muss deine Bilder nicht mehr sehen, die mich so plötzlich angefallen und nicht mehr losgelassen haben.
Was bleiben wird ist der zerbrochene Traum.
Die Narbe, die mich immer fragen wird, was nicht alles möglich gewesen wäre.
Der letzte Grund, Sansibar zu verlassen, um nicht an der Ferne zu erkranken.
Du bekommst noch eine Szene von mir.
Noch eine letzte. Eine Erinnerung. (the eternal sunshine).
Dann werde ich aufhören, an dich zu schreiben.






















