Raise a Vein
Regen & Wind, -
sie sind mir wie Brüder.
Sie stehn im Verlorenen Treppenhaus,
rufen,
schütteln die Köpfe, gehn,
denn meinen Namen finden sie nicht.
Zweitens?
Die Nacht will mir Geliebte sein, -
sie flechtet das Haar im Dickicht der Träume,
bis Vater Krach den Morgen zerschlägt,
& nirgends rührt mehr der silberne Löffel.
* * *
Dem Affen gedenkend, der in der Schachtel begraben lag, saß A. am Fenster & scheuchte die Vögel, die sich auf dem Sims niederlassen wollten. Weil seine fahrigen Handbewegungen nicht dazu ausreichten, pfiff er, - es war mehr ein Luftzischen denn ein Pfeifen, aber die Vögel interessierten sich für den Unterschied ohnehin nicht; sie wollten dort sitzen, wo er saß, sie wollten dort sein, wo er war. Er ging bevor sie es merkten.
Sieben Stunden später stand A. auf einem Balkon in Kreuzberg & sah auf Berlin; der Himmel dunkelte himbeerfarben. Der Blick: Hinter schwarzen Balken blinkte der Fernsehturm, Sterne, - drei Sterne, - im rechten Winkel. So etwas wie Glück. Die Lippen schmeckten dem Astra-Bier nach, das Herz aller verlorenen Geduld.
There's a vein of pure gold in this stone, sang Gavin Clark & A. gefror Luft & Atem. In diesem seltsamen Gefühl eins zu sein, für ein paar Augenblicke, - die Finger am Geländer, der Wind im ewig störischen Haar, - ging die Stadt kreiselnd in eine andere Dimension über, in viele, in alle. Wien kam nicht in Frage. Das nur nebenbei bemerkt: Niemals kam Wien für irgendwas in Frage. Aber darum ging es nicht.
* * *
Zwei Brüder stehn auf der Dachterasse, Fremde aus unterschiedlichen Kulturen, Ländern, Zeiten, - ein bisschen auch Zeiten, ja, - & reden Glück & Seligkeit herbei. Es sind Worte im Umlauf, die Abschied & Versprechen sind, Aussicht & Möglichkeit; es muss nicht ahora es para siempre sein, nicht mehr, das ist nicht nötig. Rückblickend betrachtet, ist alles von Unglück durchsetzt, natürlich, von Tod & Veränderung, von Arbeitslosigkeit & Armut, von Reue & Unfähigkeit, das ist der Preis, das ist das Opfer, aber rückblickend betrachtet, - was wiegt es auf?
Ich bin dem Unglück müde.
Ich will diese Ader reinen Golds; ich will sie nicht sofort (will ich doch). Aber ich will sie betasten, mit meinen rauhen Fingern, will im Gestein wühlen, das mir Herz & Seele ist, will in die braunen Augen des Bruders blicken, in die blauen der Schwester, - meine Wahlfamilie, meine Herzbrechermenschen, - & darin das gleiche Funkeln wiederfinden, die gleiche Zeit, die drei Worte lang stillsteht, die gleiche Art der Ewigkeit, die mir das Bier im Mund verspricht, der Handschlag zur Begrüßung, - wenn man weiß: Die ganze Nacht liegt vor dir & den Menschen, die du magst, - & alles, - alles, - will gutgehn. Muss gutgehn.
* * *
Am nächsten Morgen sitzt A. im Schneidersitz in seinem Zimmer. Seine Haare, - sie reichen ihm bis zu den Augen, mittlerweile, - sind ihm lästig, er wird sie abschneiden, denkt er, den ganzen Kopf wird er sich scheren lassen. (Sollen die Moiren Teppiche aus den Haaren flechten). Einfach, weil er Geburtstag hat. Deswegen wird er sich auch den Silberring aus dem linken Ohr nehmen, - einfach, weil er 24 wird.
Er streicht sich über die Beine, die schmerzen, vom Training schmerzen, & aus Magnesiummangel, wie er vermutet, & denkt daran, die Wohnung aufs Neue aufzuräumen. Es ist nicht mehr viel. Die Bücher im Flur, sie liegen gestapelt auf der weißen Kommode, müssen in ein Antiquariat, die Zeitungsausschnitte, - über den Tod & das Mädchen, & auch über Habermas, - die auf dem Fußboden verteilt liegen (er tritt jedes Mal mit nackten Füßen darauf) müssen endlich gelesen werden.
A. schlägt eine Fliege aus der Luft nach draußen. Es wartet so vieles, denkt er, so vieles muss getan & gesagt werden, so vieles muss geschrieben werden, so vieles gelesen. Der Affe, der tote, der begraben in der Schachtel liegt, verschwindet allmählich aus der Erinnerung. Ja, so viel ist klar: Der alte Affe Angst sitzt ihm nicht mehr auf der Schulter.

