Rückkopplungen

1.
Anfangs, würde ich irgendwann sagen, anfangs war alles noch ungewohnt, aber dann, ja, irgendwann, da war's dann fertig, die Pläne realisiert, die Ziele erreicht, und das ganze Chaos hätte sich mal wieder nur als Phase herausgestellt.

Und das Papier auf dem Boden, und all das Papier auf den Lippen, und das Papier in jedem einzelnen Gedanken würde sich sammeln und sammeln, bis Bücher draus würden, die irgendwer dann endlich ins Regal stellen könnte, und nichts wäre wie früher...

Alles ist später.

Ich schiebe Später vom Fenster zur Tür.
Schlafe, rede, schieb es nirgendshin, raus.

2.
Joseph sitzt mit dem Rücken zur Heizung, und liest Zola. Im Hintergrund läuft dieses Lied; die Sonne ist ganz müde und macht das Zimmer dunkler statt heller, - ich weiß nicht weswegen. Ich sitze bei der Ecke im Eck und esse. Vergesse. Zupfe mir Haar von der Zunge, träume. Frage irgendwann: Was machst du in letzter Zeit eigentlich so häufig hier?, und Joseph legt das Buch zu den andren und lächelt, sagt: Ich lese. Ich lese deine Bücher. Ich lese sie hier, weil ich dein Zimmer mag. Weil hier alles so klar ist, alles ordentlich und geordnet, weil ich hier weiß, wo die Dinge anfangen, und wo sie enden,... Stört es dich denn, dass ich hier lese?

Nein-nein, nur --
Schlafen - sterben - träumen vielleicht.
Hamlet.

Nein, sag ich, und schweige. Zwischen meinen Zähnen klirrt Abschied. Immerzu Wiedersehenwollen, und Sehnsucht. Selten Ankunft. Ich bin nirgends, selbst daheim nicht. Das sag ich nicht, das denk ich nicht. Ich fühl's nur.

Wie ganz sein? Wie nicht fremd werden? Und an der Welt erkranken,... ?

Ich stehe auf, und gehe ziellos von Buch zu Buch und greife nach Seiten. Lese. Atme aus. Atme ein. Gott, ein ganzes Leben in diesem schalen Atem.

Eine ganze Generation voller Genies in diesem Atem,
und ein Jubeln,
und Sterben,
etwas, das die Welt noch nicht gesehen hat,
ein Sterben, das keine Leichen lässt.

Wie wenig ich noch hier bin, wie wenig Mensch, und wie viel Welt stattdessen, wie wenig mir dieser Atem noch ist und meins, und mir und mich...

Joseph sieht rüber, und mich ansehen ist wie den Namen vergessen, wie Aufwachen und nichts mehr von den Träumen wissen. Ich negiere, und verschatte, was morgens blieb, ich dunkle der Welt wie ein Unglück,... Und Joseph fragt mich, was los sei, und ich sage, ich weiß nicht... Und weiß es nicht. Wenn Hamlet nicht Hamlet ist, wenn Hamlet sich entfremdet hat, dann ist er nicht schuld an seinen Taten. Doch wenn er's nicht ist, wer dann? Sein Wahnsinn.

3.
Ich zittere plötzlich.
Sein Wahnsinn.
Atme. Atme. Atme.

Die Welt baut sich auf, rings um uns her baut sie die Bühne,
Stein um Stein setzt sie ihren eignen Fall in Fugen, -
wer denkt, wer spricht, wer legt die Hand noch zum Herzen?,

von dem Buch blick ich auf, morgens um halb neun, und seh den Mann da liegen, beim Bahnhof liegt er quer zum Weg. Noch brennen mir die letzten Worte im Auge, aber ich seh ihn doch: den Mann, der auf der Straße liegt, in dünner Kleidung, einem Hemd vielleicht, ich weiß es nicht, mit Pappe unterm Kopf, - ganz jung, ein Kind in alter Haut, - und einem Bart, der nicht dichter ist als meiner, und mit Frost in beiden Augen, der liegt und schläft und schläft nicht mehr, und weiter, weiter!, los!, der Bus fährt viel zu schnell, er nimmt die nächste rote Ampel mit, Hupen!, so schnell sind wir, so schnell, dass es kein Halten gibt, durch die nächsten Straßen, wo der Wind heult, - und heult, - die ganze Welt ist nichts als Heulen - nur jetzt leuchten die Plakate, groß und größer und nirgends bleibt ein Himmel frei. Und nirgends Gott. Stattdessen steigt diese alte Frau ein, ich weiß nicht, wo, die riecht nach Verderben und Straße, die riecht nach Müll und Unrat, die stinkt nach Verfall; und so geht sie von Sitzreihe zu Sitz und schreit bis der Busfahrer kommt und sie drum bittet, den Bus zu verlassen. Das, was mal ihr Gesicht war, ist Fratze. So zieht es am Fenster vorbei, wo die Zigeunerkinder bettelnd sich um sie scharen, sie hüpfen und lachen und spucken mit Grimassen, und weiter, weiter, durch das Dunkel fährt der Bus, ich seh's ganz genau, alles, immerzu seh ich, und bin zum Sehen noch verdammt. Lucia? Lucia! Nichts, kein Wort. Dabei haben die Heiligen längst ihr Schweigen gebrochen; jetzt ist ihr Schreien überall. Wir sind ertaubt, wir hören's nicht. Es dröhnt und rauscht und brüllt die ganze Welt. Nur sehen. Nur sehen, das ist's, was wir müssen: Müll wirbelt im Wind, peitscht gegen Glas und Menschen. In den Zeitungen schreiben sie, in Athen drohten die Schatten, in Athen ausgerechnet. In den Zeitungen schreiben sie, Europas Politiker schacherten um Macht. Sie schreiben, die Einnahmen des Staates Deutschland sprudelten kräftiger als angenommen. Sie schreiben und schreiben, alle Worte fliegen mit dem Müll die Gehwege enlang, wo der nächste auf der Straße hockt und bettelt. Immer mehr seh ich von ihnen, immer mehr, sie kommen aus Finsternis und Asche, und strecken ihre Klauen, die einst Finger waren, zum nächsten bisschen Leid. Aber ich bemitleide nicht. Ich fühle nicht. Im Gegenteil. Ich entleere. Leere jeden Tag. Versuche Normalität zu wahren. Den Anschein von Funktionalität zu erwecken. Lächeln. Nach dem Wochenende fragen. Einkaufen. Die Rückkopplung vergessen, die ja doch trotz jeder Vorwarnung geschieht... Reden, und reden, und am Ende alles dabei belassen, nichts ändern. Wieder einkaufen. Wieder darauf hoffen, der Einkauf hätte einen wenigstens jetzt zum besseren Menschen gemacht. Hätte geadelt. Und hätte geholfen. Und dann noch mehr Müll, der die Straßen entlang peitscht, wo der nächste Wahnsinnige wartet, mit faulen Zähnen und zittrigen Fingern, die nach Pfandflaschen suchen - unermüdlich.

Im Büro feiern sie mit Schampus und Luftschlangen den nächsten großen Clou. Es wird gelacht, man jubelt, es gibt Applaus. Die Band auf der Titanic spielte noch beim Untergang. Nearer my God to thee, nearer, nearer...

4.
Als ich aufwache, ist Joseph nicht mehr da, und eine weitere Woche verging in Rausch und Müdigkeit.

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