Der Hauch
Ich wache auf von dem Geklapper des Postkastens, eines kleinen Metallschlitzes in der Haustür; eine unbekannte Hand, - ich hab sie nie gesehen, - steckt mir die Zeitung ins Haus. (Sie wird an eine Zukunft geliefert, die noch nicht anlaufen will, aber okay). Ich wache auf, es ist 3 Uhr 44. Jeden Tag ist 3 Uhr 44. Schon weit länger als die Zeitung überhaupt geliefert wird. Ich bin wach wie ich wach bin, und schäle mich aus dem Dickicht von Kissen und Decke hinaus in die Kälte der Gruft; ich entzünde Kerzen, sie stehen auf dem Tisch, und dann, im Dämmer der Nacht und des Morgens, da schlüpfe ich in dicke Wollsocken, hüpfe trunken vom Schlaf durchs Zimmer, und die Welt? Die Welt ist ganz still. Niemand bewegt sich. Mir hat ein Geist die Schlagzeilen von Morgen gebracht, ich höre ihn nicht mal verschwinden.
Meine Hände nehmen das Kufiya vom Haken, draußen im Flur, und wickeln es mir um Hals und Schultern; sie setzen Wasser auf, sie schütten Mate-Blätter in den Kürbis, sie zupfen die Zeitung aus dem Schlitz in der Tür, und wieder: das Geklapper. Jeden Tag, jeden Tag, jeden Tag. Der Krach weckt das ganze Haus, denke ich, aber niemand hört mich durch die Zimmer gehn. Niemand ist jetzt schon wach, oder immer noch, ich habe den Unterschied vergessen. Das Müsli kommt in die Mikrowelle, ich ertrage nichts anderes mehr seit ich davon gelesen habe; ich erhitze die Milch so, dass sie kochend Blasen wirft. Geschmack brauche ich nicht, es zählt allein die Wärme...
Am Schreibtisch trinke ich meinen Tee, er kühlt recht schnell ab. Die Zeitung sagt mir nichts Neues, die Zeilen langweilen mich. Sie töten mich. Ich weiß wirklich nicht, wem das Gängeviertel gehört. Ich empfinde keine Wut mehr über Westerwelles Aussagen, die Plattitüden der Politik sind vorhersagbar geworden, die Menschen bleiben ignorant, sie bleiben dumm, sie fressen sich selbst, ich habe aufgehört, an die Demokratie zu glauben, - ja, die Welt könnte in Flammen stehen, es würde mich nicht weniger kümmern. Wann habe ich eigentlich zu resignieren begonnen? Wann ist das passiert?
Der Dampf der Milch beschlägt mir die Brille, die ich nachts trage, um die Wirklichkeit näher zu holen. An mich. Jeden Tag. Näher, näher! Ich zerblättere die Seiten, ich raffe Papier, ich zerknülle es und werfe es fort, Papier, Papier, die Druckerschwärze verstopft mir die Poren. Die Welt ist so alt geworden, denke ich, sie ist so schrecklich alt trotz all der neuen Dinge. Ich mache den Computer an; manchmal erwische ich A., zwischen zwei Schritten, zwischen Bett und Kommode, ein Hund, der ihm über die Füße hüpft, pero, pero, die Tablettenschachtel liegt immer in seiner Nähe, denke ich, und dann sage ich irgendetwas mit meiner Stimme, ein Englisch mit deutschem Akzent, laut, klar, über tausende Kilometer hinweg, und ich denke: Wie ist das?, wie fühlt sich das wohl an?, und die Augen, wenn sie A. losgelassen haben, ihn und die Welt, in der er lebt, lesen: Diese schweigende, regungslose Nacktheit versetzte uns in eine Art Ekstase: der leiseste Hauch hätte uns in Lichter verwandelt*, und der Verstand zernickt das Buch zur Seite legend. Der leiseste Hauch, der leiseste. Die Synapsen verbinden sich knisternd, und Berlins Straßen sind weniger leer.
Wenn nur alles einfacher wäre, eindeutiger. Wenn ich morgens nicht diesen Augenblick hätte, nicht diese eineinhalb Stunden Rastlosigkeit, wenn nicht die Leere wäre, die Kälte des Winters und die Glasglocke, die sich über mich senkt, über mich und jeden Tag, wenn es dieses Näher nur gäbe, und immer: Näher!, doch stattdessen erzähle ich bei jeder Gelegenheit dieselben Anekdoten. Die Leute lachen meistens. Selbst dann, wenn sie das alles schon kennen. Ich weiß nie, ob sie das ehrlich meinen, ich hab es nie begriffen, - ich weiß nicht, warum niemand die Wahrheit sagt, weshalb alle immer nur Ausreden benutzen. Sie wollen sich den Schmerz sparen, nicht?, sie wollen einander nicht verletzen. Also lügen sie sich an... Wir sind alle Kinder unserer Zeit.
Wenn dann die Zeitung gelesen ist, und der Mate-Tee getrunken, wenn das Müsli gegessen ist und die ersten Autos wieder auf der Straße vor dem Haus fahren, unermüdlich wie sie's immer tun... Was dann?
Ich habe alle Briefe beantwortet, obwohl ich mir keine Mühe mehr mache; ich habe alle e.Mails geschrieben und nie das Richtige gesagt; die Zeilen einer Geschichte schälen sich von meinem Hirn ab wie tote Haut, und es ist irgendwie recht trivial; ich höre immer wieder die gleichen Lieder. Nein, denke ich: nein. Ich brauche die Tabletten nicht, ich brauche sie nicht, diese Alternativen, diese Protestlieder und der zur Missbilligung verzogene Mund, niemand hat Depression gesagt. Ich bin nur müde. Es ist 3 Uhr 44, an jedem Tag. Andere Menschen schlafen um diese Uhrzeit. Ich schlafe nicht.
Später am Tag, es sind mittlerweile fast 13 Stunden vergangen, stehe ich in einer Wohnung, die schön ist, weil Leben in ihr ist; weil die Möbel durcheinander sind, und benutzt; weil es nach frischen Kräutern riecht und Obst; weil die Farben im goldenen Licht des Tages aufglühen und alles berauschen. Der leiseste Hauch, das geht mir durch den Kopf, während ich den Menschen zusehe, wie sie am Tisch sitzen, wie sie ihrem Leben nachgehn, lachend, aufgrund der Zwiebeln heulend, von Sehnsucht zerfressen und auch von Kummer; sie, die am Topf steht und den Deckel hebt, und er, der nach dem Dosenöffner sucht, wie sie lebendig sind, wie sie eingebettet sind in dieses Alles, in diese Unmöglichkeiten, in dieses Nahezu und Überall, - nicht am Wahnsinn, nicht am Tod, weit über alle Definitionen und Grenzen hinaus, ins Licht, ins Licht und in die Wärme, ins Gold eines Tages. Und auch wenn der künftige Winter schon die Blätter braun nagt und zu Boden wirft, - der leiseste Hauch hätte uns in Lichter verwandelt.
Ich wache auf, wieder wache ich auf, es ist ein anderes Leben, es ist ein neuer Tag. (Ist es nicht, es sind nur ein paar Stunden vergangen). Ich habe von Norma Desmond geträumt. Und es stimmt, was sie sagte: Es sind die Filme, die zu klein geworden sind; es sind die Vorstellungen, die uns begrenzen. Also raffe ich mich auf zum Neuen, zum Besseren. Ich werfe die Kleidung von mir ab als würde dies allein schon Veränderung bedeuten; das Wasser unter der Dusche ist so heiß, dass meine Haut dampft und die Spiegel beschlagen. Es fehlen Pflanzen im Badezimmer, es fehlen Pflanzen in der Küche.
Sag: Ich lebe.
Sag: Ich sterbe.
Sag: Erinnere dich an alles und vergiss es für immer.
Superlative helfen. Jeden Tag, jeden Tag. Auch heute nehme ich die Zeitung, heute lese ich sie von Wut zerfurcht, mir glüht das Blut in den Ohren.
Ich schreibe weiter, schreibe, schreibe, stundenlang, bis ich mit Don Toupo am Tisch sitze, er trinkt sein Bier, ich trinke nicht mehr, nur Heißes, nur immer und immer Heißes, weil ich nicht auskühlen darf, weil das Eis nicht geschmolzen ist, weil es nie schmilzt, aber so sei es. Ich lese weiter, lese, lese, die Erzählungen von Stevenson berauschen mich, ich brauche Pausen, bis ich mit Fremden, die nicht so fremd sind, in ihrem Bus sitze, einem ausgebauten Fossil, in das ich passe, und wieder nicht passe, und die beiden sind so sehr hier, so sehr verwurzelt, dass ich mich kurz darüber wundere, weshalb es mir nicht einfacher fällt mit ihnen zu reden, über Schauspielerei, - das läge ja doch sehr nahe, und wirklich: Ich bin von Neugier zerfressen, während ich da diese Gitarre halte, während Berlins Straßen abrollen wie Wollefäden, das da sind Schauspieler, Künstler, - und deren Anwesenheit mich doch zufrieden macht. Irgendwie. Wer versteht das eigentlich? Das Leben als Licht. Und das Gras tanzt. Überall das Laub, überall: Papier. Wenn jetzt der Wind käme, wenn jetzt die Kinderfüße tanzten, wenn alles aufgehoben wäre und von allem gesäubert, von allem geläutert...
Und ich stehe am Fenster, es senkt sich die Sonne.
Und der Hauch kommt.
Und der Verkehr und die Zeitung und die Menschen,
schlicht und einfach alles,
an jedem Tag,
wird...
*Georges Bataille - Die Geschichte des Auges
Und jetzt Themenwechsel. Ich lese gerade ein Buch, das Leben, was es macht und bei manchen Zeilen denke ich indirekt an dich, so vom Schreibstil her. Falls du immer noch nichts weißt für einen wirklich längern Text (was ich bezweifele, denn du hast alles schon), aber ich meine dieses fest Gebunden, endlich etwas, dass ich in der Hand halten kann, vielleicht hilft es was, minimale Inspiration, dass es eben auch so geht. Chuck Klosterman, eine zu 85% wahre Geschichte.
Ich schicke dir das auch gerne zu, musst mir nur sagen wohin, das Buch wird dann tausend Eselohren haben, dass mache ich immer wenn mir eine Passage sehr gefällt, jede vierte Seite in diesem Buch ist verknickt. Und scheisse versuche das mal online….

