Dienstag, 20. Mai 2008

GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.1

Zukunftsberge, - Zukunft bergen, Futur II: geborgen haben; man atme gegen das Fensterglas und staune über die Synchronität der Bahnhofsuhren:
>>Klack,
Herzschlag. Die Uhr steht auf Punkt 8, und ich sehe nervös auf das Handy. Ein Anruf in Abwesenheit. Sonst nichts. Mein großes blaues Auge schwebt konvex über dem Display und driftet immer weiter ab, nach oben, wo es dann mit dem anderen zusammenschmilzt und mich für ein paar Sekunden zum Zyklopen macht, - bis ich mich schließlich ganz und vollständig sehe. Ein abgehärmtes Gesicht: spröde wulstige Lippen, die gesichtsbeherrschende Nase, zu eng beieinander stehende, gerötete Augen, - das heute ist nicht gerade mein vorteilhaftestes Aussehen. (Aber ich kann es besser).

Ich sehe auf, Zyklopenbeschleunigung: Der rote Sekundenzeiger verharrt, und ticktackt dann schließlich weiter, - die Deutsche Bahn stiehlt mir systematisch Zeit, denke ich, und starre doch wieder zurück zu den Gleisen.
>>Klack.
Kein Grund völlig auszuflippen. Ich schwitze maßlos in den grauen Kapuzenpullover, - da hilft das Ärmelgekrempel und Kragenziehen auch nichts. Die Luft steht still, ist opak und lebensfeindlich, und das Training macht es auch nicht gerade besser. (Wie kann es um diese Uhrzeit nur so heiß sein?)
Umkrempeln, - das Wort hallt in meinem Kopf nach, ticktack: U m k r e m p e l n. Ein falsches Wort und dann wechselt man die Spur. (Wispernd, ein Lufthauch). Wie der Sportarzt, der mich jetzt also zum Laufen motiviert hat. (Futur II: Er wird mich zum Laufen motiviert haben). Und dann das knallrote und viel zu enge Schweißarmband, das mir irgendwann Narziss geliehen hat, das ich dann zufällig zwischen den alten Notizbüchern fand, und das mir jetzt die Blutzufuhr abquetscht. Umkrempeln. Ein Leben? Eine Einstellung. Ich atme nichts als lauwarme Luft in die Welt, und denke, es sei kochendheißer Dampf. Also: Ins Sportstudio, Gym, Fitnesscenter, - warum gibt es nur so viele aussagelose Worte für ein- und dieselbe Einrichtung? (Substrakt).

>>Klack.
Ich gehe einen Schritt weiter weg, um mir Platz zu schaffen, - weniger impressionistisch also, - und sehe mich zwischen der Kneipe mit den nikotingelben Fenstern und der Bahnhofstoilette eingekeilt, direkt am Parkhaus, unter den sind das Erlen? Bäumen. Ich bin den ganzen Weg zum Bahnhof gerannt, um den ersten Zug in die Großstadt zu kriegen, dabei ist die Großstadt weder groß, noch Stadt, sondern viel mehr die wahllose Aneinanderreihung unzähliger Substitute: picklige (postpubertierende) Türken in viel zu weiten Klamotten mit Glitzerapplikationen (Totenköpfe sind so in gerade), und Friseusenbiatches in viel zu engen Hüfthosen (pink, weiß & mit Playboybunnies), die frischblondiert, mit Solariumbräune und Frenchnail-Maniküre zu 4 Minutes aus Handyspeakerboxen ihre leichten Köpfchen bewegen, alte Frauen in zweiteiligen Standardkostümen, Männer, arschlos in Kordhosen, und Mütter, die ihren Kindern eine kleben, Emos, verschüchtert in Schwarz und Goths, irritiert in Weiß, etc. Und ich.
>>Klack.
Und ich.
>>Klack.
Und die Uhr.
Tick tack.

Neben der eingeschlagenen Glaswand lehnt eine Plastiktüte vom Kaufland, - sie ist voller leerer Bierflaschen. Fliegen kreisen. [Die Wiederholung ist (m)eine Kunstform]. Sieht das jemand, - irgendwer? Der Zug kommt, ganz in gelb, und mit Zyklopenbeschleunigung. Noch ein Blick auf die Uhr, - es ist sechzehn Minuten nach acht, - und dann steigt er aus. Viel zu spät, natürlich. Chuck, und seine Peppermint Patty.

>>Klack.
Das erste, was er sagt, ist: Ich hab da ein Buch für dich, dann rieche ich herbes Männerduschgel, und fühle mich völlig überdreht. Sie nickt dazu, weiß, dass sie nicht mit mir reden muss, denkt, ich sei ihr unterlegen, und ich nicke unverbindlich zurück. Mein Nicken könnte alles heißen, von Schön dich zu sehen bis Fahr doch zur Hölle, du dumme Schlampe.


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