supposed to be. 17
»Wofür?«, sagte ich, nein: sagte er. Ich klappte nur die Fenster auf, und ließ den kalten Ostwind herein. Draußen rauschten die Bäume, kahl klapperte ihr Geäst, - wie selbst noch in der Leere ein Geräusch entsteht, dachte ich. Auf der Straße vor dem Haus eilte ein Mann einem anderen hinterher, und beide lachten; da schob eine Mutter ihren himmelblauen Kinderwagen aus einer Bäckerei, und reichte dem Kind darin eine Bretzel; ein Hund lief in der Ferne mit seinem Herrchen, und sonst flogen nur Schwalben.
»Wofür«, echote er, nein: echote ich, und drehte mich zu ihm um. Skeleton lag in seinem weißen Königreich, in seinem Bett aus Wolken und Schwerelosigkeit, und für einen Moment, vielleicht nur für eine Sekunde, eine einzelne!, da erschien er mir wie früher. Dann zerschlug seine Stimme diese Illusion: »Ja, wofür?«
»Was wofür?«
»Na ... wofür dieses Leben?«
Ich seufzte, und stellte die Flaschen klirrend in eine der Ecken; ich zählte sie stumm.
»Wie kommste denn jetzt schon wieder auf so ne Frage?«
Er blinzelte reibend seine Augen, und versuchte entschuldigend zu lächeln, aber seine Lippen zogen sich nach unten, - so, als könnten sie die Last des Lächelns nicht mehr tragen. »Es ist die entscheidenste aller Fragen, mein Freund.«
Zwölf Flaschen Vodka, drei Flaschen Rotwein, dreizehn Flaschen Bier, zwei Flaschen Absinth. Ich räumte sie alle in die Ecke. Klirrend. So klingt der Schmerz.
»Das weiß ich auch nicht«, sagte ich.
»Natürlich weißt du's. Wenn nicht du, wer sonst?« Er versuchte zu lachen, aber es war mehr ein Husten als ein Lachen. Versagte ihm zu diesem Zeitpunkt schon, -- nein, nein, unmöglich, es ist dafür noch viel zu früh. Nur ein Husten, es war nur ein Husten wie jeder ihn hat, frei von Blut, frei von plötzlichem Versagen.
»Ich weiß es nicht«, wiederholte ich gedankenverloren.
»Du musst es mir aber sagen«, schrie er plötzlich, und ich hörte abrupt auf, die Flaschen zu sortieren. »Du musst!«
Waren das Tränen in seinen Augen? Er hatte nie geweint, - niemals, nicht nach dem Autounfall, nicht nach dem Tod seiner Mutter, nicht nach dem Verglühen seines Körpers, nicht nach der Sache mit Berthe. Skeleton hatte keinen Tränen gekannt. Und Alan, - erinnere ich mich heute so falsch, dass ich selbst Alan seine Tränen abspreche? Als Mann. Als Mensch. Sehe ich in ihm das eigentliche Phantom, - selbst heute noch?
»Ich weiß nämlich keinen Grund mehr«, schrie er, »Verdammt, ich sehe nichts, überhaupt! nichts! mehr! Mir ist, als hätte ich alles verloren, alles!, selbst dich, du blöder Bastard. Warum machst du das überhaupt noch, - nach allem? Du musst doch irgendeinen Grund haben, irgendwas, das es dich tun lässt. Also sag mir: wofür?!«
»Verdammt, Alan, ich weiß es nicht«, fuhr ich ihn an. »Ich bin doch nicht allwissend, - wenn ich irgendeinen Grund für dieses Leben wüsste, dann hätte ich ein Buch darüber geschrieben. Ich hätte den Menschen gesagt: Seht her, dafür lebt ihr, - also strebt danach, und es wäre trotzdem vermessen gewesen. Niemand setzt den Sinn für einen anderen Menschen, man setzt ihn sich, -- «
»Hör mit diesem pseudointellektuellen Scheiß auf. Sinn setzen, Sinn?« Das Knochengestell seines Körpers bäumte sich auf, und er riss sich in einer einzigen fließenden Bewegung die Decke vom Leib; darunter lag der lebende atmende fühlende Leichnam, darunter lag Skeleton in seiner ganzen schrecklichen Plastizität; die teilweise verkrusteten, teilweise abgeheilten Narben überdeckten seinen Körper, seine Brust, seine Beine, seine Arme, - es wirkte alles nässend, und schwärend, auch wenn er sich schon seit Monaten keine Verletzungen mehr zugefügt hatte; seine Rippen, sein Brustbein, die Schlüsselbeine, Hüftknochen, alles stach heraus, aus diesem Bisschen Haut und Knorpel, und wirkte so hart, so unmenschlich, - wie hatte es nur sein Gesicht geschafft, sich zum Teil so gut zu erhalten? Im Vergleich, im Vergleich zu was? Hier lag ein Märtyrer, geboren aus weißem Staub, gepresst zu Tabletten mit Kreuzemblem, geschluckt in roten Wein, oh, du Dionysos, nahmst mir meine Atropos, meine Tollkirsche, mein Herz, mein Leben.
»Ich setze mir meinen Sinn nicht«, schrie er. »Niemand tut das. Wir leben nur, gottverdammt, und sterben.« Nach einer kurzen Pause fügte er leiser hinzu: »Ich sterbe.«
Draußen klapperten die Bäume, draußen war die Welt, und hier drin war nichts echt. Dieses Zimmer gab es nicht, mich nicht, ihn nicht, alles gelogen. Alles, wäre es doch nur gelogen. Ich spürte mein Herz dumpf und träge schlagen.
»Wir alle müssen sterben«, sagte ich zynisch, »Und da du endlich erkannt hast, wie es um dich steht, kannst du ja eventuell damit aufhören, dich zugrunde, -- «
»Nicht, wenn du mir nicht sagst, wofür! Nach allem. Nach allem, verstehst du nicht?«
»Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß es nicht.«
»Dann lüg mich an!«
»Für die Liebe lohnt es sich zu leben«, fing ich an, »Selbst dann, wenn sie dir dein Herz bricht. Für die Freundschaft lohnt es sich zu leben. Selbst dann, wenn sie dich verrät.«
»Sei nicht so allgemein«, sagte er.
»Für frischen Kaffee, Alan, für frisch gemahlenen Kaffee lohnt es sich zu leben; für einen Tag am See, wenn die Sonne niedrig steht, und die Ufer golden färbt, lohnt es sich zu leben; für eine Schale frischer Kirschen, die man auf einem Hausdach isst und deren Kerne man in eine Gasse spuckt, und für einen Kuss, der nach Sommerversprechen schmeckt. Es lohnt sich zu leben, um die Schwalben beim Flug zu beobachten, - Schwalben, die auch genauso gut Tauben sein könnten, oder Amseln, was weiß ich; ihre Flügel tragen sie höher noch als unsere Augen sehen können, und dann stürzen sie hinab, - um ihre schwerelose Freiheit zu erleben, lohnt es sich zu leben. Für alte Schwarzweißfilme, die im Hintergrund rauschen, und für Hände, Alan, für menschliche Hände lohnt es sich zu leben; sie sind nämlich die reinste Perfektion, weißt du? Für das da draußen, für das hier drinnen, für Les Faux-Monnayeurs, für Der Menschen Hörigkeit für Hamlet und Romeo und Julia, für einen Tag im Park, wenn man mit bloßen Händen Chop Suey aus Pappschalen isst, und die Leute einen für schräg halten, für die neunte Symphonie von Beethoven, für Janis Joplin und Jim Morrison, für ein Theaterstück, das Jimmy in Legginhosen spielen muss, - nur für unser Lachen danach. Für das Bessere. Für das Leben selbst, - weil wir es als einziges ganz besitzen, für mich. Für Berthe.« Ich hatte während dem Reden nach draußen gesehen, auf die Straße, auf das gegenüberliegende Haus, mit seiner beigen Fassade, und ich wünschte, ich hätte ihm dabei ins Gesicht sehen können.
»Aber weil alles ist, wie es ist, bewegt sich nichts. Nichts. Außer das Herz. Außer der Planet. Um uns herum: ein Universum der Bewegung, aber wir selbst bleiben stehen. Wir bleiben still. Wir bewegen uns nicht«, sagte er.
Später holte ich meine Tasche aus einem Spint am Bahnhof, und saß im Zug in Richtung Paris. Ich hatte nicht viel mit genommen, nur ein Bisschen Wäsche zum Wechseln, so viel Geld wie hatte, und ein rotes Reclambuch. Sieh nicht zurück, sagte das Herz. Sieh nicht zurück.
Es regnete nicht, wie es eigentlich sollte; die Sonne schien am wolkenlosen Himmel. Und wofür, all das? Wofür?























