Die Sonne über Montevideo

1.
Zu Hause sein. Überall sein. Ich kann mich nicht konzentrieren. Beschäftige mich mit Kleinigkeiten. Alles ist wichtiger, als Jetzt-Zeit. Besonders abends.

2.
Mit Ian trinke ich die ganze Nacht bis 5 Uhr morgens, und der Gedanke ans Wieder-Arbeiten-Müssen bringt mich um den Verstand.

3.
Im Bett ist die Wirklichkeit immer ein Aufwachen weit weg.

4.
Mein Zimmer wird jeden Morgen kleiner und die Ferne hinter dem Fenster wirkt gigantisch.

5.
Der Himmel ist wie eine Drohung.

6.
Den anderen geh ich beharrlich aus dem Weg. Ich schließe meine Türen leise und vorsichtig, und trete nur mit den Zehenspitzen auf. Eigentlich kenne ich hier niemanden. Es sind Fremde im Haus. Ich finde ihre Krümel in der Küche, ihre Flecken, ihr benutztes Geschirr; im Badezimmer riecht es immer nach Bleiche, und weiße Kochschürzen hängen zum Trocknen über der Wanne. Manchmal höre ich ein Lachen durch die Wände, ein fernes, gackerndes Lachen. Meistens mache ich die Musik dann lauter.

Wie lange geht das bloß schon so?
Ich lösche Lichter und stelle die Heizkörper aus, beharrlich hauche ich Schatten und Kälte in alle Räume. Sehe missbilligend auf die Krümel, die Flecken, das benutzte Geschirr. Ich will nicht sprechen, mit niemandem; meine Sprache ist mir fremd im eigenen Haus.

7.
Du brauchst die Menschen auf, sagt Joseph und reicht mir den Teller. Er hat zu Mittag gekocht, es riecht nach Rosmarin, Mittelmeer, Sommer. Was ist mit diesem Engländer beispielsweise?, oder mit der Belgierin? Ich kaue, sage: Was soll schon mit denen sein? Die leben ihr Leben. Er sieht mich an, reicht mir das Wasserglas, schweigt. Ja... ja, sag ich. Sie sind mir zu viel.

8.
An manchen Tagen geht mir alles ganz leicht von der Hand. Jedes Wort fühlt sich richtig an, die Bücher lesen sich von selbst. An anderen Tagen bin ich selbst zum Aufstehen nicht in der Lage.

9.
A. ruft mich frühmorgens an; seine Stimme ist Kaffee und Croissant, ein Blick auf die Rue Lamarck. Du hast mit Leticia geschlafen, sagt er. Das ist schon ein Jahr her, sag ich. Dann: Schweigen. Dreißig Sekunden, vierzig. Eine Minute Stille und nur ein Atmen in der Leitung. Wann kann ich dich sehn, sagt er. Wie lange bleibst du diesmal, sag ich. Eine Woche.

Ein paar Minuten später, und ich lege eine Platte auf. Erst Chet Baker, Embraceable you. Dann Ella Fitzgerald, April in Paris. Sehnsucht - ein endloses Sterben.

10.
Anders, es muss anders gehen. Alles.

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