Samstag, 29. März 2008

supposed to be. 14

Ich vermisse die Risse an den Wänden nicht, - ich habe sie stundenlang gezählt. Ich vermisse den Kaffee aus dem Automaten nicht, - er hat fürchterlich geschmeckt. Ich vermisse das ausgeblichene gelbe Linoleum nicht, das sich in den Ecken aufgerollt hat, und auch nicht die Kratzer, die die Stühle darauf hinterlassen haben. Ich vermisse die Uhr nicht, die ewig tickende schwarze Uhr samt ihrem zeitlosen Zeiger, und das zögerliche Ausbleiben der vollen Stunden, der halben Stunden, der Viertelstunden. Ich vermisse die Stimmen nicht, die aus dem Schwesternzimmer gedämpft herein drangen, das leise Flüstern, - jedenfalls bin ich mir nicht sicher, ob ich seine Eltern überhaupt kennenlernen will, was wieso?, ich bin kein Familienmensch, aber, - und dann?
Das Knistern eines Radios, sie spielen ein Lied auf dem Klavier. Und ein Mann mit einer Augenverletzung schiebt sich durch das Zimmer, setzt sich wacklig auf einen der schwarzen Stühle, und blinzelt einäugig zum Fenster hinaus. Seine weiße Augenbinde saugt sich mit einer gelben Flüssigkeit voll. Aus der Mitte entspringt ein Fluss. Daran denke ich. Und ein junger Pfleger rollt einen Rollstuhl durch den Flur, - die Gummireifen gleiten nicht über den Boden, sie schaben sich darüber, mit jeder Umdrehung quietscht das Linoleum.

Ich gehe an den Zimmern vorbei als die Schwestern das Essen verteilen. Ich gehe vorbei, und sehe. Die Schläuche, die Kanülen, weiße Kacheln hinter den Betten, und rote abgewetzte Knöpfe, - werden sie je gereinigt? Notfallschalter für einen letzten Atemzug. Eine Frau geht an mir vorüber, sie ist alt, und sie trägt einen blauen Bademantel, der sich bei jedem ihrer Schritte ein Stückchen öffnet. Ich sehe ihre Beine, Thrombosestrümpfe, Narbengewebe, aber ich versuche nicht hinzusehen, ich versuche mich auf ihr Gesicht zu konzentrieren, aber es ist eingefallen. Es ist verbraucht, das Leben endet hier.
Ich gehe weiter, stur gerade aus, und versuche nicht zu sehen, versuche nicht zu sehen, der Mann in dem Bett, ein durchsichtiger Schlauch wurzelt in seinem Mund, seiner Nase, und eine Maschine unweit daneben pumpt ihm wie eine Ziehharmonika die Luft in die Lungen, - das Geräusch, das sie dabei erzeugt, ist dumpf, schrecklich mechanisch, schrecklich laut in seiner Stille. Weiter, geh vorbei, gerade aus. Zimmer 123, Zimmer 123, Zimmer 123, da muss ich hin, muss ich hin?, immer gerade aus. Der Boden ist so weich, so abgenutzt, so alt. Wird er je geputzt?

Das ist das Universum der Angst.
Mich grüßt niemand. Mich kennt niemand. Ich bin zum ersten Mal hier. Zum letzten Mal. Tausend Tage, und ich kehre heim. Tausend Tage, und ich bin verloren. Draußen scheint wieder die Sonne, und es ist warm. Ich trage über meinem Pullover noch die Jacke. Es ist heiß, sagen die Leute draußen, und sitzen in den T-Shirts auf den Bänken, aber mir ist kalt. Mir ist so kalt, in mir ist die Arktis, Schneewehen, minus 54 Grad Fahrenheit, und kein Entkommen.

Ich zögere es nur hinaus.
Fang endlich an zu zählen.


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