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Heimweh

Sich erinnern, sich nicht unterkriegen lassen, den Ort des Geschehens verlassen. Drei Maxime, - sie durchziehen die Tage.


1.
Draußen steht der Nachbarsjunge; er lehnt sich gegen das Balkongeländer und sieht mir beim Schreiben zu.

Jeden Tag, wenn ich die Provinzzeitung aus dem Briefkasten fischte, - ärgerlich, ungeduldig, mit unruhigen Fingern, deren Kuppen sich am Einwurf aufschnitten, - begegnete er mir, grüßte mich, blieb stehen und wartete auf Nicken und Erkennen, aber ich erkannte ihn nicht. Ich nickte nicht. Ach, wie viele Jahre waren seit dem vergangen? Wie alt muss er gewesen sein und wie alt war ich selbst?
Jetzt, dreiundzwanzigjährig, steht mir eine modifizierte Version einer Erinnerung gegenüber, die nichts mehr mit dem Kindergesicht zu tun hat, - wie war doch gleich sein Name?, - mit diesem Eierschalengesicht, in dessen Schaummund die Zähne milchten, und das mir jeden Tag wie Wind und Vogelgeschrei nachgelaufen war. Jetzt ist seine Stimme anders, er ist größer, sehniger, schöner geworden.

Die Schwester streicht ihm durchs Haar.
Er steht am Geländer,
steht und steht,
blättert die Seiten.
Er grüßt mir den Morgen, ernickt mir den Mittag;
er geht und geht und steht abends am Fenster.
Wie viele Jahre?
wie war sein Name?
Er erwinkt mir die Nacht,
durchwandert die Straßen.
Nie verlässt sein Auge die Ferne.

Ein Dialog vom anderen Bordstein trägt mir Worte heran: Ich hab gehört, du bist jetzt in Berlin, und ich nicke verlegen, - warum verlegen?, woher die Furcht?, - und gehe ab von der Bühne, die mir Straßen und Feldwege sind. Wie ich die Provinz hasse, denke ich. Ich bin ihrer zu stolz geworden, zu arrogant. Jede Silbe ihres Dialekts ist mir Zitronensäure, die mir die Lippen ins Innere meines Mundes saugt. Jede Trivialität ist mir Brechreiz und Würgen. Was soll's? Am Sonntag trägt mich der Zug wieder raus in die Ferne, wieder raus in die Welt. Dabei ist seine Stimme frei vom Dialekt dieser Hobbits, frei vom Dünkel, frei vom Gift der Provinz, und an der Türe drehe ich mich um, drehe mich zum eilenden Jungen, der seiner Schwester die Einkaufstüten trägt, - auch sie grüßt mich mit ihrem scheelen Lächeln, mit ihren schiefen Augen, mit diesem milden Mongolengesichtchen, das sich seit Jahren nicht verändert, - und bitte zu warten, frage: Und was machst du?
Er mache seine Lehre zum Koch, er sei im letzten Jahr, und es laufe ganz gut. Achja?, frage ich und komme mir dämlich vor. Neunzehn geworden, vor wenigen Tagen, herzlichen Glückwunsch nachträglich hustet der Mund, und ich bin bald vierundzwanzig, Beethovens fünfte zerrauscht mir die Ohren. Hier stehen Peter und der Wolf, denke ich. Ein falsches Wort und ich zerreiß dich zu Fetzen.


2.
Gregory. Ich erinnere mich an den Treppen zum Hof seines Namens: Er klingt nach Wassermelonen, - am Ventilator aß ich sie kernespuckend, - nach einem Sommer, den Rasenmäherklingen und Grasseufzen füllten, denk an mich. Die nackten Beine auf der Couch, die Arme baumelnd dazwischen, wie war der Körper doch nichts anderes als eine Vorstellung, nichts als ein Traum, den man Leben nannte, und den man beim Aufwachen getrost zum Waschen in die Badezimmer scheuchte, zum Trott in die Busse, Züge, in die Klassenzimmer und Wartesäle, ... Ich hatte mein Haar kurzgeschoren, und der Protest färbte mir die Lippen blutig: Ernesto hatte mir Drachenblut zum Trinken gereicht, und das, was Herz sein wollte, besaß kein Ziel. Yadé, Schöne, Ewige, deine Mandelaugen, --
Hatte sich damals die Welt noch um ihrer selbst willen gedreht oder war jeder Gedanke, jedes Wort schon von Narziss vergiftet gewesen?, vom Rauschen der Musen?, von den Mythen einer Kindheit, die mit 18 Jahren längst den Erwachsenen gehörte? Ich weiß es nicht mehr, alles gehört dem Vergessen.


3.
Da ist ein Sommer vor zwei Jahren, als ich an einem Pool stand, - die Sonne schräg im Azur eines Südfrankreichhimmels, ganz in der Nähe von Vence, - und mein Blick fiel vom Pool hinab, die Hügel hinunter, durch deren Lavendelbüsche gerade der warme Wind strich, an das gußeiserne Tor, wo die zwei standen. Die zwei, ein Mann und eine Frau, und beide winkten dem Mann in der Badehose, der ganz und gar leicht war, ganz und gar Bronze, der ich sein will, - ich?, in dieser Flut an Erinnerungen, die nicht so durchsichtig sind, wie ich tue, wie ich im Alltag behaupte. Ich dachte: Zuhause!, Überall!, Ewigkeit!, und meine Notizbücher quollen über vor Worten.

Fort, vom Weiß einer Sonne ausgebrannt, zum schwarzen Fleck zerschrumpft und als Papiertaschentuch in den Mülleimer gestopft, - nichts als Wut bleibt vom Wollen übrig, nichts als müde Chancen sammeln sich in den Pappbechern am Ende des Tages. Sei bloß nicht so melancholisch, sagt Ruby und wischt sich mit ihren Tabakfingern den Whisky vom Kinn, das bekommt dir nicht. Sie hat Recht. Sich erinnern reicht nicht, - da ist so vieles, ein ganzes Leben!, jetzt schon!, und es wartet hinter Glas:


4.
In einer absoluten Stille bleibt nichts. Die Tage grüßen mich: Namenlos schenken sie sich Komplimente und stoßen mich unbesehen die Straßen hinab. Geh, geh mit den Wolken, aber nichts ist so sehr Wolke, nichts ist ein Gedanke, der meiner Sehnsucht mehr Ausdruck verleiht. Mein Gott!, die Luft ist so dick!, man möchte Schmetterlinge darin ertränken, - denk ich!, - aber was nutzen mir all die Phrasen? Was nützt die Interpunktion

Ich eile als Teilchen. Ich sterbe als Mensch.

Jeden Tag erneut ertrage ich den Gedanken des Nichts nicht. Nicht? Nein, im Ernst. Das alles speit mir Wahnsinn ins Gesicht. Aber ich reiß mich zusammen. Ich sage: In einer absoluten Stille bleibt alles, und meine den Schlag meines sterbenden Herzens.

Ah!, wie pathetisch. Ah!, wie schlecht formuliert.

Ich ringe mit Worten. Nach Worten, - was kommt danach eigentlich wirklich? Nur die Leerzeichen, nur das Bisschen Nachhall im Exil meiner Worte, die überall sind, in jedem Auge, das sie liest, in jedem Ohr, das sie hört, in jedem Bisschen Hirn, das verarbeitet, - verarbeitet? (For ever ever?) Nein. A. hat mich verrückt, I. hat mich erstickt, M. gab nicht, was ich brauchte; die Szene zeigt Entsetzen. Nein. Streich das. (die Szene zeigt Entsetzen)


5.
Am Geländer steht der Nachbarsjunge, ich lese über Bakunin. Die Gleichzeitigkeit der Wirklichkeit erstaunt mich jeden Tag.

Ich gehe im dünnen Mantel aus dem Haus, stehe im Bus und zähle die Schlaglöcher im Wackeln der edelstählernen Haltestangen: Eins, zwei, jetzt überqueren wir die weite Ferne dieses idyllischen Landes, drei, vier, jetzt nickt die Großmutter dem Busfahrer zu, dort winken die Kinder, fünf, sechs, ein neuer Burger King an der Autobahnausfahrt, das Einkaufszentrum hat ein zweistöckiges Parkhaus, sieben, acht, ich verleugne meine Herkunft nicht, ich erbreche sie wütend, neun, neun, neun, neun. Wo sind die vierzehn Türen zur Unendlichkeit? Nein, schluck es hinunter, reck den Kopf hinaus und heb das Kinn, und schon betreten deine Füße das Kopfsteinpflaster dieser Stadt. Man grüßt falsche Namen murmelnd, man schließt die Augen zu Schlitzen, man wispert im Flur über mangelndes Geld, man wirft die Tassen zu Scherben: Hier schießen sich die Kinder gegenseitig tot, sagt der Zynismus, und ich denke: Die Langeweile bekommt sie letzten Endes alle. (Das Zurückgehen, Zurücksehen, das Zurückdrehen, - es macht mich krank).

Ich komme heim, im dünnen Mantel, und meine Lippen sind blutleer, weil ich die Provinz nicht vertrage. Dann steht der Nachbarsjunge da. Was ich heute abend mache, fragt er, und scheucht mit den Schuhen die Steine. Was ich mache? Neun-mal-um-mich-kreisen. Aus dem Fenster sehen, das helle Rechteck Leben beobachten, wie es sich aus der dunkelsten aller Dunkelheiten ins Licht schiebt, denk ich, aber ich schüttle nur den Kopf und sage: Lesen, vielleicht, was kann man hier schon machen?, - da lacht er.


6.
Alles ist Ansammlung, ist Flickenteppich. So geht es Tag für Tag: Beim Spülen wischen meine Finger die Gedanken fort, und mit Schaum gekrönt verlässt ein Sommertag vor zwei Jahren Teller und Gläser: Er und ich. Ich und sie. Er und sie. Er war die Liebe, sie die Treue, ich war, ja was war ich eigentlich?, die Worte, - allenfalls, - die Worte!, durch Begierde verbunden, und die Betten wurden weiß im tanzenden Staub.
Ich erinnere mich derer, die ewig heimsuchend, ewig kreiselnd, den Schaum des Spülbeckens schrecken. Ich darf mich nur nicht unterkriegen lassen, ich muss kämpfen.

Kämpfen!
Was das heißt!, was das bedeutet, - kann man sich das eigentlich vorstellen, was es heißt, jeden Tag zu kämpfen? Für Kleinigkeiten: Für das eine Buch, das mir die Schwester stiehlt, in dem sie es mit Worten zerpflückt? Für das eine Lied, das die Werbung missbraucht? Für das Schreiben, das mein einziges Herzblut ist, mein einziger Lebenszweck, und das jetzt marktschreierisch für den Erstbesten verschachert wird? Für die Straßen, die mein sind, und immer nur mein, und die jetzt von klackernden Absätzen aufgeteilt werden in Schön und Nichts? Für die Träume, die andere sich aneignen, weil sie ihnen plötzlich genauso gut gefallen, - ein Tag am Meer, eine Fahrt hinaus nach Barcelona, nach Hamburg, hinaus, und Jahre für Frankreich, - und für die man arbeitet, für die man lebt, und die dann, in der Geringschätzung, in der Langeweile des Anderen, aufgeweicht werden zu Ekel und Wut?

Ich kämpfe, kämpfe, denn die Schwester stiehlt mir die Träume, der Bruder die Hoffnung, die Mutter die Ziele, der Vater das Geld, - ich beiße mich aus dieser Vergangenheit frei, und knacke das Glas mit den Händen. Ich schneide mich, tropfe Blut ins Wasser. Nein, ich verleugne nicht. Ich trenne auf.


7.
Zusammen sitzen wir unter dem Baldachin der Weinreben und trinken Bier auf dem höchsten Hügel in der Umgebung, - einem Berg für Berliner. Natürlich kann man nichts anderes machen, als sich zu betrinken. (Am Wochenende, wenn der Aufprall am nächsten Morgen nicht ganz so hart wird). So sitzen wir, unter uns das Flimmern eines müden kleinen Städtchens, - die Lichter der Straßenlaternen sind orange; sie sehen aus wie sterbende Sterne, - und reden, flüstern, verstummen denkend.

ER
Wo bist du zu Hause?

A.
Überall.

ER
Also ... auch hier?

A.
Nein, hier nicht. Hier ist nicht überall. Hier ist nirgendwo.

ER
Und deine Familie ...? Deine Freunde ...?

A.
Sie sind Teil davon, von diesem Nirgendwo. Wenn ich wieder zurück bin, im Ärger, in der Freude, im Jetzt meines manischen Lebens, dann sind sie verschwunden. Dann sind sie völlig aufgegangen im Vergangenen. Nur im Telephon leben ihre Stimmen weiter. (Mit den Telephonen halte ich meine Séancen ab).

ER
Und bist du glücklich damit?

A.
Bist du glücklich?

Man besitzt die Welt immer für eine Weile. Für ein paar Sekunden wird sie dein. Wenn der Himmel himbeerfarben wird, - in Berlin, - oder wenn die Vögel hinaufstürzen, im Wind, hinauf zu den sonnenbespritzten Fassaden am Fluß, - in Tubinga, - selbst in Braunschweig, wo die Frau dem Mann zum Abschied eine Kusshand zuwarf, in Basel, wo der Regen morgens die Bordsteine vom Suff befreite, in Paris, - erst recht in Paris!, - und überall sonst, selbst auf den Strecken zwischen den Städten, zwischen den Städten, bei Freunden am Tisch, in Bars, lachend im Schnee und keuchend unter der Sonne.
Man besitzt die Welt immer für eine Weile, und das nennt man Glück. Man geht nicht zugrunde daran: Am Weiß der Vorhänge, am Blau des Himmels dahinter, am unermüdlichen Verkehr auf den Straßen, der die Fenster zum Scheppern bringt, am Stehen in den S-Bahnen, an der Sehnsucht, der ewigen, der tobenden. Nichts ist so klar wie dieser Moment, nichts ist so hart wie die Kämpfe, nichts so süß wie die Liebe (besonders, wenn sie unverhofft kommt), - alles ist bloß Rausch.


8.
Am nächsten Morgen verlasse ich die Kleinstadt. Ich knöpfe die Jacke falsch, verlege Schlüssel und Geld; ich rede um zu beweisen, und beweise nur, was für ein Idiot ich bin. Zurück, zurück!, und raus aus dem Heimweh, das mir jeden dieser Tage zu Erinnerungen verschiebt.

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