Donnerstag, 22. Mai 2008

GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.3

Graue Einheitsfassaden, aufgerissene Straßengräben, bunte Kopftücher vor dem H&M, und ein Geruch von verbranntem Fett. Mitten in der Stadt, Großstadt, Kreisstadt, - ein Blick in eine Welt der Slowmotionbewegungen, in der das GROSSE um das KLEINE kreist.
Wir gehen stumm und zielstrebig an den Gebäuden vorüber, die nach dem Krieg in großer Hast errichtet wurden: große graue Einkaufshallen, die sich viel zu dicht aneinanderdrücken, - ihr Glas ist trübe geworden, die Spiegel sind blind, - und Geschäfte, die mit Schildern werben, die von tausend Jahren Sonnenschein farblos geworden sind, mit Produkten, die im Gedränge untergehen. Vor einem der Geschäfte, - es ist ein Schreibwarenladen, - sitzt ein Mann und trinkt Cola vom McDonalds; daneben steht ein Becher mit Kleingeld, und ein schiefes Pappschild mit krakeliger Schrift: Ich bite um 1 Milde spende. Als gäbe es die Armut nur in der Großstadt, denke ich, und bemerke, wie es keiner merkt. Auch Peppermint Patty nicht. Worin liegt also der Unterschied?

In der Theorie sind wir alle gute Menschen.

Dabei versucht man es! Man will es: Anschluss an die Welt von Morgen! Daher die neuen Fugen im Kopfsteinpflaster. Daher die neuen Schilder. Daher neue Glasbauten. Alles will Leichtigkeit vermitteln, und ist in Wirklichkeit nur schrecklich schwer.
Zwei Minuten später verscheucht der Verkäufer den Bettler vor seinem Laden; er droht ihm mit der Polizei. Steine zwischen Steinen, zeige kein Mitleid. Keine Milde, spende!

Wir gehen an kleinen Gruppen junger Männer vorbei, immer wieder. Selbstbewusste junge Männer, in gestreiften T-Shirts und geringelten Pullovern; in ihren Ohrläppchen glitzern geschliffene Glassteine. Sie stehen vor der Kirche, und rotzen auf die Treppen; sie stehen vor den Brunnen, und streuen ihre Zigarettenasche hinein; sie sitzen auf den Wippen der Kinder, und telephonieren. Sie sind so bemüht cool, so bemüht lässig, so bemüht stark, in ihren kleinen elitären Gruppen, aber was sind sie allein? Ich versuche in ihren Gesichtern zu lesen, versuche zu ermitteln, welche Ängste sie quälen, welche Wünsche sie haben, aber ich sehe alles wie durch das Pigmentrauschen des Fernsehers. Es ist zu weit weg. Eine andere Generation. Eine andere Welt.
Wir gehen an Frauen vorbei, immer wieder. Selbstbewusste junge Frauen, in zu engen Klamotten; auf ihren Lippen glänzt roter Lippenstift, ihre Titten hüpfen beim Gehen. Sie wirken billig, und aufdringlich, zu laut, zu grell, zu viel von allem, - ein Gegenentwurf zur Emanzipation, oder seine Verwirklichung? Sind das die Mädchen, die in HipHop-Videos mit ihren Ärschen wackeln? Sie tragen kleine Einkaufstüten, in denen kleine Dinge rascheln. (Glück gibt es zu kaufen). Zum Ficken reicht es allemal.

Die Bildzeitung hat einen neuen Menschen geschaffen. [Ich denke an den Film Idiocracy, an eine Welt degenerierter Glückseligkeit].
Zwischen der Nordsee und dem Kaufhof beginne ich daher Peppermint Patty ein bisschen zu mögen, weil sie alle mit der gleichen Verachtung straft. [Jeder, der sich erniedrigt, verdient die Probleme, die er sich schafft]. Mit jedem Schritt: Ich gehöre nicht zu euch, mit jedem Blick: Eure Dummheit ist Teil des Problems, mit jedem Atemzug sagt sie: Auch wenn es Jahre, oder Jahrzehnte dauert: Die Revolution wird kommen. Futur II. Die Revolution wird gekommen sein. (Es sind nichts als Privilegien).



Ich bin zu Hause, ohne zu Hause zu sein, gehe durch Straßen, deren Namen ich nicht kenne, an deren Ecken und Kreuzungen aber billige Erinnerungen stehen, bleibe mit meinen Augen an Auslagen hängen, die mir bedeutungslos sind, und die trotzdem eine Art Begehren wecken, versuche dem eine Bedeutung abzuwringen. Ein Rückblick in die Kindheit. Ein Rückblick in die Jugend. Und dann? Es ist nur eine Geisterstadt, in der die Gespenster der verlorenen Zeit ihr Unheil treiben. Ticktack. Wo bin ich gewesen?
Ein leerer Platz in der Métro verfolgt mich durch den Sommer, Herbst und Winter, ein Kuss auf nackter Haut, ein Rippenbogen, der nicht meiner ist, auf dem sich straff die Sehnen spannen. hush my darling hush, und nichts als das Rauschen des Windes, der durch die Baumwipfel streicht. Ist es. Systematischer Verlust, rote Sekundenzeiger, ein Ausblick eines Himmels über einem roten Ziegeldach? Oder nur: Erinnern?

Mein konvexes blaues Zyklopenauge über dem Display.
>>Klack,
macht die Uhr, und das Herz, und der Zug fährt weiter durch die siebenundvierzig Minuten Felder, Wiesen, Fachwerkhäuser. (Ich muss zurück).


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