Umzugsattacke. Interlude.

Ich hab keine Ahnung, wie es sein wird, wie es werden soll. Ich habe keine Vorstellung von der Zukunft, von dem Morgen, und Übermorgen und der nächsten Woche, - ich bin viel zu oft wie eines dieser Insekten, das von einem Punkt zum anderen krabbelt, ohne zu wissen, dass diese Punkte manchmal ein- und derselbe sind. Die Zukunft ist auch nur eine Annahme. Was hilft es mir, darüber nachzudenken? Zukunftsangst ist mir fremd; ich schätze, sie wird erst im Alter kommen, - wahrscheinlich dann, wenn es für die sogenannte Vorsorge längst zu spät ist, und mir die Zähne aus dem Mund rutschen. (Wuah!) Damit kann ich jetzt sehr wohl leben; ich habe ohnehin nicht vor, alt zu werden. Zumindest nicht so alt.
Ich habe da eine gewisse Vorlage, wie es im Idealfall laufen könnte. In Berlin, mein ich. Das Chaosmädchen und ich wohnen in einer schönen Wohnung, Cliché-Altbau in irgendeinem schönen Viertel, - meinetwegen auch in Friedrichshain (obwohl ich Wedding bspw. immer noch mag, oder Charlottenburg), - mit zentraler Anbindung, und mit 1. anonymen, gleichgültigen Menschen nebenan, die nicht bemerken, wenn du seit Wochen tot in der Badewanne liegst oder 2. coolen Leuten, die Teil der Wohngemeinschaft, - des Lebens!, - werden. (Ich nehme zur Not auch beides).

Das Chaosmädchen studiert ab dem Sommersemester 2008 Biologie an der FU, wohingegen ich meine Wartezeit überbrücke, um ab Oktober (2008) Kommunikationswissenschaften und Publizistik als Hauptfach, und Italienisch als Nebenfach zu studieren, ebenfalls an der FU, versteht sich. (Es wäre zumindest sehr schön, wenn es mit dem Hauptfach klappen würde; falls nicht, suche ich mir ein anderes Hauptfach mit dem Schwerpunkt: Sprache). Egal wie es im Oktober wird, ich nehme mir am Anfang einen Monat lang eine luxeriöse Auszeit, - die hatte ich bisher noch nie, - und lerne die Stadt an manchen Stellen hassen, und an anderen abgöttisch lieben; schreibe endlich LRT fertig, und kümmere mich überhaupt intensiver ums Schreiben, Kreativ-Sein, - ich habe so viele Kunstprojekte in meinen Schubladen, die aus mangelnden Intentionen unberührt blieben, - bemühe mich mehr ums Photographieren (Memo: ich muss mich schlau machen, in welcher Ausgabe die zwei Photos erscheinen werden), und so weiter und so weiter; ich will auf jeden Fall weniger Gekünsteltes, und mehr Kunst.
[Außerdem bemühe ich mich um ein paar Praktika bei Zeitungen, oder versuche anderswo ein bisschen mehr Erfahrung zu sammeln, - ich spiele auch mit dem Gedanken einer Ausbildung als Photograph, - ich hab ja immer noch ein paar Angebote in der Tasche, die darauf warten, dass ich sie endlich annehme, usw.]

Das Schreiben ist meine einzige Option. Alles Kreative. Spontane. Gesellschaftsfeindliche. (Nicht, weil es das ist, sondern weil es den einzigen Fluchtweg aus diesem Irrsinn darstellt, - zumindest für mich). Geldsorgen habe ich genügend, aber ich kann verzichten. Ich kann reduzieren. Spartanisch sein. Und vielleicht brauche ich das auch, um endlich mehr Fokus zu bekommen. Ich weiß es nicht, und ich schätze, es ist auch ganz egal. (Ich übe mich auch in Pragmatismus).

Ich kann diese Zukunft nicht wie alles andere in etwas einplanen. Ich weiß nicht, wie es ist, in dieser Stadt auf Dauer zu leben, die mich seit Jahren wie ein Fiebertraum schüttelt, weiß nicht, auf welche Menschen ich treffen werde, die dieses ganze Konstrukt der Ichheit eventuell (wieder) in die Luft sprengen, weiß nichts von den Kleinigkeiten, den Katastrophen, den Stunden. Ich kann mir jetzt alles ausmalen, kann mir vieles vornehmen, aber letztlich ... ach, letztlich kommt doch ohnehin wieder alles anders als gedacht. (Erwartungshaltungen sind was für Idioten).
Das ist keine Flucht für mich, - es ist ein Ausbruch. Ein Ausbruch aus der alten, müden, bekannten Welt, aus diesem Kollektiv der Verschwiegenheit, der Begrenztheit, die mir diese Fachwerkhäuser bei jedem Schritt vor Augen führen, die Brückengeländer, die tausende Hände weichgerieben haben, die alten grauen Frauen, die auf den Straßen tuschelnd ihre alten grauen Augen aufreißen sobald etwas passiert, die Männer, die ihre Vergangenheit vergessen; ich bin der Paranoia des Provinziellen überdrüssig, den Illusionen Hobbingens: ein Volk, das in kleinen Hütten haust, und nichts kennt, keine Lebendigkeit, keine Perspektiven, - nur sich selbst und die Alltäglichkeit des Morgen, Übermorgen, und nächster Woche. Ich bin die Felder und Wiesen leid, die Wälder mit ihren immergrünen Spitzen, mit ihren blätterlosen Zweigen; ich kann die Weinberge nicht mehr sehen, kann den Dialekt nicht mehr ertragen. Ja, vielleicht ist das das Zuhause meiner Eltern, vielleicht ist das ihre Heimat, - aber nicht meine. Ich brauche eine Stadt, eine echte Stadt, und sei sie noch so grausam und teilnahmslos; ich brauche die Anonymität, brauche die Möglichkeiten, die Gefahr meinetwegen; ich nehme den Gestank des Sommers genauso in Kauf, wie das Grau der Fassaden im Winter, - es gibt einfach keinen größeren Schrecken, kein größeres Unglück als das, was in mir ist, was ich mir ausdenken, was ich befürchten könnte. (Die Angst ist immer nur in einem selbst). Mehr hat die Anderen nicht zu interessieren.


Es gibt dieses Recht auf Entscheidung, - es ist kein Privileg, oder zumindest sollte es keines sein. Es ist die einzige Möglichkeit zu leben. Also verdammt noch mal: hier bin ich.

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