Running with Scissors
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Ich weiß. Allmählich geht ja doch alles den Bach runter. (Die Wirtschaft, die Umwelt, das Gesundheitssystem, etc.) Warum also mit den Worten ringen, ich meine: für den Moment? Lieber mal in die Sommerpause gehn, Fresse halten, mein ich. Das sagt mir schon meine Mandelentzündung. Das sagen mir die dreidutzend Filme, durch die ich mich jetzt kämpfe. Daher: Ein bisschen mehr Cine-Mania als in der Vergangenheit. Auch jetzt.
Running with Scissors also.
Im Vergleich zum kürzlich gesehenen Franklyn muss ich diesmal allerdings doch noch ein bisschen mehr sagen. Grund? Kategorie Eine von diesen Literaturverfilmungen. Ich kann's mir einfach nicht verkneifen, nein:
Mir hat das Buch damals, - wie viele Jahre ist das her?, tausend?, - wirklich wirklich (!) gefallen; ich mochte den skurrilen Humor, ich habe die Charaktere geliebt & gehasst, es hat mich berührt. Auf diese gewisse Art, - wie sagt man das bloß männlicher?, vermutlich gar nicht, - die einen noch weit über das Buch hinaus beschäftigt. Dann kamen die Jahre, & die Flut an Büchern, die Veränderungen, das Vergessen vor allem, & allmählich hatte ich verdrängt, warum ich Running with Scissors so vehement gegen alle Aussortierungen verteidigt habe. (Als ich nach Berlin umgezogen bin, stand ich vor der Wahl, einige Bücher aus dem alten Fundus bei meiner Mutter zu lassen oder mitzunehmen). Ich erinnere mich nicht mehr an den Schreibstil, zugegeben. Vielleicht ist es aus heutiger Sicht furchtbar. Meinetwegen. Manche Geschichten bleiben trotzdem. Manchmal bleiben sie nicht der Sprache wegen.
Als ich gehört habe, dass dieses Buch, - eine Art Coming of Age/Coming Out-Geschichte, one of those semi-autobiographical stories, - verfilmt werden würde, war ich gespannt. (Allein wegen Deirdre). Das hat mich natürlich nicht davon abgehalten, es dann letzten Endes völlig zu vergessen. Über, äh, Jahre. Aber gut. Besser zu spät als nie, wa?
&?
Naja. Es ist nicht wie das Buch, nein. Ich finde es teilweise sogar erschreckend fehlbesetzt. (Wie soll ein neunzehnjähriger Mann einen dreizehnjährigen Jungen spielen?) Außerdem ist es prüde, selbst für amerikanische Verhältnisse prüde. (Joseph Fiennes & Joseph Cross sind, aus meiner Außenseiterposition, vermutlich das heterosexuellste schwule Pärchen, das ich je verfilmt gesehn habe). Oke, zugegeben: Die Hardcore-Szenen, die im Buch recht detailliert beschrieben werden, waren kaum umzusetzen, nicht für's Mainstreamkino. Dafür gibt's Shortbus. Oder 9 Songs. Aber ein bisschen mehr, - ich meine, heutzutage? Andere Dinge, wie die Tatsache, dass Nathalie, im Film von Evan Rachel Wood, - die, wie ich gehört habe, gerne die Mutter meiner Kinder wäre, - dargestellt, nicht pummelig ist wie sie sein sollte, nehme ich als Sitte der Zeit so hin; auch, dass Gwyneth Paltrow, die neben den andren Schauspielern fast schon greisenhaft wirkt, Hope spielt, ist meiner Meinung nach völlig oke. Tatsache ist, dass vieles fehlt, umgeschrieben wurde. Statt Vergewaltigung ist alles einvernehmlich (& die Brisanz der verschiedenen Altersunterschiede kommt erst gar nicht auf, oder wird nicht bewusst gemacht).
Diese, & andere Mängel entstehn nur durch mein Buchwissen. Der Vorteil daran: Diejenigen, die das Buch nicht kennen, werden das überhaupt nicht merken; sie werden eher die Charaktere vielleicht zu clichéhaft finden, die Erzählweise nicht überraschend, den Plot vorhersagbar. Ich nehme meine Mängel allerdings gerne für etwas inkauf, denn, - & jetzt kommt der eigentlich Grund für diesen ausufernden Lückenfüller, - dieser verdammte Film hat seine großen Momente. (Meiner Meinung nach).
Im Gegensatz zum Buch, das recht ausgewogen zwischen Tragödie & Komödie schwankt, ist der Film fast ausschließlich tragisch. Selbst dann, wenn er komisch sein will. Sein soll. & allein deswegen schon mag ich Running with Scissors trotzdem. Es ist dasselbe Trotzdem, das mich das Buch behalten ließ. Wo das Buch leicht ist, ist der Film bleischwer. Aber es sind genau diese traurigen Szenen, die mich, oke, vielleicht nicht gerade umgeworfen, aber doch zumindest so hart angestupst haben, dass es weh tat. Dieser Entwurf, diese Sichtweise kann so dermaßen schmerzhaft sein, dass der Kitsch, den manche darin wittern, nicht kitschig ist, sondern glaubhaft. Annette Benings Szenen allein, & natürlich Jill Clayburghs, die als ihr Kontrapunkt fungiert, sind wirklich gut, wirklich sehenswert, wie ich finde. Was die Clichébilder angeht, die angerissenen wie die gestriffenen: Sei's gewesen, sei's geliebt. Wie tief sieht man auch im echten Leben in die Seele eines Menschen? Wer wirklich mehr erwartet, hat es nicht begriffen. (& das ist natürlich die Arroganz desjenigen, der das Buch gelesen hat). Der Film hat ein Anrecht, gesehen zu werden. Literaturverfilmung hin oder her. Es gibt Verfilmungen, die sind wie das Buch, andere sind nur inspired by, manche haben überhaupt nichts mehr damit zu tun. Was soll's? Manches muss man so akzeptieren wie es ist. Die schönen Momente macht es deswegen nicht kaputt.
Fazit? Joar, erst Buch lesen, dann Film sehen, & zuguterletzt: Über die Fehler hinwegsehen. Egal wie gravierend sie auch sein mögen.
Scheiße, ich sollte für diese Werbung von Buch & Film übrigens fett Kohle kassieren.

