[>>]

נגב

1.
Alle Frauen tragen die gleichen Frisuren. Blondbraunes Haar: toupiert zu Stahlwolle; sie tragen es wie Helme, - Soldatinnen, die sie sind, hochgewachsene, schlanke Frauen, - die bunten Sommerblusen flatternd im Wind & die Stretchhosen straff auf der Haut, die cremefarben ist, - so marschieren sie mit den kleinen Kindern, so exerzieren sie mit Kinderwägen, links, links, die sehnigen Hälse gereckt, die Blicke kühl alles Fremde zerblickend, so zerstoßen sie das Eis mit den adrigen Händen, so geben sie es in die Limonade & reichen die Gläser an die Söhne weiter, die morgens draußen auf dem trocknen Rasen liegen, - braungebrannte Kibbuzsöhne, die Haare von tausend Jahren Sonnenlicht zu Stroh gemacht, knisternd im Südwind, - oder die abends am Fenster stehn, die Haut vom Wasser rein gewaschen, nackt, mit dem Blick ins Zimmer gegenüber, wo Monsieur Mort, wo A. am Fenster hockt, das Buch der Wilden Detektive auf dem Schoß, & blätternd, weiß geblieben, struppig vor Wut & Müdigkeit, der nicht merkt, wie man ihm winkt, wie man seinen Namen über die Straße ruft, durch Negev, durch Sand- & Steingebrochnes, im Südwind tanzend, & der erst dann aufschreckt von Rippenbogen & brauner Haut, wenn der erste Kieselstein ans Fenster fliegt.


2.
Saint Gregory stand jeden zweiten Abend wie ein griechischer Held vor meinem Fenster und rief meinen Namen ins Samtene dieser ersten Septemberwochen, ins Betäubte, Schlaflose dieser golddurchwirkten Herbstspielereien. War Troja gefallen?, war Odysseus je nach Hause zurückgekehrt?, und ich?, was hatte ich je getan?, - es blieb nichts als das Buch zur Seite zu legen und Saint Gregory zu begrüßen, den Unversehrten, den Heiligen aller Schlaflosen, und um mit ihm durch die Straßen des Ghettos zu gehn, das am Rande des Orts aller Orte stand, dort, wo Angst und Schrecken einander Zwillinge sind und an den Geschlechtern miteinander verwachsen.

Wir gingen durch die Wüste Negev
und die Wüste Negev ging mit uns.


3.
Sie reden über die kommende Trockenheit, über Sexualität und Religion; am nächsten Tag gehen sie zusammen in ein Geschäft, in dem ein Mann Kleidung verkauft, - die Zimmer sind zur Hälfte ausgeräumt, Kisten und Kartons stehen unter leeren Regalen, nur noch wenig Stoff lässt sich finden, - dort führen sie sich gegenseitig Hemden und Hosen vor, sie lachen viel dabei. In Unterhosen verfolgen sie einander durch Spiegelkorridore, sie kneifen einander in die Brustwarzen, sie sammeln die silbernen Haken der zerbrochenen Kleiderbügel und werfen sie um die Wette wieder fort. Sie sind wie Kinder. Sie kennen keine Unterschiede zwischen Gut und Böse. Sie wissen nichts von der Sehnsucht. Sie haben die Ferne vergessen. Sand und Dornengestrüpp zergehn zwischen ihren nackten Zehen zu Asphalt und Flaschenscherben. Nachts sitzen sie am vertrockneten Wasserlauf und trinken, - diesmal nicht um die Wette.


4.
Er sagt, erzähl mir von deiner Mutter. Der andre macht's.
Er sagt, erzähl mir von deiner letzten Freundin. Der andre macht's.
Er sagt, erzähl mir und erzähl mir und erzähl mir vom Leben.

Und der andre?
Er sagt:


5.
Ich ertappe mich dabei, wie ich lose werde, wie mir die Geduld abhanden kommt; an manchen Tagen ist alles, an was ich denken kann, die Liebe, wie sie war, & dann lege ich mich zerwühlt von fremder Haut & blauen Augen ins Bett, zwischen weiße Laken, unter weiße Decken, ein schwarzer Punkt im Blauen, & frage: Wie weiter?, aber nur die Hand weiß eine Lösung zu finden, nur die Finger, nur die zitternden Netzhäute, die vom Vielen phantasieren, den geöffneten Lippen, dem ersten Kuss, & cetera, aber die Mutter kommt ins Zimmer & fragt ihre Fragen, & die Schwester am Telephon stellt ihre ultimativen Ultimaten, & die Gier frisst sich tief in jeden Nerv, - nur ich, der hilflos in der Wüste ist, findet keine Worte mehr; ich streiche mir die Augenbrauen struppig, verheddere mich in meinen spitzen Wimpern, während der Bruder sagt: Tu dies & tu es sofort, so wie es die Mutter sagt, & die Räuber zwischen den Ruinen, wie es der immerneue Morgen sagt & das Herz aus Porzellan. Ich stehe am Wegesrand, - die Hosen staubig, das Hemd verschwitzt, - & sehe den marschierenden Müttern bei ihren Manövern zu, sehe die Kibbuzsöhne in ihren perfekten Kostümen, & nie, & kein Tag, es ist, als gebe es hier keine Zukunft, als stünde alles still. Alle Uhren zeigen die gleiche Zeit.

Aber was hätte Jammern je geholfen?, so sind die Tage, so sind die Wochen & Jahre, - solange die Lippen noch lächeln können, bleibt man am Leben. Das ist alles, was ich dir erzählen kann.


6.
Doch als wir uns trennten, als jeder wieder in seine eigene Behausung ging, da kam der Sand in Spiralen und der Himmel tobte im Sturm.

Ich hatte es vergessen:

Ich war die Wüste Negev
und die Wüste Negev verschlang Bäume und Ernten,
sie verschlang die Städte und Dörfer, die Menschen,
sie verschlang selbst das Meer.
Und nichts, und niemand konnte ihren Hunger stillen.
Bis sie die ganze Welt verschlungen hatte.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild