Sepsis, 1/2
Ehrlich jetzt.
Ich will dir nicht mehr erklären müssen, dass ich glücklich und unglücklich sein kann, ohne zu wissen, was davon jetzt eher zutrifft; ich will nicht mehr denken müssen: Ich liebe dich, wenn ich dich im Augenblick nicht ausstehen kann; ich will nicht mehr an meinem Hemdkragen ziehen, in der Hoffnung, meine Lungen bekämen davon mehr Sauerstoff, und mein Blut damit einen besseren Wert, wenn ich im Aufzug stehe und nichts nur im entferntesten an Sauerstoff erinnert; ich will nicht mehr paraphrasieren, was mit deiner Hose nicht stimmt, will nicht noch mehr Adjektive an deinen müden Gesichtsausdruck verschwenden, und ich will dich schon gar nicht nackt in meinen Träumen sehen, weil in meinen Träumen ohnehin alles nur schwarzweiß ist, - und das wirkt dann noch melodramatischer; ich will nicht mehr das Ziel der Ziele suchen, weil ich es mir mit meiner Wut eh nicht leisen kann; ich brauche dein Mitleid nicht, und auch nicht dein Verständnis, denn wenn wir uns unterhalten, bleibt jedes deiner Worte nur in meinem Hals stecken und macht mich laute Argumente husten; spar dir deine Ausrufezeichen am anderen Ende deiner Sätze, - sie ermüden mich, - und lass am Besten auch gleich die Buchstaben weg.
Ehrlich. Ich staple dir einen schiefen Turm lauter kleiner Nebensächlichkeiten, die du als dein Leben verkaufst. Fernsehauftritte inklusive. Und dann bist du ganz außer dir. Dass ist es doch, was so viele Menschen dazu treibt, vor den Weitwinkelobjektiven zu winken, oder nicht? Dass bringt doch diese Telephonistinnen dazu, mich komische Fragen zu fragen, oder nicht? Woanders sind sie froh, wenn das verseuchte Wasser sie nicht krank macht, - sie nicht tötet, - und du suchst blätternd nach ein bisschen Wellness, amazonst dich durch eine neue Rezession Rezension, und bedauerst deine 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum. Bescheidene Frage, du Idiot: Wohin soll es denn noch wachsen?
Vorstellungsvermögen, - daran scheiterst du. Du kannst dir nicht vorstellen, dass es eine Welt außerhalb deiner eigenen gibt, daher existiert sie nicht für dich. (Man hört es nicht, man sieht es nicht. Danke, reicht schon). Manchmal schläfst du so tief, dass du deinen eigenen Aufprall nicht hörst.
Nein. Im Ernst. Das meiste was ich schreibe, was ich sage, was ich denke, ist völlig belanglos, zugegeben. Das meiste wird überlesen, überhört, verschwiegen, und wenn nicht das, dann wird es wenigstens vergessen. Aktuell bleibt nur der momentane Auffahrunfall, - nicht die Statistik mit den Todesopfern pro Tag, Monat, Jahr. Meine Zeiteinheiten gelten nicht für dich, und deine schönen Glasgebäude, deine Shoppingmeilen, dein ewiges Wegsehen in den Supermärkten, und vielleicht ist es nicht mehr kosmopolitisch genug, das anzuklagen. Das ist nicht mehr en vogue. [Gerade ist es Mutter Natur, die du auf der Titelseite überblätterst, - obwohl du der heimliche motherfucker bist, und nicht die Anderen]. Ehrlich jetzt, ich habe bis vorletztes Jahr auch nicht recycelt. Ich hab sogar Batterien in den Papiermüll geworfen. Ich habe dem Penner an der Ecke auch keinen Kaffee hingestellt, und mich mit ihm unterhalten, weil ich mich nie gefragt habe, warum er in diese Situation geraten ist. Ich habe fleißig auf die Jugend gespuckt, die mich mit ihren modischen Entgleisungen am Bahnhof fast in den Gegenverkehr stießen, und mir war auch egal, dass sie existieren; sie hatten nicht mehr als eine vegetative Form für mich, sie waren wie Gras.
Mir war so vieles so ziemlich egal, wenn ich intensiv darüber nachdenke, und vielleicht habe ich mich bisher besser verkauft als ich in Wirklichkeit bin. Ja. All das, zugegeben. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, verstehst du? Irgendwann war das Limit des Erträglichen überschritten, und ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, mit meinem thermonuklearen Gedankengut zu denken, das noch Jahre später in mir strahlt:
Süß, wie die kleinen Eisbären durch die Zoos tapsen, wo wir doch ihre Art aus der nördlichen Hemisphäre vertreiben. Wie lehrreich, dass unser Journalismus nicht mal mehr im Ansatz so investigativ ist, wie er es mal vor zehn Jahren war, - denn ja, genau: Wer ist eigentlich Veronica Guerin? (Hauptsache auf RTL flimmert eine Stunde lang White Trash in immergleichen Abendkleidern auf immergleichen Partys, und dann rammt Peter Kloeppel Tilidin in die von Hysterie und Belanglosigkeiten weichgespülten Gehirne, und informativ, informativ, also sterben Teenager in England, wo tausende pro Tag auf der ganzen Welt verrecken). Gott sei Dank gibt es Smileys, und andere Emoticons, die uns das Grauen nicht ganz so grau erscheinen lassen, - und du bezichtigst mich derweil des Schwarzmalens. Ha. Ein Leben will gelebt werden, - entweder das, oder es stirbt. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Oder, ah, doch, es nennt sich vegetieren, und das machen erstaunlich viele.
Ja, ehrlich. Ich mache mir viele Illusionen, und ich weiß um meine Ideale. Besser als du um deine verlorenen. Ich trete Greenpeace bei, sag ich. Ich engagiere mich bei attac, und ich opfere mehr als ich habe, - und du schüttelst nur traurig deinen schönen Kopf. Opfer bringen ist nicht in. Also baue ich meine kleinen Plastiksprengstoffsteckbausteine zu einem großen Paket zusammen, und denke es in die Köpfe dieser vielen, vielen Menschen, die dieses existenzialistische Problem des Lebens nur weitertragen, in dem sie Kinder zeugen, und dann später Werbespots darüber drehen, dass sie gerne noch mehr Kinder hätten. (Dabei ist gerade das unser Problem: Es gibt einfach zu viele von uns).
Ich würde sagen, wir haben die Sepsis überstanden.
Willkommen Herzstillstand.
none
(har).


Es ist unbequem, einfach nur Ich zu sein.
Viel Erfolg dabei.
übrigens: ich finde, dass es das gerade nicht ist: unbequem (einfach) nur Ich zu sein. ganz im gegenteil, ich finde, es ist heute einfacher denn je. oder kann man sich deiner meinung nach nicht praktisch im vorübergehen entfalten? ein bisschen hiervon & ein bisschen davon, & schon sind wir einzigartig? ist das nicht der glaube, der alle heutzutage beseelt? individualität, die man in der massenkompatibiltät sucht? sie hat unsere feine oligarchische demokratie hervorgebracht; genauso wie die dummheit, rassismus & intoleranz, & noch tausend andere geißeln, wie die gleichgültigkeit; frei nach dem motto: lassen wir jedem seine meinung, samt ihren fehlern, & entwickeln sie fort. (seltsam, dass in dem wort dystopia nicht irgendwo doch ein ICH steckt).
ich finde, es ist heute ganz egal, austauschbar, ein spektakel als interzellulärer strahlungstod: was ist das Ich anderes als eine patentierbare massenproduktion? was ist die gesellschaft anderes als ein ringen um egoistische güter, als ein stolpern der angepasstesten über ein beiläufig gewordenes leben? (wenigstens geht es meiner familie gut, wenigstens bin ich glücklich, habe einen guten job, verdiene gut, habe eine wohnung, fahre soundso oft in den urlaub, bin verheiratet, bekomme kinder). wozu noch ein Ich, wenn man zu Jedem geworden ist?
danke trotzdem.
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Ich kann nur aus meinem persönlichen Erleben berichten und finde es schlicht nicht einfach, einfach nur Ich zu sein. Ständig wird mir aufgezeigt, dass meine Vorstellungen, mein Umgang mit Anderen und meine Meinungen unbequem für meine Mitmenschen sind. (Wie ich damit künftig umgehen werde, weiß ich momentan noch nicht. Jedenfalls werde ich die mir wichtigen Dinge im Leben nicht ändern, damit es für andere bequem wird.)
Davon abgesehen, dass jeder Mensch individuell in seinem Ganzen ist. Dies nimmt man entweder nicht wahr oder sucht sich selbst in Extremen, anstatt sich auf das zu besinnen, das einem wichtig ist, um man selbst zu sein.
Die Individualität mit Anpassung an die Masse, wozu? Damit meine ich nicht die materielle Anpassung, da muss schon jeder für sich selbst entscheiden, ob ihm vier Urlaube im Jahr wichtig sind oder das Häusle oder oder oder.
Massenproduktion? Ganz genau genommen liegst du da nicht falsch. Doch ehrlich: Was interessiert mich die Masse, die sucht und versucht und nie zufrieden ist? Wichtig für mich ist, wie ich mich fühle, wie ich lebe. Da interessiert mich die Masse resp. Gesellschaft nur insoweit, dass ich mich, nur soweit es nötig ist, anpasse, um eben so sein zu können wie ich es will. Abstriche und Zugeständnisse sind immer drin, 100% wird es nie geben (oder so).
Und ich glaube nicht, das ein Ich zu Jedem wird. Außer, man steht drauf und lässt dies zu. Wobei sich hier wieder die Frage stellt: Wie ist denn Jeder?
zwar bin ich selbst ein individuum, ja, & in mancher hinsicht auch ein recht exzentrisches; sich aber der illusion der individuellen einzigartigkeit hinzugeben, erscheint mir ein bisschen naiv. ich meine damit den anspruch der einzigartigkeit, des es-beweisen-müssen. sieh her, & bewundere meine dna. (ich denke, das meinst du mit sucht sich selbst in extremen). na, & warum die individualität sich heute an die masse anpasst, verstehe ich selbst nicht; es ist ein gesellschaftliches paradoxon, dass es menschen gibt, die sich anders fühlen & die anders sein möchten, & die darum zu einer subkultur gehören. letzt so bei den emos gesehen. dass sich diese subkulturen früher oder später auswaschen, weil sich ihre ursprüngliche bedeutung innerhalb der gruppen verändert, ist offensichtlich; frag den punk heute warum er auf der straße ist, & frage den punk der achtziger.
ich meine, dass wir heute in erster instanz erst mal eben das tun: materielle anpassung; wir sind konsumenten. & die frage, inwieweit heute noch jeder selbst darüber entscheidet, bleibt ein vermintes feld, - finde ich. die schuldgeneration hat der revolutionsgeneration platz gemacht, & die wiederum der generation x & golf, der spaßgeneration, & der generation wohlstand; & heute? was kommt nach der ära des öls? nein, im ernst. wie viel prozente wollen überhaupt urlaube? wie viele zahlen nach jahren ihr häusle endlich ab? rein statistisch mehren sich doch diese triebfedern bei jedem einzelnen, - was für mich den begriff des Jedermanns ausmacht; es ist einfach die masse, die uns die norm auf die nase drückt, & wir, die wir selbst auf nasen drücken, - weil die statistik um ein paar tausend menschen wächst. (ich bin ein bisschen darüber erschrocken, als ich es hier gesehen habe, - diese zahlen, die pro minute die todesraten übersteigen). es wird austauschbar, ob man rot oder blau mag, weil die relationen unscharf werden, - solange, bis irgendwann die eigentliche frage nach den farben verschwindet, & nur noch geglotzt wird.
was dich die masse interessiert? na, das ist eine prinzipielle frage. der mensch ist ein intersoziales wesen, das seine grundbedürfnisse erfüllt sehen will, aber gleichzeitig über etwas verfügt, dass ihn deutlich von anderen tieren auf diesem planeten unterscheidet: moralität. unsere moral sagt: hilf anderen, sei nicht schlecht zu ihnen; unsere ganze christliche vergangenheit sagt uns: liebe deinen nächsten, wie dich selbst, - & ganz genau das bedeutet es: liebe andere wie dich selbst. gerade das ist was grundegoistisches. kategorischer imperativ, & all das. die masse muss dich insoweit interessieren, als dass sie dein leben sichert. oder lebst du insoweit autonom, als dass du auf niemanden angewiesen bist? (& das ist eigentlich das traurigste argument: das argument der tat, die nur daraus resultiert, um nicht selbst unter etwas zu leiden, & deshalb anderen zu helfen).
die zugeständnisse, die wir machen, sind meist die falschen, weil die gesellschaft meiner meinung nach irgendwann angefangen hat, die moralität durch etwas anderes zu ersetzen, das jetzt wiederum allmählich der gleichgültigkeit gewichen ist. wenn ich genauso bin wie dieser clichéhafte jedermann, der zwar seinen müll recycelt, aber nicht darüber nachdenkt, wie dumpingpreise entstehen, die wiederum mit den müllbergen im zusammeenhang stehen, die als erstickende enklaven der menschlichen dummheit bestehen bleiben, & schon in die natur eingegriffen haben, dann gibt es keine grundlage mehr; es bleibt irgendetwas übrig, das nicht zu recyceln ist.
ich denke, man selbst ist die masse, ist Jeder, & dieser Jeder sucht genauso & ist nie zufrieden, & interessiert sich nicht für die anderen. (zugegeben: das ist sehr plakativ, & lange nicht so einfach zusammenzufassen).
Konsequenz heißt eben (für mich), nicht blindlings und unüberlegt sich seinen Überzeugungen hinzugeben und der Rest der Welt hat ja keine Ahnung. Deswegen gehts mir auch nicht um die Gene, die einen einzigartig machen, sondern um das eigene Tun und Denken.
Die Sache mit den "Subkulturen" (welch schreckliches, abwertendes Wort!) ist doch meist eine Trendgeschichte, die irgendwann kurz vor der Pubertät anfängt und bei manchen eben erst jenseits der 40/50/60 nachlässt. Oder auch nicht. Und hier, ab dem "Oder auch nicht" fängt das Ding mit der eigenen Überzeugung und Un/Bequemlichkeit doch eigentlich erst an.
Die Masse an sich interessiert mich allerdings noch immer nicht. Zumindest nicht in der Sicht von auferlegten und anerzogenen Ansichten. Ich lebe sogar von der Masse, und zwar von dem "kranken" Anteil. Das heißt aber nicht, dass sie mich interessiert.
Ich habe mich aus (fast schon globaler) Unkenntnis für meinen Beruf entschieden, stellte fest, dass der genau für mich geschaffen ist. Doch nach 10 Jahren Erfahrung bin ich ein wenig desillusioniert (was die Zukunft dieses Berufes betrifft), aber nicht enttäuscht. Eigentlich bin ich nur nüchterner und realistischer in meinen Betrachtungsweisen geworden und habe im Laufe der Zeit meine Meinungen und Überzeugungen entwickelt. Die sind bestimmt nicht allgemeingültig, auch wenn es wahrlich schön wäre ;-)
Was mich an der Masse interessiert, sind die Menschen, die meinen Weg kreuzen und mit denen ich eine Art von "Ver/Bindung" (mir fällt grad kein besseres Wort ein) eingehen kann/darf.
Zu deinem letzten Absatz: Zum Teil mag ich dir gern Recht geben, denn wir alle zusammen stellen die Masse dar. Und doch stimmt dies nicht, da Jeder sich ein bisschen doch für Jeden interessiert (aus welchen Gründen auch immer).
*Traurige-Ironiemodus an*
Gleichgültigkeit und Moral in der Masse. Welches Wort passt nicht in den letzten Satz?
*Traurige-Ironiemodus aus*