Kurzschluss 2: it's already gone
1.
Der Regen. Und immer: Der Regen. (Ein ständiges Belügen). Es ist alles nass, --
auf der Straße, sagst du, dabei sitzen wir stumm beieinander. Zwischen uns: Fünfzehn Zentimeter Raum, zwanzig vielleicht, - es ist ein ungemessener Abstand, bemessen in seiner Unermesslichkeit. Das kann man mit keiner Bewegung füllen, optisch unfaßbar. Wir sind zu weit weg, - zu, - weit, - weg, - und doch könnten unsere Finger sich berühren. Wenn wir wollten. Wir könnten uns in den Arm nehmen. Allein das schon: Umarmen! Aber wir tun es nicht. Wir sitzen nur neben einander, jeder auf seinem eigenen verlorenen Posten, und hören den Regen.
Nichts als den Regen.
Ein rauschender Vorhang aus Bindfäden.
Ich sollte demnächst gehen, sagt mein Blick auf die Uhr, sagen die roten, rollenden Ziffern auf schwarzem Grund, sagen die Herzschläge pro Minute, und mein Mund ist rissig, und meine Zunge geschwollen, und trotzdem tut keines der Worte beim Sprechen wirklich weh. Es ist einfach schon alles gesagt.
Oder nicht?
(Ja).
Oder nicht?
(Nein).
Ich stehe schließlich auf und befühle mir mit trockenen Händen den Nacken; alles ist verspannt. Das könnte auch die Haut von jemand ganz anderem sein; die Muskeln eines Fremden. Aber das ist es nicht, nichts ist in der Art anders, nichts ist fremd. Ich kenne mich zu gut, um zu wissen, dass ich nicht deine Hand nehme, deine rauhe Hand, deine kaputte Hand; ich bin ein Feigling.
Den Zug erwische ich pünktlich.
Wir winken uns durch das Fenster zu.
Du wirst kleiner, ich bewege mich schneller.
Dann sind wir plötzlich nur noch Stimmen am Telephon.
2.
Wie ist es, ihr Leben zu führen? Jetzt, ganz alleine?
Morgens wache sie viel zu früh auf, mindestens zwei Stunden vor dem Klingeln des Weckers, lege die Bettdecke zurecht und schüttle das Kissen auf, gehe durch die Wohnung im Zwielicht bis in die Küche, nehme dort die weißen kleinen Tabletten aus der weißen kleinen Plastikdose und schlucke sie mit ein bisschen Wasser, - das Wasser aus dem Wasserhahn, das Glas habe sie schon am Abend zuvor bereit gestellt. Sie setze sich dann vor den Fernseher, um die Zeit bis zum Frühstück zu überbrücken; auch wenn um diese Uhrzeit nichts gescheites komme. Sie sehe sich das Frühstücksfernsehen auf Sat1 an, dabei möge sie das gar nicht.
Geht es denn auch anders?
Die Tabletten, bitte mindestens eine halbe Stunde vor der Mahlzeit einnehmen, nur auf nüchternen Magen, - sie müsse bis zum ersten Schluck Kaffee warten, bis zum ersten Bissen, und dabei sei das Frühstück doch die wichtigste Mahlzeit des Tages, bedauerlich und unvermeidlich, - sie richte sich damit ein, arrangiere sich, und immerhin: Das Fernsehen lenke sie ab. Von den schlechten Träumen, die sie die meiste Zeit wachhalte. Von den Herzproblemen. Der Einsamkeit.
Sind es die Sorgen um die Kinder, die Schwester, sich selbst? Beginnt es tatsächlich schon am Morgen? Und endet es dann nicht einfach so? Endet es eigentlich nie?
Die Wohnung müsse regelmäßig geputzt werden, auch nach dem Frühstück, dann später, daher sauge sie Staub und wische den Glastisch bis er glänzt; erst wenn alles sauber sei, sauberer und ordentlicher, dann könne sie in ihren Zeitschriften den einen oder anderen Artikel lesen, und Kreuzworträtsel lösen, oder sie schalte sich weiter durchs Fernsehprogramm, manchmal bis spät in die Nacht.
An bestimmten Tagen halte sie es zu Hause nicht aus, dann fahre sie in die Stadt, - die Kleinstadt, in die sie vor so langer Zeit gezogen war, weil es keine andere Möglichkeit gab, und die sie jetzt hasse.
Sind es nicht immer die gleichen Straßen, Geschäfte, Geschichten? Lohnt es sich, - hier? Lohnt es sich, neugierig zu sein, wenn die Geheimnisse der Anderen auf der Straße liegen?
Wie sie morgens da sitze, und mittags, und abends; nachts schlafe sie manchmal auf der Couch langsam ein und wache erst sehr spät wieder auf, - und dann? Immer dasselbe.
An manchen Tagen nehme sie den Telephonhörer in die Hand und hoffe, ihren Kindern könne es jetzt einmal wirklich gutgehen und sie könnten ihr dieses Gutgehen ausleihen. Nur für einen Augenblick, nur für die Dauer des Gesprächs: Glücklichsein. Freisein. Vom Schlafmangel, von den Herzproblemen, von den Sorgen um die Kinder, die Schwester, um sich selbst. Der Einsamkeit. Vor allem von der Einsamkeit. An anderen Tagen gebe sie die Hoffnung auf.
Es geschieht viel zu selten.
3.
Die Straße rollt in die Ferne, und darüber nichts als die geschlossene Wolkendecke. Keine Schilder, keine Begrenzungen, nicht einmal mehr Gras am Straßenrand. Ich fahre ratternd über die Schienen. Zurück!, zurück, nur für einen Augenblick.
Umgeben vom Lachen. Zwei Frauen, ihre Gesichter an Scheiben, der Atem beschlägt das Glas. Eine Sitzreihe weiter: drei Kinder, - ein Mädchen, zwei Jungen, - spielen mit Karten. Eine alte Frau rollt ihren beigen Stoffkoffer durch den Korridor. Leben. Sie alle mit ihren Zielen, ... ihren Vorstellungen. Der Schaffner kommt und kontrolliert die Tickets. Ein amerikanischer Handlungsreisender setzt sich neben mich, und plaudert über Europa. Wieder: Lachen, und die Kinder toben hinter den Sitzen. Die Frauen lesen in ihren Büchern. Das Glas ist längst wieder durchsichtig geworden. Die alte Frau ist verschwunden.
Da ist er wieder, der Stich.
Ich versinke in dem blauen Sitz und frage mich, wie es sich anfühlt, wie es ist, berührt zu werden; wie es wäre, die Fliegen nicht mit eiligen Handbewegungen zu verscheuchen; eine Umarmung auf der Schultreppe, die ein Leben lang dauert; ein bisschen weniger Einsamsein. Aber gerade das ist es ja, der Unterschied.
In einer Menge von Menschen, die reden, - die sich mit Worten bekriegen, die Worte benutzen, um sich auszuziehen, um miteinander zu schlafen, die sie um sich werfen wie Splittergranaten, wie Blumensträuße an Hochzeitstagen; - in einer Menge von Menschen, in denen die Worte so sachdienlich, so zweckentfremdet, so wahlos willkürlich und voller Präzision gesprochen werden, und dann ihre Blicke, die Augen voller Sehnsüchte und Wünsche, voller Begehren, - Augen, die nur dazu da sind, um zu erfassen, um zu durchleuchten, zu analysieren, die einteilen, ohne die Abstraktion zu verstehen, so viele Blicke!, - und die Körpersprache selbst der souveränsten Leute: Nichts als Suche. Manchmal. Nichts als Hoffnung. Nichts als die Überbrückung der Stunden.
4.
Aber man geht weiter. Man richtet sich ein.
Am Telephon wird wieder geschwiegen.
Fünfzehn Zentimeter Raum zwischen den Menschen, zwanzig vielleicht.
Es geht nicht näher.
Man begegnet sich nicht einfach so.
Die Grenzen aus Blei, man überwindet sie nicht.
Und das ist es dann.
Nur das.
*
Ich bin Teil des Kurzschluss/2-Projekts;
alors: les Mesdames et Messieurs:
Patsy Jones | BastiH | Nessy | Ally Klein | Pulsiv | AiHua
Schön :)
gerade dieser eine satz? echt? also. äh. danke. ( ). dahinter steckt tatsächlich eine geschichte für sich, ich hätte nicht gedacht, das ausgerechnet die herausgenommen oder als besonders empfunden wird. (das mindfickt mich jetzt ein bisschen).
an der schultreppe
okay. dann wüsste ich jetzt gerne von jedem einzelnen: warum? gibt es da referenzen im jeweiligen leben? ich meine, man stolpert ja doch nicht gänzlich ohne grund, oder?
Habe gestern...
...öfter mal angesetzt, aber irgendwie herrschte da zu viel Chaos oder einfach Müdigkeit in meinem Kopf, so dass ich nicht dazu imstande war das mehr als stichpunktartig zu formulieren. Jetzt vor der Arbeit hoffe ich es besser hinzukriegen.
"eine Umarmung auf der Schultreppe, die ein Leben lang dauert; ein bisschen weniger Einsamsein."
Die große Masse verbindet mit der Schultreppe einen Teil seiner Kindheit und Jugend (weiß nicht wie es so bei Lehrern und Schulhausmeistern steht), jedenfalls ist es so bei mir. Mensch, bei mir geht es soweit, dass ich sehr viele Geschichten von Schultreppen erzählen könnte; aber ansonsten ist es wohl die Zusammensetzung von Schule und Treppe. Schule als Auslöser der Erinnerung von Kindheit und Jugend, die Treppe als Verdeutlichung, dass es eine Übergangzeit, eine Entwicklungsstufe ist. Das Moment der Erinnerung wird durch die folgende Formulierung noch verstärkt. „eine Umarmung […], die ein Leben lang dauert“. Durch die Erinnerung dauert sie das Leben an und, was wahrscheinlich noch viel stärker wirkt, man kann sich an das Gefühl während der Umarmung auf der Schultreppe erinnern, welches einfach in sich geschlossen war. Und damit meine ich jetzt nicht, dass jeder schon mal sich auf einer Schultreppe umarmt haben muss, aber es verleitet dazu an seine ersten Näheerfahrungen mit Menschen außerhalb der Familie zu denken. Vielleicht ist die erste Liebe nicht intensiver als die folgenden, aber durch das erste Mal erinnert man sich anders daran und empfindet auch anders darüber. Es ist ein Moment, der aus der Zeit herausgerissen scheint, dadurch fähig ein Leben anzudauern.
Daraus resultiert die Erfahrung des „ein bisschen weniger Einsamsein[s]“.
Äh, ich hoffe das ergibt jetzt halbwegs Sinn.
wow. ja. nicht nur halbwegs sinn, sondern ziemlich vollständig. deine interpretation war natürlich nicht exakt das, was mir dabei durch den kopf ging, aber jetzt, wo ich das hier so gelesen habe, denke ich: fuck, yeah, so ist es. & auch wenn immer raum bleibt, immer mehr raum, zwischen den einzelnen gehirnen vor allem, so ist das doch ziemlich dicht an meinem dran. :D
Die Grenzen aus Blei....
in der angst nicht mithalten zu können - werden die fühler angelegt - man wird glatter - wahre nähe ist dadurch unmöglich - unter diese glätte wird das leben zur routine - unser leben ist wie eine schnellstraße geworden ...jedoch ist auf dieser straße nichts zu finden...
"Du wirst kleiner, ich bewege mich schneller.
Dann sind wir plötzlich nur noch Stimmen am Telephon." - meine Lieblingsstelle, ich vergehe in Sehnsucht und will mehr.
Man wills nicht, aber man labt sich. Finde das Projekt übrigens süß. Es hat was von Gegen-Einsamkeit.
was hab ich denn schon wieder mit dir gemacht? du redest nicht mehr & bist unwirsch? ogott, weswegen denn?
mehr wollen ist an sich gar nicht so schlecht. nur mehr bekommen ist in der regel, - naja. eben nicht sehr sublim.
& das projekt ... süß? hrrr. ich weiß nicht, ob alle beteiligten mit diesem adjektiv zufrieden sind. :D
die umarmung
ich find die stelle einfach treffend. weil sie jeden trifft.
Ich weiß nicht,
Uns Leser verbindet auf magische Weise eine Assoziationswelt, die du uns geschenkt hast.
Vielleicht werde ich diese Gefühls-und Denkanstöße nutzen und in einem eigenen Text verarbeiten. Sie jetzt hier als Kommentar zu entladen wäre Verschwendung von Inspiration.
Ich kann nur sagen, hinter deinen Worten stecken Farben und Welten. Das fühlt sich schön an.


auch noch gleich zwei jahre? dabei dachte ich schon im ersten drittel: zu lang, zu lang, das musst du kürzen. &, - paradox, paradox: eigentlich wollte ich den 4ten teil ausbauen, hab es dann aber vergessen. mir ist es erst vorhin wieder eingefallen. naaaja. :D