[>>]

Liebe fressen Alltag auf

1.
Fixier mich, bind mich, verknot mir die Arme mit etwas, das mich auch halten kann.


2.
Im Kibbuz brennt die Sonne,
und Wolken verwischen den Himmel.
Tönern hämmert die Wärme von oben herab,
während die Schatten auf dem rissigen Boden mit jedem Schritt nach unten springen, - immer so verzerrt und verschoben, als duckten sie sich in Angst, - und in der Ferne wehen die weißen Leintücher im Atem eines gierigen Windes, der weder kalt ist noch warm, sondern beides zugleich, - ein Wind, der den Blumen die Köpfe abreißt und ins wallende Haar kleiner Mädchen streut, die diese später zwischen Buchdeckel legen, um sie zu trocknen. Ja, der Wind kommt über die Berge und bringt Sand mit, den die Frauen sich aus den Kleidern schütteln, sobald sie das Salz der Wüste auf den Lippen schmecken; sie tun es nicht gleichgültig, und auch nicht aus Gewohnheit. Sie lächeln dabei. Beschau das Sandkorn und du beschaust Gott, meinen die Hirten, und daran denken auch sie, - ganz im Gegensatz zu den Männern, die sich die Ärmel der blauen Hemden hochkrempeln und den Schweiß mit dem Handrücken aus den Gesichtern wischen. Die Männer denken ans Jäten der Pflanzen. Allein das Lachen der Kinder mag sie berühren.


3.
Sie: ‹Ich erröte, wenn fremder Augen Blicke sich in meinem Mund verzahnen, und sich mit jedem Lächeln tief in nackter Haut und bloßem Fleisch verbeißen.›

Er: ‹Was weißt du denn schon vom Beißen?›

Sie: ‹Ich habe das Beißen gelernt.›

Er: ‹Das ist etwas, das man entweder kann oder eben nicht. Das ist nicht erlernbar. Du bist betrogen worden. Hättest mal eher das Lachen lernen sollen. Oder das Zungerausstrecken. Meinetwegen auch das Denken.›

Sie: ‹Das kann ich alles schon.›

Er: ‹Und was ist mit Lieben?›

Sie: ‹Dazu fehlt mir das Herz.›


4.
Steh still!, sagen die Füße beim Gehen.
Fliege!, sagt der Rücken ohne Flügel.
Und doch: Was wäre jetzt ein Kuss.
Anderswo als an dieser Stelle.


5.
Im blauen Dunst des Morgens mustern Münder meine Lippen. Ich huste dann und streiche mir verlegen durch das braune Haar, das blond gewesen ist, vor tausend Jahren, und auch schwarz, an einem späten Sommernachmittag, als der Staub funkelnd sich auf die Tastatur des Klaviers legte, und denke: Ein Gespenst geht um, und sein Name ist Liebe. Draußen treibt der Wind sein Spiel mit den Passanten und spuckt tropfenweise Wasserperlen auf diejenigen, die zu langsam für die Dachvorsprünge und zu vergesslich für die Regenschirme sind. Arme kreuzen sich quer zur Brust, während die Fingerspitzen sich tief ins Jackenfutter graben. Solange die Augen nicht die schwarzen Nägelränder sehen, ...

Ich atme viel zu starken Kaffee gegen Spiegelbilder, und schütte mir Zucker auf die Zunge, um die Bitterkeit des Denkens zu versüßen. Der Spanier lacht, und ich bin plötzlich froh, dass er da ist. Jemand, der versteht. Tausendundeine Seite erretten mich nämlich nicht vom Wahnsinn, im Gegenteil. Das sehe ich jeden Tag, wenn die Schornsteine des Westhafens im Rot der aufgehenden Sonne stoßweise Ruß in den Himmel rütteln, wenn das Kind die Mutter am Überqueren der Straße hindert, weil ein Auto angeschossen kommt, wenn Spatzen sich mit Tauben um die letzten Brotkrumen streiten, und alles dabei nur Bild ist, nur Vorstellung, nur papierne Tunnelwände. (Der Coyote kriegt den Roadrunner nicht). Es ist gut zu wissen, dass man diese Zweidimensionalität, das Comichafte teilen kann. Wiederfinden kann, in jemand anderem.


Ich funktioniere. Anders, diesmal. Aber das ändert ja nichts. Es füllt mich, die Lungen, die Venen. Es füllt mein Leben bis zur Grenze. (Ihr Lächeln). Aus! Grüner Knopf auf Go!
Es zeigt mir, dass ich zu Hause bin. Jeden Tag bin ich zu Hause. Immer. Und immer und immer und immer. Selbst im blauen Dunst des Morgens. Selbst mit der Bitterkeit des Denkens, und der Haut, die sich rötet, weil nicht gebissen wird. Zu Hause.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild