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Donnerstag, 10. Juli 2008

das Meer

Ich habe geträumt ein anderer zu sein. Jemand Fremdes. Ein Mann auf der Straße, dem man ganz zufällig begegnet. Ich habe einen Blick ins Spiegelkabinett geworfen, tausendfach zu verzerrten Selbstbegegnungen zersprungen, und dann, wie ein Lachen, dessen man nicht habhaft wird: Der Verlust der eigenen Gedanken.


Es war warm, und die Sonne schien zwischen den Wolken.


1.
Ich habe seinen kräftigen Oberkörper mit einem cremeweißen Hemd bedeckt, die obersten vier Knöpfe waren offen und zeigten Hals, und ließ ihn eine leichte beige Sommerhose tragen, so wie man sie manchmal bei alten Männern entdeckt, die an den Promenaden, ganz leger und ungezwungen, mit der Sonne im Gesicht, das Meer betrachten.

Das Meer!
Dort war ich.
Eine Brise durch die blonden Haare, wie ein Kuss auf Schlüsselbeine. Sehnen. Unter der Haut und in die Ferne. Nichts als ein Duft, ein Geruch, so flüchtig wie die Liebe, sagten die Matrosen unten am Pier, wo sie beieinander standen und sich eine Zigarette nach der anderen in die Mundwinkel schoben, und lachten und rauchten und rauchten und lachten, und immer das Rauschen des Meeres in ihren viel zu jungen Gesichtern; die Dampfwolken ihrer verlorenen Jugend umgaben ihre traurigen Augen. Nur ihre Münder lachten.
Aber das war nicht mein. Ich war kein Seemann, ich habe das Meer nie geliebt, oder gebraucht, oder herbeigesehnt; ich ging nur vorbei, am Pier und der kleinen Spelunke, vor der die Huren standen, und schmeichlerisch winkten und gewissenhaft zwinkerten, wenn einer wie ich an ihnen vorüber ging. Doch stehengeblieben bin ich nie. Bei ihnen. Ich habe sie nie aufgesucht, die Huren des Meeres. Ich habe nur ihr Salz auf meinen Lippen geschmeckt, sobald der Wind von Norden kam, und sonst nichts. Es gab dort nichts für mich zu tun.


2.
Ich war eine Skulptur, die man aus Marmor schält, mit Gliedern so beweglich wie die der Marionetten. Ich habe nicht gesprochen, - ein ganzes Jahrhundert des Schweigens in meinen Träumen, - ich habe stattdessen die Tasche aus braunem Leder getragen; die abgewetzte Haut eines toten Tieres zwischen meinen Fingerspitzen. Kein Gefühl dazwischen. Nur ich und die Tasche, in der die Bücher hin- und herrutschten, ohne je ein Gewicht zu besitzen, - Manuskripte vielleicht, oder Moby Dick, ich weiß es nicht genau. Mich trug die Eile meiner fliegenden Beine, das Pflaster unter den Schuhen, und das Klatschen der Wellen an die steinernen Brüstungen, unweit der Huren, es trieb mich voran. Vorbei an den Fischkopfeimern, dem schleimigen Holz der angeschwemmten Planken, den nassen Tauen, die wie Schlangen geringelt neben leeren grünen Flaschen lagen; vorbei an dem Zweimaster, dem kleinen Ruderboot zweier streitender Männer, am Drei- und Viermaster vorbei, und weiter. Die Rufe der Huren, ihr Zwitschern im Ohr. Und das kehlige Lachen der Männer.


3.
Dann irgendwann, - nach hundert oder zweihundert Schritten über glitschig rutschige Stellen, - stand ich dort, an der Rehling des Schiffs, und sah dem Kapitän ins Gesicht; ein altes, wettergegerbtes Gesicht natürlich, voller Falten, in die sich das Salz des Meeres tief hinein gefressen hatte, großporig und mit geplatzten violettroten Äderchen auf Nase und Wangen, - ein Gesicht wie ein zerfleddertes Buch, tausendmal gelesen und nie recht verständlich. Er sah mich aus schwarzen Augen an, musternd, abwartend, und strich sich über das breite Kinn und über die Lippen, nachdenklich, unbeweglich. Eine Galleonsfigur aus moderndem Holz.
Ich ließ die Tasche von der Schulter fallen, und entnahm ihr eines der Bücher. Der Einband war zerrissen, der Titel unleserlich.

»Gib es mir«, sagte er. Eine Stimme wie Möwenkrächzen. Und ich

meliterature (Gast) - 11. Juli, 10:28

"Alles ist erleuchtet" [Everything is illuminated] ist eines meiner Lieblingsbücher!!! Du musst mir unbedingt sagen, wie es dir gefallen hat :D Und wenn es dir gefallen hat: schau dir den Film an. Mit Elijah Wood. Beides ein Traum <3 Das zweite Buch von Foer "Extrem laut und unglaublich nah" ist auch sehr gut, aber mein Herz gehört den Erleuchteten.

AiHua - 11. Juli, 15:49

Dem kann ich nur zustimmen, tatsächlich ist hier die Verflimung auch einfach gut.
morbus - 14. Juli, 17:48

@rachelle. okay. ich werde dich informieren, wenn ich mit dem buch fertig bin; könnte noch eine weile dauern. (& den film habe ich auch auf meiner wunschliste).

@aihua: auch hier. traue deinem filmgeschmack as well. :D

chaosmaedchen - 12. Juli, 00:44

das sind wirklich schöne Gedankenferien =)

morbus - 14. Juli, 17:48

sänk ju.
La vida es sueño (Gast) - 12. Juli, 20:12

nicht alles ist erleuchtet

...unser verborgenes ich -
diese schichten sind wie fossile - überreste -
verkohlt -
von leidenschaft und versteinert wie marmor...

Deka Dent - 13. Juli, 21:49

Dorian Gray, weiss nicht warum, aber daran erinnert es mich.

morbus - 14. Juli, 17:49

indeed, an monsieur wilde sogar? da hätte ich wieder mal gerne deine assoziationskette im kopf. :D

La vida es sueño (Gast) - 14. Juli, 01:30

Fassaden ...

tja ein roma über die menschliche Seele... was hinter fassaden stecken kann...vielleicht darum.