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Jeden Tag wird es herausgewürgt.
Alltagswürgereien nennt man sie.

Die Stechuhr gibt mir den Takt: Im Rhythmus von drei, 5:30, sechsuhrfünfunddreißig, sieben Uhr fünfundzwanzig gehen die Augen auf, - weiter!, - und wieder zu. Der Finger fasst nach Wimpern. Ach, es kann doch unmöglich schon so spät sein, doch ist es, verdammt, - und die Beine pendeln zwischen der Wärme des Bettes und der Kühle eines neuen Morgens im regnerischen Berlin, das endlos ist; endlos im Tunnelwind der U-Bahnschächte; endlos im Blick der U-Bahnmenschen; endlos im Aufstieg des Abstiegs des Geradelaufens, und wieder von vorn. So soll es gehen. Erst drei Monate, dann ein ganzes Leben lang.

Dabei habe ich den Alltag völlig aus den Augen verloren. Ich vermisse Don Toupos Gesicht, aufgrund der Tatsache, dass es jeden Tag da war. Fünf Monate lang. Ich vermisse meine U7 und die halbe Stunde, die sie mir zum Lesen gab. (Die U6 schenkt mir nicht mal einen Sitzplatz). Ich vermisse die kleine Angst, diese kontrollierbare, ausweichbare. Ich vermisse irgendwas, Sehnsucht nennst du mich, mit welchen Flüchen belegst du mich?, und das Vergessen saugt mir an den Augen, morgens, unter der Dusche, wenn das Flitterlicht mich kurz in Gold taucht, und unter Wasser, mit den vom Schaum schäumenden Händen. Ich vermisse das.

Und dann, auf dem Fahrrad, die schwitzenden Männerleiber vor Augen, da vermisse ich nichts, da bin ich Maschine unter vielen, denke: Wann wird mein Körper so aussehen?, und stopfe mir eine dreiviertel Stunde später fettiges Hähnchenfleisch in den Hals, dazu Pommes, natürlich. Ich könnte ein Yuppie sein, der nach der Arbeit sein Bisschen Sport treibt, aber ich strebe zu den Extremen, - ich will gut aussehen, tatsächlich, und den Blicken würde ich auch gerne standhalten, ich tu's aber nicht. Dazu bin irgendwie doch (noch) nicht geschaffen, - et voilà: Inkonsequenz, gib mir einen Kuss. Keine Zeit, keine Zeit.
Und es muss gelesen werden. Ständig: lesen! Es bleibt kaum Zeit zwischen den Einzelstationen, zwischen den Punkten, deren Linie ich bin, es bleibt keine Zeit zu begreifen. Geh ein, geh raus, nimm dir Jane Eyre, lies etwas von Robert Merle, das Pensum ist schier zu viel, selbst für mich, selbst für den gierigen Verstand, der andren an den Gedanken leckt, lies bitte das Buch von Feuchtwanger, ach und schreib einen Pressetext zu, ... Mach ich. Bier wird dabei keins mehr getrunken. Ich verwaise. Nur wenn noch im Hinterhof die Sonne scheint, - ich im Gras, mit Bellona neben mir, lachend, - dann ist es für den Augenblick gut, da ist es ruhig, da ist es lebbar. Alles andere ist, ... Keine Zeit, keine Zeit!

Mir schlägt der faulige Atem der Lügen ins Gesicht, nicht?, es geht alles im Kreis. Ich vermisse nichts, heißt es. Ich vermisse nichts, ich bin dabei gewesen. Heißt es. Nur wo? Nur wann? Wie ist das nur zu ertragen? Wie ist es bloß zu verstehen?

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