1984 vs. me

Sonntag, 27. Januar 2008

Sepsis, 1/2

Ehrlich jetzt.
Ich will dir nicht mehr erklären müssen, dass ich glücklich und unglücklich sein kann, ohne zu wissen, was davon jetzt eher zutrifft; ich will nicht mehr denken müssen: Ich liebe dich, wenn ich dich im Augenblick nicht ausstehen kann; ich will nicht mehr an meinem Hemdkragen ziehen, in der Hoffnung, meine Lungen bekämen davon mehr Sauerstoff, und mein Blut damit einen besseren Wert, wenn ich im Aufzug stehe und nichts nur im entferntesten an Sauerstoff erinnert; ich will nicht mehr paraphrasieren, was mit deiner Hose nicht stimmt, will nicht noch mehr Adjektive an deinen müden Gesichtsausdruck verschwenden, und ich will dich schon gar nicht nackt in meinen Träumen sehen, weil in meinen Träumen ohnehin alles nur schwarzweiß ist, - und das wirkt dann noch melodramatischer; ich will nicht mehr das Ziel der Ziele suchen, weil ich es mir mit meiner Wut eh nicht leisen kann; ich brauche dein Mitleid nicht, und auch nicht dein Verständnis, denn wenn wir uns unterhalten, bleibt jedes deiner Worte nur in meinem Hals stecken und macht mich laute Argumente husten; spar dir deine Ausrufezeichen am anderen Ende deiner Sätze, - sie ermüden mich, - und lass am Besten auch gleich die Buchstaben weg.

Ehrlich. Ich staple dir einen schiefen Turm lauter kleiner Nebensächlichkeiten, die du als dein Leben verkaufst. Fernsehauftritte inklusive. Und dann bist du ganz außer dir. Dass ist es doch, was so viele Menschen dazu treibt, vor den Weitwinkelobjektiven zu winken, oder nicht? Dass bringt doch diese Telephonistinnen dazu, mich komische Fragen zu fragen, oder nicht? Woanders sind sie froh, wenn das verseuchte Wasser sie nicht krank macht, - sie nicht tötet, - und du suchst blätternd nach ein bisschen Wellness, amazonst dich durch eine neue Rezession Rezension, und bedauerst deine 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum. Bescheidene Frage, du Idiot: Wohin soll es denn noch wachsen?

Vorstellungsvermögen, - daran scheiterst du. Du kannst dir nicht vorstellen, dass es eine Welt außerhalb deiner eigenen gibt, daher existiert sie nicht für dich. (Man hört es nicht, man sieht es nicht. Danke, reicht schon). Manchmal schläfst du so tief, dass du deinen eigenen Aufprall nicht hörst.
Nein. Im Ernst. Das meiste was ich schreibe, was ich sage, was ich denke, ist völlig belanglos, zugegeben. Das meiste wird überlesen, überhört, verschwiegen, und wenn nicht das, dann wird es wenigstens vergessen. Aktuell bleibt nur der momentane Auffahrunfall, - nicht die Statistik mit den Todesopfern pro Tag, Monat, Jahr. Meine Zeiteinheiten gelten nicht für dich, und deine schönen Glasgebäude, deine Shoppingmeilen, dein ewiges Wegsehen in den Supermärkten, und vielleicht ist es nicht mehr kosmopolitisch genug, das anzuklagen. Das ist nicht mehr en vogue. [Gerade ist es Mutter Natur, die du auf der Titelseite überblätterst, - obwohl du der heimliche motherfucker bist, und nicht die Anderen]. Ehrlich jetzt, ich habe bis vorletztes Jahr auch nicht recycelt. Ich hab sogar Batterien in den Papiermüll geworfen. Ich habe dem Penner an der Ecke auch keinen Kaffee hingestellt, und mich mit ihm unterhalten, weil ich mich nie gefragt habe, warum er in diese Situation geraten ist. Ich habe fleißig auf die Jugend gespuckt, die mich mit ihren modischen Entgleisungen am Bahnhof fast in den Gegenverkehr stießen, und mir war auch egal, dass sie existieren; sie hatten nicht mehr als eine vegetative Form für mich, sie waren wie Gras.
Mir war so vieles so ziemlich egal, wenn ich intensiv darüber nachdenke, und vielleicht habe ich mich bisher besser verkauft als ich in Wirklichkeit bin. Ja. All das, zugegeben. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, verstehst du? Irgendwann war das Limit des Erträglichen überschritten, und ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, mit meinem thermonuklearen Gedankengut zu denken, das noch Jahre später in mir strahlt:

Süß, wie die kleinen Eisbären durch die Zoos tapsen, wo wir doch ihre Art aus der nördlichen Hemisphäre vertreiben. Wie lehrreich, dass unser Journalismus nicht mal mehr im Ansatz so investigativ ist, wie er es mal vor zehn Jahren war, - denn ja, genau: Wer ist eigentlich Veronica Guerin? (Hauptsache auf RTL flimmert eine Stunde lang White Trash in immergleichen Abendkleidern auf immergleichen Partys, und dann rammt Peter Kloeppel Tilidin in die von Hysterie und Belanglosigkeiten weichgespülten Gehirne, und informativ, informativ, also sterben Teenager in England, wo tausende pro Tag auf der ganzen Welt verrecken). Gott sei Dank gibt es Smileys, und andere Emoticons, die uns das Grauen nicht ganz so grau erscheinen lassen, - und du bezichtigst mich derweil des Schwarzmalens. Ha. Ein Leben will gelebt werden, - entweder das, oder es stirbt. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Oder, ah, doch, es nennt sich vegetieren, und das machen erstaunlich viele.

Ja, ehrlich. Ich mache mir viele Illusionen, und ich weiß um meine Ideale. Besser als du um deine verlorenen. Ich trete Greenpeace bei, sag ich. Ich engagiere mich bei attac, und ich opfere mehr als ich habe, - und du schüttelst nur traurig deinen schönen Kopf. Opfer bringen ist nicht in. Also baue ich meine kleinen Plastiksprengstoffsteckbausteine zu einem großen Paket zusammen, und denke es in die Köpfe dieser vielen, vielen Menschen, die dieses existenzialistische Problem des Lebens nur weitertragen, in dem sie Kinder zeugen, und dann später Werbespots darüber drehen, dass sie gerne noch mehr Kinder hätten. (Dabei ist gerade das unser Problem: Es gibt einfach zu viele von uns).

Ich würde sagen, wir haben die Sepsis überstanden.
Willkommen Herzstillstand.

Montag, 24. Dezember 2007

...

Na dann: Fröhliche Weihnachten.

>> The Story of Stuff

Donnerstag, 11. Oktober 2007

lest we forget

Marilyn Manson hatte verdammtnochmal Recht: the death of one is a tragedy, the death of millions is just a statistic.

Ich weine tatsächlich während ich es lese, weine vor Wut, - und Hilfslosigkeit; ich zittere beim Lesen, zwinge mich dazu, das Buch auch einmal wegzulegen, und beschäftige mich doch den ganzen Tag damit.

Man kann 28 stories about aids in africa nicht wie einen Roman lesen, genauso wenig wie einen neutral abgefassten Artikel in der Zeitung, oder eine sachliche Erklärung aus einem Wörterbuch. Das ist das Leben in Armut, Leiden und Tod. Das ist das Leben (und vor allem das Sterben) mit (und durch) Aids und HIV, und Stepahnie Nolen beschreibt es intensiv und schnörkellos, oft wissenschaftlich erklärend, ohne kompliziert zu sein, selten subjektiv, aber trotzdem einfühlsam. Sie erklärt die Katastrophen, die Afrika schütteln, in dem sie die Einzelschicksale von 28 Menschen beschreibt, die sinnbildlich für die 28 Millionen HIV-Infizierter in Afrika stehen, für die 5500 Menschen, die pro Tag (!) dort an Aids sterben. (Egal ob in Simbabwe, wo pro Woche 3000 kläglich verrecken; oder in Nigeria, wo pro Jahr 300.000 Menschen sterben). Informativ allein trifft es nicht; informativ ist eine gute Dokumentation, bei der man das Gefühl bekommt, ein bisschen die Neugier zu stillen; es ist moralisierend, eine Pflichtlektüre, ein Schlag in die Magengrube.

In Afrika sind 28 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Diese 28 Millionen Menschen werden in den nächsten drei bis vier Jahren sterben. Was in Afrika passiert, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit. Aber nicht ein Volk, sondern Hunderte Völker - die Matswana, die Masotho, die Zulu, die Shona, die Matebele, die Chewa, die Setswati - verschwinden, noch während ich das hier schreibe. [S.11]

Ein Völkermord aus Gleichgültigkeit, - genau das ist es. Die Interventionen Europas und Amerikas beschränken sich auf die Großzügigkeit, auf ein paar Randprogramme, die Prävention und Schutz genauso unzureichend in den Vordergrund stellen, wie sie Therapie und Behandlung in den Hintergrund drängen.

Man denkt, man wäre aufgeklärt und fortschrittlich, aber in Wirklichkeit weiß man nichts. Wir sind nicht aufgeklärt, denn wir reden nicht darüber. Wir wissen nichts, kennen keine Zusammenhänge. Wir haben am 02. Dezember den Aids-Tag, - oh mother globalia is bakin some cakes, - aber was ist ein Tag im Jahr? Der elfte September 2001 hat sich uns als kolossale Katastrophe eingebrannt, als internationales Ereignis, das wiederum den Kriegen gewichen ist, den anhaltenden Konflikten in Nahost, den Tsunamis und Überschwemmungen, den Terrorwarnungen und -anschlägen, - aber wir haben Tag für Tag einen elften September, haben Tag für Tag einen Tsunami, einen Hurrikan Katrina, haben Hochwasser und Bombenattentate. Tag für Tag sterben Tausende, Tausende, verdammt, - sterben an Hunger, an den Zwillingsepidemien Aids und Tuberkulose, sterben an Kriegen, - und in Deutschland gilt man als arm, wenn man den Kindern kein Spielzeug kaufen kann. [Unsere Definitionen der Armut sind im wahrsten Sinne des Wortes erbärmlich]. In Deutschland ist man unzufrieden. In Deutschland ist Status Essenz, und Essenz hauptsächlich Geld, und Bildung wertlos. [Versuche Kindern und Jugendlichen hier zu erklären, dass es Menschen auf der Welt gibt, die für ihre Bildung kämpfen, die dafür alles in Kauf nehmen, sogar das Hungern; geh durch Kreuzberg, geh durch die Landghettos Deutschlands, wo die Jugendlichen abends an Bahnhöfen mit Speakerboxen HipHop hören, und es geil finden, wenn ein Kerl von seinem harten Leben rappt, von seinem Aufenthalt in Gefängnissen, von Drogen; versuche ihnen zu zeigen, dass sie gleichgültig sind, dass sie nicht verstehen, was die Vergangenheit bedeutet, was die Zukunft ist, dass sie nur im Jetzt leben, das keine Hoffnung kennt. Geh in die Universitäten, wo die Studenten an ihren Tischen sitzen, und darüber diskutieren, ob die Welt gerecht ist oder nicht, die reden und reden, und sich so furchtbar intellektuell fühlen, aber nichts tun, sich nicht informieren, die unwissend sind, und die Unwissenheit verbreiten. Geh zu den schönen Menschen, zu den eingebildeten, geh tief in diese Sozialgefüge ein, und erkläre ihnen den Wohlstand, erkläre ihnen das Glück, und was werden sie tun? Nichts. Lachen. Vergessen].

Die Globalisierung frisst uns, frisst Afrika, und es stimmt: die Politik dient nicht mehr dem Volk, - sie dient der Wirtschaft. [Unter dem Aspekt, dass wir behaupten, die Wirtschaft diene in letzter Instanz gerade dem Volk]. Wir glauben, zivilisiert zu sein, glauben, durch die Demokratie ein System gefunden zu haben, das den meisten Menschen Gerechtigkeit angedeihen lässt, - aber das ist eine Täuschung. Wir haben uns eine Demokratie aufgebaut, die weiterhin versklavt. Durch Darwin's Nightmare habe ich gesehen, wie wir Afrikas Wirtschaft ausnehmen, wie wir sie missbrauchen, und durch 28 stories about aids in africa habe ich den globalisierenden Zusammenhang erst verstanden:
Afrikas Anteil am weltweiten Handel sank von etwa vier Prozent im Jahr 1970 auf 1,5 Prozent im Jahr 2004, was zum großen Teil daran lag, dass die internationalen Handelsgesetze diesen Kontinent benachteiligen. In den reichen Ländern werden die Bauern stark subventioniert (Baumwollzüchter in den Vereinigten Staaten, Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Europa), so dass sie zu Preisen nach Afrika exportieren können, mit denen die afrikanischen Bauern nicht zu konkurrieren vermögen. Gleichzeitig schützen diese reichen Länder ihre eigenen Märkte mit Zöllen und Quoten und verwehren damit afrikanischen Produkten den Zugang. Die Summe, mit der die G8-Länder ihre eigenen Bauern subventionieren, übersteigt bei weitem den Gesamtbetrag der Hilfsgelder, die sie Afrika zukommen lassen. [S.321ff]

Wir überschwemmen die afrikanischen Märkte mit Gütern, anstatt ihnen Geld zukommen zu lassen, das ihre Wirtschaft ankurbelt. Wo ist der Marshallplan, wo sind die internationalen Fördergelder, wo sind die Friedenstruppen der UN, die sanieren, reformieren und helfen? Natürlich gibt es Stiftungen, es gibt unzählige Fonds, und es gibt Menschen, die sich engagieren. Keine Frage. Und trotzdem überlege ich, was ein Profifußballspieler, was ein Hollywood-Star, was ein Spitzenpolitiker verdient, - wie viel Geld, wie viele Millionen, und Milliarden sind hier im Umlauf, - wie viele Paris Hiltons gibt es auf der Welt, die aus Geld noch mehr Geld machen? Ein Bill Gates gibt freimütig ein paar Millionen aus seinem Sparstrumpf, weil Bill Gates es kann. Den Bürgern drückt man dafür zu Weihnachten wieder den nächsten Spendenmarathon auf die Nase, um sie die stille Befriedigung spüren zu lassen, den Persilschein für die Seele, und dann ist gut, dann denkt man nicht mehr daran, und man vergisst. [Mensch, dein Name ist Gleichgültigkeit, und du lebst in einer Welt des Vergessens].

Es sind überall Zusammenhänge. Wirtschaftliche, ökonomische, menschliche. Die Pharmakonzerne, die ihr Patentrecht die vollen zwanzig Jahre ausnutzen, um den Reichen die Medikamente zu verkaufen, und die deshalb die Armen sterben lassen; (es ist ein Skandal, dass es Konzerne gibt, die auch heute noch gegen die Generika-Herstellung klagen, - nur weil es Menschen gibt, die daran glauben, dass Medikamente auch den Ärmsten zugänglich gemacht werden sollten). Es gibt Berichte über Testlabors in Afrika, die zwar kostenlos Patienten behandeln, aber auf einer Basis, die jeder ethischen Richtlinie widerspricht: sie testen die Patienten mit verschiedenen Medikamenten, um herauszufiltern, was wirkt und was nicht, - zum Preis von Toten, die die Medikation nicht verkraften, nicht vertragen, etc. Es wüten Tuberkulose-Epidemien, die vollständig resistent gegen Antibiotika geworden sind; es gibt neue HI-Virus-Stämme, die selbst gegen die ARV-Therapien resistent sind, weil die Menschen ihre Adhärenz nicht einhalten, und deshalb immun werden, - und wegen diesen Resistenzen muss geforscht werden. [Sie scheinen nicht zu verstehen, dass sie das Übel der Resistenz selbst beschwören, weil sie die Generika verbieten oder die eigentliche Medikation unerschwinglich teuer machen; wer sich am Anfang die Medikamente noch leisten konnte, sieht sich durch die steigende Inflation mancher Länder außerstande, die Tabletten einzunehmen, - durch Abbruch der Medikation entwickeln sich Resistenzen. Im Jahr 2005 infizierten sich beispielsweise rund drei Millionen Europäer mit Keimen, die gegen bekannte Antibiotika resistent sind – 50.000 von ihnen starben daran*, - wie das in Afrika aussehen muss, kann man sich ungefähr denken. Aber das nur so nebenbei].
Es gibt Zusammenhänge zwischen den Lobbys, die in Afrika Wurzeln schlagen, und sich in die politische Lage eingemischt haben, und dem Status von Europa und Amerika. Das wirtschaftliche Niedrighalten der Dritten Welt durch die Erste, unter dem Aspekt des Gleichgewichts, - ich höre nicht zum ersten Mal von Menschen, die behaupten, es gäbe eine darwinistische Katastrophe, wenn es den Menschen in Afrika besser ginge, wenn sie freien Zugang zu medizinischen Einrichtungen, zu Lebensmitteln, zu Schulbildung hätten. Was für eine Arroganz. Die darwinistische Katastrophe ist längst eingetreten.

Wir wissen nicht, was dieses Leiden bedeutet, - ich wusste es nicht, und halte mich selbst doch für ziemlich aufgeklärt.

Ich weiß erst seit dem ich Richard kenne, - den ich vor ungefähr eineinhalb Jahren auf einer Aids-Kundgebung in Tübingen kennengelernt habe, - dass man Aids und HIV mittlerweile wie eine chronische Krankheit behandeln kann, wie Diabetes beispielsweise. Ich habe durch ihn gelernt, dass es Medikamente gibt, die den Virus unter Kontrolle halten, oder genauer gesagt: Medikamente, die das Immunsystem nicht zusammenbrechen lassen. [Richard lebt seit ungefähr drei Jahren mit Aids, wird mit einer ARV-Therapie (einer Antiretroviral-Therapie) behandelt und sein CD4-Wert ist konstant. Kein Problem, zumindest nicht hier. Die Generika ist erschwinglich, und jedem Menschen zugänglich, - im krassen Gegensatz zu einigen Staaten in Afrika, wie in Simabwe beispielsweise, wo selbst die Generika für die Bevölkerung unerschwinglich teuer ist].

Die Prävention durch Kondome und Mirkobizide ist wichtig, - wichtig, um die Ausbreitung zu stoppen, - und dennoch wird die Prävention nach wie vor gedrosselt oder genauer gesagt: sie wird nicht vorangebracht. [Ich gebe nach wie vor die Hauptschuld der katholischen Kirche, die durch ihre Missionierungsarbeiten nicht zuletzt einen erheblichen Einfluss auf die Menschen in Afrika hat]. Die Tabuisierung von Sex und der Stigmatisierung der Krankheit haben dazu beigetragen, dass sich der Virus ausgebreitet hat, - und sich noch immer verbreitet. Tag für Tag laufe ich an Reklametafeln vorbei, die für Kondome werben, und ich glaube fest daran, dass es nicht reicht, plakativ zu sein. Weder hier, noch irgendwo sonst, - erst recht nicht in Afrika. Das Stigma der Sünde und der Strafe Gottes ist eine Denklast ungeahnten Ausmaßes.

Man muss sich informieren, heute, man muss es wissen, man muss darüber reden. Erst wenn man diesen 02. Dezember auf jeden Tag im Jahr legt, erst wenn man das Bewusstsein der Allgegenwart geschaffen hat, - das Bewusstsein, dass man an die tagtäglichen Toten eben jeden Tag denken sollte, - erst wenn man die Zusammenhänge, die Bezüge, die Konsequenz versteht, erkennt man den Umfang der Pandemie, der Katastrophen, und den Völkermord aus Gleichgültigkeit.

Und wenn man es erst mal erkannt und begriffen hat, dann kann man nicht mehr tatenlos sein.

Zumindest ich kann es nicht mehr.

Lest dieses Buch: 28 stories about aids in africa, von Stephanie Nolen. Und wenn ihr es gelesen habt, empfehlt es weiter.



*Quelle

Montag, 17. September 2007

mother globalia is eating fat men

Die Wut im Bauch frisst sich nach oben, durch den Hals direkt ins Gehirn, und wischt alles weg. [Hauptsächlich den kleinen Hunger für Zwischendurch]. Das hat gleich mehrere Gründe; manche mit mehreren Unbekannten.

X 1 Nordwestpassage,

Y 2 Frankreich vs. Iran,

Z 3 Abschuss frei.

Da wäre also erstmal das Wegschmelzen von Tonnen von Eis, das letztlich sogar bejubelt wird. [& irgendwie mag es auch gar nicht überraschen, dass Russland gleich Besitzansprüche erhebt]. Juhu, endlich können wir den Norden viel schneller durchqueren! Los: bauen wir Häfen!
Frachtschiffe sind Teil des Problems, cos Mother Globalia is eating their children. Daher feile ich an [so etwas wie] einem Traktat, für mich selbst: Was kannst du in Kauf nehmen? Wie weit darf Globalisierung letzten Endes gehen? Und warum springt die Gesellschaft eigentlich auf den Naturschutzzug auf, wenn der doch mit Methangas und Kohlenstoffdioxid betrieben wird? [Da lob ich mir nuklearbetriebene Züge, made by North Central Positronics]. Immerhin sagt mir jetzt schon der Waschmaschinentabshersteller, dass mit seinen Tabs weniger Wasser verbraucht wird, und der Soda-Club will mir erklären, dass ich moralisch verwerflich handle, wenn ich nicht ihre Produkte kaufe. [Es sei der Transport]. Dabei jubelt mir Volvic doch schon Anträge für Spendengelder unter, die ich gar nicht bewusst unterschreibe; ich kaufe eine Flasche und baue in Afrika einen Brunnen? Super. Es bleiben Fragen über Fragen, die in den Nachrichten nicht gestellt werden; stattdessen blendet man geschickt über zu Britney Spears letzt so verunglückten Auftritt. [Mein Gott, ja, arme Britney; du benutzt einfach nicht die richtigen Tabs].

Nicht genug.

Wie ich es prophezeit hatte: die Regierung Sarkozy bückt sich gierig für den Schwanz Amerika. War doch im Grunde auch zu erwarten, oder nicht? Da schlägt man eben noch mal in dieselbe Kerbe und hofft, dass der Iran vielleicht dieses Mal zur Räson gebracht wird. Von ... ähh, ähm, wie hießen sie noch? Den Friedensboten des Krieges. [Und im Hintergrund rumpelt Schäuble, und betont, wie nah die Gefahr atomarer Erstschläge für uns Deutsche ist: Es ist nicht die Frage, ob, sondern die Frage, wann, - haha]. Dieses ganze Projekt Nahost bleibt fugenlos, letztlich undurchdacht. Schon seit Jahrzehnten versucht der Westen Frieden zu stiften, und bringt nur einen nach dem anderen gegen sich auf. Was früher Saddam war, ist heute Usama, was heute Al-Qaida ist, sind wir morgen selbst. [Das ist der Knick in der Optik, der den Terror nach dreißig Jahren :Ruhe: ins eigene Land trägt].
Okay, okay, dann drohen sie jetzt mit Krieg. Verschärfen den Ton. Die Episoden des Friedens haben in Europa ja auch viel zu lang gedauert, - also brauchen wir wieder die reinigende Kraft des Wahnsinns Krieges! Ich warte auf das erste Statement der lieben Frau [Merkel]; es ist ja nicht so, dass wir Leute irgendwo stationiert hätten, und nicht wüssten, wozu. [Aufbau einer Demokratie in einer Kultur der Knechtschaft, heißt es]. Danach ist das Schreien wieder groß. Ach, die Deutschen und ihr Gejammer. Richtig so.

Wäre ja dann auch der dritte Punkt. Dass Jung hier mit einem Recht des übergesetzlichen Notstandes hausieren geht, hat etwas perfide Züge an sich. Oder fühle ich mich als einziger an die dumme, dumme Vergangenheit erinnert, - bei der, zugegeben, nichts so wie heute war. Notstandsgesetze befähigen jeden zu allem, scheint es, und Dummheit schützt nicht vor Machtmissbrauch. Was will man auch tun, wenn man jeden Tag auf den Fallout wartet? Flugzeuge abschießen klingt gut, macht es vermutlich besser. Wir folgen ja dem amerikanischen Modell. [Dem folgt Europa irrsinnigerweise immer noch, und ich frage mich, weswegen].
Es bleibt auch recht widersprüchlich. Sie legen ihren Finger auf die Deutschlandkarte und sagen: Hier droht Gefahr! Sie sagen es ganz ruhig, in ihren kleinen schicken Limousinen, - auch die fahren nicht mit Wasser, im übrigen, - und sprechen in einer dieser Debatten über den Terror, vor dem sie uns schützen wollen. Doch der eigentliche Terror entsteht doch in unseren Köpfen, mit jeder Warnung schürt man Angst, schürt man die Paranoia, und auch Intoleranz. Da mag es fast an Debilität grenzen, dass man vor Atomerstschlägen warnt, aber nichts gegen den Rechtspopulismus unternimmt, der sich wie ein Flächenbrand weiter durch die Gesellschaftsschichten frisst. [Die Konzentration der Dummheit ist hoch, - ein Schluck davon und es ist zu spät].

Warum sind sie also so wütend, die Terroristen, die bisher so gut in Deutschland geschlafen haben? Wegen den paar Einheiten im Nahen Osten? Wegen den zwei, drei Hubschraubern? Wegen unseren Amerikasympathisanten? Oder weil sich eine Lobby nach der anderen um Besitztümer streitet, die ihnen nicht gehören? Es fließt ja immer noch Öl in Afghanistan, im Iran, im Irak, und rundherum. [Wo ist eigentlich Russland in diesem Konflikt?] Es werden immer noch Autos hergestellt, die Benzin verbrauchen, auch wenn andere Technologien auf dem Tisch liegen; es wird immer noch Plastik gebraucht, und Platinen; wir brauchen das Öl für alles, scheint es, oder zumindest haben wir das früher in der Schule gelernt. In allem steckt irgendwo das kostbare Öl, das einfach nicht an den richtigen Stellen versiegen will. Es führt zu Widersprüchen, viel zu vielen Widersprüchen; diese ganze Politik, die uns zusammenhangslos zum Abendessen gereicht wird, verfügt in Wirklichkeit über genügend Zusammenhänge. [Letztlich geht es immer nur darum].

Das schmelzende Eis in der Nordpassage hat genauso mit dem Öl zu tun, das wir so dringend brauchen, wie mit unserem Kohlenstoffdioxidausstoß und dem Methan [letzteres scheint man anscheinend immer zu vergessen; liegt vielleicht an der Massenzüchtung und -haltung, um den Hunger der Welt zu stillen]; das Öl ist [mitunter] ein Grund für die Kriege, und letzten Endes auch für den Terror.
Es bleibt paradox, dass wir einerseits befürchten, das Klima könne kolabieren, dann aber auf der Automesse in die Hände klatschen, weil ein neues Auto feilgeboten wird, das eventuell dreimal so viel Benzin verbraucht. Stattdessen laufen im Fernsehen die Werbespots, die mir sagen, ich solle mich ändern und ihre Produkte kaufen; dazwischen ein paar nette Sendungen über Frankreich und den Iran, ein bisschen Kabarett und eine Serie oder zwei, und draußen eruptiert die Sonne über der Nordhalbkugel und erhitzt den Ozean. [Dadurch sterben nicht nur Fische aus, - im übrigen auch eine Ernährungs- und Einnahmequelle; man mag es kaum glauben]. Ich habe in der Vergangenheit gesagt, im Winter die Temperaturen des Sommers zu bejubeln, sei so, als applaudiere man zu einer Atomexplosion. Es ist eigentlich noch schlimmer. Jetzt segnen wir das Schmelzen der Polkappen mit wirtschaftlichen Vorteilen.

Die Atombombe vernichtet wenigstens in Sekunden das Leben in Nähe der Detonation. Das hier, - dieses langsame Erhitzen, Aussterben von Nahrungsketten, alles in allem: der Klima-Holocaust, - das wird dauern.

Also applaudieren wir jetzt lieber zu Krieg und Abschussgedanken.

Donnerstag, 30. August 2007

die deutschlandfrage, pt.2

Julian:
wir können uns nicht durch das definieren, was wir waren. der krieg hat uns von der vergangenheit abgeschnitten und von der ichheit des kollektivs gelöst, hat uns anonym gemacht und in eine welt gestoßen, die sich jetzt selbst fremd ist. wir wissen, aber wir erinnern uns nicht. wir erinnern uns, aber fühlen nicht. du kannst nicht im ernst erwarten, dass wir nur dann etwas sind, oder zu etwas werden, wenn wir uns dieses SEIN setzen, - die reinheit des mordens hat den stein des sisyphos zur lawine verwandelt, - daher sind wir nie so, wie wir uns selbst sehen.
es bleiben teilwahrheiten, die sich nur wieder aufs neue zersplittern, und letztlich bricht man sich selbst zu scherben. die frage nach der deutschen identität ist älter als du und ich zusammen, und eine klare "so ist es und so wird es immer sein" antwort wird es nicht nie niemals geben. dafür sind wir zu sehr europäer, veränderung, umbruch, kriegsgetümmel.

ich denke, es geht dabei um die akzeptanz des zersplittertseins, des zweifelns, des infragestellens. ich für meinen teil übernehme die rolle des skeptikers, des verrückten wissenschaftlers, des manisch-depressiven autoren und des weltfremden philosophen in einem atemzug, aber deutschsein ist in der auflösung der grenzen gleichgültig, oder was?

*

[Nachtrag meinerseits].
Hat uns tatsächlich der Krieg von der Vergangenheit abgelöst, oder nicht viel mehr die Tatsache, dass es so etwas wie die Deutsche Geistige Einheit niemals gab? [Ich bräuchte einen Geschichtsprofessor, der mit verstaubter Bibliotheksstimme den Finger auf die Deutschlandkarte legt und sagt: Im historischen Kontext müssen wir natürlich folgendes beachten ...] Natürlich hat der Krieg alles verändert, aber es liegen jetzt zweiundsechzig Jahre zwischen dem Ende des Krieges und Heute; Deutschland hat mehr gesehen als Bomben und Ruinen. Allein meine Generation kennt weder Armut, noch Hunger, - von den anderen Schrecken des Krieges ganz zu schweigen. [Es ist wahrscheinlich komplexer, oder einfacher. Je nach dem].

Die Sprache, die Sprache!, schreien die Altvorderen aus den letzten Reihen und werden ganz hysterisch. Ja, die Sprache. Aber auch die Sprache entfremdet sich, die Inhalte, die Worte selbst entfremden sich und werden von der Macht des Anderen erniedrigt. [Um auf Péguy noch mal zurückzukommen]. Wir stammeln heute und werden auch in Zukunft stammeln, und absorbieren mit Gleichmut die Anglizismen, die uns die Globalisierung auf dem Silbertablett reicht, - das ist okay. Die deutsche Sprache hat das schon immer getan, hat immer Worte ihrer eigentlichen Sprache entlehnt, gebeugt und an sich gerissen, - deshalb ist sie letztlich auch so flexibel und vielfältig, diese Sprache. Natürlich bleiben immer Teile zurück, Relikte, die sich benutzen und lieben lassen, - Dinge, die einsinken und ruhen können, und die nicht unter den Hieben der Zeit entzwei brechen. Aber kann man unter diesen Voraussetzungen von dem Element sprechen, das Sachsen, Bayern, Baden-Württemberger und Berliner Deutsche sein lässt?


[Das ist eine kindische Analyse].


Was Julian gesagt hat, fühlt sich richtig an. Das Gefühl des Zersplittertseins, des Unvollständigseins, des Zerissenseins. Bedeutet das Deutsch-Sein?

die deutschlandfrage, pt.1

»Die moderne Welt erniedrigt, sie erniedrigt den Staat; sie erniedrigt den Menschen. Sie erniedrigt die Liebe; sie erniedrigt die Frau. Sie erniedrigt die Rasse; sie erniedrigt das Kind. Sie erniedrigt das Volk; sie erniedrigt die Familie. Sie erniedrigt sogar (immer innerhalb unserer Grenzen), ja, es ist ihr gelungen, den zu erniedrigen, der auf dieser Welt vielleicht am schwersten zu erniedrigen ist, weil er in sich, gleichsam in seiner Beschaffenheit, eine besondere Art von Würde besitzt, wie eine eigentümliche Untauglichkeit zur Erniedrigung: sie erniedrigt den Tod.«

Charles Péguy

*

Huch. Entschuldigung. Ich bin gerade wirklich in der richtigen Stimmung dafür.

Das Buch von Henry Miller ist wird war so schrecklich bezaubernd, dass ich jetzt augenreibend den Mond anheule. [Kein Witz]. Ausgerechnet ein Amerikaner muss mich noch mehr von Frankreich bezaubern, und das in einer (guten) deutschen Übersetzung. Ist das Globalisierung? Quatsch, übersetzt wird immer dort, wo Mangel herrscht. In meinem Kopf herrscht immer irgendeine Form von Mangel, - meist nachhaltig und selbstverschuldet, daher ist das zur Abwechslung mal ganz okay. [Ich liebe die deutsche Sprache, und solange ich nicht das Gefühl habe, gerade Auszüge aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman zu lesen ... whatever]. Das Buch Remember to remember [Frankreich. Ein Land der Erinnerungen] handelt von Millers Erinnerungen über ein Land, das mir selbst so sehr am Herzen liegt, dass ich mich manchmal nicht deutsch, sondern französisch fühle. [Doch vermutlich ist das nicht mehr als feige Fahnenflucht]. Ich habe es durch Zufall in Berlin gefunden, - es war der Wind, der mir leise den Namen ans Ohr trug, - und zu einem Spottpreis gekauft. Es waren die ersten fünf Sätze, die mich in den Bann gezogen haben, die mich gefangen genommen haben. Allein der Satz, mit dem Miller de Nerval zitiert, reibt sich an Xibalba und den verlorenen Träumen der Todgeweihten. [»Nicht einmal Gott vermag mit dem Tod alles auszulöschen.«] Da ich vor kurzem erst mit Der Schatten des Windes [von Carlos Ruiz Zafón] fertig wurde, kam ich erst jetzt dazu, und habe es in einem kurzen Anfall von Langeweile zwischen zwei Stunden gelesen. Ich fühlte mich dabei teils so alt wie die Welt, mit dem Wissen von Gezeiten und Flut, und teils so kindlich unreif, so unwissend und naiv. Warum hatte ich von all den Autoren bisher noch nie etwas gehört, warum hatte ich noch nie ein Buch von ihnen zwischen meinen Fingern, durch die ständig Bücher gehen? Dann noch mehr Namen, und eine Flut von Erinnerungen, - der deutsche Untertitel, und auch das englische Original mögen also tatsächlich berechtigt sein, - und im Hintergrund La Cigarette von Mélanie Pain, und Opium von Émilie Simon, und irgendwie fügte sich einer dieser Bausteine, die bisher immer schief im Herzen lagen.
Alles, was Miller schreibt, seufzt melacholisch, aber glücklich, - orgiastisch, irgendwie. Mir hing stammelnd die Sehnsucht an den Wangen und säuselte von der Schönheit Europas. Europäersein. Das ist schon ein Glücksgriff, zugegeben. Da schluckt man tatsächlich den bitteren Beigeschmack herunter, der mit auf der Zunge liegt, wenn man auf die Vergangenheit beißt. (Die Geschichte ist ein Bollwerk aus Schuld und Sühne, aus Blut, dem Gewitter der Kriege und Zerstörung. Aber meine Hände sind [noch] rein).
Während ich Remember to remember gelesen habe, musste ich darüber nachdenken, in welcher Zeit und in welcher Welt ich eigentlich lebe. Durch die Reflektionen Millers über das Wesen der Franzosen, musste ich über das Wesen der Deutschen nachdenken. Sicherlich hat Miller den Kern der Europäer auf seine amerikanische, - aber auch sensible, - Art und Weise erkannt; ein bisschen pathetisch vielleicht und aus der Sicht seiner Zeit, aber nichtsdestotrotz möchte man daran glauben, wenn man das liest:

[...] Europa ist im Geiste zentrifugal; es zieht die Kräfte der Welt an. Wenn Amerika das Maschinenhaus der Welt ist, kann Europa mit Fug und Recht als ihr Sonnengeflecht bezeichnet werden. Jeder Europäer ist sich des Vorhandenseins dieses unsichtbaren Dynamos, dieser sozusagen schwelenden Sonne bewusst. Das hält ihn lebendig, gefährlich lebendig. Der mit genialem Schöpfergeist begabte Europäer gar ist eine besonders bedrohliche Kraft. Er strebt ständig danach, alles von Grund auf umzugestalten, die Welt von innen heraus zu verändern. [...]

Man möchte an diesen Dynamo glauben, den er in das Sonnengeflecht Europa setzt, und an das ewige Feuer, das uns Europäern [angeblich] zueigen ist. Vielleicht tatsächlich eine Art Antrieb, ein Ehrgeiz und eine Sehnsucht, - oft auch Fernweh, - die uns an die Gestade ferner Länder, neuer Entdeckungen und Entwicklungen tragen treiben. Ein Glaube an die Menschlichkeit, an das Bessere, an Schönheit. Jetzt mal ideal gesprochen ... Denn da ist sie, die Scherbe der Wirklichkeit, die sich bei jedem Wort Millers in den Verstand gräbt: Wenn das die Europäer, mitunter auch an Millers Idealmaß der Franzosen, sind, was sind dann wir Deutsche? Was sind unsere Eigenschaften, was eint uns und was macht uns innerhalb dieses Sonnengeflechts zu etwas Besonderem, - kurzum zu etwas Notwendigen?
Erst kürzlich dachte ich, dass wir berühmt für unser Dicht- und Denkkunst waren [und wir überfordern selbst heutzutage noch einen George W. Bush mit unserer Denkkraft]. Wir haben so viele Philosophen hervorgebracht, die das Angesicht der Wirklichkeit entscheidend verändert haben; sicher: kein Freud oder Darwin, keine große Kränkung, - außer die Nietzsches, als er Gottes Tod diagnostizierte, oder Kants kategorischen Imperativ. Trotzdem: Schopenhauer, Fichte und Hegel, Marx (!), Heidegger, Bloch und die Frankfurter Schule (!), - sie sind im Alltag nicht [mehr] gegenwärtig, sie werden heute mit der typischen Verachtung der Arbeit abgegolten, mit der Verachtung derer, die Philosophie als welt- und lebensfremd bezeichnen, die die Philosophie zur Magd degradieren, und mit Irritation beobachten. Dass sie dennoch da ist, dass diese Männer und Frauen in unserem Denken verwurzelt sind, und etwas zu dem beigetragen haben, was wir Werte und Moral nennen, bleibt Kernmoment unserer Kultur. Sicher: sie haben weder Kriege noch Leid verhindert, - aber dazu braucht man die Schablone der Zeitgeschichte.

Ich finde es merkwürdig, dass wir unsere Philosophen nicht so ehren, wie es bspw. die Menschen in Frankreich mit ihren tun. Selbst der kleinste Franzose kennt seinen Sartre, seinen Camus, seinen Descartes und Foucault. [Und halten wir, clichéhaft wie wir gerade aufgelegt sind, die Banlieus draußen]. Sie sind stolz auf ihre Denker. Und was sind wir?
Da kommen die Dichter und Autoren. Wir haben Goethe und Schiller, klar, die beiden Würdenträger Deutschlands, und wir haben Lessing, Jean Paul, Kleist, Novalis, die Gebrüder Grimm, wir haben Storm, und Fontane, Wedekind, Rilke, die Manns, wir haben, - gottverdammt, - Hesse, Musil, Döblin, Brecht, Kästner, - sogar den ollen Grass, - und Zweig, Tucholsky und Fried, umstritten auch den Kafka [er wird ja von allen irgendwie beansprucht], und so viele mehr. Unsere Geschichte ist von Sprache durchtränkt und hat uns letztlich auch geeint, hat uns etwas verliehen, das wir Kulturgeschichte nennen, hat uns zu einer Gesellschaft gemacht, die ein Thema faszinierte: die Literatur. Und heute? Diese guten deutschen Autoren gibt es sicher noch, nur meist drohen sie im Sog der Trivialliteratur zu verschwinden. Geschrieben wird nur noch, wenn es gesellschaftsfähig ist, die Verlage nehmen wenige Wunderkinder und die meisten Autoren sehen sich schon als gescheitert an, noch bevor sie mit Schreiben angefangen haben, - irgendwie scheint alles gesagt und gedacht zu sein. Tja, das Rad kann man nicht neu erfinden, egal wie viele Speichen man ihm auch gibt. Denken wir. Aber was ist mit Frankreich? Man hält dort immer noch den Atem an, wenn man sagt, man sei Autor. [Oh un écrivain]. Es ist ganz egal, ob du Schundromane produzierst, oder Werke unbeschreiblicher Schönheit. Du bist Schriftsteller, du hast das Shining.

Frankreich ist ein Land der Leser, - in den Pariser Métrostationen stehen oft Buchautomaten, wo man sich neue Bücher, - oder Bücher, die einem in einer Stadt wie Paris irgendwie helfen könnten, - für ein paar Münzen rauslassen kann. [Bei uns holt sich die dicke Erna nur ein neues Snickers]. Man sieht sie überall lesen; in den Cafés, wenn sie die Straßen überqueren, wenn sie telephonieren. Egal, ob ein Auto sie fast totfährt. Egal, ob sie den Zug verpassen. [Sie verpassen ihn nie]. Es liegt fast schon Magie in diesen Büchereien und Büchergeschäften, wo man nicht nur die übliche nullachtfünfzehn Empfehlung auf die Nase gedrückt bekommt: Schauen Sie doch mal bei den Bestsellern. Bestsellerlisten gibt es überall, aber echter Geschmack richtet sich nicht nach Verkaufszahlen. [Danach richtet sich nur ein schlaues Marketing]. Was lesen wir, schreiben wir? Was gibt uns die Literatur heute noch außer ein bisschen Ablenkung, außer müdes Amüsement wenn nichts im Fernsehen kommt?

Okay. Haken. Kreuzen wir das auch durch. [Das ist die Geschichte auf unseren unschuldigen Lippen]. Wenn es das nicht ist, muss es doch irgendetwas anderes sein, was uns von den anderen Europäern unterscheidet. Außer unsere Vergangenheit. Darauf kann und sollte man sich ohnehin nicht berufen, in keinem Fall, haha. Ja, Zynismus, du Arschloch.
Also seien wir zynisch. Wir können uns auf die Wirtschaft berufen. [Lassen wir auch Einstein und Heisenberg, und Planck, und die ganzen anderen Ikonen der Wissenschaft außenvor; ist ja eh alles auch nur Vergangenheitsbewältigung]. Wir bauen sehr erfolgreiche Autos, ... Wir ... ehm, sind recht fleißig in der Bürokratisierung. Immerhin: wir haben das Grundgesetz, - auch wenn man sich das ab und zu zurechtbiegt. [Nää, Herr Schäuble?]. Es heißt, wir seien sehr ehrgeizig, und pünktlich, auch wenn ich persönlich mehr als genügend Leute kenne, die eher zu Faulheit und Unpünktlichkeit neigen, und wir sollen auch sehr freundlich sein. [Letzteres halte ich für ein Gerücht]. Achja, wenn wir uns selbst den Spiegel vorhalten, sehen wir meist nichts Schönes, - daher nörgeln wir auch so viel. Selbst über die nichtigsten Probleme können wir uns aufregen, als hinge unser Leben davon ab. Unsere Medienlandschaft gleicht eher einer Mondlandschaft und die Sache mit der Bildung lassen wir jetzt auch besser. Deutschland. Ja. Blüh im Glanze, heißt es. Und was tun wir? Wer sind wir? [Wie können wir tun, was immer wir tun, wenn wir nicht wissen, wozu wir es tun, weil wir nicht wissen, wer wir sind?]

Ich weiß auch nicht.
Soll jemand anderes zu Ende denken.

[Ich werfe den Ball an den weiter, der ihn fangen kann; ich bin gerade zu müde und zu betrunken].

Mittwoch, 29. August 2007

attack of the copycats

Ich huste meinen Namen in die Telephonleitung und hoffe, man versteht mich nicht. Was bedeutet ein Name, wenn ein Land niederbrennt? Alles, - der Rest ist nichts als gleichgültiges Bejahen. Sagst du, von der anderen Seite. Du wirst durch die Bilder, die du siehst, schon längst nicht mehr berührt. Was auf der Oberfläche schwimmt, mag Entsetzen sein, aber im Inneren ist die Casualty Insurance, die dich vom Schlimmsten schützt. Es ist zu weit weg, für dich, viel zu weit weg. Aber ich träume davon; ich träume schon seit Wochen keine anderen Träume mehr. Es ist nicht weit weg, es ist in mir drin. In jeder Nacht sehe ich brennende kreischende Flammen, die mir ins Gesicht schlagen, und Ruß und Rauch vermischt drängt sich in den Himmel hoch. Die Blutsonne, die sich durch die schwarzen Wolken schiebt, verfolgt mich wie Saurons Auge, und zeigt, und deutet, und ruft.

Mein Satellitenmund redet in der Ferne von großer Menschlichkeit, und die Touristen und die Touristen? Sie sitzen federleicht fliegend über Meeren. Unten: Ein Panorama aus kochendheißer Glut. Da werden Existenzen ausgelöscht, aber bei Peter Kloeppel gibt's nur einen Nebensatz zu den grellen Bildern, die sich an das übrige reihen: Ein neunzehnjähriger Kannibale, der in Österreich einen Mann geschlachtet hat; ein Fußballspieler, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren einem Herzinfarkt erlag; dann folgt vielleicht der Sport. Brennend heiße Glut, als Asche auf unseren tränenlosen Augen.
Während ich mich so durch das Fernsehprogramm schalte, bemerke ich, wie es geschieht. Unmerklich, und wirklich wie aus großer Entfernung: ein Peitschenhieb, der das letzte Bewusstsein für die westliche Welt durchtrennt. Ich lese in einem Blog über Geldsorgen, in einem steht ein Diätplan für die nächsten paar Wochen; wieder anderswo ein bisschen Schwanz und oder auch Kultur. Wir teilen das Leid nicht mehr, sagst du, wir klammern uns daran, sobald wie unser eigenes haben. Die Summe unserer Vergehen ist größer als die Tragödie selbst, erwidere ich, und bleibe am Ende daran hängen.

Meine gierigen Augen fassen nach neuen Bildern, und entdecken die übereinander stürzenden Fluten, die die Welt in Informationen ertränken. Was davon wahr ist und was nicht, bleibt letztlich der Zensur überlassen. Ich sehe Benedikt XVI. auf WDR. Er sagt, der Mensch sei von der Sünde befreit, in dem er liebe. Ich sehe Angela Merkel im ARDlastigen Sonderprogrammgehabe, und sie sagt, es werde besser. Ich sehe lauter angebliche Prominente, die was, was? Dastehen und reden, die sich durch die Haare streichen und reden und sich die Haare abrasieren und darüber reden und Drogen nehmen und darüber reden und Ehen schließen und darüber reden und sie machen einen Film oder zwei und reden darüber und dann haben sie einen Autounfall oder zwei und einen Totalabsturz und sie reden darüber, sie schreiben Bücher, die sich fantastisch verkaufen, und sie machen Filme, die nicht mal unterhaltsam sind, aber sie nehmen Millionen damit ein, und sie kreieren Parfums, die genauso austauschbar riechen, wie 80% aller Parfums heutzutage, und sie lassen Mode machen, mit ihrem Namen drauf, und alle wollen sie haben, alle wollen sie so aussehen und riechen und reden, denn ständig reden sie darüber.
Da klafft Saurons Auge in meinem Kopf auf und verschlingt sie in der Glut von tausend Sonnen, in der Wucht von Hiroshima brennen sie aus, und sie reden weiter. Ein Werbeblock später, und es ist egal, was vorher noch gesagt wurde. An jedem Tag schiebt sich eine Zeitung unter meiner Tür durch, und sie relativiert jede Zeile von gestern. Immer, überall. Wirklich gefühlt wird nichts, mais l'orgasme est l'ennemi de l'amour. Hier, Papst, hier ist deine Tütensuppenliebe. Hier, Merkel, hier ist deine Besserung. Brave New World meets 1984, und alle klatschen Applaus.

Auf den Grabmälern der Zukunft liegen die Leichen der Vergangenheit, sagst du, und ich ersticke dabei gekonnt unauffällig im Hintergrund. Ja. All das. Nur bleibt etwas zurück, über das ich nachdenken muss. [medico international].

Samstag, 7. Juli 2007

Live Earth - Concerto Numero Due.

Und warum eigentlich Shakira?

[Im übrigen: erscheint mir die Bühne in Hamburg als einziger etwas ... naja, provinzieller als die anderen? So im Vergleich zu ... Tokio?]

Live Earth - Concerto Numero Uno.

Ich werde geweckt von Andrew Stockdale [Wolfmother], gerade, im Live-Konzert in Sydney. Live Earth. [Und ich frage mich nebenbei, ob es so sinnvoll ist, ein paar Stars von einem Land zum anderen fliegen zu lassen, um damit auf die Umweltkrise aufmerksam zu machen]. Jetzt schaltet man um auf Cocco, in Tokio. Eine süße japanische Sängerin im Sommerkleid, und ein Akustikgitarrist schräg neben ihr. Ich verfolge es mit kribbelnder Begeisterung, -- verdammtes Marketingkalkül. Verdammter Al Gore. [Abgesehen davon: er hat Recht, er hat es schon seit zweiundzwanzig Jahren, solange ich lebe, verdammt]. Cocco rockt auf ihre Weise. Spricht jetzt ins Mikrophon und ich verstehe kein Wort, nichts, höre nur den Klang der Sprache, und ich denke, was sie sagt ist wichtig. In Tokio herrscht Stille, man hört nur ihre Stimme. Ohne Hall. Ohne Pfiffe, oder Rufe. Sie fesselt, selbst mich, wo ich nichts verstehe. Es sammeln sich Tränen in ihren Augen, sie spricht zitternd, - es muss die ergreifendste Geschichte ihres Lebens sein. [Sie kommt aus Okinawa; Umweltaktivistin, sagen die zwei Sprecher von N24, und sie nerven mich, alle beide, mit ihrem beschwichtigenden Geschwätz, zappen raus, zappen rein, beschissener Fernsehtourismus].

Als Cocco wieder anfängt zu singen, da finde ich diese Idee plötzlich wunderschön. Diese Weltverbundenheit. [Abgesehen davon: gibt es afrikanische Auftritte? In Kapstadt vielleicht? Ist ja wohl noch am Naheliegendsten]. Ist es das? Das, gottverdammt? Dieses Gefühl, es könnte gehen, es wird alles letztlich gut? Ist das die Hoffnung, auf dem Boden der Büchse? Ich will gar nicht darüber diskutieren, ich bin des Diskutierens müde.

Do something for love and peace, sagt Cocco zum Schluss. Und geht. Es folgt ein Eskimo-Joe-Rückblick [Sydney again]. Da sind ein paar gute Bands dabei, denke ich, und lasse also den Fernseher an. [Spart natürlicher idealerweise recht viel Strom, hä?] Do something for love and peace, - ich höre Judith Holofernes wieder fragen, was daran so lustig sei, und nicke innerlich. Vielleicht hatte Uschi Obermaier auch Recht, als sie völlig zugedröhnt in die Arte-Kamera säuselte: Wir brauchen wieder ein bisschen mehr Liebe in unserer Gesellschaft, - das klingt unangenehm in Berlin Kreuzberg. Oder in einem Pariser Banlieu. Da, wo es keinen Fernseher gibt, kein Live Earth, kein Jack Johnson, - Liebe? Nein, ertränkte Gewalt. Und es klingt schwer realisierbar. Im Sudan, Bürgerkrieg. In Botswana, Aids. Oder in diesen anderen verarmten Ländern, - verarmt im doppelten Sinne: die Menschen und das Land selbst; der gebrandschatzte Boden und die hungernden siechenden Kinder. [Spiegelbildlich]. Es ist schwer, obwohl es eigentlich recht leicht sein könnte, - es bedarf nur weniger Millionnen, Leben für die nächsten Generationen zu retten. In vielen Ländern. [Klar, da wäre dann noch die Geißel des Glaubens]. Es könnte wirklich einfach sein, - und das abseits des plakativen Optimismus. Ganz realitätsnah. Arbeit im Kosovo. Sozialarbeiter in Warschau. Letztlich ist irgendwie alles machbar, denke ich.

Daher werde ich auch nicht in Deutschland bleiben, - nicht auf Dauer. Wenn ich [endlich] in Berlin bin, nächstes Jahr, dann werde ich sehen, wohin ich kann. Ob nach Afrika [wie ich es mir seit einiger Zeit überlege, besonders: Sudan oder wie gesagt: Botswana, Simbabwe?], oder eher: Afghanistan, Jerusalem, -- Krieg oder Krankheit? Ich weiß es noch nicht. [In jedem Fall: Tod]. Ich könnte auch hier anfangen, in Deutschland, gegen den Faschismus, denn da ist der Schwerpunkt ganz klar, oder gegen Kinderarmut, aber mal sehen. Kleine Schritte. [Das klingt so hochtrabend].
Unpolitisch zu sein ist keine Einstellung. Es ist der Weg des geringsten Widerstandes. Deshalb habe ich auch all die Freunde von Andrea [w] gehasst, und sie selbst gleich mit. Unpolitisch? Seien wir lieber alle Künstler. Das macht mich wütend. Auch jetzt noch. [Es geht eben verdammtnochmal nicht um dich].

Passend: Linkin Park, jetzt in Tokio.

Dienstag, 3. Juli 2007

...

Bin ich denn der einzige, der diesen Bahn-Streik [inklusive der Forderung der Bahnangestellten] nicht mehr versteht?

Bin ich denn der einzige, der sich darüber aufregt, dass jede Lobby auf den Wir-müssen-die-Umwelt-schützen-Zug aufspringt; die Waschmaschinenhersteller, die Automobil- und die Pharmaindustrie, die Musikbranche, und natürlich Film und Fernsehen, - ich warte darauf, dass mir der Marlboro-Mann was vom Regenwald erzählt. [Eine Schachtel pro Tag, und Sie retten zehn Hektar Wald].

Bin ich denn der einzige, der es für bedenklich Schrägstrich gefährlich hält, dass man mit London argumentiert [Sicherheit durch Überwachungskameras, Verhinderungen der Explosionen von Autobomben, etc.], und alle nach Big Brother rufen, obwohl das Handyüberwachung, Computer- und Hausdurchsuchungen, Kameras und Brieföffnungen bedeuten würde, d.h. der totale Verlust des Bisschens Anonymität?


Trotzdem. Toll, dass es einen Trend gibt, der besagt, dass alle jungen Mädchen Huren werden, und alle Jungs Hehler, Junkies und Metrosexuelle.


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Opium2Go
out of mind | b-sides
Parallelwelt: Strich(er)leben
shortcuts to my brain
Traumsequenzen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren