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Solange ich denke, dreht es sich.

Welt. Kopf. Erinnerung.

Es ist das Restalkoholblut in meinen Gedanken. Wie ein Lachen, das man mit der Hand wegwischen will, und das natürlich trotzdem bleibt. Habe ich gerade wirklich, --

Eindrücke. Ausdrücke. (Wenn ich sitze, wanke ich). Suchend tippeln die Finger über mein Gesicht, aber sie finden nichts.

Fünf Stunden Schlaf sind fünf Stunden zu viel, denke ich, und schmecke nichts als Ödnis in meinem Mund. Warum ist eigentlich meine Kleidung verkehrt herum?

Erinnere dich.


Gestern saß ich also auf einer Party, oder nein: Party ist zu viel gesagt. Es waren sieben Leute auf einem Balkon in Friedrichshain, - und Bier, viel Bier für Le Mo und mich, und im Grunde auch recht viel Bier für das Chaosmädchen, aber nicht genug, um den Film zu zerreißen.
Ich erinnere mich in einer Art überschnappender Deutlichkeit. An das Zusammenklappen meiner Beine auf dem kleinen Balkon, und an Nennen-wir-sie-Maude, die links, - links rechts links?, - von mir saß, und lachte, und auf Spanisch in ihr Telephon brüllte, und trank, und lachte, und lachte, und. Trank. Ich erinnere mich an den BWL-Studenten, und an den anderen, der der Andere bleibt, weil ich schon viel zu betrunken war, als sie sich vorstellten, um mir irgendetwas anderes als ihre Gesichter zu merken, die sich, wenn es sich denn ergab, nur dann zu mir drehten, wenn es ums Aufstehen und Bierholen ging. (Oder um den Zaubertrank, der nach Amaretto und Sommerfrüchten schmeckte). So im Nachhinein. Ich denke, die zwei konnten mich nicht leiden, denn immer wenn ich mit Nennen-wir-sie-Maude sprach, verstummten sie, hörten kurz zu, und tuschelten dann. (Besonders aufgefallen ist es mir bei dem Wort Philosophie, das ich im Zusammenhang mit meinem Studium in Tubinga erwähnte).

Außerdem, ...

Ich hatte mir für den Abend fest vorgenommen, betrunken zu sein. Unreif und kindisch betrunken, volltrunken, ich wollte blind werden, und torkeln, und dann auf einen hochwertigen Teppich kotzen, aber es blieb nur beim Taumeln und Lachen. Tatsache ist: Ich gehöre zu den Menschen, die, wenn sie betrunken sind, eine Art Normalität erreichen. Ich kann dann ungezwungen reden, ohne dabei redselig oder aufdringlich zu sein, (Blei löst sich nicht in Alkohol auf), und bleibe zum größten Teil, so wie ich bin, werde also weder emotional, noch unmündig. Alles, was ich verliere, ist meine introvertierte Schüchternheit; ich werde also nicht sofort allzu zynisch, beleidige niemanden wahllos, und bleibe vor allen Dingen bei Verstand. Ich weiß, wann Schluss ist, wann ich an der Grenze zur Kontrolllosigkeit stehe, und in welchen Fällen ich diese überschreiten kann. (Was natürlich auch nichts weiter ist als eine Form der Kontrolle).
Je nach Gesellschaft werde ich, was ich sein muss. Das klingt vielleicht zwanghaft, aber so ist es nicht gemeint. Reden, wenn zu reden ist, und schweigen, wenn es das Reden erlaubt. (Daraus könnte man eine Devise machen).

Wie auch immer.
Le Mo und ich tauschten stumme Blicke über die Kommentarfeldfunktionen der Anwesenden, - die Marquise d'O. bspw., die nett wirkte, ohne dabei nett zu sein, oder die zwei Kerle, die Nennen-wir-sie-Maude mit einer prophetischen Weltuntergangsstimme, die trotzdem versucht war, so beiläufig wie möglich zu klingen, als schwul outete. Ich weiß nicht wieso, (es wirkte so zusammenhangslos); sie hatte es möglicherweise getan, weil ich irgendeinen Satz vor mich hingesagt, oder sie mit einem Blick, - einem bestimmten, - angesehen hatte, aber sie sagte es so, als müsse sie sich für das Verhalten der zwei entschuldigen, und als sei das Wort schwul dabei die Entschuldigung schlechthin. Happy gay people. Ich nickte nur, und sagte vielleicht: Das ist mir völlig egal, oder auch: Damit hab ich kein Problem, - was beides nicht der Kern meiner Gedanken gewesen wäre, aber schlicht lässiger über die Lippen ging. Was kümmert mich die Sexualität von zwei Menschen, die ich erst vor wenigen Minuten kennengelernt habe?
Ich dachte noch darüber nach, als Marquise d'O. schon längst verschwunden war, - um sich zu waschen, wie sie sagte, und für einen Moment wünschte ich mir, sie hätte etwas ganz und gar Etikettiertes gesagt, wie: Ich pudere mir mein Näschen, doch die Marquise d'O. war eher einem pragmatischeren Charakter zu zuordnen, denn sie fragte schon zu Beginn, ob wir nicht etwas zu rauchen hätten, und als keiner bejahte, schon leicht angepisst erwiderte: Ich dachte, ihr hättet Kiffer eingeladen, - und Le Mo und ich übelst Biernachschub orderten. Ich dachte darüber nach, wie seltsam es ist, dass heutzutage das Outing eines Menschen (gerade durch einen anderen Menschen) immer noch nach Aufmerksamkeit verlangt. Wen interessiert eigentlich, wer welche Sexualität hat? Wen interessiert, ob der Kerl mit anderen Kerlen oder doch eher mit Frauen schläft, wo doch weder das eine noch das andere etwas über seinen Charakter aussagt, über das, was ich Seele nenne?

Ich konnte sagen: Sie haben sich über mein bisheriges Studium brüskiert (seit wie vielen Jahren warte ich darauf, dieses Wort sinnvoll in einem Satz zu benutzen?), und zwar mit einer Art, die mich wütend machte. Also sind sie möglicherweise kein Gespräch wert.
By the way. Wie oft musste ich meinen Studiengang gegenüber anderen verteidigen, egal aus welchen Gründen? Wie oft musste ich mir anhören: Philosophie und Französisch? Toll, und was macht man später damit? Und wie oft wollte ich sagen: Was? Du Vogel, was fängt man mit dem Wissen an, das man sich im Leben aneignet? Was resultiert aus dem Studium der Philosophie anderes als ein kritisches Verhältnis zu sich selbst und der Welt? Als die Fähigkeit, abstrakt zu bleiben, zu relativieren, zu pathetisieren, Kind zu bleiben, ohne kindisch zu sein? Natürlich hat es seine Nachteile, das hat jeder Studiengang, aber mit welchem Recht wird Philosophie heutzutage degradiert? Gerade die Philosophie, die Jahrhunderte lang Keimzelle für anderes war?
Ich war unglücklich, mit der Philosophie Tubingas, ja. Und ich mochte die meisten Studenten nicht, weil sie gerade ins andere Extrem glitten. Aber wie ich da so auf dem Balkon saß, und den abfälligen Blick der beiden sah, da spürte ich so etwas wie trotzigen Stolz in mir auflodern. Ja. Ich war stolz, es zu studiert zu haben, stolz auf Tubinga, mein Dänemark, das mir zwei Jahre lang Heim war, nie Zuhause oder Heimat, aber Heim, und auch wenn ich dem entflohen bin, - ich war stolz darauf. Ich habe es in meinem Studium weiter gebracht als andere, und ich habe den Studiengang nicht abgebrochen, weil ich es nicht geschafft hätte, sondern weil ich mit der Umgebung unglücklich war. Welche Risiken ich eingehen, und welche Opfer ich bringen musste, - das war diesen Vollpfosten doch überhaupt nicht klar.

Ich hätte ihnen dafür aufs Maul hauen können, für ihren Blick und ihr Tuscheln, das für einen Charakterzug spricht, der mit meinem kollidiert, aber doch nicht für ihre Homosexualität. Ich hätte sie über das Balkongeländer werfen können, weil sie mich in diesem einen Moment geringschätzten, weil sie mich in eine Schublade pressten, in ein bestimmtes Weltbild, in dem Philosophiestudenten nichts wert sind, und nicht, weil sie mit Kerlen ficken. (Dabei erscheint es mir so paradox, wie intolerant Menschen sind, die selbst mit Intoleranz zu kämpfen haben).

Ich versuchte trotzdem höflich zu sein. Höflich, aber unverbindlich. Ich konzentrierte mich auf Nennen-wir-sie-Maude, und auf das Chaosmädchen und Le Mo, - das war schön, so wie es war. Und vielleicht ist es die Wirkung des Restalkohols, der mir beim Schreiben dieser Zeilen immer noch durch die Adern fließt, aber ich habe jetzt, so im Nachhinein, das Gefühl, dass ich nicht nur neue Menschen, sondern etwas an ihnen und mir selbst kennenlernte. Etwas, das vielleicht mit Respekt zu tun hat, und mit der Selbstverständlichkeit der Toleranz, mit Stolz (und Vorurteil, ha!), und jeder Menge Bier.





Ach, ein Hamster spielte noch eine Rolle. (Ich möchte ihn, nein: sie, - es war nämlich eine sie, - wie eine Hauptrolle in einem Bühnenspiel erwähnen: Henriette, - so hieß sie wirklich, - die Hamsterette). Keine wesentliche Rolle, zugegeben. Sie war nur für die Musik zuständig, (andere gab es keine). Und für die Szene mit der Marquise d'O., die, als dieses riesige Tier auf ihrer flachen Hand saß, plötzlich aufschrie: Ich glaube, es hat mich angekackt. Sie ließ es unbemerkt von allen anderen in den Käfig zurückfallen, wo es dann entsetzt quiekte.

Also: die Hamsterette, nicht die Marquise d'O.
Wobei. Es hätte auch anders herum sein können.

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