Das Unglück von Blei und Tafelsalz

Ich dämpfe jedes Licht, und trinke den Southern Comfort direkt aus der Flasche. Schreibe Matthieu eine Kurznachricht, sage: Ich muss ganz viel vergessen; leben, und er antwortet nicht. Ich sitze im stillen, warmen Dunkel meines Zimmers, rieche nach McDonalds und Theater, nach fremder Leute Lachen, riech ich, nach unermesslich viel Zukunft und Möglichkeiten, und trinke. Ein Cliché, ein ganzes, statt bloß einem halben, ein voller Mund statt einem leeren: das ist genau das, was von mir erwartet wird; das ist, was ich tun muss.

Ich lege The Sparrow and the Crow auf,... Kratzen erst, dann einzelne Töne, dann Weite und Hall. If You Would Come Back Home schneidet tief,... und tiefer, aber eigentlich fühle ich nichts, niemanden, kein Doppeltes im Einsamen. Das ist, was bleibt. Die Genugtuung der Gesunden, die höfliche Distanziertheit der Unbeteiligten. Ein bisschen Smalltalk zwischen Kaffeemaschine und Müslischüsseln, eine Hand, die eine andere tätschelt. Vergessen, unbewusstes, unsinniges Vergessen, und eine Schaufensterreflektion, die sich dreht und dreht...

Drei Telephonanrufe bringen Unglück und Absurdität.
Einen beginnenden Schwanengesang, ein Sterben aller Nervenzellen. Einen Todgeweihten. Es bringt aus der Ferne alles an Schicksalsschlag und Krebsgeschwüren, was einem Genetik und Umweltverschmutzung bieten können. Und in Wedding stehen alle im Halbkreis um die angetretene Hundescheiße. Ich sehe allen ins Gesicht, reiße am Jackenkragen, weil mir die Luft ausgeht bei all dem Starren, und -- nichts. Gar nichts. Nichts als verzweifelte Zeiten, in denen jeder dem peinlichen Schweigen mit gemischten Gefühlen aus dem Weg geht, und lauter lacht, als es dem Raum zukommt, - der Raum der sich ausbreitet zwischen einzelnen Händen, und Geschlechtsteilen. So müde. Denk ich. So müde. Nichts als Gewöhnlichkeit, die nach einem greift und nivelliert und ins Nirgendwo zurückstößt, irgendwo irgendwer und ein Lächeln.

Als ich nach Hause komme, steht Joseph da und nickt, aber ich sehe keinen Joseph, Joseph gibt's nicht mehr, ich zerblicke ihn zu Asche und nichts als Asche, danach schmeckt er auch. Also geh ich an den Kühlschrank und hole die halbleere Flasche - halbleer, nicht halbvoll: nur noch wenige Schlucke -, und schlage die Kühlschranktür so fest zu, dass alles scheppert und wackelt, Ketchupflaschen, Olivengläser. Alles. Die Stimme sagt: Was ist denn mit dir los?, und ich antworte noch: Krebs, immer: Krebs, er frisst sich durch mein ganzes, beschissenes Leben - dabei weiß ich, dass mein Leben nicht beschissen ist, dass ich glücklich sein könnte und zufrieden, dass der Tod all jene bisher verschont hat, die ich liebe, und den ganzen emotionalen Scheiß, aber ich will es sagen, ich muss. Das ist meine Rolle: die des Schauspielers, der sich selbst spielt.

Am blinkenden Anrufbeantworter, wo aller Kummer gespeichert ist in Einzeilergedichten, geh ich vorbei und will ins Zimmer, da hält er mich fest, dieser Joseph, der so gerne in meinem Zimmer liest, weil da alles Ordnung ist, und Sinn. Jetzt werfe ich die Jacke von mir ab, und werfe sie zurück ins Dunkel, und die Flasche knall ich auf den Tisch und belle: Was willst du?, und er sagt: Was ist mit dir los?, und es ist mir ganz egal. Meine Finger riechen nach Pommes und gerade geschlossenen Türen, nach Selbstmord.

Raus aus meinem Zimmer, sag ich, Raus aus diesem Haus, und meine Stimme fühlt sich fremd an, geliehen. Durch mich spricht Vergangenheit und Unglück. Durch mich spricht nichts außer ich selbst. Aber das ist genug. Das reicht. Und er, dieser Joseph, der lässt meinen Arm los und geht rückwärts aus dem Zimmer, dem warmen, stillen Dunkel, wo die halbleere Flasche auf meinen Mund wartet, auf meinen Durst.

Auf meinem Handy ist auch ein Anruf von A.
A.
Ausgerechnet, und immer alle halbe Jahr.

Wie sich der Boden unter mir verschieft und verkrümmt, wie die Decken ins Ziellose gehen, und die Fenster krumm und wütend sich beugen. Ein Anruf, zwei, drei - viele, und alle bringen sie mir Salz und Gleisgewisper, bringen mir die Vergangenheit in einem einzelnen Seufzen und Müdigkeit. Das ist es?, dein Leben?, das ist die Summe der Gewöhnlichkeiten, und ich trinke einen weiteren Schluck.

Matthieu schreibt: Na aber gerne doch, und ich fühle mich erlöst. Für eine, für zwei Sekunden. Dann wuchert es weiter, das Dunkel, die Krankheit - ein Schicksal. Es wuchert und wuchert, es vergiftet mir die wachen, die hellen Stunden. Aber: Abschütteln, es von sich stoßen. Weitergehen. Wieder mal zu den besten Pornos wichsen. Sich auf der Party gehen lassen. Mit irgendwem Sex haben. Random Slut Behaviour. Nichts fürchten und böse sein, gewissenlos über den treusten Freund hinwegstolpern und ihn ein weiteres Mal zu Boden reißen, fressen und fressen und am lautesten lachen, obwohl uns die Ferne trennt, die Kilometer, das eigene Ich, das niemandem gehört. Auch einem selbst nicht. Lesen. Kotzen gehen. Weiter machen. Immer, und immer.

Das ist die Moral von der Scheißgeschichte hier: Du musst immer weitermachen. Egal, was dir zum Essen gereicht wird. Ob Blei. Oder Tafelsalz.

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