[>>]

High Road

1-
Nie zur Ruhe kommend, gehen wir durch Straßen und Nacht.
Was sehn?
Am Ende der Worte ist keine Stille zu finden, sondern Müdigkeit.
Wer müde ist, muss nicht mehr sprechen.
Also rücken wir Stühle und Tische,
rücken uns durch Treppen und Träume,
rücken uns raus, aus jedem Leben,
sodass wir nicht merken, wie fern wir uns sind.

2-
& plötzlich, & einfach so. alles bricht,
ein alles geht brechend,
zergeht,
alles geht (r)aus,
wie die finger, die nach dem lichtschalter greifen, greift zelltod nach mir, nach uns, alle greifen ins morgen-gestorben & niemals-gewesen. immer. wie gern gäbe man sich die schuld daran, wie gern spricht man vom unvermeidlichen, vom unvorhersagbaren; aber vom sprechen wird nichts realer, nichts besser. es gibt keinen adäquaten ersatz für's leben.

3-
In Berlin, - das ist hier, das ist dort draußen, - da gehen Gesellen, in den Zügen reden sie vom Lieben & sehen nach drinnen; die Buchseite zerknistert zu Fragen, die Fragen werden mit Zähnen & Unterlippe zerbissen, - mein eigenes Blut will mich Tag für Tag an den Herzschlag erinnern, aber der Schlag kommt wie immer viel zu schnell, er bleibt, zu leise, das geht vorbei. Wie geht es denn jetzt eigentlich weiter? Mit allem, meinst du? Ja.

Don Toupo sagt, ich solle ein Mann sein. Okay. Ich treffe mich also mit M., wir schlafen miteinander zwischen zwei Stunden, & als sie geht, nimmt sie ein bisschen Liebe mit. Nein, nicht die Art von Liebe, nicht diese prosaische, nicht die romantische Liebe. Die zum Leben, die eigentliche. Sie geht im Hüftschwung eines trunkenen Abends. Blick auf die Uhr, Blick zur Seite: Mein Bett ist zerwühlt & riecht nach dem Rauch ihres braunen Haars, - wohin mit der Kraft?, es ist doch nur ein Bild. Auch: Sie im Morgenlicht der Hinterhauslampen, der bittere Kaffee auf der Tischkante, daneben das angebissene Croissant. Fehler, aber nicht im eigenen Sprechversuch: Lebwohl. Ich zupfe mir am T-Shirtkragen, werfe zwei Minuten später die Tür ins Schloss & bin leer.

Nein, die Wohnung ist es, seit drei Tagen, alles leert sich aus.

Weswegen? Das Chaosmädchen trägt den Vater zu Grabe, den eigenen, den einzigen, das ist genauso plötzlich geschehen wie der Schlaganfall meiner Mutter, nur umso vieles tödlicher, - es ist zynisch wie sich diese Sätze im Lauten herausputzen. Wie sie irgendwie wehtun, wie sie rauh & geistlos sind, kein Gefühl, stattdessen die Leere. Eine große, eine unbegreifliche.
Don Toupo sagt, ich solle ein Mann sein.* Das geht mir zu Herzen, denke ich, das trifft mich wie eine Ohrfeige. An diesem Freitag Abend sagt er mir das, während mir Augen & Leber schon ganz im Bier ertrunken sind, & ich?, ich stoße an so viele Ecken, dass all das Selbstmitleid zum Ekel wird. Das ist der Preis der Freiheit, das ist das Leben, natürlich. Eine Phase, ein Teil davon, zumindest reduziert sich das mit der Zeit**, ich weiß, & doch ist der Kaffee schwarz & viel zu bitter.

4-
Nein, Reue ist kein Gefühl für mich. Ich bereue die zugeschlagenen Türen nicht. Auch nicht die ungewählten Telephonnummern, nicht die verpassten Dates. Ich bin niemandem etwas schuldig, zumindest jetzt nicht.




* Ein Mann sein. Das heißt, die Wunden ertragen lernen. Das heißt: Kampf, & Rebellion. Egal, ob ich nie müder war als jetzt, - müde von dem ganzen Scheiß, der immer & immer wieder aus Vergangenheit & Fersentritt hervorquillt, - egal, ob ich nie kraftloser, unmotivierter, einsamer war als jetzt, - darum geht es nicht. In dieser Welt zu leben heißt, Bürden zu tragen. Nicht irgendwelche. Menschliche. Es heißt, trotzdem zu lachen. Lauter als man sollte, länger als man müsste, verzweifelter als man dürfte. Okay, meinetwegen. Aber: Lachen.


** Die Frage ist, wie man heilt. Es ist nicht die Zeit, die mir die Wunden schließt; die Zeit macht das Gewebe nur narbig. Das ist keine Kunst. Die Zeit ist nichts als eine dumme Entschuldigung. Dabei macht man nur immer wieder Kompromisse.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild