Interlude: Undercover
Im Grunde gibt es mehr als genug, was sich über heute sagen ließe, aber ich denke, ich beschränke es vorläufig auf diese Sache, das heißt: auf den Abend im ORi. (Notizbuch-Poser on demand). Das übliche Gestammel.
[gelesen haben: Ally Klein, Don Dahlmann, Modeste, Maike, Björn Grau, Axel Wegner, Susanne Englmayer, und ras].
Eins vorweg: Die Dame, die sich links neben mich setzte, fragte mich vor Beginn, warum ich denn schreibe. Ich sah von meinem Notizbuch auf; sie hatte sich ein wenig vorgebeugt, um mir über die Schulter sehen zu können, und lächelte. Ich erwiderte: »Warum schreibt man überhaupt?«
Sie war damit nicht zufrieden; ich wäre es auch nicht gewesen, zumindest unter anderen Umständen nicht. Also sagte sie weiter: »Aber Sie müssen doch nicht mitschreiben, die Texte finden sich sicherlich im Internet.«
»Ich schreibe ja auch nicht mit, das wäre ja ziemlich lächerlich.«
»Ja, aber über was schreiben sie dann?«
»Über das hier«, ich machte ausladende Handbewegungen, »und was mir dabei durch den Kopf geht.«
Sie nickte, lächelte wieder, - vielleicht ein bisschen verhaltener, - und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
Dabei wird es auch bleiben. Ich bin der Kerl im Trenchcoat [Tren(n)-Chaot?], der um sich selbst kreist. Zumindest für heute noch, ein letztes Mal.
Okee:
1. [17.52 Uhr].
Als erstes denke ich, dass ich den Kellner von irgendwoher kenne. [Am ORi selbst bin ich dreimal vorbei gelaufen. Das spricht hauptsächlich für mich. Überhaupt: Zwischen der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee habe ich mehrfach die Orientierung verloren, und als ich dann vor der Volksbank an der Ecke stand, auch schließlich die Geduld. Wie einfach wäre es gewesen, sich im Vorfeld die Straße aufzuschreiben; stattdessen musste ich mich durchfragen, - während die einen nach links zeigten, zeigten die anderen nach rechts. Herzlichen Glückwunsch, Neukölln].
Die Wände des ORi sind grau gestrichen. Das Licht ist gelb, warm, unauffällig. An den Wänden hängen Bilder von Istanbul. Ich frage nicht weiter nach, bestelle stattdessen einen halben Liter Fanta, und mache bei Oliver Twist da weiter, wo ich aufgehört habe.
Irgendein Lied vom Mixtape reißt mich aus England wieder raus in die Gegenwart. Dieses Lied, - es klingt wie eine Erinnerung aus der Kindheit, nur ungleich näher, wie im Hier und Jetzt, wie gestern Vormittag. Es lässt mich die momentanen Sorgen vergessen, lässt mich die lähmende Angst vergessen, ach was für ein schönes Leben, und das Herz rasselt weiter, das Herz unter der Brust, auf der Zunge, - nur für einen einzelnen Blick über den Dächern Istanbuls. Nein, das ist es noch nicht.
2. [Zehn Minuten später].
Wenn ich mich nur entsinnen (!) könnte, woher ich dieses Gesicht kenne. Dunkel, und wie aus einem Traum, den man vor Jahren einmal geträumt hat, steigen Bilder auf, berühren sich sachte im Vorübergehen, jagen sich durch Kindheitswirren. Was das bloß bedeutet, fragt man sich, und dann klingelt der Wecker, bereit für den nächsten Morgen, für den nächsten Tag, für das nächste Leben.
Ich sitze alleine an diesem Tisch, mir gegenüber: der leere Stuhl, auf den sich ein Fremder setzen wird, den ein Fremder gewaltsam mitnehmen wird, - ein Fremder, der mich mit flüchtigen Blicken, eiligen Blicken, körperlosen Blicken an einem leeren Tisch zurücklassen wird, - wie auf einer Insel; einer Insel ohne Strand. In einem Meer werde ich schwimmen, Menschen, überall; sie werden lachen und mit leuchtenden Augen blinzeln, und sehen, blinzelnd sehen, während ich davontreibe. Aufs Meer hinaus, aufs Meer. (Das lässt mich selbst nicht mehr los).
Nein, so kann man nicht denken.
Sag doch stattdessen lieber: Woher?
(Aus der Kälte des Winters). Woher?
Sommers Tiefen.
Aufs Meer hinaus, aufs Meer.
Wie Wellen gegen Küsten brechen.
Ich kann nicht aufhören, mich zu wiederholen. Dabei will ich in Wahrheit nur davon berauscht werden; nein, mehr noch: bezaubert werden.
3. [18.20 Uhr].
Wenn etwas vom Menschen übrig bliebe, ...
Wenn es ein Gedanke sein könnte, ...
Oder ein Wort, ein einzelnes, ...
Was würde man der Nachwelt hinterlassen?
Was wäre so wertvoll zu überdauern?
Was bliebe?
4. [19.39 Uhr].
Irgendwie Teil von etwas sein,
und trotzdem kein Ganzes werden.
Die Tür ist mein Nacken, im Nacken, die Zugluft drückt das Kerzenlicht. Menschen kommen. Was vorher nur gelb war, ist jetzt golden. Mein Gegenüber, der Stuhl, ist weg. Ally Klein hat ihn genommen. Das ist okay, - das Chaosmädchen wird ohnehin nicht kommen. Ich versuche mich ein bisschen auf die Gespräche der Menschen zu konzentrieren, aber es fällt mir schwer. Ich begegne hier Gesichtern, oder eigentlich: Namen; die eigentlichen Leser sind mir völlig unbekannt, nur den Kellner kenne ich irgendwoher, und BastiH, in der Ecke, nur das ist irgendwie nicht richtig, das gilt nicht, denn der kennt mich nicht. (Da könnte man sehr viele Anekdoten draus machen). Ich vermeide manchmal sogar den Augenkontakt, - dabei kriege ich ausgerechnet davon sehr viel heute. Immerhin ist der Laden jetzt auch voll. Das goldgelbe Licht macht das viele Grau vergessen. Unzusammenhängend.
Irgendwie Teil von etwas sein,
und trotzdem kein Ganzes werden.
Das schwirrt mir durch den Kopf. Das wartet in den Augen, - Blicken!, - in den vom Goldlicht bestrahlten Goldaugen. Die anderen stehen sitzend, reden schweigend, alles ist erleuchtet. Ich verschwinde manchmal, für ein paar Sekunden nur, aber dafür vollständig; manchmal werde ich transparent, und bin glücklich dabei. [Ich bin wichtig!, schreit das Staubkorn]. Die Bedeutung bleibt sich selbst überlassen.
Ich sitze weiter in der Zugluft. Gibt es etwas wirklicheres als das? (Und mein Gegenüber, der Stuhl, reicht sich weiter an Susanne Englmayer).
Ich bin zum Sprechen und Winken und Andeutungenmachen zu feige. Es regnet. [Welches Wort bliebe übrig?]
4. [20.01 Uhr].
Die Menschen sind immer anders,
anders als ihre Namen,
anders als ihr Äußeres.
Nur ihre Blicke verraten sie manchmal.
Aber: Reicht das?
Ich fange im Minutentakt Blicke auf, und bin reichlich überfordert. Vom vielen Blinzeln tun mir schon die Augen weh, aber ich denke nicht weiter, nicht bis zum Ende. Aufs Meer hinaus, aufs Meer.
5.
Von den Autoren werde ich zum Teil sehr berührt. Von Ally Klein beispielsweise, die mich zweimal sehr böse anschaut, by the way, aber warum auch nicht? Und auch von Modeste. (Berührt, nicht böse angeschaut; im Gegenteil. Wenn Modeste lächelt, spürt man so etwas Unbestimmtes, etwas, das sagt: Das Leben kann eine Hure sein, aber vielleicht die schönste von allen, -- auf einem Boot sitzend, und die Wellen reflektieren das Sonnenlicht, und man möchte hinaus, aufs Meer hinaus, aber dann peitschen einem die Wellen die Gischt ins Gesicht. Ich werde mich ab morgen durch ihre Texte lesen, von Anfang an, bis heute).
Ich werde von jedem Einzelnen erfasst, - von ihren Güterzugworten, ihren Kosmonautenstimmen; weil der Raum so klein ist, gibt es keine Abgetrenntheit vom Einzelnen. Es ist, -- was genau, kann ich eigentlich gar nicht sagen, daher schweige ich still, mit großen Augen, und teilweise sogar mit offenem Mund. Es ist eine Art Erinnern, oder Vergessen, wie ein Gefühl von Größe, - von etwas, das einen so dermaßen überragt, das man sich daneben verschwindend klein fühlt, unbedeutend, trivial, aber immerhin völlig geborgen darin. Ein Blick hoch ins All könnte nicht furchteinflößender sein, und schöner. (Es gibt kein Entkommen aus dem Sog der Worte). Ich fühle mich wie ein Amateur, der es verzweifelt versucht, und doch nicht schafft, und gleichzeitig glücklich damit. Immerhin: Was braucht es mehr?
Teil von Etwas, aber kein Ganzes.
Wie ich so da sitze, wie ich so lebe, wie ich die Fanta gegen den Cappuccino tausche, wie ich schüchtern bin, (oder feige), wie ich lächle. Der Keks zerbröselt noch in meinen Fingern, und die Zeit, --
Ich kann nichts dagegen tun, ich will nichts dagegen tun, ich bekomme ein Lächeln geschenkt, - sogar ein schönes, - und zwar ganz umsonst, und meine Lippen verschieben sich zu etwas, das man getrost vergessen kann, aber was genau passiert, kann ich eigentlich gar nicht sagen. Es ist, als löse sich etwas auf, - zurück zum Brausetablettenkörper, der keine Materie braucht, zurück zum Leerzeichenleben, das genug Platz zum Atmen hat. Und genau das tue ich: Atmen, mit Tunnelblick und ein bisschen Gänsehaut im Nacken, weil etwas da ist, etwas Verbindendes.
Es ist da, wie ein roter Faden windet es sich von einem zum anderen, und manchmal verschwimmt es im Lachen, und im beschlagenen Fenster, und im goldenen Licht. Ein Gefühl, völlig irrational.
Der Wind und der Regen tragen es schließlich davon.
Es bleibt nicht.
Es sind Einzelmomente, die gerne ein Film wären.
(And life's like an hourglass, glued to the table).
Nach all dem denke ich, dass es endlich Zeit für etwas Neues wird.























