Ansatz 2B
1.
Man kennt einen noch lange nicht deswegen, weil man sich unterhält; man kommt sich nicht näher, nur weil man weiß, welche Augenfarbe der andere hat; ein Buch verrät nichts über seinen Autoren, ein Lied nichts über seinen Komponisten, ein Kind nichts über seine Eltern.
Ein Mann unterbricht sie, in dem er sagt: Es sind die gewöhnlichen Tage, die Sie traurig machen, und dann? Sie sieht zwar abrupt auf, aber sieht sie ihn? Nur ein wenig Wirklichkeit reicht doch vollkommen aus!, schreien ihre Augen, aber sie hält das weiße Blatt Papier weiter zwischen ihren Fingerkuppen, stumm und anteilnahmslos, und zerreibt ihre eigene Schrift zu blauen Flecken. Fühlt sie sich geliebt, wie sie da so steht? Mit den großen Kreolen. Und dem schwarzen Haar. Ist sie glücklich?
Sie zuckt mit den Achseln, und sagt: Vielleicht, und liest einfach weiter.
2.
In der S-Bahn schnappe ich irgendwo das Wort Nobelpreis auf und denke an das Gefühl des Scheiterns, das in mir nagt. Nein. Das mich ausmacht. [Ich bin der Kokon der Wirklichkeit, und aus mir schlüpft der Wahnsinn]. Ich mogle mich durchs Leben, bin mal hier, mal da, und eigentlich nirgends richtig, ich bin nie anwesend, ich bin ein Gespenst, die Erinnerung eines ganz anderen Menschen.
Berlin bewegt sich; links und rechts huscht die Stadt, die Menschen, die Welt. Highspeed-Bewegungen, Flatrate-Leben, Spam-Filter im Herzen. Das ist da draußen, denke ich. Und lenke mich ab, feiere eine Party in meinem Kopf, damit ich die Stille nicht hören muss, die mich umgibt, die mich durchdringt, die Ich ist, - mehr Ich als alles andere.
3.
Everybody worries, sagt der Amerikaner unvermittelt zu der Polin, die neben ihm steht, kurz bevor sie am Zoo aussteigen. Ich entscheide ganz spontan, dass das auch meine Station ist, und bin plötzlich mitten im internationalen Überall. Im Exil der Worte. Im Gedränge, atme tief ein.
Ich begleite sie eine Weile, gehe neben ihnen, als gehörte ich dazu. Es ist auch alles so leicht, in dieser Gruppe, wo jeder sich nur mit Englisch verständigen kann. (Weil Muttersprache mother's tongue ist, - das liegt im Mund und lässt sich nur im Kuss erfühlen).
Der Ire geht neben mir, und redet mit dem Italiener: sie lachen, - das versetzt mir einen kurzen Stich, aber das geht vorbei. Everybody worries. (But did anybody care?) Die Ukrainerin in dem bunten Wickelkleid stimmt ein Kinderlied an, das ich nicht verstehe, und der Amerikaner prasselt quasselnd fröhlich weiter auf die übrigen ein, wie ein plötzlicher Regenschauer, wie ein Gewitter. Bis er mich bemerkt, - da hält er inne.
Er hat ein breites Gesicht, in dem sich seine kleinen grauen Augen schier zu verlieren scheinen, breit und grob, wie ein altes Leintuch, das man zum Trocknen auf die Wäscheleine hängt, und er lächelt ein schräges Lächeln, mit dem er nicht nur Zähne, sondern auch viel Zahnfleisch zeigt. Er ist das Cliché eines Texaners, denke ich, denn er trägt tatsächlich schwarze Cowboystiefel.
Hey, and where do you come from? fragt er mich, ganz in der Annahme, ich sei Teil der Gruppe, und ich erwidere: Berlin, und grinse. So gehen wir auseinander.
4.
Als ich nach draußen komme, - Jeff Buckley spielt gerade Last Goodbye, - bin ich für eine Weile glücklich.
Reicht das denn nicht aus?





















still
lohnt immer ,hier vorbeizuschauen.