Licht stürzt wo keine sonne scheint
Morgen? Berechne mir alle Wahrscheinlichkeiten, - Narziss, du warst da mal so gut drin, nicht?, du hast gewusst, wie man die Gleichung richtig löst, also sag mir bitte, was da morgen auf mich zukommt, morgen und an allen weiteren Tagen, sag's mir bitte jetzt, denn die Ungewissheit ist ein Leichentuch, - es deckt mir die Träume zu. Was?, Narziss ist verstummt. Achja, und er hätt's mir ohnehin nicht gesagt.
Zum Ausgleich schütte ich mir Zucker übers Müsli, ich kippe Honig in die Milch, ich würze mein Brot mit Chilisaucen, ich streiche meine Lippen mit Gin Tonic ein. Das ist noch lange kein Kontrollverlust, oder? Das ist kein Eingeständnis.
Seit Wochen schlägt mein Herz zu schnell.
Ich zwinge mich zum Rausch, ich zwinge mich zum Aufstehen, ich zwinge & zwinge mich, - Schraubzwingen sind meine Hände & Finger, - und? a tragedy brings misery, misery loves company.
Ziehen wir uns also aus, ziehen raus, lassen Türen einschnappen, Bettdecken zerrollen uns die Laken, Körper, - denk dir: Der erste Geschmack des Tages ist Regen, der letzte ist Staub; so gehn die Tage, so geht der Zustand hin, - und morgen? Ich weiß es nicht, weiß nichts nimmermehr. Umziehen? Wie leicht das klingt. Einfach so einen andren Anzug aus dem Schrank nehmen, einfach so das bisschen Stoff von der Haut streifen, ganz neu, in ein andres Viertel schlüpfen vielleicht, - was die Wohnpreise sagen, das kann der Einzelne nicht wissen, aber genau beim Einzelnen wird's dann eben bleiben, - und versuchen, wirklich ganz von vorn zu beginnen, wieder, innerhalb der gleichen dreihundertsechzig Grad, das muss man eintragen, das steht nicht jedem.
An jedem Tag denke ich: Jetzt verlierst du alles, - es geschieht nur in Raten, es passiert nicht mit dem lauten Knall. Natürlich. Da helfen die tausend Bücher nur bedingt, mit denen ich mir tausend Mauern baue, ...
Sag's mir, A., - du hast mir die Stirn geküsst, ich weiß es noch, das war zum Abschied damals, in der Sturmhöhe, als die Wolken schon die Gedanken nach Osten zogen, da saß ich auf den Holzlatten meiner Couch, du standest neben den gelben Postpaketen, in denen die Bücher lagen, ein Zehntel dessen, was ich heute habe, - sag mir, wie ich's wieder leichter mache, sag mir, was du denkst; sollte ich es zerschlagen, mit der Handbewegung, die die Gläser von den Tischen fegt, sollte ich mich losreißen?, morgen, sag's mir, was fang ich damit an? Was?, A. wohnt nicht länger hier.
Vierundzwanzig Jahre, den Schock hab ich erstmal überwunden, ja, aber was geschieht jetzt, was resultiert daraus? Wenn das Chaos weiterzieht, wenn es aus Stadt und Augenblick zieht, was geschieht dann hier? Wenn der Don sich von der Sprache löst, gleichfalls von der Stadt, wenn es nicht geht, wie steht es dann?, liegt es? Wenn ich wieder nicht für die Fächer an der Uni zugelassen werde, wenn der Job Ende Juli endet, was beginnt dann? Mehr denn je ist alles Übergang, immer Zustand, die Sicherheit vergeht sobald die Freiheit kommt.
Spiel mir ein andres Lied,
das jetzt ist mir zu leise;
schenk mir ein,
das Süße will mir nicht auf der Zunge bleiben,
das Bittre kehrt immer wieder,
also gib mir ein neues Glas.
Bang, bang, bang, immer der Regen, der gegen die Fenster klatschen würde, wenn sie nicht offenstünden, so klatscht der Regen auf das Parkett, er klatscht mir ins Gesicht, und das Toben im Kopf, - es ist kein Donnergrollen, es ist ein Orkan, es fegt alles fort, es reißt alles ein, geh mal so weit, komm an meine Grenzen, ich zeig dir, was da für krasser Scheiß passiert. Also lügen die Menschen, also lügt die ganze Welt, wir wollen nichts verliern, und doch tun wir's jeden Tag, und so weiter und so weiter, und im Ampelrot flammt mein Blick, und im Drängeln der Touristen flammt die Haut, und ich will zerschlagen, was meine Augen berühren; als ich an dem BMW vorübergehe, schnappen meine Finger mit dem Feuerzeug, bei den Häuserwänden knistert das Papier in den Taschen, a tragedy brings misery, misery loves company, was schiefgeht, geht, das ist nicht das logische Argument, das ist keine Konklusion, man zieht mir nur die Tischedecke fort, auf der ich lebe, alles bleibt stehn, nur ich falle seitwärts aus dem Augenblick.
Kontrolle? Drauf geschissen. Ich hab diese ganzen Zwänge satt, die Verantwortung, die Sittlichkeit, die Moral; ich hab die Schnauze voll davon, also zerschlage ich die Teller in der Küche, die gespült werden müssen, ich zerreiße die T-Shirts, die nicht sauber werden. Der Vodka wird mir zum Verbündeten, er gibt mir neue Ideen ein: In jedem Zimmer öffne ich die Fenster und lasse den Wind herein, er wirbelt das Papier und den Staub, er faucht in den peitschenden Vorhängen, in jedem Zimmer drehe ich die Musik auf volle Lautstärke und spiele überall das gleiche Lied, sodass die Menschen auf der Straße stehnbleiben, sodass selbst der unermüdliche Verkehr nicht mehr zu hören ist, ich stampfe laut mit den Füßen auf das feuchte Parkett, ich singe schreiend mit und drehe mich im Kreis, es ist egal, was morgen ist, nicht?, es ist scheißegal, die Leere kriegt mich am Ende doch, der Tod reibt sich die Hände wund, also warum morgen? Es gibt nichts, was das Morgen besser macht.
Damit ich mir ins Gesicht schauen kann..
"Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit", hat Karl Valentin gesagt. Das gilt auch für die Art de vivre-Lebenskünstler sind beneidenswerte Menschen, nicht wahr? Würdevoll! Würdevoll? Würde? Ein Begriff für die letzten und die schlechten Zeiten? Unzeitgemäß, ein Begriff aus der Theorie nicht aus der Praxis? Nur ein Guter Vorsatz, der mit dem alltäglichen Leben nichts zu tun hat?? Ein Wort das nur aus Zufall im Grundgesetz verankert ist? Kein Zufall? Was soll uns dieses Wissen von der Unantastbarkeit bei der Lösung unserer täglichen Problemen helfen? Mal ehrlich was uns belastet und den Stress steigert ist doch die wachsende Zahl an Möglichkeiten die wir haben. Entscheidungen zu treffen, ob große oder kleine kostet Energie. Neue Forschungen, Entdeckungen und Erfindungen gestalten unser Dasein vermeintlich bequemer, denn es wird ständig mehr machbar. Und es liegt in unserer Hand, was wir mitmachen uns was nicht. Es ist eine Frage der Haltung! Wir können beim Autofahren telefonieren und gleichzeitig Sushi aus einer Plastikbox fingern, wir können uns jedes Körperteil straffen lassen, unsere Stimmung mit Tabletten aufhellen, Schlechte-Laune-Falten wegspritzen lassen, anstatt an seiner Guten Laune zu arbeiten, wir können auf dem Klo schnell eine SMS an unseren Liebhaber schreiben, während unser Lebensmensch am Tisch im Restaurant wartet, wir können soviel auf einmal tun und doch nichts wirklich..Erlaubt ist ohnehin vieles, was früher das Gesetz, der Anstand, die Religion verbot...


vielleicht punktuell spannender. aber nicht gerade besser. für dich und für andere.
entschuldige, aber: sagt wer?
desweiteren: was interessieren mich die andren in solchen augenblicken, - oder, umkehrschluss: warum sollten sie sich für mich interessieren? was die punktuellen spannungen angeht: etwas kann nur solange spannen bis es reißt, nicht? das müsste bedeuten, dass auch eine punktuelle spannung seine besserung kennt, & zwar indem es zerfetzt, was es hervorbringt.
wer keine fragen beantwortet, sollte auch keine stellen.
dennoch sollte man auch in den kritischsten augenblicken die anderen im blick behalten, auch wenn er nur ganz am rande existiert. im umkehrschluss versicher ich dir, dass die anderen dasselbe tun. ansonsten würde mich nichts hier zum kommentar bewegen - das beste beispiel!
es geht immer weiter, monsieur, merken sie sich das. das sagt die erfahrung, das leben. das ist eine selbstverständlichkeit, ein prozess, ein kreislauf, eine regel. physikalisch vielleicht.
zudem: es muss nicht zerfetzt werden, was die spannung hervorbringt. es kann auch nur einfach da sein.
wer rhetorische fragen beantwortet, hat meistens die rhetorik nicht verstanden, eh?
meiner meinung nach ist man auch in den kritischsten augenblicken allein, - egal, ob man nun im interesse anderer steht oder nicht; du kannst im lautesten raum, mit deinen besten freunden sein: das schweigen kriegt keiner aus dir raus. (auch im umgedrehten fall des stillsten raums & dem lautesten geschrei im innern).
ich beginne verallgemeinerungen immer weniger zu schätzen, daher meine angriffslustigkeit. (verzeih das, zumindest ein bisschen). wer sagt, dass es weitergeht? nichts als empirie. aber ich habe gelernt, dass man aufgrund der erfahrungen nie auf die zukunft schließen darf; außerdem bin ich trotzig. ich will es so, verstehst du? ich will zerfetzen, ich will die spannung ausleben, ich will & ich muss, auf meine art.
alles, was mir stattdessen vorgeschrieben, vorgeschlagen, vorgelebt & am rande mit fußnoten versehen wird, ist mir scheißegal, weil es nichts andres als pauschaltourismus ist: menschen, die in ihrer eigenen narrheit leben, in ihrem eigenen kleinen spielbausteineland, & die beim blick ins fremde denken, sie müssten ihr denken importieren ohne sich dem fremden anzunähern, ohne es je zu verstehen; anders gesagt: alle theorien, alle annahmen, alle großen lebensweisheiten & erfahrungswerte, alle statistiken & gutgemeinte ratschläge sind rauch zwischen meinen lippen. sie besagen nichts als dass es andre menschen versucht haben, auf ihre art. sie haben dabei gewonnen, oder verloren, oder beides. allerdings heißt das nicht, dass es darum für mich lebbarer, leichter oder besser wird, im gegenteil.
ich behaupte nicht, dass du generell unrecht hast. ich behaupte nur, dass mir das da-sein so nicht reicht. dass ich es so nicht will. deshalb die spannungen, deshalb das zerfetzen & reißen, daher meine reaktion. es ist meine sicht der dinge. punktum.
im übrigen ist mir durchaus bewusst, dass es trotzig wirkt. aber eben: wer sagt, dass die eine reaktion richtiger ist als die andre? nur weil weniger dabei verletzt werden?