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Samstag, 26. Juli 2008

Berlinfragment

... und so viel Welt, überall. Egal wohin man auch sieht: die Menschen sind schon dort. Überall: Körper.

Auf dem Alex fließt unermüdlich der Verkehr, die Simon-Dachstraße ist in Licht getaucht, - rot, weiß, - und grüne Lampions wackeln an den Fenstern, in der Brunnenstraße stehen Männer in schwarzen Hemden und Frauen in schwarzen Kostümen und trinken Prosecco aus Plastikbechern, - die Vernissage, die Vernissage, du verstehst? das ist etwas ganz Neues, - und die Bilder sind unscharf dort hinter Glas gefasst, und dann funkelt die Sonne, grell und kalt, dort: Das silberne Fußkettchen einer Frau, - und rasselt fort, und fort und immer weiter. Über die Brücken der Spree, an den Geleisen entlang, wo immer Züge rattern, und ist bald ganz aus Blick und Sinnen.

Vor dem St. Oberholz stehen zwei schlanke großgewachsene Männer in Röhrenjeans und unterhalten sich mit einer Gruppe japanischer Touristen, - englische Worte flattern vorbei, tauchen ein in das Italienisch und Französisch der Anderen, und ist Teil der Kakophonie, des Lärms zwischen dem Rauschen der Reifen, - beständig wie der Wind zieht es vorbei, - und darüber das Zwitschern; sind es denn Vögel?
Es riecht nach Crêpes, von irgendwoher, und Zigarettenrauch, verquirlt in den Duft eines jungen Mädchens; Sommerfrüchte, frisch und fruchtig, ein Biss in rote Kirschen, und dann eilen die Schilder, geduckt an Häuserfronten, schwarze Männer auf weißen Plastikstühlen, - sie reden und lachen mit weißen, blanken Zähnen dem Himmel entgegen, und zerdrücken die Coladosen zwischen ihren Fingerspitzen, fast so, als berührten sie die Luft dazwischen. Immer weiter, Straßennamen jagen einander. Was sie bloß zu gewinnen vermögen? Was sie nur suchen?

La vida es sueño (Gast) - 27. Juli, 22:25

Straßennamen jagen ...

möglicherweise sie sind unterwegs- als ob es wichtig wäre -
und glauben ...da wo sie nicht sind ..dort ist ihr glück

vienna makes me feel just the same (Gast) - 27. Juli, 22:27

some animals we hunt in the city (but they just can't shoot them) // ein beispiel zum nicht-finden

ich stehe in der u-bahn, baumle an einem der orangen plastikgriffe, die da an der decke hängen. auf jedem nachhauseweg bin ich ein senfkorn im mageninhalt des riesenwurms, schrumpfe im verdauungsprozess. das gefressen werden, man kann es satt haben, voll bis zum halse mit der luft, die man schluckt bei dem versuch etwas zu sagen. hier sind die münder geschlossen - es wäre ohnehin zu laut (wir hören das monotone brausen unserer überschnellen bewegung).
vor mir steht dieser junge, graublondes, kurzes haar. vielleicht zehn jahre alt. noch im augenwinkel sehe ich den ballon, der die schnur von seiner hand aus nach oben zieht. sein gesicht sieht unbeholfen zu boden, er hat keinen begleiter. dann der knall, und wir zucken zusammen. aufgerissene augen. köpfe drehen sich hastig. links und rechts von uns angespannte körper, aufgerichtet und mit angehaltenem atem. es dauert zwei oder drei sekunden, bis die pendlerbrustkörbe wieder zusammensacken, weil alle wissen: nichts schlimmes, nichts gefährliches, nur der ballon, er war einmal. die stoische ruhe kehrt zurück. nur ich, ich höre nicht auf zu zucken. ich kann nicht weiteratmen wie alle anderen. es ist im gesicht, es ist im zwerchfell. und je mehr ich versuche mich zu wehren, desto heftiger schüttelt es mich. kichern. kichern, das sich bemüht, kein prustendes lachen zu werden. wir schauen einander ins gesicht, und seine mundwinkel schieben sich zu seite, lassen eine riesige silberne zahnspange im neonlicht funkeln. zwei verschmitzt verzogene augenpaare, zwei verstohlene blicke. breites grinsen. dann steige ich aus.
das ist unser kleines geheimnis. (und hier ist es, was sie suchen und nicht finden. weil sie beschlossen haben, erwachsen werden zu müssen, mit jedem tag mehr und mehr zu reifen, bis sie beginnen zu faulen. menschen sind nicht anders als äpfel. und hätte newton an ihnen nicht die schwerkraft entdeckt, das prinzip der trägheit hätten sie ihm mit sicherheit bewiesen).