supposed to be. 19

Die Straßen wurden erst matschig, und dann schmolz auch der Matsch, und niemand schlich mehr über die Gehsteige. Der Schnee verschwand irgendwann. Das ist mir geblieben. Der Schnee verschwand. All das Eis wurde wieder zu Wasser, und versickerte unbemerkt am Straßenrand. Niemand war da, um es aufzuhalten.

Sie saß an seinem Fenster, den Kopf an das Glas gelehnt, und auf dem Schoß eines ihrer Bücher, Tous les hommes sont mortels von Simone de Beauvoir, und vielleicht war sie nie glücklicher als jetzt, als in diesem Moment. Die Sonne, die den Schnee vertrieb, verfing sich in ihren Haaren, und sie lächelte als ich das Zimmer betrat.
»Da bist du ja«, sagte sie.
»Ja, tschuldige, ich musste noch was besorgen.«
Ich kramte aus meinem Rucksack das Geschenk heraus, und gab es ihr ohne ihr in die Augen zu sehen. Sie strahlte, wie sie strahlte! Mit der Sonne im Nacken, und dem feuchten Glanz der Straßen. Sie überstrahlte alles. Meine Augen konnten sie nicht fassen.
»Was ist es?«
»Mach's doch einfach auf«, sagte Skeleton. Er lag auf dem Bett.
Als wäre es der Startschuss gewesen, riss sie das Papier auf, - es zeigte abstrakte Linien, und Kreise, - und förderte eine kleine Schachtel zutage, blau und samtig, mit einer goldenen Krone darauf, umrankt von Lorbeeren. Sie öffnete sie, und hielt inne, eine Sekunde, zwei, drei.
»Was ist das?«
»Erkennst du's nicht?«
»Na ... doch, aber. Das ist. Ich weiß von wem das ist. Aber wie kannst du. Ich meine.«
»Mach's doch mal dran«, sagte Skeleton, und grinste. Ich hatte mit ihm darüber gesprochen; er wusste alles.
»Das wäre doch wirklich nicht nötig. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
Sie nahm das silberne feingliedrige Kettchen heraus, betrachtete es eine Weile, und machte es dann, nach einem weiteren Zögern, an ihrem Handgelenk fest; es funkelte kühl im Sonnenlicht. »Es ist echt schön, es ist. Ich kann das nicht annehmen, echt nicht, weil.«
»Shht«, machte ich. »Es ist deins, halt's in Ehren, wenn's dir gefällt, - falls nicht, naja, dann verschenk's weiter.«
Sie nickte, und lächelte dabei.

Das Kettchen ging verloren; sie sollte es später nicht mehr finden, sie sollte es nicht mehr tragen. Vermutlich war es in ihrer Nähe geschmolzen, versickert am Straßenrand, vergessen mit der Zeit.

Später an diesem Tag, als Berthe schon bei der Spätschicht war, saßen Skeleton und ich zusammen in einem Café, drüben in der Nähe des Schlosses. In der Vergangenheit hatten wir oft in diesem kleinen Café gesessen, dieses war das letzte Mal vor dem letzten Akt. Das Café selbst war ganz und gar auf französisch gemacht, mit gußeisernen Stuhllehnen und weichen grünen Kissen, mit gußeisernen Tischen mit Mosaikmustern, mit dezenten Farbtönen an den Wänden und grünen Markisen. Es roch immer nach frischem Kaffee und Kuchen, nach Baisers und Éclairs, nach Moccabohnen, nach einem Versprechen auf reinen Genuss, - daher nannten wir die Frau, der das Café gehörte, auch Madame Sybaritisme, - und im Hintergrund spielten die Chansons einer vergessenen Zeit, padam, padam.

»Glaubst du, es hat ihr gefallen?«, fragte ich.
Skeleton schaute nicht auf, - er hatte sich eine Zeitung vom Stapel genommen, und hatte sie praktisch über den ganzen Tisch verteilt.
»Alan. Hörst du mir zu?«
»Ehrliche Antwort?«
»Ja.«
»Nein.«
»Danke, du Affe.«
»Keine Ursache.«
»Ich frage dich aber jetzt ernsthaft, also hör mir nur kurz zu.«
»Bitte«, er schlug demonstrativ die Seite um, die er gerade gelesen hatte. »Bin ganz Ohr.«
»Glaubst du, es hat ihr gefallen?«
»Was?«
»Verdammt, das Armband, wasn sonst?«
»Bin ich eine Frau?«
»Nein.«
»Sehe ich aus wie eine Frau?«
»Ein bisschen, ja, aber, -- «
»Was ich damit sagen will, ist: Ich weiß es nicht. So wie sie ausgehen hat, hat sie sich gefreut, ja. Also wird es ihr auch gefallen haben.«
»Das ist sowas von keine qualitative Aussage.«
»Sei Es zufrieden, Es bekommt keine weitere.« Er schlug die Zeitung wieder auf, und begann zu lesen. Er wirkte wie früher, - warum wirkte er wie früher? War es nicht die Zeit, in der er am schlimmsten dran war? Hatte er nicht seine Kunden, jeden Mittwoch ab 19 Uhr? Ja, er nahm weniger als sonst, natürlich ein Quantensprung, aber reichten diese Männer denn nicht aus, um ihm all das zu nehmen, all das zu zerstören, was die Drogen heilgelassen hatten? Er wirkte so unverletzt, so gesund, trotz seiner Blässe und den Narben an den Handgelenken, trotz den geröteten Augen, trotz den aufgebissenen Lippen, trotz der strähnigen Haare. Er wirkte gesund, - und war doch viel weiter weg davon als jemals zuvor. Ich wusste nichts, gar nichts wusste ich, - es war viel zu spät, als ich die Dimension erkannte.

»Glaubst du, wir können nach Italien, - im Sommer?«
»Was?«
»Nach Italien. Im Sommer.«
Er schaute wieder auf. »Diesen Sommer?«
»Ja, warum nicht?«
»Das geht nicht.«
»Was? Warum?«
»Ich hab zu tun.«
»Was hast du denn bitte zu tun?«
»Das geht dich nichts an.«
»Seit wann das denn?«
»Seit ich wieder gehen und zusammenhängende Sätze sprechen kann.«
»Seit voriger Woche also?«
»Ich will darüber nicht reden.«
»Alan.«
»Im ernst, lass mich in Ruhe.«
»Okay, werden wir ja dann sehen.«

Die Luft war opak, und dick, und es roch nach Vanille.
Der Schnee verschwand. Im Sommer war Alan tot.



[Bald ist es zu Ende].

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