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Dienstag, 3. Februar 2009

daisies will kiss their skin

Der Augenblick ist für die Ewigkeit. Dieser? Nein. Alle.

Man bete zum ersten Mal vor den offenen Gräbern dieser Welt, sagt er. & irgendwo, & irgendwann, & irgendwie sprengt sich ein junger Mann in die Luft, zersprengt sich zu Blut & Partikeln. Einer, zwei, drei. Alle. Sie schnallen sich den Sprengstoff um die Hüften, binden sich die Zünder um die Handgelenke, aber, --

Und weiter?

Alles, was bleibt, ist das Gras, das aus den Lungen der Leichen wächst, ist das Gras, das ihnen aus den modernden Mündern sprießt, aus Augenhöhlen; es wird ihnen zu Haar und Atem. (There will be daisies and daisies will kiss their skin). Sie können sich die Gesetze der Thermodynamik auf ihre Gedenktafeln schreiben, - was sie bekommen sind Buridans Esel & Schrödingers Katze. Was wollen sie?

Unsterblichkeit?
Keiner wird sie verkraften, keiner wird sie wollen, denn wir sind nicht wie die Turritopsos Nutricula, - wir würden eingehen in den sauren Regen, würden verschwinden im Strahlen der Reaktorkerne, - & das Sterben würde nicht enden. Gib den Menschen die Aussicht auf die Ewigkeit & du zeigst ihnen das Ende aller Möglichkeiten. Der Kampf um heilige Stätten, der Kampf um Nahrung, der Kampf, - der ewige, der sinnlose, - wird von den Toten gekämpft, & die Toten sind wir. Gib ihnen die Elixiere des Teufels, schenke ihnen Unsterblichkeit, gib ihnen meine Träume.

In meinen Träumen sehe ich.
In meinen Worten schweige ich.
Da ist ein Beben, da ist ein Echo.
Ich bin tausende Jahre alt.
Menschenblut, es durchfächert mein Herz.
Erbe auf Erbe, Adams Söhne.

Zeig ihnen, wie die Kuppeln der Städte verschwinden. Zeig ihnen, wie die Straßen vergehen. Berge, die in den Meeren versinken & Meere, deren Wellen die Küsten verschlingen bis die Küsten andernorts aus dem Wasser brechen. Gib ihnen meine Zeit. Es ist jetzt Montag, es ist das Jahre 1888, Urknall!, bang bang, oh hochheiliges Deutschland!, es ist alles längst gewesen, es wird alles sein, - was ist schon Zeit? #


Er sitzt vor mir, am Tisch, nimmt einen Schluck aus seinem dritten Glas Bier & spricht ernst über Loyalität & Glauben. Seine Augen leuchten im Licht dieser Bar, wo der türkische DJ Elektropop aus Rauch & Bierdunst schält; eine Gruppe Mädchen tanzt dazu recht ausgelassen, sie kichern und quietschen. Ich klaube mir die restlichen Nüsse aus dem Glas. Dieser Augenblick ist für die Ewigkeit, denke ich, und notiere mir etwas, das ich ein paar Stunden später, auf der Matratze im Wohnzimmer, wieder vergesse.

Es ist das Gesetz, an dem ich schreibe.
Es ist das Leben, das mich im Wind auf die Gleise lockt, im Wispern der Blätter, und ewig in das Rauschen des Regens führt.

Dann, kurz vor dem Einschlafen, kurz bevor der Körper zersprengt wird zu Blut & Eisenspänen, da spüre ich tatsächlich etwas, das Wunder sein will, & das spätestens nach fünf Stunden Schlaf zum Urban Myth wird, zur Alltagsrelation, ach wie pathetisch. Der Herzschlag wird schnell, die Lippe ist blutig gebissen. Zu schnell gehasst, zu langsam geliebt, zu wenig gedacht, zu viel gesagt. Es geschieht noch während ich die Wohnungstür aufschließe & mir ein blöder Satz an den Kopf geknallt wird, noch bevor ich den Duschhahn aufdrehe & ein bisschen Wasser in meine Poren stoße, noch bevor ich als Versuch, das Menschsein erprobe, - ja, noch bevor die Antipoden die Welt zertreten, - da vergesse ich jede Weisheit, jeden Hinweis, jede Wut & jede Perzeption; es ist ja gar nicht wichtig.

Ich lebe ewig.
Ich bin jeden Tag der erste Mensch.
Ich bin ewig Mensch.


Ahora es para siempre.

camena - 4. Februar, 00:17

vielleicht verstehe ich dich nicht oder völlig falsch, aber verfängst du dich gerade in einem trugschluss? das gefühl, viel, viel zu lange schon gelebt zu haben, uralt, gegerbt und mit der geschichte der menschheit, mit allem menschlichen selbst beladen zu sein, induziert oft die vermutung, unsterblich (im sinne von nicht vergehen können, nicht enden können) zu sein... zumindest bei mir kommt das vor. ich fasse diese idee als erstes wahnhaftes kichern auf, das aus dir herausbricht, wenn du anfängst zu begreifen, was mensch sein bedeutet (in all seiner tragweite)...
erklär es mir noch einmal.

[tja, morbus... erst hat sie nur blut geleckt, da wil sie schon streiten. also bitte: beißen. ;)]

morbus - 4. Februar, 09:08

vielleicht verstehst du mich auch völlig richtig: vielleicht habe ich mich im trugschluss verbissen. jeder tag ist mir hundert jahre lang, - aber ich bin nicht zu lange hier; dieses zu lange, zu viel, das gilt nicht. ich bin kein superlativ der zeit. es ist keine negative nebenwirkung, kein blutbündel, das sich durch meine venen zieht, seit dem der erste mensch die erde betrat. nicht in erster instanz, ... ach, im grunde ist es schwer zu erklären.

ich jage die unsterblichkeit. in einem körper, der alle zwei minuten mangelt, habe ich sie aufgegeben. ich jage das paradoxon, & während der jagd habe ich die bedeutung der zeit aus den augen verloren. es ist eher ein physikalisches denn ein biologisches ding: ich habe der vergangenheit & der zukunft den krieg erklärt, & daraus die ewigkeit geschlussfolgert. es ist ähnlich der siebzehn stunden aufmerksamkeit für die welt, - neusein in deinem fall. für mich: ewigsein. es ist alles zur selben zeit, nur die orte allenfalls wechseln, - (vielleicht fände ich ja bei hawking & einstein eine theorie, die mir den raum mit der zeit verbindet).

hinzukommt das blut, - also doch!, - das in mir die geschichte der welt versammelt. hinzukommt das wissen tausender jahre. aber es ist keine bürde, keine last. in mir ist nicht nur der schierlingsbecher sokrates', oder das brennende rom & neros geige, - im ersten menschen versammeln sich sterne & meer. das erste rad, der erste funkenschlag, das blut auf den lippen, & immer: das blut.
da mag man jesus vergessen, & mohammed. da ist buddha scheißegal, denn was die einen versprechen, können die anderen nicht halten. das nirvana ist hier. nirgendwo. ich gebe mir selbst den ausblick auf die ewigkeit, weil ich an die quelle denke, an die vor-geburt, - du erinnerst dich vielleicht, das geht mir immer wieder durch den kopf, - das leben als zustand, aber als ewigkeit zwischen ewigkeiten; die tragweite des menschen ist ein spiel mit kieselsteinen, aber die tragweite des seins, der bloßen existenz, - das ist alles. im wahrsten sinne des wortes.

das ist möglicherweise reiner wahnsinn.

(by the way: ich hab dich wirklich vermisst, hier & so, das ist gut).

camena (Gast) - 4. Februar, 13:50

das ist erschreckend... und ähnelt dem kürzlichen eingeständnis eines freundes, dass er auch immer angst hat, vor die einfahrende u-bahn zu fallen, egal wie weit hinten er steht.
in worte hätte ich es nicht fassen können, aber, da es einem anderen (noch dazu dir) auch aufgefallen ist... ich gehe nun nicht mehr so fest davon aus, völlig irre zu sein. also danke für die erneute erklärung. es macht mir fast angst, dass ich das verstehe (ganz - oder, dass du das verstehst...)

morbus - 4. Februar, 14:55

das problem ist: ich habe keine angst vorm wind-zug; im gegenteil. ich stehe meist kurz vor der kante, das gesicht an der rennenden fassade, - manchmal streift mich die luft dicht an der nase, - & denke: nur ein zentimeter weiter, nur ein bisschen & du wirst zu atomen.

dennoch. wir sind vermutlich trotzdem völlig irre. aber immerhin sind wir damit nicht allein.

camena - 4. Februar, 21:00

ich muss grinsen. das ist doch das selbe. woher käme denn sonst die angst, unvermittel davor zu fallen, wenn nicht diese unverdrängbare lust da wäre, es einfach - fast wie aus bösem spaß - zu versuchen? das was-wäre-wenn-spiel zu ende zu spielen... eigenartige neugierde. ich halte es nicht einmal für von allzu großer tragweite. gar nicht, weil ein einziges leben nichts wert wäre, sondern weil eben alles... alles, du verstehst, was ich meine, denke ich.

La vida es sueño (Gast) - 4. Februar, 22:59

...

was-wäre-
wenn-spiel -

virtueller raum ohne grenzen -
....

... wie eine trojanische abstammung ...jede art von tarnung erlaubt - schöne neue welt - der kalte krieg wird nicht enden - wie unsicher doch alles ist ...
-
sogar die quantenkryptographie

La vida es sueño (Gast) - 4. Februar, 23:10

...

der mensch ist ein seil,
-
- ein seil über einem abgrund-


sagt Nietzsche in "Also sprach Zarathustra".