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Kassandras Traum

Ich spucke die Haare aus, die mir auf der Zunge liegen, und denke an das Häuten und Schälen der Tage: Da rollen sich gestern noch die Füße zusammen, die Hände umgreifen die Brust, und heute wird alles liquidiert. Alles? Ja.

Erstens)
Die Zeit, die keinem gehört.

Zweitens)
Die Geschlechtsorgane, weil jeder sie hat.

Drittens)
Die Stadt, die unermüdlich ist.

Viertens)
Die Liebe, die Liebe, die Liebe.
Einfach, weil jeder sie sucht und findet und wieder verliert und immer so fort bis aller Tage Abend ist.

Keiner denkt konsequent genug an Morgen; wir sind nur seine Illusionen, die Illusionen des morgigen Tages. Da schlägt man das Ei an der Pfannenkante auf und ergießt das Bisschen Dotter, das Bisschen Schleim auf kochendes Metall, um es dann gierig in sich rein zu stopfen. Niemand verühre mehr den Kaffee mit silbernen Löffeln, denn silberne Löffel seien wie Brokat: Eine dekadente Spielerei. Pah!, kein Sinn für Ästhetik, seufzen die Ästheten, und haben nie die Schönheit geschmeckt. Ich schmecke das Ei. Was braucht es mehr? (Alles!)

Pause.
Pause.
(Sanduhr!)

Ich schalte auf S T U R, - das ist ein Modus der Ignoranz; ich schalte und schalte, drehe an den Knöpfen meines Verstandes, lege solange Hebel um bis das ganze Bewusstsein einmal laut knallt, und dann passiert's: Ich erinnere mich plötzlich ganz genau.

Ich erinnere mich an das Ich, das ich war. An den Jungen im Spiegel, wenn man so will. An den Relativisten. Habe ich denn je den Kaffee so schnell getrunken? Habe ich die Hosen tatsächlich mal so getragen? Der letzte Zungenkuss liegt Fünfhundertmillionen Jahre zurück, und ich weiß nicht einmal mehr, wem ich ihn gab. Da schreit mich die neongelbe Diskette an, die mir in die Hände fällt, - darauf gespeichert: Die Texte, - und ich kann sie nirgends benutzen, weil es keine gottverdammten Diskettenlaufwerke mehr gibt. Darauf geschissen!

Ich möchte mich im Windzug der einfahrenden Bahn ertränken. Scheiße, denke ich während mir der Beatles-Verschnitt in der Yellow-Submarine-Jacke die Grübchen aus dem Gesicht grinst, denke: Scheiße, Scheiße, Scheiße! und vedrehe die Augen wie bei einem epileptischen Anfall, Scheiße!, darf ja wohl nicht wahr sein, verdammt. Ist es. Jeden Tag.

Pause. Pause. Sanduhr.

Der Mensch macht Kompromisse statt Entscheidungen zu treffen. Ich gehöre dazu. (Setze das in Klammern!) Scheiße!


Kapitel 2.
heute morgen bin ich nackt in der mitte des bettes aufgewacht, ohne zu wissen, wie die stimme schmeckte, die mich zum abschied in die lippe biss. möglicherweise war es nichts als das fieber basels, die gluthitze der worte, die mich aus dem zug heraus in die höhe gerissen hatten und damit auf die straßen berlins, berlins, versteht das wer?
dunkel denken sich die metaphern, die aneinandergereihten bilder, die sich nicht verzahnen wollen, weil es zu viele junge männer da draußen gibt, die mich mit ihren mitleidigen blicken fressen, - dann, wenn ich die pizza rolle, - salami mit rucola, - um sie dann stoßweise in den rachen zu stopfen; ich enthäute den sommer und entkerne den winter, beiße den frühling mit den tulpenzwiebeln entzwei, - weil der herbst zu lange braucht und dann zu kurz verweilt, - und alles, und alles, nur keine anerkennung ihresgleichen.

ich spucke die haare aus, die ich mir selbst herausgerissen habe. ich spucke und spucke, und das schwarze bis braune, borstige haar sammelt sich unter meinen nackten füßen bis ich wattig gehe und seidig falle. (träume!) das findet im echten leben, wohlgemerkt!, im echten, kaum verwendung. daher schreibe ich im strom der eingebungen, lasse mich treiben und mitten unter den menschen, - gerade auf dem mehringdamm, wenn die schultern der anderen sich an den meinen reiben und kein funkenschlag die nacht erhellt, um uns zu zeigen, wie besonders wir sind, - gerade dann!, - schließe ich die augen, atme ein, atme aus und verschlinge dann in einem anfall von wahnsinn die ganze welt, - zusammengerollt, mit rucola drauf, - schlinge und schlinge, bis die ganze welt selbst zum funkenschlag geworden ist. und wenn der wind kommt, der wind kommt in dieser stadt immer, dann weiß ich nichts mehr vom rempeln und stoßen zu sagen. ich vergesse mit jedem draußen den spiegelbildjungen. den sturen kleinen scheiße-sager. (scheiße!)

Pause. Stechuhr! Tritt beiseite.

Morgens um halb acht klingelt der Wecker. In der Regel früher. Allerdings stehe ich in der Regel auch viel später auf. Um halb zehn verlasse ich das Haus. Dann bin ich Punkrock. Also mache ich mein Bett, schüttle die Decken und Kissen und stolpere schuhebindend aus der Wohnung, die ordentlicher sein könnte, und fresse die Menschen bei den Abzugsschächten. Es sättigt nicht, niemals sättigen sie mich.



Mir ist, als träumte ich von nun an Kassandras Träume.

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