supposed to be. 20

Gibt es die Versprechen auf Besserung tatsächlich? Ich meine: im echten Leben? Gibt es das Resultat, das sich wirklich anstreben lässt? Und nicht nur als allerletzte Instanz, sondern als erste, als einzige?
Jetzt huste ich, weil mir der Rauch lastend in der Lunge liegt, und ich trinke um den Geschmack zu vertreiben, dabei weiß ich, dass es nicht hilft. Weder das Husten, noch der Alkohol. Und trotzdem. Und trotzdem, immer wieder.

Ich bin müde, meine Augen brennen. Ich habe mir gerade alte Photos angesehen. Von uns. Nein, völlig falsch. Es gibt uns ja nicht mehr, - wir sind nur die Einzelteile eines Puzzles, das niemand mehr zusammensetzen will; wir sind Gespenster, die im Verborgenen weiter existieren, zur Geisterstunde, um Mitternacht, ohne je einander zu sehen, zu riechen, zu fühlen; wir tragen kostbares Geschmeide und teure Gewänder, und fühlen nur den Wind, nur den Regen, nur die Dauer eines einzelnen Herzschlags, - eines einzelnen! Jetzt haben wir ein anderes Leben, - oder jedenfalls ist es dazu geworden, irgendwann, vor ein paar Jahren. Hätten wir anders entschieden? Hätten wir in der Kindheit einen Traum weniger geträumt, wenn wir es gewusst hätten? Gäbe es mich noch, wenn nicht ich den Auslöser gedrückt hätte, sondern jemand anderes? Wer würde da jetzt liegen? Draußen, am See?

Manchmal träume ich davon. Manchmal erinnere ich mich falsch. Manchmal belüge ich mich selbst, um es besser zu machen. Dabei sind all die Träume, und Erinnerungen und Lügen die eigentlichen Fehler. Aber was soll man denn tun? Wie geht es anders?

Er sitzt jetzt in diesem Ohrensessel, und schaut mich an. Beende es, sagen seine blauen Augen, und dann verblasst sein Körper zu Staub. Was soll ich beenden? Er ist kollabiert. Er ist gestorben. Mehr kann ich nicht sagen. Auf die ein oder andere Art sind wir alle gestorben, damals, in einer anderen Welt. Im Zimmer 123, im zweiten Stock, durch einen Korridor, durch einen Vorhang tastend, - was soll man da noch sagen? Es ist vorbei? Nichts ist wirklich vorbei. Wir wechseln nur den Aggregatszustand.

Manchmal bin ich so müde. Da sehe ich zum Fenster raus, zu all diesen Starbuckspappbechern, zu all diesen McDonalds-Tüten, die im Brackwasser in der Gosse schwimmen, und denke zurück, zurück, ans echte Leben, zurück an den See, zurück an die Liebe, - ich denke an all das zurück, was ich nie hatte. Stattdessen sind da diese leeren Stellen, diese weißen Flecken unbenutzter Lebendigkeit, nur ein Schaukeln unter Bäumen, und ein Biss in die Tollkirschen, --
Atropos, --
Scherenschnitte.
Wie verabschiedet man sich richtig?
Natürlich gibt es Bücher, die einen mit schlauen Aufarbeitungstipps versorgen, es gibt Psychotherapeuten, und Selbsthilfegruppen, es gibt Musikseminare, aber letztlich ist ein Verlust doch unüberwindbar, oder nicht? Die Traurigkeit wird Teil des Lebens, - sie fügt sich in die Summe, sie ist wie eine Note einer Melodie, nur ein einzelner Ton, und trotzdem so stark wie ein ganzes Lied. Solange wir nicht vergessen, bleibt etwas zurück, - etwas, das nicht verarbeitet werden kann, nein, mehr noch: etwas, das nicht verarbeitet werden will. Warum auch? Lebe, weil du leben darfst, aber sterbe, weil du sterben musst. Sagt man Lebwohl? Oder sagt man: Bis bald?


Ich sehe dich so deutlich vor mir. Einen jungen Mann, der das Leben verdient hätte. Und der es doch nicht bekam. Du warst nicht abrupt aufgestanden, als wir über die Nazis sprachen, - du hast mich nur angesehen, aus deinen strahlenden Augen, hast mich nur angesehen, und ich wünschte mir, ich könne wütend auf dich sein, dabei war ich es, der stundenlang gesprochen hatte, - mein Mund war trocken, und ich hatte mir auf die Lippe gebissen, - über die Schuld unserer Großväter, und Väter, und auch über unsere eigene Schuld, und irgendwann war ich ganz schrecklich ungerecht geworden, dir gegenüber, und vielleicht auch mir selbst gegenüber, aber das wollte ich nicht zugeben, und so saß ich da, mit funkelnden bösen Augen, und starrte dich an. Ich wollte böse sein, aber du hast nur gelächelt, du hast gottverdammt nur gelächelt.


Ich sitze jetzt in meiner verrauchten Kleidung am Fenster, und versuche mich an die Einzelheiten zu erinnern, ...

Wie wir Kinder waren. Kleine schmächtige Jungs, die auf abschüssigen Straßen Fahrradfahren lernten, immer gerade aus, und runter, die Beine hoch, weg von den Pedalen, und hinunter, dem Wind entgegen. Auf Schaukeln wippend, unter dem Baum, gegenüber vom See, als die Sonne schräg stand, und die Fenster zu eigenen Sonnen wurden; damals, als Claire sich ein T-Shirt batikte, in gelb und grün und blau und pink, und die Kirschen glitzernd zwischen unseren Lippen zerplatzten. Und wir wurden älter, die Landstraßen reichten nicht mehr aus, sie wurden immer kürzer, und die Welt schrumpfte, und das Korn wogte nicht mehr hoch genug. Hinaus, hinaus, aufs Meer hinaus, - dorthin, wo das Glück ist.
Wie wir jünger waren, und schlaksig. Gemeinsam entdeckten wir: Haare an Stellen, wo vorher keine waren; Berührungen, die man später nicht mehr teilte; Gedanken, die allein zu grausam waren, um gedacht zu werden, zusammen aber auf der Hirnhaut prickelten. Keine Gefahr, der man auf dem Rummel nicht widerstand. Die erste Schlägerei, und Schürfwunden an den Handgelenken. Bier. Frauen, und die Liebe. Wir schnürten uns einen Rucksack, und wollten in die weite Welt, und dann war Mittwoch, und es fuhr kein Zug. Nicht nach Mitternacht.
Wie wir älter wurden. Du wurdest nicht so groß wie ich, aber dafür blieb ich schlaksig. Die Revolution erfand man im Sex, und die Liebe im Alkohol, und beides endete oft mit einem bösen Kater.


Du trägst diese schwarze Jacke, und lächelst in die Kamera. Neben dir steht Berthe, sie hat ihren Kopf auf deine Schulter gelegt, und ihre Hand berührt sachte deine Brust. Die Sonne scheint euch beiden ins Gesicht. Es ist Sommer, es muss Sommer sein, sonst ergäbe all das keinen Sinn.


Was ist nur passiert? Es ist jetzt fünf Jahre her, und ich weiß nicht mehr, wie es passieren konnte. Die Zeit hat es nicht besser gemacht. Ich habe so vieles über Berthe geschrieben, dabei ging es nie wirklich um sie. Es ist alles falsch, in der falschen Reihenfolge, in der falschen Zeit, es sollte seine Geschichte sein, dabei ist er nie wirklich da, er ist nie präsent. Überall heißt es nur: Zähl deine Wunden, und du verstehst, aber ich verstehe es nicht; ich bin narbenlos.
Ich habe oft versucht zurückzugehen, habe versucht, mich durch die Träume in die Vergangenheit zu zwängen, und es zu ändern, mit jedem Wort, mit jeder Berührung, ich habe versucht, das Unglück aufzuhalten, und manchmal hat es tatsächlich funktioniert, - nur irgendwann bin ich schließlich aufgewacht. Und du warst einfach nicht mehr da. Die Frauenstimme sagte, die Nummer sei nicht vergeben. Das Handy schickte mir meine SMS zurück. Keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wohin gehört man, wenn die zweite Hälfte fehlt? Wohin gehört man, wenn die Märtyrerpsychopharmaka die Märtyrer kriegt?

Noch ein Bild. Noch eine Zahl.
Dann habe ich alles endlich aufgebraucht.

Und ich bin frei.

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