Montag, 21. April 2008

Interlude: Oh wie schön ist Panama

Ein Anflug von Hitler; Skype:

ich will, dass europa mir gehört,
& sei es nur für die hälfte meines lebens.



Was?
Naja. Der Kontext ist ein Gespräch (mit dem Chaosmädchen) über Panama. Oder genauer gesagt: über das Suchen & Finden des persönlichen Neverlands, über das Reisen schlechthin.

Fakt ist, dass ich kein Tourist sein will. Nicht für den halben Preis. (Das hat mir der Tsunami damals gründlich ausgeredet). Ich will kein Hotelleben führen, gründlich und von den Putzfrauen am Abend wieder hergerichtet.

ich will erkunden, mich in etwas einleben, es mir zu eigen machen, die bevölkerung beobachten, sie studieren, mit den "eingeborenen" reden, lachen, weinen, weiß der teufel, auch dreckigen sex haben, wenn's sein muss, aber ich will nicht von leben zu leben springen, & nirgendwo wurzeln, also: wurzeln nicht im sinne von stehenbleiben & verweilen, [...] ich möchte, wenn ich woanders bin, so viele erfahrungen wie möglich machen.

Erfahrungen. Kein Plastik, kein Photoalbum, kein I ♥ NYC-T-Shirt. Ich will keinen Abenteuerurlaub für 99 Euro, plus Rückerstattung, keine klimatisierten Bustouren. In Marokko will ich den Sand in meinen Poren, in Brasilien den unmittelbaren Schweiß der Gefahr. Es funktioniert nicht anders, - der Wunsch nach Authentizität ist nicht neu; ich will (wenn, dann!) Teil des Landes werden, der Menschen, der Kultur. Es geht nicht nur um ein paar Tage, oder Wochen zwischen zwei Lebensabschnitten, sondern um Lebensabschnitte selbst. (Refinanzier das, du Idiot!)

Aber: Bevor ich einen auf Entdecker mache, muss ich erst realisieren, nach was ich eigentlich strebe. Was ich will, oder was ich erwarte. (Wenn überhaupt). Nach was ich mich sehne. Fluchtpunkte setzt sich jeder selbst, klar, und man erreicht sie proportional zur eigenen Konsequenz, darum geht es auch gar nicht. Tatsache ist doch:

ich kenne nicht mal das land, in dem ich wohne, aus dem ich komme. ich habe nicht einmal die hälfte davon gesehen. ich will wieder nach hamburg, & nach leipzig, ich will bremen [wieder] sehen, & meinetwegen auch das schwuchtelige köln; [ich habe auch von europa kaum was mitbekommen]. ich will wieder nach strasbourg, & nach spanien; ich will italien bewandern. [ich will nach dänemark & schweden, & nach polen, & england].

Es erscheint mir einfach, in die Ferne zu schweifen, sich nach etwas zu sehnen, das weit weg ist, weil man sich an das Gefühl des Sehnens gewöhnt hat, weil man versüßten Schierling trinkt, sobald man bei einem fremden Namen plötzlich denkt: Ach, wäre ich doch nur dort!
Ich für meinen Teil habe mein ganzes Leben lang schon das Gefühl, dass ich etwas suche, was ich unmöglich finden kann, aber gerade, jetzt im Augenblick, ist es nicht so schlimm wie in der Vergangenheit, weil ich jetzt hier bin, in einer Stadt, nach der ich mich regelrecht verzehrt habe. Jahrelang. (Und vieles davon war nur projiziert, natürlich, aber darum leidet die Realität noch lange nicht darunter: Ich brauche den Schmutz, den Verfall & die Enttäuschung genauso zum Leben. Manchmal sogar noch notwendiger als alles andere). Vielleicht will ich zu viel, setze mir zu hohe Hürden für mein Leben, das anders viel einfacher sein könnte, vielleicht bin ich auch nur zu selbstgefällig, - ich weiß es nicht. Ich würde wollen, wenn ich müssen dürfte, aber es gibt überall Einschränkungen, und Prämissen, - das Geld, die Zukunft, die Liebe, - aber was sich nicht ändert lässt, erträgt man.

Ich denke, die Besonderheiten findet man nicht im Tui-Katalog, die Wunder geschehen nicht, weil man sie bucht. Ja, mehr noch: Man entkommt dem eigenen Leben nicht, indem man den Standort wechselt, - man riskiert nur einen neuen Blick darauf, verschiebt das Okular und sieht eine andere Perspektive. Und was ist dann Panama? Ich meine: Lehrt es dich Zufriedenheit? Oder Gelassenheit? (Falls ja, dann: Oh wie schön ist Panama). Oder kommt es darauf an, in Bewegung zu bleiben, um Bewegungen auszulösen, im Inneren wie im Äußeren? Fakt ist doch: das Streben nach einem anderen Leben in der Ferne vereitelt das eigentliche Leben in der Nähe. Wie soll ich richtig leben, wenn ich nur danach strebe, dem zu entkommen, und mich dann auf die wenigen Fluchtpunkte fixiere, die es mir bietet? Heißt das auf Dauer nicht: Unglücklichsein? Und weniger: Leben?


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