Samstag, 12. April 2008

supposed to be. 18

Zwei.

Es ist manchmal so einfach, die Kontrolle zu verlieren. Gib auf, und du wirst, was du gewesen bist. Nur was ist das? Was sind wir schon, und was waren wir? Setz das in Relation zur Logik, und wir sind nicht mehr als das A, nicht weniger als ein B; dann sind wir nur die Summe all der Cs, die aus den Ds entstehen, und alles, was von deinem Leben übrig bleibt, sind die Frequenzfragmente im Weltraum, ein Grabstein, der verwittert, und eine Zahl, die dein ganzes Leben in einen Rahmen zwängt, in ein paar Jahrzehnte der Ungewissheit, ein paar Atemzüge, und schon ist es vorbei; man geht daran vorüber, und streicht mit den Fingerspitzen den Staub der Jahre fort, fort und zur Seite, und: Erinnerst du dich? Nein, eben nicht. Wen kennt man denn schon genau, an wen erinnert man sich richtig, welches Bild stimmt im Nachhinein zu hundert Prozent? Ist die Erinnerung nicht in Wirklichkeit nichts anderes als eine billige Hure, die uns regelmäßig mit den Freiern betrügt, die sie auch am Besten bezahlen? Und welche Bezahlung ist schon besser als die Lüge?

Was ist, wenn ich mich falsch erinnere?
(Vorwärts! Spul den Film zurück zum Ende!)

Es endet mit einer Kleinigkeit: Ich aß, -- aß ich im Zug gesalzene Cashew-Kerne? Ich weiß es nicht mehr, aber ich erinnere mich daran; ich sehe es aus einer Perspektive, die unmöglich stimmen kann, schräg von links, wie durch das Fenster hindurch, - aber ich schmecke noch ihr Salz auf meinen Lippen. Oder ist es nichts als die Geschmacksleere, - nichts als das Vakuum. Sieh raus, und ich sehe mich selbst vorüberrauschen, zur Schreckensfratze verzerrt, - hail, horror vacui!, - und es ist noch lange nicht vorbei. Nichts ist richtig. Es ist alles falsch herum. Ich blinzle ein paar mal mit meinen Augen, um das Bild zu korrigieren, um nicht wieder hemmungslos zu heulen, und dann, --

Blaue Augen, blaue Ozeanaugen, die nichts sahen in Hiroshima. Hiroshima, Hiroshima, mon amour. Und es war nie ein Versehen. Man rutscht nicht ab, man hat nie den freien Fall aus tausend Metern Höhe, - man stürzt nach oben, hinauf, immer der Sonne entgegen, und dann schmelzen plötzlich die wächsernen Flügel, und die Federn verpuffen, und nichts geschieht, nichts als ein Leben mit weißen Tabletten, und Wein. Hat sie nicht ein anderer geliebt, ein anderer besessen; hat nicht ein anderer die Räder zerstochen, und gesagt: Willkommen Gegenverkehr!, und dann hat das Licht geblitzt, - und sie wurde verschlungen. Jemand schreit: Lebensgefahr! V O R S I C H T! man kann das Leben vermeiden. Aber auch das ist gelogen.

Ich wusste nicht, wie er sich seine Drogen verdiente. Wie sollte ich das auch wissen, wo doch alles so eindeutig war? Man denkt, als Protagonist wüsste mal als erster davon, aber es stimmt nicht; gerade als erste Geige hört man nie den Klang der anderen Instrumente. Wo es doch ein Tag am Meer war, und es das Kinderlachen gab, wie aus der Ferne, - oder war es nur das grässliche Schreien der Kinder vom Bahnhof Zoo, die über der Illusion der Normalität ihren Verstand verloren haben, wie man früher Teer und Federn verloren hat, auf anderen Menschen? Als letzte Berührungen auf deinem Gesicht, als letzte Ruhestätte der unermüdlichen Bewegungen, die dich aufgerieben hat, - was blieb da?

Waren wir die zwei korrodierenden Systeme? Herz und Verstand. Leib und Seele. Freundschaft und Liebe. Ein Scherz, ein Scherz, ein letztes gackerndes Lachen des Crystal-Meth-Abhängigen auf der Straße, der in Wirklichkeit dein Gesicht wie eine Maske trug, und nicht das meine. Was hast du mit ihr mir angestellt? Was hast du nur getan?

Ich aß Cashew-Kerne im Zug, und draußen schien die Sonne, und auch wenn ich nicht mehr wollte, so musste ich trotzdem zurück nach Hause, in die kleine Mansarde über den Dächern der Stadt, die ich mir über den Sommer gemietet hatte, und es gab unzählige Verpflichtungen, unzählige geschickt gelegte Stolperfallen, und ich kehrte aus Paris zurück, kehrte aus meinem kleinen Abenteuerroman zurück in die wirkliche Welt, weil ich dachte, ich wäre stärker geworden, hätte bei Rahel mehr Gelassenheit gelernt, und da rief sie mich also an, - Berthe, die Ikone des Todes. Ihre Stimme war weinerlich, und sie schniefte die ganze Zeit in den Hörer, und auch wenn ich nicht sofort verstand, um was es ging, war ich trotzdem sofort alamiert. Alamiert? Was für ein pathetisches Wort, - als hätte ich rotes Sirenengeheul gehört. Dabei war es viel subtiler, viel schrecklicher; als unsichtbare Stimme trug sie über die Entfernungen hinweg die Klagen der Vergangenheit. Ich dachte an die Schere in ihren großen Händen. Wie weit treibt uns die Verzweiflung? Wie weit gehen wir für die Vergeltung? Wer war der Körper unter der weißen Decke? Ihr langes Haar, - als Tang umwickelte es ihren Körper unter der See. Gebilde aus Licht und Schatten.

Es gerät alles außer Kontrolle. Nichts lässt sich ordnen. Ich habe zurückgesehen, und nun bin ich zu Salz erstarrt.

Zähl weiter, zähl endlich weiter.

Drei.


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Opium2Go
out of mind | b-sides
Parallelwelt: Strich(er)leben
shortcuts to my brain
Traumsequenzen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren