defying gravity

Ich schließe die Augen, ein letztes Mal. Ich will der Schwerkraft trotzen, sag ich, und fahr mir durchs Haar. (Ich spüre Strähne für Strähne zwischen meinen Fingern). Und tatsächlich: plötzlich ist alles so leicht; ich spüre die gelbe Ziegelsteinstraße nicht mehr unter meinen Füßen, spüre keine Erde mehr, kein Blei, das mich niederdrückt. Ich schaue auf, und atme Ostwind. Freiheit. [Du warst meine Schwerkraft].
Ich will nicht länger unglücklich sein, sag ich und die Smaragdstadt deiner Augen verglüht unter dem Zerspringen der bunten Funken am Himmel, unter dem Regen der tausend Diamanten, die über den Dächern dieser Stadt verblassen, und ich mache einen Schritt, schwebe einen Meter weiter, weg von dir. Wünsch dir was? Gut. Dann will ich nicht mehr gefangen sein.

Ich sehe dich an, - vielleicht zum ersten Mal mit meinen eigenen Augen, verdammt, und vielleicht schreckst du tatsächlich ein bisschen zurück. Es ist vorbei, sag ich, und ich fühle mich so melodramatisch dabei. Vielleicht ist es das Feuerwerk. Vielleicht die Musik, die schräg über uns aus einem der Reihenhäuser bricht. Vielleicht, weil alles auf einmal fühlbar wird: die erste Begegnung zwischen zwei Türen, das Absitzen in Wartehallen, das Graben deiner Worte in diesem brüchigen Minenschacht, aus dem mein Ich bestanden hat, und dann die schmeichelnden Berührungen deiner Ölkannenfinger auf meinem Blechmannkörper, der erste Kuss, der das Stroh meines Verstandes in Brand steckte; meine Lippen, die immer wieder deine suchten, die weißen Vorhänge, die im Wind sachte tanzten, deine bronzene Haut, und der Duft deines braunen Haars. Und das alles schmilzt zusammen, wird weggewischt von der giftigen Träne, die aus den Trümmern der Smaragdstadt sickert, - aber das funktioniert nicht mehr.
Es gibt keine Entschuldigung, die alles wettmachen könnte, was da schief gelaufen ist, verstehste? Es hat sich alles geändert, - was da um uns rum gefeiert wird, ist nicht das Ende des alten Jahres, sondern der Anfang eines neuen. Doch du verstehst nicht, greifst durch Sand und Nebel nach meinem Handgelenk, aber ich gehe drei Schritte weiter. Ich bin den Regeln dieses Ratespiels überdrüssig, und dem Schlafen zwischen leeren Kissen, dem Warten vor deinem Namen.

Was ist die Vergangenheit schon wert, wenn sie aus Lügen besteht?

Wir sind keine Figuren aus einem Märchen, sind keine Protagonisten eines Romans; es gibt kein happily ever after, das wissen wir genau, aber es gibt Glück. Es gibt Erinnerungen, die etwas wert sind, und es gibt dich und mich. [Es hätte nie so sein dürfen]. Du hast mich gefressen, hast mich übernommen, besessen, infiziert, hast mich vollkommen zum Schatten gemacht, der hinter dir strahlenden Sonne verborgen blieb, und, --

Ich hoffe, du bist jetzt glücklich, sagst du, und ziehst deine Jacke enger am Kragen zusammen. Ich hoffe, es hat sich gelohnt, mich hier her zu bestellen, um mir das zu sagen. Du lächelst grausam dein Modellächeln, - es sagt: Du schaffst es nie, von mir loszukommen. Aber du hast Unrecht.
Da ist dieses zerrissene, zusammengeklebte, zerknüllte, entfaltete, erneut zerrissene und zusammengeklebte Herz, und ja, vielleicht ist es nicht mehr neu, aber es ist jetzt unverletzt. [Wunden heilen in der Regel. Nur du heilst nicht, - du bist die schlimmste aller Wunden].
Ja, ich bin jetzt glücklich, atme ich in die Welt hinaus. Denn für diese eine Sekunde, da spüre ich, was Liebe ist (oder sein könnte). Es ist kein artikulierbares Gefühl, nichts mit Worten Erklärbares, - es ist wie Starkstrom, der mich durchfährt, wie ein Stoß in die Lungen, der allen Sauerstoff hinauspumpt; es ist, als sterbe ein ganzes Universum, - schrecklich und lähmend, - aber irgendwas, ein letzter Funken vielleicht, der am Rande der Wahrnehmung flackert, ein letztes Glühen, das im Ostwind aufleuchtet, wird hell und immer heller, beginnt zu strahlen, zu wirblen, und wächst und wächst, - und detoniert dann schließlich mit einem ohrenbetäubenden Brüllen zu neuen Universen. Und der Mund schnappt nach neuer Luft, der Körper entlädt sich in grellen Blitzen, und die Liebe ist alles. Mehr denn je. Es gibt kein Zurück, es gibt keine Reue, kein Bedauern.

Zusammen waren wir unbegrenzt, waren unendlich, expandierten als Nichts und Alles in die Unsterblichkeit, aber dieses Heute ist nicht mehr. Heute ist Vergangenheit.

Was ist die Unendlichkeit wert, wenn sich die zwei Parallelen doch nie berühren?

Ich sehe die perfekte Fassade deines Gesichts im Licht der Straßenlaterne leuchten, und im Hintergrund torkeln substanzlose Schatten gröhlend von einem Hauseingang zum nächsten. Du steckst deine beiden Hände in die Jackentaschen und bauscht sie damit auf. Du sabotierst dich doch nur selbst, sagst du, und bist furchtbar kindisch dabei.
Immer warst du es, warst Essenz jedes Gedankens, jedes Wartens, jedes Aufstehens, - um nicht verletzt zu werden, habe ich einen viel zu hohen Preis gezahlt, habe mich aufgegeben, für dich, habe dir alles gegeben und habe damit aufgehört zu existieren, bin verblasst und ertrunken, und ich habe gezweifelt, - so viel gezweifelt. An jedem meiner Worte, an jeder meiner Bewegungen, an dem Spiegelbild, das mir in meinen Träumen ständig zerbrach, an mir selbst und diesem unendlichen Inneren, dem ich Grenzen auferlegt habe, um dich nicht zu verlieren, an diesem Himmel, in den ich gefallen bin, um auf einer Wolke zu leben, an meinen suchenden Augen, die in der Hoffnung um dich kreisten, dadurch etwas zu finden, das mir gehören könnte, - aber das war naiv. Es gibt keine Besitzurkunde, es gibt keinen Kredit, und keine Hypothek. [Es gab nur mich].

Ich komme zu dir, während du stehen bleibst und mich anstarrst. Ich bin jetzt glücklich, ja, sag ich nochmal. Ich bin befreit. Von dir. Von deinem Zauberland, - dem tödlichen Mohnfeld, das mich in traumlosen Schlaf fallen ließ, und der Porzellanstadt, in der ich ständig mit unbewussten Bewegungen etwas zerstörte, den Wüsten und Meeren, die beide gleich endlich waren in ihrer Unbegrenztheit, von diesen bösen Hexen, die in dir schliefen, und dem großen und schrecklichen Schwindler, der dir Tag für Tag neue Masken auf dein wunderschönes Gesicht setzte; ich war derjenige, der Verstand in dir zu sehen glaubte, - und nur Gedankenlosigkeit entdeckte; war derjenige, der mit dir zwei Herzen spüren wollte, die ein absolutes Leben versprachen, - und nur das eigene fand; ich war derjenige, der in dir verzweifelt ein Zuhause finden wollte, in dir und dem ewig Unbekannten deiner Stimme, deiner Hände, deiner Lippen, - und doch nur Fernweh spürte. Ich hatte zu lange Angst, und erst jetzt kommt der Mut, mein Schatz. Das hab ich erst jetzt verstanden.

Ich hoffe, am Ende bist du irgendwann glücklich, sag ich, und sehe eine letzte Rakete zu grünen Funken zerplatzen, - das Licht rieselt still in der Ferne zu Boden, und ich spüre alles. Die Winde umtosen diesen Hügel, auf dem wir stehen, und dann verschwindet die Laterne knisternd über dir im Dunkel, und mit ihr die ganze Straße. (Der Stromausfall ist wie ein Omen). Vielleicht habe ich dich geliebt. Vielleicht werde ich dich immer ein bisschen lieben.


but that's the end of the yellow brick road.
the other end of this rainbow.
that's the end of Oz.



Es gibt keinen Abschiedskuss, keine letzte Berührung. Zusammen gehen wir durch die dunklen Straßen; zwei Menschen, geschlossene Systeme, Moleküle. Es ist kalt, es ist finster. Keine Versprechen mehr, keine Stimmen mehr. Wir haben uns dafür entschieden, zu schweigen. So gehen wir minutenlang, in Richtung Helligkeit, in Richtung Stadtkern. An irgendeiner Kreuzung bleiben wir dann schließlich stehen, und ich sehe dich an, ein letztes Mal. Dein Gesicht leuchtet in der Neonreklame einer Bar, deine Augen sind weit und offen, und glänzen matt. Du siehst so aus, als wolltest du noch etwas sagen, und ich muss tatsächlich lächeln. (Kein schiefes Grinsen wie sonst). Es war doch ein stückweit schön so, wie es war, oder nicht? Fragst du. Ich nicke, überlege, ob ich noch etwas sagen soll, aber es ist alles gesagt, und gehe von dir weg.

Ich habe Herz und Verstand, und Mut wieder zusammen, - jetzt suche ich mein eigenes Kansas. Und das liegt nicht in dir.








Meine Wohnung ist leer. Ich bin fort.
Wenn du mich je irgendwann suchst, dann schau in Richtung Osten.

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