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Im schwarzen Spiegel

An manchen Tagen sind die Gefühle wie in Einmachgläsern. Drum herum pulst Blut, und die Nase läuft über Abzugsschächten; das Glas ist zerkratzt und schmierig; aus einem der oberen Fenster irgendeines Plattenbaus schüttelt eine Frau ihre Bettwäsche. Und das Herz? Und der Verstand? Nichts fragt, nichts leckt sich die Finger (wund), - stattdessen wird genickt und gelächelt.


Ein junger Mann, der an der Kaffeetasse nippt. An ihn denke ich. Eine Erinnerung, aufbewahrt in Noppenfolie und Styroporflocken, ganz weit oben, in einem der Regale, an die keiner mehr so richtig kommt. Was ist denn noch darüber zu sagen? Heute. Hier. In einer Welt der Möglichkeiten: Kauf dir einen neuen Pullover, lass dein Auto reparieren, sei nicht traurig, ...


Das Haar klebt noch nass an der Kopfhaut, aber die Kleidung ist längst Aschenbecher und Zigarettenstummel: Alles stinkt nach Rauch, atmet Rauch, ist Zephyr und lockt mich mit Kerzengeflacker. Keine Chance für Kernseife und Meersalz. Kein Raum für Lavendel.
Im Später trinken die Lippen das Bier, gierig. (Natürlich gierig, denn der Regen macht durstig). Denke: Wie konnte man nur so arm werden, wie konnte das Geld nur zu Kupfermünzen zerfallen, zu Beutelrestbeständen, wie Krümel sammeln die Finger alles zusammen, wie konnte alles nur so weit kommen?, aber das Bier betäubt Sinne und Zeit. Mehr davon tötet. Ich weiß. Aber wie süß scheint mir mittlerweile das Sterben?

Wir gehen daher durch eine feuchtkalte Welt, eine schiefgraue, eine grelllaute, eine Zwitterwelt. Als Rauschzustände torkeln wir zu Ängsten und Freuden; das vergisst man nicht.


Die Eleganz des neuen Morgens? Die Beine steigen in zu weiten Frotté-Schlafanzughosen aus einem Gewühl aus Bettdecke und Kissen, der Körper, - halbnackt, weil die Kleidung im Schlaf verrutschte, - ragt hinauf in die Höhe und zieht die Arme hinter sich her, und dann, mitten im Raum, folgt die Erkenntnis des Baggers, der vor der Tür die Straße zerreißt, der Sonne, die Luft und Wind zerteilt, und der Menschen, - ewige, hunderte: sie gehen unter den Fenstern vorbei und schreien gegen den Krach. Der Lärm ist unermüdlich, er setzt sich fort wie Märchen.


Für jeden verliere ich ein Fragment.

Die Tage ziehen wie Wolken, und ich, das ungläubige Kind, gebe ihnen Namen und Formen. Kürze! Streiche! Ich verliere die Kontrolle über die Zusammenhänge. Was da draußen geschieht? Amoklauf und Hauseinsturz. Seit Tagen weicht die Erde auf. Montag, Dienstag, Mittwoch: Die Appetitanreger zügeln den Hunger. Donnerstag, Freitag, Samstag: Hunger. Am Sonntag kommt die Übelkeit. Und morgen beginnt alles von vorn.

In einem schwarzen Spiegel sehe ich die Welt, und die Welt bin ich. Was erkennt das Gelee, das mir Augen ist? Was suchen die Zähne anderes als das Kauen? Ich bin hungrig, ich dürste, ich bin einsam im Ewigreden, im Ewigsehen, im Ewigsichbegegnen; das ist kein Gedanke, das kleidet die Worte falsch:
Im Sprachgewühl schlage ich Vokabeln nach. Chichón. Misia. Orgueil. Crâne, man geht im Kreis. Niemals: Me and the many.

Stattdessen könnte ich tausende Namen auf Schnüre fädeln, und mir als Gepränge um Hals und Schultern legen: Unica Zürn, El Greco, Stéphane Mallarmé, César Vallejo, Thom Gunn, und alle Namen sind tot.
Ich suche sie in Büchern, in Gedichten zerpflücke ich mir Leben und Wahn ihrer tintenklecksigen Finger, ihrer Schreibmaschinenhände, und ich atme auf in Schreiblosigkeit. Das hat schon jemand anderes für mich getan, nicht? (Mein Pedro Páramo). Und doch: Die Namen füllen mir die Notizbücher, sie überfluten mir Herz und Verstand, - aber solange morgens der Kaffeelöffel das Keramik zerfurcht, solange nur die S-Bahn pünktlich fährt, solange der Blick in den Schwarztee fällt, --

Ich will darin ertrinken, in diesen Todeswassern, meinem Rio Negro, will darin bis zum Grund sinken, ganz tief hinab, bis mir entweichende Luftblasen, - silbern schimmernd, wabernd, - die Lippen kitzeln. (In der Hitze der Unterwasservulkane will ich schwimmen). Schattenreiche, Schattenfluten, -- *

solange alles seinen Takt und Versmaß hat, (was es nicht hat), und die Bücher mich weiter so zu vergiften lernen, mich wie zärtliche Finger von dem Apfelsinenkern befreien, der in mir verzahnt fremde Münder schreckt, solange geschieht, was geschieht, ist alles weder Rückschritt noch Müdigkeit.







* Nein. Es scheint nur so, als erleide ich nach und nach Schiffbruch. Es ist kein Fiebertraum, der Wahnsinn hat keine Methode, weil er nicht Wahn ist, und auch nicht Sinn. Ich bin zur Abwechslung völlig real.

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