GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.2

Wir sitzen in der Bahn. [Stadtbahn, heißt die, und es folgen siebenundvierzig Minuten Felder, Wiesen, Fachwerkhäuser]. Man teilt sich den Raum, indem man dem anderen nicht in die Augen sieht. Das ist einfach. Viel schwerer hingegen ist es, generell keine Anzeichen von Leben zu zeigen, kein Atmen, kein Blinzeln; man werde Stein zwischen Steinen.
Ich sitze neben Chuck-y, Niemalslandbewohner. Ich beobachte ihn aus den Augenwinkeln, und zwar in der Reflektion im Fenster. Ihm sind früh die Haare ausgegangen, weshalb er sich schon seit Jahren die letzten blonden Büschel abrasiert, und auch wenn das damals merkwürdig frühreif gewirkt hat, so, als hätte er plötzlich seine Jugend verloren, so ist es ihm jetzt Merkmal und Kennzeichen, ein notwendiges Stilmittel; unvorstellbar, er könnte irgendwann doch mal seine Geheimratsecken zur Schau stellen. Er ist ein Kopf kleiner als ich, - was keine Kunst ist, - aber dafür viel kräftiger, allein seine Oberarme sind so muskulös, dass ich daneben wie ein unterernährter Waisenknabe wirke. Das betont er natürlich: sich, und seinen Körper. Meistens sind es daher T-Shirts, die er ein kleines bisschen zu kurz trägt, - um so vieles zu kurz, dass, wenn er sich bewegt, ein bisschen Haut zu sehen ist, - nicht viel natürlich, das wäre ihm zu aufdringlich, nur ein Spalt breit. Vermutlich denkt er, dass es auf Frauen verführerisch wirkt, wenn sie ein bisschen blonden Flaum sehen, ein bisschen schwarzes Haar, Hüft- und Bauchmuskulatur. Keine Ahnung. Es funktioniert in der Regel.

Im Grunde ist Chuck mein Nemesis.

Wäre da nicht Peppermint Patty, sie sitzt neben ihm. Hat sich ihre roten Haare zu einem Zopf geflochten. Es sind schöne rote Haare, gefärbt natürlich, - wahrscheinlich mit so einer Farbe mit ausdrucksstarkem Namen, Sunset Revolution Red oder Bloody Mary Red, - aber eindrucksvoll.
Peppermint Patty ist das generell. Eindrucksvoll, natürlich. Eine perfekt funktionierende Stepford. Mit Emanzipationschip. Wie sie da so ihre Brüste durch das enge schwarze Tanktop drückt, wie sie ihre langen Beine übereinanderschlägt, der Kajal ein bisschen wie die Winehouse, ein Piercing in der Nasenwurzel, - sie schreit nicht Fick mich! Sie schreit: Denk nicht mal im Traum dran, mich als sexuelles Objekt zu betrachten! Auf ihrem Rucksack glitzert ein Button, er zeigt Alice Schwarzers Profil, darunter steht: Welcome to the Wonderland of outmoded Thinking, Alice. Für einen Moment frage ich mich, ob das Zynismus ist, oder eine klare politische Aussage, aber ich verkneife mir jeden Kommentar. Für Peppermint Patty bin ich nicht mehr als eine flüchtige Erscheinung, ein Versuch emanzipatorischer Konvergenz. Das muss man nicht beachten.

Ich habe Chucky vier Jahre lang nicht mehr gesehen; er war in Jerusalem, hat behinderte Kinder betreut und währenddessen eine Ausbildung als Sanitäter abgeschlossen, - sein soziales Engagement ist wirklich erschreckend. Während der Fahrt unterhalten wir uns ausschließlich über seinen Aufenthalt, - auf meine Frage, wie die Lage abseits der Medien zwischen Juden und Palästinenser sei, schnaubt Peppermint Patty verächtlich. Mir ist, als hätte ich etwas gefragt, wofür ich mich zutiefst schämen sollte, - Darf man überhaupt noch Jude sagen?, - aber ich schnaube nur irritiert zurück. Und weil sie es so will, richte ich mich an sie, wende mich voll und ganz ihr zu, ganz und gar Futur II, heute: eine Zukunft, die schon abgeschlossen ist.
Ich frage: Und was hast du in den letzten vier Jahren so getrieben?
Sie: Was soll ich schon getrieben haben? [So wie sie das Wort betont klingt es plötzlich wirklich anzüglich]. Ich war natürlich (!) zwei Jahre in Südamerika.
Natürlich, sage ich. Und konzentriere mich auf ihren Kopf, der dann natürlich explodiert, Blut und Gehirn spritzen gegen Fenster und Polster. Ich wische mir die Reste aus dem Gesicht, und bevor das geschieht, nicke ich. Natürlich. Was auch sonst?


FRTSTZNG FLGT

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