like marbles on glass



Durch ihr Zimmer geh ich mit seidenen Fingern, mit gefasstem Atem durch ihr Sonnenlicht. Alles ist sanft, und leer, nüchtern und still: Ein Holztisch unter dem Fenster mit zwei Stühlen links und rechts, und auf beiden jeweils ein Kissen; ein Sessel in der Ecke und daneben drei schiefe Bücherstapel; ein weißbezogenes Bett, sonst nichts. Im ganzen Raum: Sonst nichts.

Sie geht barfuß in die Küche, holt eine Tasse mit Tee, der schmeckt nach Honig und Kamille, nach einer Kindheit im Licht, mit der Hand der Mutter im Haar, und ich, an einem Sonntag, bin hier. Trinke. Atme. Schaue die Titel der Bücher durch. Kleist, Hofmannsthal, Rilke, Zweig auf der einen Seite. Nin, Vian, Enzensberger in der Mitte. Nietzsche, Camus, Baudelaire auf der anderen Seite. Sie sagt: Du lebst zu schnell, du bist nichts als Übermaß.

Ich fühle Herzschlag nach und Augenring, dem Raureif meiner Haut, dem kalten Dampf meines Mundes. Trotz aller Kälte ist ständiges Brennen in mir. Ständiges Wollenmüssen, und Nicht-anders-Können... So viel Ohnmacht in meinen Augen. Ich atme bis mein Bauch voller Welt ist, und rühre langsam mit dem Silberlöffel in der Tasse. Sie sieht mich an und mir ist, als sähe mich zum ersten Mal ein Mensch an in meinem Leben. Ganz, und ohne jedes Urteilen. Ihre kaffeebraunen Augen streifen den Wahn, der in mir ist, und alle Wut, sie streifen den Manischen und den Depressiven, alles Vergessen, und - sie lächelt.

Wie still es ist, im fünften Stock, mit dem Blick auf die Mansarden der Stadt, denk ich, und sag nichts.

Sie geht mit wiegenden Schritten ins Nebenzimmer, und bringt den Plattenspieler mit und ein Lied, das nach Herbst klingt, nach fallendem Laub und Wärme im Drinnen, und schenkt mir eine weitere Tasse ein. Was für eine Ruhe. Was für ein Frieden, denk ich. Und wackle ein bisschen mit den Zehen.

Sie legt sich auf ihr Bett, liest laut:

Et pourtant aimez-moi, tendre cœur! soyez mère,
Même pour un ingrat, même pour un méchant;
Amante ou sœur, soyez la douceur éphémère
D'un glorieux automne ou d'un soleil couchant.*

Und Joseph betritt den Raum - groß und schlank und den Bart voll Sägespänen -, und setzt sich zu mir an den Tisch, sagt: Warum beißt du dich an dir nur so fest?

Später. Wir liegen zu dritt auf dem Boden, die Platte dreht sich unermüdlich, und immer von vorn. Wie viele Stunden?, wie viele Tage und Jahre, - ich bliebe für immer.




*Charles Baudelaire, Chant d'automne

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Zuletzt aktualisiert: 28. Januar, 01:34

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