happy haunted hours
Mein Leben zeigt eine leerer werdende Wohnung: Kisten, aufeinandergestapelt, die meisten geschlossen. Auf einem weißen Couchtisch liegt eine orange Decke, darauf ein Bettlaken; zwischen zwei weißen Kommoden (mit jeweils drei Schubladen) versperrt ein abmontiertes CD-Regal den Weg, - quer dazu ringeln sich namenlose Kabel. Überall stehen Bücher, teilweise mit Lesezeichen; Romane, Nachschlagewerke, Bildbände, Notizbücher, - mindestens sieben; völlig zerlesen, und verbraucht; die Seiten sind eng mit schwarzen Buchstaben beschrieben, - und die Bibel. Auf dem Boden liegt ein Spiegel, darauf: ein in Glas gefasstes Bild des Eiffelturms, ein Stencil einer rauchenden Frau in rot und schwarz (am Rand steht: Coffee?), und ein Bild eines gemalten morbiden Bären, auf rotem Grund, mit einem Glas in der Klaue (darunter steht: Danger ... is a bear with booze). Überall: Geschirr; überall: Socken; überall: Papier; überall: Schrauben. Und Luftpolsterfolie, die von einem Eck zum anderen fliegt. Und Styroporteilchen, die sich morgens in meinem struppigen Haar verfangen. Und weiße Bretter, die früher mal meine Regale waren, und an denen ich mir nachts die Zehen blau schlage.
Es ist alles übergangslos, in diesen Tagen: Erinnerungen, Vorstellungen, Ideen. Alles beginnt sich an den Rändern aufzulösen, alles beginnt unter meinen Fingern wegzubrechen, und hey, das ist. Was eigentlich? Das gottverdammte neue Jahr? Vermutlich auch das, ja.
Ich denke, ich bin glücklich. Also: eigentlich, eigentlich glücklich, - Relativität ist nicht aus meinem Kopf zu bekommen. Wahrscheinlich ginge es noch besser, größer, härter, schneller, und im Grunde machen mich diese ganzen Kartons und Kisten, diese totalitäre Unordnung, in der ich nicht mal mehr meine Hosen wiederfinde, wahnsinnig, und ich ertrage die Untätigkeit auch nur schwer, aber. Aber, - innehalten, Zeit finden, atmen,- ich bin, bin ich, ja, vielleicht: glücklich?
Jimmy steht da, lehnt lässig wie immer gegen den Rahmen der Balkontür, und raucht seine Zigarette. Er hat sich nicht davon abhalten lassen zu kommen, heute, jetzt, so kurz vor dem Umzug. Seine Haare sind länger als damals, - sie wellen sich leicht im Nacken, und hängen ihm in die Augen. Augen, das ist das übliche Stichwort: seine schwarzen Pupillen fressen mich, wie sie mich immer gefressen haben, - es ist irgendwie gespenstisch, wie sie in der schwachen Glut aufleuchten, sobald er an der Kippe zieht. Das ist wie in einem Film Noir, - die Jalousien, der flüchtige Nebel, und die Straßenlaternen, die darin irgendeine substanzielle Form bekommen, etwas Greifbares, Lebendiges, und dann die Musik aus dem Stockwerk unter mir: ein Saxophon, ein Klavier, - ist das Chet Baker? Ich erwarte eine Femme Fatale im roten Abendkleid zur Tür hereinschweben, samt Zigarettenhalter und Martiniglas. Dann denke ich daran, dass ich vielleicht schon genug Fatale hatte. In meinem Leben.
»Ich finde es gut, dass du gehst«, sagt er, und ein bisschen Asche zerstreut sich in der Luft, weht herein, »Im Ernst«, fügt er hinzu, als er meine hochgezogene Augenbraue sieht.
Ich: Wieso?
»Na,« er fährt sich mit einer Hand durchs Haar, »du wärst hier gestorben, oder. Was weiß ich? Hättest jemand anderen abgemurkst.« [Abgemurkst, - das ist so eines dieser Wörter, die nur Jimmy verwenden kann, ohne dabei völlig bescheuert zu wirken]. Er lächelt. »Du warst hier nich glücklich, und wer wäre es an deiner Stelle schon geworden? Ich nich, niemals.«
Ich nippe am Bier, und ... verziehe den Mund. Du bindest dich ja aber auch niemals an einen Ort, - das kannst du nicht vergleichen.
»Ach? Als wäre ich derjenige, der von sich selbst behauptet, er wäre rastlos. Für eine Bühne, ein Bier und ein gutes Weib, -- «
Ich weiß, ich weiß: nur dafür allein bleibt für dich die Welt endlich stehen. Das sagst du jedes Mal, und trotzdem: die Bühne in Hamburg scheint dir ja nicht zu reichen, das Bier bekommst du meistens bei mir, und was das Weib anbelangt. Naja, du warst mal erfolgreicher. Grinsen, mein breitestes Jokergrinsen.
»Schnauze.« Die Glut leuchtet auf. »Das tut hier auch überhaupt nichts zur Sache.« Nach einer kurzen Pause. »Was ist da denn bei dir eigentlich? Gibt es bald eine Misses P., der ich bei Gelegenheit vorgestellt werde?«
Ich träume vom Küssen, träume von Räumen, in denen weiße Vorhänge tanzen, und von einem wunderschönen Frühlingsmorgen; ich träume von Phantomen, die mich im Vorübergehen nur mit einem Blick berühren, und ich bin glücklich, - damit. Jetzt, und in diesem Augenblick. Ich brauche nicht mehr. Zumindest vorerst nicht.
Er schaut mich an, aus diesen schwarzen Feuerkugeln seiner Augen, und er lächelt. »Verstehe«, sagt er, »Du bist also verliebt in die Liebe.«
Vielleicht.
»Dann bewahr dir das, - ich denke, es ist wichtig.«
Dann schweigen wir.
[Und auch das, nur das allein reicht].
Es reicht, um mir zu entkommen.
Wir müssen flexibel sein. Immer auf dem Sprung. Kosmopolitisch. Ich denke, das alles macht es nicht einfacher, diese Heimat zu finden, die uns alles geben kann. Vielleicht gibt es auch zu viele Heimaten, um sie alle entdecken zu können.
Wie man auch mehr als einen Menschen lieben kann - es ist in etwa dasselbe Prinzip. Und auch wieder nicht. Es kommt darauf an, was man finden will.
(Im Grunde IST es die Suche nach einem neuen Revier, nach einer (geistigen) Nahrungsquelle. Wir sind immer noch Tiere, deren Instinkte durch etwas anderes ersetzt worden sind. Vielleicht substituieren wir auch nur unsere Bedürfnisse mit Dingen, die wir nicht brauchen und machen uns so selber das Leben schwer. Meiner Meinung nach ist das aber eine Generationssache. Wir sind lost. Irgendwo da draußen.)
Und hier: das verzerrte Wort ist "made". Sachen gibts.
























Chet Barker? Oder Chet Baker? Ich find letzteren jedenfalls besser.
Ansonsten gratuliere ich zur vollzogenen Verpflanzung in die Hauptstadt. Etwas, was ich auch vorhabe in einem Jahr, wenn auch nicht dorthin. Allerdings teile oder teilte ich die rastlose Heimatlosigkeit, die einen hierhin und dorthin treibt.
Auf der einen Seite der Herzensort, den man liebt und wo sich immer das Gefühl einstellt, dass einfach alles gut wird, wenn man nur einmal da ist. Da bleibt. Und dann auf der anderen Seite die Nicht-Heimat, ein Ort, an dem man gezwungenermaßen rumlebt, der nervt und frustriert. Der das Leben hemmt. Einen am Atmen hindert. Gefühle und Inspiration abtötet.
Immer nur weiter so, por favor. Ich lese gerne Sachen von Menschen, die ihr Glück (wieder-) finden.
ich frage mich im übrigen, wie aus dem bäcker ein kläffer werden konnte; es wurde jetzt stillschweigend verbessert. (naja, oder fast stillschweigend).
ansonsten danke ich. & hoffe ein bisschen mit.
die nicht-heimat, ja, eine art exil, - diese heimatlosigkeit bzw. entwurzelung hat es ganz schön in sich: je länger man die wände anstarrt, & die gebäude, die an einem vorüberziehen, desto schneller stellt sich das gefühl ein, dass sich gar nichts mehr bewegt. (kein neuer gedanke, kein leben, keine welt). zwar bin ich mir durchaus der illusion bewusst, die sich hinter diesem umzug verbirgt oder: verbergen kann, - dort wird alles gut, - da sich die stadt nur selbst gibt, & nur sich, aber vielleicht ist das was pathologisches; eine art psychologische triebfeder, & self fulfilling prophecy. was sonst ist heimat? was der eigene wille?
(ist es nicht komisch, ein mensch zu sein? wie einfach wäre die suche nach einer neuen trinkquelle, nach einem neuen revier, in dem man jagen kann, einem sicheren ort, der einen vor den wölfen schützt, - stattdessen nun das).