1984 vs. me

Mittwoch, 27. April 2011

Das Anziehen der Schraube

Eigentlich passieren immer wieder die gleichen Dinge. Es sind die alten Rollen, in die jeder schlüpft. Alte Verhaltensmuster, deren unweigerliches Opfer wir alle werden. Keiner ist sich selbst genug, natürlich nicht. Aber halt jetzt bitte mal kurz die Fresse, ja?

Wie oft will ich eigentlich noch die F5-Taste drücken? Facebook wird immer die gleiche juckende Stelle bleiben, die ich nicht kratzen kann. Ein Smartphone hab ich nicht. Ich komme mit dem Lesen im Bus schon nicht voran. Wie oft könnte ich in dieser mir verbleibenden halben Stunde bloß meine e.Mails checken? Wie viele neue Produkte wären in der Zwischenzeit auf meiner unaufhaltsam wachsenden Amazon-Wunschliste?

Das Feuilleton nennt uns Digital Natives, und es ist so schrecklich langweilig. Den Hype ums Bloggen haben wir mittlerweile alle längst verkausalisiert. Plagiieren übrigens auch. Scheiße, wir haben Wikipedia. Ist klar jetzt. Wer hat's eigentlich noch nicht begriffen? Dass ich mir mehr als die Hälfte des reellen Wissens nicht mehr merken kann - ein Phänomen von vielen. Nächster Punkt? Ich wünschte, ich könnte mein chaotisches Gefühlsleben genauso aktualisieren wie meinen Facebook-Status. Tausendmal gehört, tausendmal gelesen. Von morgens bis abends ist alles eine Wiederholung, eine Beschäftigung, ein Eskapismus des Eskapismus' willen. Wer flieht denn noch. Alle bleiben da. Alles sitzen, sitzen, den ganzen Tag sitzt ein ganzes Volk und redet über Kinderbilder, Katzenvideos, darüber, was sie tun sollten, was sie machen wollten, und jedes verdammte Arschloch hat mittlerweile so einen Twitter-Account.

Neuheitswahn. Mehlstaubexplosion. Das eine Bild hat sich mit dem andren verknüpft; ich bin nicht immun dagegen. Im Gegenteil. Als Maßloser, als Habgieriger und Unersättlicher nehme grade ich von allem am meisten. Den ganzen Tag bin ich damit beschäftigt zu konsumieren. Mehr als 80% meines momentanen Lebens drehen sich um Aufnahme von Wissensfragmenten, Teilinformationen, Zensurmodellen, persönlichen Notizen, persönlichen Bildern, persönlichen Substituten von Persönlichkeiten, und weil ich grade blogge, bin ich Teil davon und kann nicht und sollte nicht und darf nicht, und müsste eigentlich, weil: derjenige, der sich innerhalb des Diskurses bewegt, und ihn nutzt, kann ihn nicht verneinen - blah, blah, blah. Ja, ich hab Habermas gelesen, scheiße, also wie gesagt: Halt die Fresse jetzt. Darum geht's überhaupt nicht.

Sondern? Genau. Es geht genau um die Tatsache. Die Digital Natives also? Ja? Ich meine: Ernsthaft jetzt? Ich finde den Weg zu diesem vollgeschissenen Kino auch wirklich ohne Google Maps, ja. Praktisch ist's doch, ja, praktisch. Praktisch my ass. In der S-Bahn sind alle damit beschäftigt ihre Finger über Bildschirme zu schieben, und sie nennen das Fortschritt; ich sei nur reaktionär, heißt's. Ich habe den Knall nicht gehört. Früher dachten die Leute auch, keiner brauche Computer. Die Wahrheit? Das Bedürfnis danach ist künstlich. Die Notwendigkeit artifiziell. Wir erklären die Welt mit Tautologien, und zwar seit einer ganzen Weile schon.

Mehr Wahrheit? Streichen wir das Öl mal kurz aus der Hitlist der nutzbaren Resourcen - was bleibt von dieser modernen Welt? Schlägt der Blitz ein, und der Stromausfall setzt das erstbeste eCommerce-Büro außer Gefecht - heißt das dann blitzefrei? Was passiert denn hier eigentlich ÜBERHAUPT, dass ich nirgendwo mehr meinen verfickten Espresso trinken kann, ohne irgendwo das Wort Facebook hören zu müssen? (Der benutzt das auch, und ewig das Nörgeln...). Die Wahrheit ist, dass ich den Umstand zu verstehen suche. Wovor flieht eine Generation von Werbetextern, Grafikern, Medienwissenschaftlern und Modedesignern? Welche Droge ist eigentlich noch stark genug für uns, ich meine: ernsthaft jetzt? Keine Ahnung, keiner. Stattdessen soll ich auf der Stelle das Ring-Center liken. Keiner kann mir erklären, wozu ich das tun sollte. Weil ich dann über Sonderangebote informiert werde? Früher hat man genau so'ne Scheiße Spam genannt.

Was? Ach ja. Genau. Was hat die Technik eigentlich an unserem Leben verbessert? Kontakte. Scheiß auf die Kontakte, wenn du sie jederzeit abschalten oder zur Seite legen kannst. Informationen. Scheiß auf die Informationen, wenn sie dein Leben nicht verändern. Entertainment, Pornographie, Prokrastination. Okay. Und was daran war noch mal die Verbesserung? Save your pleasure times für all diejenigen, die's interessiert. Tatsache ist: Wir sind übrigens im Krieg mit Libyen. Auch in Afghanistan. Ach, was war der Stand noch mal in Palästina... oder in Nigeria, in Simbabwe. Wie geht es einem Land wie Tschetschenien eigentlich nach dem Krieg? C'mon, du wusstest, dass ich noch mal nachfragen würde - irgendwann. Was ist er, der aktuellste Stand in der Kriegsberichtserstattung. Oder die Opfer des Tsunamis 2004, was ist mit denen? Und die Folgen Katrinas...? Baaah. Die Liste ist lang. Ermüdend auch. Hilft keinem was.

C'mon, digital native, show me what you got.
Google it, if you need to.

Die Wahrheit ist: Wir säen längst keinen Wind mehr. Wir säen Stürme. Unermüdlich, Tag für Tag für Tag. Diese ganze übrige Show ist eigentlich komplett lächerlich, und wenn wir's genau bedenken, ein großer Bluff. Wir lenken uns solange ab, wie wir können. Wiederholen dieselben Gedanken von gestern, wiederholen die Sätze, die wir lieben, und die guten Erinnerungen an die glorreichen Zeiten. Sonst nichts. Die Wahrheit ist: Die Nostalgie kann sich nur der leisten, der die Zukunft bereits verloren hat. Die Wahrheit ist: Ich scheiß auf deinen flickr-Account. Ich scheiß auf deine postmoderne Leere.

Der Rest ist Reaktionismus. Da hast du vielleicht Recht.

Montag, 7. Februar 2011

Aghet, dein wunder Mund

Dem Blut nachschmecken zwischen Euphrat und Tigris, dem Tod nachgehen, der in großen Zügen über Schienen kam, über sandige Wege, gepflastert mit abgeschnittenen Kinderhänden, mit nackten Kinderleibern, mit Rippen so zart wie Strohhalmen, mit Knochen so dünn wie Buschwerk, und das Rattern und Wehklagen und das Seufzen der Winde, die kaffeenes Haar aufnehmen, die es fortgeben zu Steinen und Sonne und Verwesung und Leere und Stille, und die es nicht loslassen können, die es mit Sand überschütten und einer türkischen Wut, die kein Erbarmen kennt, und keine Menschlichkeit, die kein Erinnern verlangt, sondern Vergessen...

Vergessen?
Sie sollen nicht vergessen, hörst du?

Sie sollen nicht niemals die abgetrennten Köpfe vergessen, auf Regale gelegt wie Trophäen, abgetrennte Arme und Beine, wie die Glieder von Holzpuppen, aus den Gewässern gehoben wie Unrat, wie Treibholz zu Treibholz gelegt, wo es hingeht zum nächsten Leichenbau zwischen Euphrat und Tigris, an den Schienen entlang, wo links und rechts die Männer liegen in ihren Fliegenschwärmen, in ihren Madenkolonien, in der sengenden Sonne sengender Welten, im Jahr 19 eins fünf. Nicht niemals sollen sie es vergessen, die zerrissene Kleidung der Frauen, mehr Gerippe als Frauen, mehr Löcher als Menschen, hungrig, immer hungrig, und müde, immer müde,

und zerkratzt und zerfurcht von den Holzsplitterwänden der Wägen, den kahlen Böden, der Gewalt des ratternden Zuges,

zerkratzt und zerfurcht vom Durst der Kindermäuler, die an ihren Brustzitzen hängen wie Vieh; eines Tages legen sie sie schreiend ins Licht und das Licht dorrt sie wie Trauben, zu Rosinen macht sie das Licht, und niemals sieht sie jemand dort liegen, all die toten Kinder,

zerkratzt und zerfurcht von Männerhänden, die ihre leer gesogenen Brüste zerkneten wie Lehm und Sand, wie das Fleisch am Straßenrand, in die Wasser geworfen zum Fischlaich, lebendiges Fleisch versenken sie im Schaum tretender Arme und Beine, im dunklen Schlamm, bis der Mann nicht mehr zappelt, bis die Haut, die einmal mehr Muskeln sein wollte, nachgibt und kalt wird und heiß wird, und davon treibt, zwischen Euphrat und Tigris, und die Frauen, in ihre zerrissenen Tücher gehüllt, sie weinen und weinen, und glauben, sie könnten nicht mehr aufhören mit weinen bis der Schrecken des Todes ihnen den Atem einhaucht, den letzten, den finalen Atem, und dann weinen sie nicht mehr, sie weinen nie wieder, denn der Tod stopft ihnen Augen und Mund, er füllt ihre Köpfe mit Gift.

Sie werden getrieben und geschlagen, durch das ganze Land treibt man sie bis ihnen die Schuhe von den blutigen Fußstümpfen abfallen, bis man sie abschlägt, die Füße, bis man sie auslegt wie eine Fährte für Krähen und Geier, für die türkischen Hände, die sie unter die Sonne legen zum Dörren, die vom Sand zerrieben weiße Knochen werden, und blankes Vergessen, hörst du, vergessen sollen sie nicht. Stattdessen treibt sie deutsche Präzision zu deutschen Toden, wer denkt heute noch an Armenien?, wer hat Armenien je gesehen?, oh deine Toten, Dichter und Denker haben dir die Züge gebaut, haben dir die Schienen gelegt, haben dir die Waffen gebracht und die Kugeln, haben deinen Männern die Köpfe abgedreht wie Schraubverschlüsse von Flaschen, und in den Wind gestreut zur Geschichte, damals, im Jahr 19 eins fünf, und deine Frauen, sie haben ihre Schöße zerrissen wie Wölfe, zerfleischt und verschleppt in die Sklaverei, unmündig gemacht wie totes Fleisch nur unmündig sein kann, und links und rechts vom Weg, so haben sie euch liegen gelassen, so haben sie euch zerstoßen, zerrieben zu Sand und Gestein. Diaspora ist eure Heimat. Oder der Tod.

Damals, sagst du, das war damals. Sonst nie.

Und jetzt? In Istanbul, da stehen sie groß und stolz und schlohweiß, jedem Schlächter ein Denkmal, jedem Kannibalen ein Schloss, die großen Alten, die Heiligen des Mordes; in Istanbul führen sie Straßen und Schulen mit ihren Namen, jeden Tag sitzen dort Männer und rauchen und sprechen und rücken ihre vollen Becher zur Kante, und Armenien ist nichts als ein Stichwort für Hass und Gewalt, zur Leugnung, mehr Mord, und Vergessen, - totschweigen wollen sie es, tottreten, totschießen, die Stimmen all jener aushauchen bis der Hauch noch verweht, aber nicht hier, nicht jetzt.

Mich kriegt ihr nicht.
Meine Stimme bringt ihr nicht um.






Aus gegebenem Anlass; siehe auch hier, - die nachfolgende Dokumenation "Aghet ein Völkermord" ist auf youtube so gut wie vollständig in sechs Teilen zergliedert, leicht zu finden.

Donnerstag, 3. Februar 2011

dance, arsène, dance, there's no tomorrow

Besessen ist er vom Tanzen, besessen von der Musik; er geht in Gedanken über all die Dancefloors der Stadt, er geht ins Rote und Blaue und Grüne, ins Licht geht er über, bis zum Dunkel der Tür, bis zum Bass, - und auch dahinter sind nichts als schweißnasse Körper, zuckende Köpfe, Knochen, Nervenstränge. Opake Luft, ausgeatmet von fremden Lungen, eingeatmet von kussbereiten Lippen. Luft, die jemand hier unbedacht hingestellt hat; da fällt noch jemand drüber, räum das mal weg. Nichts, kein Wort kommt bei dir an.

Überall: Berührung.
Überall: Konfrontation.
Auch Nietzsche könnte hier tanzen.

Also zieht er sich den grauen Pullover aus, denn der ist nur Zierde, und dann das T-Shirt, leuchtend rot blau grün, lichternd ist sein Körper heut Nacht. Tanz, Arsène, tanz, dein Leben hängt davon ab, und alles, was deine Jugend ist und dein kurzatmiges Lachen, deine Dummheit, Arsène, die hängt da mit dran wie ein Stein, wie ein Rad geht sie vor dir her, und zeigt dir den Weg. Jeder Mund bewegt sich dabei im Raum. Gehört: Jedes deiner Seiltänzerworte, jedes Bisschen Frühjahr und Sommer, es ist nichts als ein Husten aus deinem Hungerkünstlerkörper, ein schneller, weiter, gnadenlos verbissen im Nacken des nächsten.

Wir begegnen hier auch der Namenlosen; jener, die sagte, die Zeit der Namen sei vorbei. Sie hat sich das blonde Haar hochgesteckt, sie trägt kein Parfum, sie raucht. Natürlich raucht sie. Jemand zwingt sie scheinbar dazu. Wir umarmen uns, wir hauchen uns Flüchtiges ins Ohr. Sie sagt, ich trinke zu viel. Sie sagt, ein Revolutionär dürfe nicht trinken, er müsse konzentriert bleiben, und nüchtern. Ich lache laut und willenlos, denn Gin und Tonic und die Bitternis liegen mir auf Lippen und Zunge; ich schleudere das Glas, das leer ist, gegen den Boden und zische: Wir sind Anarchisten, keine Revolutionäre. Und sie? Sie zieht nur an ihrer Zigarette.

Die Menge nimmt sie fort.

Lauter, lauter geht die Musik, sie ist nie laut genug, um jeden Gedanken an den Alltag zu nehmen; um jedes Bisschen Erkenntnis zu ersticken im übervollen Verstand: Auch du bist ein Sklave, auch du bist gefangen, auch du entkommst nicht der Wahrheit. Und die Wände und das Licht und alles rauscht davon in jedem Blinzeln und Wollen, und jeder Gedanke an die vollen Busse am Morgen und an die vollen Trambahnen und Fußgängerwege und die leeren Gesichter beim Einkaufen, die fühllose Ware, die ihre Namen ausschreit auf dem Fließband, das nirgends hinführt, und schon scheppert die nächste Münze auf Plastik, unerträglich der Schein in der Hand, unerträglich jede Zahl und jedes Piepen vom Einscannen, weg vom Neonlicht, geh da bloß weg vom blassen toten Schimmer des blassen toten Fleisches, in das andere ihre Bratgabeln stecken, in das andere beißen, das andere gedankenlos verdauen und mit ganz anderem, ganz gleichem Fleisch ersetzen, jeden Tag, auch jetzt, komm da weg.

Tanz, Arsène, tanz, es gibt keinen Morgen.

Eingesperrt in Worthülsen sitzen sie da, eingesperrt in einen Käfig ohne Stäbe, voller Nöte und Fixkosten, eingesperrt in ihr höchsteigenes Unglück, so hacken sie ihre Seelen ins Internet und beißen abends vor Wut in ihr Kissen. Draußen sterben Menschen. Und die anderen? Die können gar nicht schnell genug ihre Augen verdrehen, die bleiben mit ihren Blicken ja doch dran kleben, an dem Gerippe von Mensch, in Gestank gehüllt wie in eine Plastiktüte, so hebt er die Hand für dein Geld, das er versäuft wie es jeder anstelle seiner täte, aber sie verdrehen den Blick nach hinten weg, als brächte es Frieden. Nein, nein. Lucia gewährt euch nicht die Gnade des Blindseins, ihr sollt gezwungen sein, zu sehen. Jeden Tag, tag, tag...

nike sagt do it, und sie tun's.

kairo brennt. dunkel wie rauch ist sie hier, die namenlose, die es mir ins ohr haucht, dem doppelgänger, dem maniker, dem, der bedingungslos sich verliert in ihrem gesicht. sie küssen, denkt er, und fühlt sich ertappt in der üblichen heißluftballonfalle. du bist nichts als eine genetische disposition. nein, nein. weigere dich. kairo brennt. und in spanien lobt eine deutsche kanzlerin eine banale reform. wir können gar nicht so viel reformieren wie wir zerstören. wir können gar nicht so viele regelwerke schreiben wie wir vergessen. menschlichkeit, das ist nichts als eine annahme von vielen. lieber reden sie vom fernsehen wie vom messias, noch immer, immer-immer; wie kann man das fernsehen denn noch nicht überwunden haben? wie kann man sich ernsthaft weiter, weiter, weiter das dschungelcamp ansehen, wie kann man immer noch nur zuschauer sein, eine stunde lang, oder zwei, während es brennt vor der tür? im eigenen haus brennt es seit jahren, und sie reden von leere.

ich möchte ihre postmoderne leere niederbrennen bis aufs letzte hegemannbuch. bis zur letzten bitteren drogenerfahrung der hedonisten. bis zum letzten menschen.

also tanz, tanz, tanz, arsène, hör nicht auf, denn wenn du aufhörst, dann erkennst du die scherben, in die du längst getreten bist, und all das blut, und die stille um dich, und die stille nach dir, und das brennende kairo. tanz.

Sonntag, 23. Januar 2011

Das Ende einer Epoche

Da sitzt dieses Mädchen; sie raucht gierig eine Zigarette, und wenn sie redet, klingt sie wie ein einstürzendes Haus. Sie sagt, die Gesellschaft gehe vor die Hunde. Sie sagt, die Deutschen seien ja auch schon längst am Ende. Sie zitiert da irgendeinen Politiker, eine Statistik; sie spricht von der Krise wie von einer Übergangslösung, spricht von der kommenden Inflation; davon, dass Europa alle Grenzen schließt, an den Küsten Spaniens, in Italien da gibt es Mauern, in Griechenland bauen sie Zäune. Dass sie Menschen deportieren, aus Österreich, aus Frankreich, aus Deutschland; die illegalen Menschen und die vertriebenen Menschen und die Flüchtlinge, die auf ihren Booten kommen, in den Lkw-Anhängern, überall, nur nicht in deiner Stadt. Sie sagt, dass die Politik in Europa immer rechter wird. Dass die linke Szene tot ist, und das Tote nichts mehr als bloß ein Amoklauf. Dass wir nicht wissen, was wir tun. Dass wir mit dem Zeitungspapier rascheln. Tunesien, Albanien, Weißrussland. Sie sagt, wir hätten uns längst an die Auflistungen gewöhnt, an all die Namen, die kommen und gehen, die ihre Todesopfer mitbringen, und auch das ein oder andere Bild; jeden Tag hören wir von dem kommenden Widerstand, Aufstand, Handstand, und wieder wird ein Demonstrant erschossen, und wieder hört man von polizeilicher Gewalt, und wieder installiert man drüben an der Straßenecke eine Überwachungskamera und das Volk klatscht müde Applaus. Sie sagt, es hätte längst begonnen. Das Entertainment habe uns ausgesaugt wie die Spinne die lästige Fliege, und blutleer und eingetrocknet rege sich nichts als ein Gedanke. Es ist der Hunger.

Ein Hunger, der sich nicht mit den Kiwis aus Neuseeland stillen lässt; der keine Ruhe lässt bei all dem Fleisch in den Kühlregalen, den Biomarkensiegeldioxinschönwetterwolken. Keiner hungert. Alle hungern. Sieben Milliarden Menschen taumeln, taumeln, taumeln. Babylon erwähnt sie als ein Stichwort. Sie zitiert das Unsichtbare Komitee, indem sie sagt: Diese Welt würde nicht so schnell rasen, wenn sie nicht ununterbrochen von ihrem nahenden Einsturz verfolgt würde, und sie zieht an der Zigarette, und spricht ganz ruhig weiter. Sie sagt, sie habe es satt zu warten, habe satt zu akzeptieren, wie alle Welt den Müll reformieren wolle, aber keiner das System, die Produktion. Müde seien sie, die jetzt Knapp-Dreißig-Jährigen, die Frühen-Vierziger, müde seien sie vom vielen Arbeiten, und Wollen-Müssen, vom Überlebenskampf zwischen Fernsehsendungen und Billigmikrowellenfressen; sie schämen sich nicht für ihre Gleichgültigkeit, ihre Resignation verkaufen sie als Sinn für die Realität. Sie wollen keine Nestbeschmutzer sein, sagt sie. Leute, welche die Hand amputieren, die sie füttert.

Sie glauben verzweifelt an diesen Kapitalismus, den sie als Demokratie vermarkten. Sie klammern sich an die Leere, die sie selbst erschaffen haben, da sie Angst vor neuen Inhalten haben. Deswegen müsse man sich vor der Leere verbeugen, deswegen müsse man sie anbeten wie eine Göttin, herabgestiegen aus dem erschöpften Verstand all jener, die Ja sagen, weil sie die Konsequenz eines Neins fürchten. Jahre gehn hin, - Jahre, - und aus naiven Idealisten werden resignierte Konsumenten. Sie sagt, sie habe diese Ernüchterung satt, sagt, sie könne sie nicht mehr ertragen, all diese Bierkneipendiskussionen von engagierten Studenten, die sich mit Ende 20 trotzdem an einen von den Konzernen verschachern werden, der sie einmal trotz der Wettbewerbspolitik für ein unbezahltes Vierzig-Stunden-Praktikum entlohnen wird. Menschen, die es hinnehmen, auch am Wochenende zu arbeiten, obschon sie nicht einmal bezahlt werden, - weil vom Team die Rede ist, vom Team, dessen Teil man sei, und darum ein Nichts an Mensch, aber ein Alles an Gruppe. Die belogen werden, systematisch belogen, und die diese Lügen akzeptieren, weil sie Angst haben, sich nicht mehr vor der ewigen Bedrohung Armut retten zu können. Nicht mehr die Miete bezahlen zu können, bald auf der Straße sitzen zu müssen. Hartz IV zu empfangen. Abschaum zu sein, der nicht mehr konsumieren kann, sondern bloß vegetieren. Ein Mensch will niemand mehr sein. Den Humanismus haben sie alle längst aufgegeben. Die Bildung auch, das Interesse am andren.

Sie sagt, alle seien so beschäftigt damit, sich selbst zu schützen. Jeder müsse sich ständig vorm nächsten verteidigen. Man könnte ja verletzt werden. Wieder und wieder könne ein andrer das Herz brechen, das ohnehin schon tausendmal gekittet wurde. Alle sind sie damit beschäftigt, ihre Enttäuschungen zu formulieren, die permanenten, überall lauernden. Jeder sei permanent enttäuscht, daher dürfe man ja auch keine Erwartungen mehr haben. Also sagt man lieber ein Wort zu wenig, bevor einem aus Versehen doch einmal das wahre, das echte rausrutscht, das zu viel verrät. Übrig bleibt das Schauspiel, die Lüge, der Betrug.

Sie zieht ein letztes Mal an der Zigarette und zerdrückt sie dann an der Tischkante zu Asche. Sie sagt, immer noch Rauch ausstoßend, es sei maßgeblich ein Zeichen für das Ende einer Epoche, wenn sie dekadent, wenn sie krank geworden sei. Sie zeigt auf alle, die sich im Café Morgenrot aufhalten, und sagt: Tatsache ist, dass wir alle längst weiter sein könnten. Dann nimmt sie ein Blatt Papier, einen Rotstift nimmt sie auch, und schreibt in kleinen hastigen Buchstaben einen Satz hin, den sie zwei Mal unterstreicht:

Die natürliche Welt ist auf dem Rückzug.

Sie sagt, dieser Rückzug sei unsre Chance. Es sei nur noch eine Frage der Zeit; es ließe sich an einer Hand abzählen. Sie wolle sich vorbereiten. Sie wolle noch mehr darüber lesen, solange sie könne. Über Landwirtschaft, und Energie. Sie wolle wissen, wie man die Menschen in der metropolitanen Gesellschaft eigentlich erreiche. Also erwähnt sie Namen wie Uri Gordon und Horst Stowasser. Sie empfiehlt sie wie Medikamente.

Am Ende sagt sie, wir sollten uns wieder sehen. Sie reicht mir die Hand, die trocken ist und rauh. Sie sagt, ich solle darüber schreiben, weil ich gut mit Worten umgehen könne. Sie wolle aber keine Namen lesen, später. Die Zeit der Namen sei vorbei.

Freitag, 14. Januar 2011

Über Revolution & Macht. (2)

1. Die Haltung des Sklaven ist die Haltung des Menschen, der nichts zu verlieren hat; dankbar ist er dafür, dass ihn der Rohrstock nicht schlägt, sondern dass er ihm das Fressen hinschiebt. Und nichts als fressen muss er. Jeden Tag. Dafür ist er da, der Sklave.

2. Keines der Dinge macht uns glücklich. Die Welt ist voller toter Besitztümer. Die meisten von ihnen gehen verloren mit der Zeit, werden weiter gereicht bis die Hand sie vergisst, bis der Staub sie nimmt, bis sie kaputt gehen. Es ist ein Wohlstand der Hinterbliebenen, der Zurückgelassenen. Alles, was wir unser Eigentum nennen, ist eine Annahme. Unser Reichtum ist eine Hypothese. Unser Reichtum ernährt uns nur durch Vermittler; er ist abstrakt. Ein Geldschein, egal welchen Wert er auch hat, ist nicht essbar. Er schützt nicht vor Hunger, Kälte, Gewalt. Der Geldschein ist ein Umstand; nach ihm zu streben ist absurd.

3. Sich für die Sklaverei zu entscheiden, heißt nicht, sich für die Existenz zu entscheiden; vielmehr heißt es, die gegenseitige Position zu beziehen. Ein Mensch, der sich für das Geld entscheidet, wählt die Illusion. Ein Mensch, der das Auto vor der Türe, den Fernseher, den Urlaub wählt, entscheidet sich für etwas, das er Normalität genannt hat, und das in Wahrheit nur eine Theorie ist. Diese Theorie widerspricht Logik und Menschlichkeit; sie widerspricht der Haltung des Menschen als Menschen. Wählt einer die Sklaverei, wählt er die Unmenschlichkeit. Er wählt die Lüge.

4. Ein Sklave ist einer, der sich nicht traut Nein zu sagen. Einer, der sich nicht weigert. Einer, der nicht zweifelt. Einer, der akzeptiert. Immer.

5. Ein Mensch ist einer, der die Wahl hat, und zwar grundsätzlich.

6. Unterwerfung ist eine Option, kein Zustand. Derjenige, der sich an seinen Wohlstand gewöhnt, gewöhnt sich an seine Haltung als Sklave. Er nimmt an, er sei frei, wenn er sich einen neuen Computer, ein neues Telephon, einen neuen Teppich kauft; er sei frei, weil er liest und Musik hört. Er nimmt an, er habe in seinem Mikrokosmos die Kontrolle. Die Wahrheit ist, dass er keine Kontrolle hat. Die Wahrheit ist, dass er nicht frei ist. Die Wahrheit ist eine Relation, und zwar nicht zur Normalität.

Eine Gesellschaft aus Sklaven kann beschließen, sich eine Gesellschaft von Menschen zu nennen; sie kann Werte schaffen, kann sie verteidigen, sie kann sie zum Maßstab für andere mögliche Gesellschaften machen. Tatsache ist, dass die Sklaven damit nicht echter, nicht menschlicher werden. Nur, weil die Mehrheit es als normal betrachtet, heißt es nicht, dass es hingenommen werden kann. Die Relativität von Moral und Anstand ist nicht die Relativität von Hunger und Leid.

Montag, 8. November 2010

Die Ahnung

Noch das Toben der Musik von Samstag Nacht im Ohr, gehe ich die Treppen hinunter, am S-Bahnhof vom Hackeschen Markt, gehe dem Wind nach, der sich im Haar der Leute vor mir verfängt, den perfekt ausrasierten Nacken, den gezwirbelten Locken, den Schalenköpfen, und ich gehe, Stufe um Stufe, jeden Schritt nimmt ein jeder Schuh und ein jeder Fuß, und der Wind nimmt ein bisschen vom Regen und ein bisschen vom Laub und verwirbelt es, grausam. Ich sehe es kaum. Die meisten Menschen gehen nach links ab, zur Bank, und zur Rosenthaler Straße, und zum Markt, und die wenigsten Menschen gehen nach rechts, zur Baustelle und Tram, zum Alexanderplatz, darunter auch ich. Jemand sagt Hallo, jemand geht vorbei, da gibt's keine Namen. Ich nehme die letzten Stufen im Sprung, und der iPod spielt und spielt, die Geigen, die Geigen streicht dunkler die Geigen, und eigentlich muss ich nach links, aber dann hört das Gehen ganz plötzlich auf, und der Wind nimmt die Zeitungen vom Stand an der Ecke und wirft sie fort, Schlagzeile um Schlagzeile - Atomkraft, Protest, Gazastreifen, Öl -, und der Wind nimmt auch das Geschrei der Zeitungsverkäuferin, das Papier und das Laub und das Bisschen Regen, und es ist ganz plötzlich da, diese Ahnung, dieses Gefühl, der Wind nimmt mich fort. Er zerhaucht mich zu Unheil.

Und ich begreife nicht, was geschieht, ich sehe nicht mich, sehe die verrinnende Zeit und die kommenden Tage, sehe, wie das Glas trüb wird und bricht, wie die Pflastersteine nach und nach fehlen, wie es geht, dieses Leben, wie es zur Hintertür entflieht, und nichts daran ist der Übersinnlichkeit geschuldet, nichts dem göttlichen Funken. Wie es dunkelt nach Deutschland, denke ich entsetzt, wie es dunkelt, und da ist dieser Tanz auf der Kante, der Abgrund ganz dicht unter dem Schuh, das Lachen und Wummern und die Küsse im Schatten, und ich sehe uns, sieben Milliarden Menschen, dann zehn, ich sehe zwölf Milliarden Menschen in den kommenden Tagen, das Auge zerblickt ihre Häuser und Wände, und ich sehe uns nehmen, und züchten und schlachten, und ich sehe den Himmel erneut als Gewölbe, das rote Licht in der Ferne, die Sonne, ein glutrotes Auge, die Lotusblume, die sich öffnet zum Fraß. Und nichts, kein Stein bleibt auf dem andren.

Ich sehe das Meer, es kommt über das Land wie der Wind, und es nimmt und es nimmt und es verwirbelt das bisschen Städte und Menschen, grausam, es kennt keine Gnade. Und Europa, ich sehe dich fallen, geliebte Stierzähmerin, ich sehe dich als Rauch in der Luft, in den Zeitungen vom Vortag, im Krieg, im Hunger seh ich dich deine Grenzen schließen, schon jetzt, sagt die Stimme, schon jetzt deportieren sie Menschen und verschließen sie Küsten wie im Zimmer die Fenster und Türen, ich sehe es, höre es, das Geschrei an den Küsten, das Wehklagen, es kommt aus der Ferne, wie es dunkelt, dunkelt, hier tanzen sie zu den Geigen, die andere spielen, und keiner will stehen. Aber all dieser Hunger, sagt der gesättigte Kopf, all dieses Dürsten, und im Büro um die Ecke schütten sie das abgestandene Wasser in den Ausguß zum Sterben, und sie schütten ihr Essen fort, ihr Brot und ihr Fleisch, das sie unbedingt wollen, und all diese Hallen des Todes, all diese aufgebahrten Kadaver in ihren gläsernen Särgen, und nirgends ein Prinz, der sie wachküsst, nirgends Erlösung. Die Worte sind Fetzen, sie hängen mir aus Ohren und Mund. Die nächsten Tage und Wochen, die Jahre fliegen im Blinzeln, als der Wind kommt, als der Wind kommt und mich verwandelt zu Licht, und ich sehe Stahl und Beton und kein Öl. Nirgends ein Tropfen. Aber weiter, weiter, ich sehe endlos Menschen die Erde umgraben, und all das bessere Wissen, das verloren geht im Schweigen. Das ist, was uns noch bleibt. Das Schweigen. Es senkt sich über die Dächer Almerías, und jede Orange und jede Tomate will vertrocknen unter dem Schweigen, und auch die Korallen, jede von ihnen, und die giftigen Quallen an den Stränden, und die Fische, die mit dem Schleppnetz aus dem Wasser gezogen und mit menschlichen Händen zurückgeworfen werden, wo sie tot auf den Wellen treiben und absinken ins Dunkel, ins Dunkel, wie es heraufzieht vom Süden und Westen und Osten und Norden, und keiner stellt die richtigen Fragen. Sie reden über das Wetter wie über das Wetter. Sie hängen Wolken an jedes ihrer Worte und nennen das Reden. In Wahrheit sagen sie nichts.

Die Ahnung ist es, dass nichts gut wird, dass alles - allesalles -, zu spät ist, und auch für die Liebe, und auch für das Kämpfen und jedes gesagte und geschriebene Wort, und alle Hoffnung, gerade noch auf der Stufe unter dem tanzenden Schuh, ist fort, verloren. Fernseher und Werbetafeln und Werbetexte und Werbe-Leben, retouchiert, ohne Leben. Ich höre wie jemand sagt: Ein Gespenst geht um in Europa, und es ist der Exzess, und es ist die Dekadenz. Vergebens, Kassandra, dein Ruf kommt wie immer zu spät.

Ich bleibe stehen, stehen, angewurzelt bin ich unter dem Dach und die Menschen gehen nach links ab, und nach rechts, und wie sie es eilig haben, zu ihren domestizierten Pflanzen und Arbeitsplätzen, zu ihren Aktenschränken und klingelnden Telephonen, zu all ihrer Banalität, und nichts ist daran neu, und nichts ist wirklich anders, seit Jahren schon endet es hier, schon seit Jahren ist da der Wind, und der Golfstrom und die Bienen und all das Sterben, des Öls wegen, und der Macht wegen und des Krieges wegen, Tiere und Pflanzen und Menschen, und Menschen, und das Öl in der Plastiktüte und das Öl im Computer und all der Applaus, streicht dunkler, dunkler, die Geigen streicht dunkler, und sie sagen, es sei nichts als ein Konstrukt, in dem wir leben, und sie sagen, die Krise sei vorbei, und sie sagen, die Krise gehe weiter, und die Welt drehe sich doch, und das Volk klatscht weiter, weiter, der Applaus darf nie enden, was für ein Leben, was für ein Sterben, und alle Hoffnung geht mir aus, dort, wo der Wind die Zeitungen vom Stand reißt und fortschmeißt, und mir gefriert das Blut in den Adern von den kommenden Tagen.

Samstag, 23. Januar 2010

Über Revolution & Macht. (1)

Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, dass sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muss sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Staat überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht.

Michel Foucault

Es ließe sich Napoleon ebenso zitieren. Auch Warhol hatte revolutionäre Gedanken. Was die Beatles besangen, hat auch Mao Tsetung gewusst. Et cetera, et cetera.

Der Widerstand als solcher definiert sich nicht per Definition, - die Revolution ist weder Contra, noch Pro, sie ist weder die gewalttätige Handlung einer Klasse, die eine andere stürzt, noch ist sie die Brüderlichkeit zwischen den Wölfen; die Revolution ist Gedanke, sie ist Atem & Bewegung. Sie ist Erkennen. Eine Handlung & eine Gegenhandlung, ein Begreifen. Sie ist Weigerung.

A will to say NO.

1. Die Revolution wird nicht allein durch den Einsatz der Messer zur Revolution, nicht durch das Sprengen von Stein & dem Zerschmettern von Glas. Ein gelegter Brand ist nicht revolutionär, es ist nichts als Feuer. Die Versicherung, die den Schaden deckt, die der Brand verursacht hat, ist revolutionär; sie als solche zu begreifen ist entscheidend.
2. Ein geworfener Stein ist nicht revolutionär, - auch dann nicht, wenn er den Kopf trifft. Ein kaputter, ein toter Mensch ist nicht Teil der Revolution, er denkt nicht mehr, er fühlt nicht. Ein toter Mensch ist nicht hinzunehmen. Tote Menschen ergeben kein Ganzes, sie haben kein Anteil am Guten. Ein toter Mensch ist ein verlorener Mensch. Verloren für den Kampf, verloren für das Bessere. Solche Verluste sind nicht tolerierbar.
2a. Das Leben zu achten ist revolutionär. Jedes Leben. Einem Menschen ein Gesicht zu geben, aus einer Zahl von Toten unbegreifliche Verluste zu machen, einen Toten schon als Schaden zu empfinden, & die Rettung eines Lebens als wertvoll, - das ist Revolution. Jede Nachricht über den Tod eines Einzelnen, über den Tod des Unglücks, des Krieges ist als Nachricht ans eigene Ich zu empfinden, mitzufühlen, jedem entsprechend des Denkens, - sich den Tod im Bewusstsein zu halten ist entscheidend, - nur weil der Tote ein Fremder ist, nur weil er in der Ferne sein Leben verwirkt hat, heißt es nicht, man könne über ihn hinweggehn. Gleichgültigkeit ist falsch. Gleichgültigkeit heißt: Wider der Menschlichkeit.
2b. Auch das tote Tier, auch das Fleisch im Plastikkleid als Leben zu sehen, es nicht als Konsumprodukt hinzunehmen, es nicht als Ware, als Ding a posteriori zu kaufen, sondern als verlorenes Leben, - das ist Revolution. Das Bewusstsein, Teil einer intelligiblen Welt zu sein, Teil einer fühlenden, lebendigen Form von Existenz gegenüberzutreten, & zwar mit demselben Respekt, mit derselben Ehrfurcht, die ein Mensch gegenüber dem Menschen empfindet, ist revolutionär.

Was Foucault sagte ist obsolet. Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt darin, dass sie nie als Gewalt auf uns lastet, - weder als neinsagend, noch als bejahend, - sie tritt als Gewalt überhaupt nicht mehr in Erscheinung. Die Macht ist keine Fessel, sie ist kein Kerker, sie ist kein Gewehrlauf.

1. Macht ist das langsame Erhitzen des Wassers: Die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem Sterben, die Angst vor Alter & Krankheit, die Angst vor dem Verlust des Besitzes & vor dem Zuwenig, die Angst vor dem Andren & dem Eigenen, die Angst vor der Angst;

2. Macht ist kapitalwirksam, es lässt die Wirtschaft florieren, lässt sie kollabieren;

3. Macht ist medienwirksam, sie bestimmt den Menschen zum Klatsch: Ein Mensch vor dem Fernseher ist ein ruhiger Mensch, ein Mensch vor dem Fernseher ist ein Mensch, der nicht auf revolutionäre Ideen kommt.

4. Macht ist das Wissen, das Begreifen & Erkennen. Diese Macht kann missbraucht werden, & wird missbraucht, sie wird sondiert, selektiert, zentralisiert.

Macht besitzt der Einzelne, Macht besitzt Niemand. Macht wird gewählt, Macht wird genommen, Macht wird fundiert & ausgehöhlt im Wissen um die Machtlosen. Der Machtlose ist jener, der sich der Gewalt bedient, denn Gewalt ist die Konsequenz der Hilflosigkeit, - sobald ein Staat mit Gewalt gegen den Einzelnen agiert, so ist diese Gewalt abzulehnen, denn sie ist nichts als ein hilfloser Versuch Pro der Kontrolle. Macht ist Mittel, ist, was in Wirklichkeit den Verstand durchdringt, Dinge produziert, Lust voraussetzt & künstlich verzögert, Wissen konstruiert & sortiert, Diskurse vortäuscht; man muss sie längst nicht mehr als Netz auffassen, das den ganzen sozialen Staat überzieht, denn der Sozialstaat ist Hypothese, das Netz nur Theorie.

Grundlage zur Revolution ist die Kritik an der Macht.
Nur wer kritisch ist, nur wer hinterfragt, ist Revolutionär.

Sonntag, 27. Januar 2008

Sepsis, 1/2

Ehrlich jetzt.
Ich will dir nicht mehr erklären müssen, dass ich glücklich und unglücklich sein kann, ohne zu wissen, was davon jetzt eher zutrifft; ich will nicht mehr denken müssen: Ich liebe dich, wenn ich dich im Augenblick nicht ausstehen kann; ich will nicht mehr an meinem Hemdkragen ziehen, in der Hoffnung, meine Lungen bekämen davon mehr Sauerstoff, und mein Blut damit einen besseren Wert, wenn ich im Aufzug stehe und nichts nur im entferntesten an Sauerstoff erinnert; ich will nicht mehr paraphrasieren, was mit deiner Hose nicht stimmt, will nicht noch mehr Adjektive an deinen müden Gesichtsausdruck verschwenden, und ich will dich schon gar nicht nackt in meinen Träumen sehen, weil in meinen Träumen ohnehin alles nur schwarzweiß ist, - und das wirkt dann noch melodramatischer; ich will nicht mehr das Ziel der Ziele suchen, weil ich es mir mit meiner Wut eh nicht leisen kann; ich brauche dein Mitleid nicht, und auch nicht dein Verständnis, denn wenn wir uns unterhalten, bleibt jedes deiner Worte nur in meinem Hals stecken und macht mich laute Argumente husten; spar dir deine Ausrufezeichen am anderen Ende deiner Sätze, - sie ermüden mich, - und lass am Besten auch gleich die Buchstaben weg.

Ehrlich. Ich staple dir einen schiefen Turm lauter kleiner Nebensächlichkeiten, die du als dein Leben verkaufst. Fernsehauftritte inklusive. Und dann bist du ganz außer dir. Dass ist es doch, was so viele Menschen dazu treibt, vor den Weitwinkelobjektiven zu winken, oder nicht? Dass bringt doch diese Telephonistinnen dazu, mich komische Fragen zu fragen, oder nicht? Woanders sind sie froh, wenn das verseuchte Wasser sie nicht krank macht, - sie nicht tötet, - und du suchst blätternd nach ein bisschen Wellness, amazonst dich durch eine neue Rezession Rezension, und bedauerst deine 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum. Bescheidene Frage, du Idiot: Wohin soll es denn noch wachsen?

Vorstellungsvermögen, - daran scheiterst du. Du kannst dir nicht vorstellen, dass es eine Welt außerhalb deiner eigenen gibt, daher existiert sie nicht für dich. (Man hört es nicht, man sieht es nicht. Danke, reicht schon). Manchmal schläfst du so tief, dass du deinen eigenen Aufprall nicht hörst.
Nein. Im Ernst. Das meiste was ich schreibe, was ich sage, was ich denke, ist völlig belanglos, zugegeben. Das meiste wird überlesen, überhört, verschwiegen, und wenn nicht das, dann wird es wenigstens vergessen. Aktuell bleibt nur der momentane Auffahrunfall, - nicht die Statistik mit den Todesopfern pro Tag, Monat, Jahr. Meine Zeiteinheiten gelten nicht für dich, und deine schönen Glasgebäude, deine Shoppingmeilen, dein ewiges Wegsehen in den Supermärkten, und vielleicht ist es nicht mehr kosmopolitisch genug, das anzuklagen. Das ist nicht mehr en vogue. [Gerade ist es Mutter Natur, die du auf der Titelseite überblätterst, - obwohl du der heimliche motherfucker bist, und nicht die Anderen]. Ehrlich jetzt, ich habe bis vorletztes Jahr auch nicht recycelt. Ich hab sogar Batterien in den Papiermüll geworfen. Ich habe dem Penner an der Ecke auch keinen Kaffee hingestellt, und mich mit ihm unterhalten, weil ich mich nie gefragt habe, warum er in diese Situation geraten ist. Ich habe fleißig auf die Jugend gespuckt, die mich mit ihren modischen Entgleisungen am Bahnhof fast in den Gegenverkehr stießen, und mir war auch egal, dass sie existieren; sie hatten nicht mehr als eine vegetative Form für mich, sie waren wie Gras.
Mir war so vieles so ziemlich egal, wenn ich intensiv darüber nachdenke, und vielleicht habe ich mich bisher besser verkauft als ich in Wirklichkeit bin. Ja. All das, zugegeben. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, verstehst du? Irgendwann war das Limit des Erträglichen überschritten, und ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, mit meinem thermonuklearen Gedankengut zu denken, das noch Jahre später in mir strahlt:

Süß, wie die kleinen Eisbären durch die Zoos tapsen, wo wir doch ihre Art aus der nördlichen Hemisphäre vertreiben. Wie lehrreich, dass unser Journalismus nicht mal mehr im Ansatz so investigativ ist, wie er es mal vor zehn Jahren war, - denn ja, genau: Wer ist eigentlich Veronica Guerin? (Hauptsache auf RTL flimmert eine Stunde lang White Trash in immergleichen Abendkleidern auf immergleichen Partys, und dann rammt Peter Kloeppel Tilidin in die von Hysterie und Belanglosigkeiten weichgespülten Gehirne, und informativ, informativ, also sterben Teenager in England, wo tausende pro Tag auf der ganzen Welt verrecken). Gott sei Dank gibt es Smileys, und andere Emoticons, die uns das Grauen nicht ganz so grau erscheinen lassen, - und du bezichtigst mich derweil des Schwarzmalens. Ha. Ein Leben will gelebt werden, - entweder das, oder es stirbt. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Oder, ah, doch, es nennt sich vegetieren, und das machen erstaunlich viele.

Ja, ehrlich. Ich mache mir viele Illusionen, und ich weiß um meine Ideale. Besser als du um deine verlorenen. Ich trete Greenpeace bei, sag ich. Ich engagiere mich bei attac, und ich opfere mehr als ich habe, - und du schüttelst nur traurig deinen schönen Kopf. Opfer bringen ist nicht in. Also baue ich meine kleinen Plastiksprengstoffsteckbausteine zu einem großen Paket zusammen, und denke es in die Köpfe dieser vielen, vielen Menschen, die dieses existenzialistische Problem des Lebens nur weitertragen, in dem sie Kinder zeugen, und dann später Werbespots darüber drehen, dass sie gerne noch mehr Kinder hätten. (Dabei ist gerade das unser Problem: Es gibt einfach zu viele von uns).

Ich würde sagen, wir haben die Sepsis überstanden.
Willkommen Herzstillstand.

Montag, 24. Dezember 2007

...

Na dann: Fröhliche Weihnachten.

>> The Story of Stuff

Donnerstag, 11. Oktober 2007

lest we forget

Marilyn Manson hatte verdammtnochmal Recht: the death of one is a tragedy, the death of millions is just a statistic.

Ich weine tatsächlich während ich es lese, weine vor Wut, - und Hilfslosigkeit; ich zittere beim Lesen, zwinge mich dazu, das Buch auch einmal wegzulegen, und beschäftige mich doch den ganzen Tag damit.

Man kann 28 stories about aids in africa nicht wie einen Roman lesen, genauso wenig wie einen neutral abgefassten Artikel in der Zeitung, oder eine sachliche Erklärung aus einem Wörterbuch. Das ist das Leben in Armut, Leiden und Tod. Das ist das Leben (und vor allem das Sterben) mit (und durch) Aids und HIV, und Stepahnie Nolen beschreibt es intensiv und schnörkellos, oft wissenschaftlich erklärend, ohne kompliziert zu sein, selten subjektiv, aber trotzdem einfühlsam. Sie erklärt die Katastrophen, die Afrika schütteln, in dem sie die Einzelschicksale von 28 Menschen beschreibt, die sinnbildlich für die 28 Millionen HIV-Infizierter in Afrika stehen, für die 5500 Menschen, die pro Tag (!) dort an Aids sterben. (Egal ob in Simbabwe, wo pro Woche 3000 kläglich verrecken; oder in Nigeria, wo pro Jahr 300.000 Menschen sterben). Informativ allein trifft es nicht; informativ ist eine gute Dokumentation, bei der man das Gefühl bekommt, ein bisschen die Neugier zu stillen; es ist moralisierend, eine Pflichtlektüre, ein Schlag in die Magengrube.

In Afrika sind 28 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Diese 28 Millionen Menschen werden in den nächsten drei bis vier Jahren sterben. Was in Afrika passiert, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit. Aber nicht ein Volk, sondern Hunderte Völker - die Matswana, die Masotho, die Zulu, die Shona, die Matebele, die Chewa, die Setswati - verschwinden, noch während ich das hier schreibe. [S.11]

Ein Völkermord aus Gleichgültigkeit, - genau das ist es. Die Interventionen Europas und Amerikas beschränken sich auf die Großzügigkeit, auf ein paar Randprogramme, die Prävention und Schutz genauso unzureichend in den Vordergrund stellen, wie sie Therapie und Behandlung in den Hintergrund drängen.

Man denkt, man wäre aufgeklärt und fortschrittlich, aber in Wirklichkeit weiß man nichts. Wir sind nicht aufgeklärt, denn wir reden nicht darüber. Wir wissen nichts, kennen keine Zusammenhänge. Wir haben am 02. Dezember den Aids-Tag, - oh mother globalia is bakin some cakes, - aber was ist ein Tag im Jahr? Der elfte September 2001 hat sich uns als kolossale Katastrophe eingebrannt, als internationales Ereignis, das wiederum den Kriegen gewichen ist, den anhaltenden Konflikten in Nahost, den Tsunamis und Überschwemmungen, den Terrorwarnungen und -anschlägen, - aber wir haben Tag für Tag einen elften September, haben Tag für Tag einen Tsunami, einen Hurrikan Katrina, haben Hochwasser und Bombenattentate. Tag für Tag sterben Tausende, Tausende, verdammt, - sterben an Hunger, an den Zwillingsepidemien Aids und Tuberkulose, sterben an Kriegen, - und in Deutschland gilt man als arm, wenn man den Kindern kein Spielzeug kaufen kann. [Unsere Definitionen der Armut sind im wahrsten Sinne des Wortes erbärmlich]. In Deutschland ist man unzufrieden. In Deutschland ist Status Essenz, und Essenz hauptsächlich Geld, und Bildung wertlos. [Versuche Kindern und Jugendlichen hier zu erklären, dass es Menschen auf der Welt gibt, die für ihre Bildung kämpfen, die dafür alles in Kauf nehmen, sogar das Hungern; geh durch Kreuzberg, geh durch die Landghettos Deutschlands, wo die Jugendlichen abends an Bahnhöfen mit Speakerboxen HipHop hören, und es geil finden, wenn ein Kerl von seinem harten Leben rappt, von seinem Aufenthalt in Gefängnissen, von Drogen; versuche ihnen zu zeigen, dass sie gleichgültig sind, dass sie nicht verstehen, was die Vergangenheit bedeutet, was die Zukunft ist, dass sie nur im Jetzt leben, das keine Hoffnung kennt. Geh in die Universitäten, wo die Studenten an ihren Tischen sitzen, und darüber diskutieren, ob die Welt gerecht ist oder nicht, die reden und reden, und sich so furchtbar intellektuell fühlen, aber nichts tun, sich nicht informieren, die unwissend sind, und die Unwissenheit verbreiten. Geh zu den schönen Menschen, zu den eingebildeten, geh tief in diese Sozialgefüge ein, und erkläre ihnen den Wohlstand, erkläre ihnen das Glück, und was werden sie tun? Nichts. Lachen. Vergessen].

Die Globalisierung frisst uns, frisst Afrika, und es stimmt: die Politik dient nicht mehr dem Volk, - sie dient der Wirtschaft. [Unter dem Aspekt, dass wir behaupten, die Wirtschaft diene in letzter Instanz gerade dem Volk]. Wir glauben, zivilisiert zu sein, glauben, durch die Demokratie ein System gefunden zu haben, das den meisten Menschen Gerechtigkeit angedeihen lässt, - aber das ist eine Täuschung. Wir haben uns eine Demokratie aufgebaut, die weiterhin versklavt. Durch Darwin's Nightmare habe ich gesehen, wie wir Afrikas Wirtschaft ausnehmen, wie wir sie missbrauchen, und durch 28 stories about aids in africa habe ich den globalisierenden Zusammenhang erst verstanden:
Afrikas Anteil am weltweiten Handel sank von etwa vier Prozent im Jahr 1970 auf 1,5 Prozent im Jahr 2004, was zum großen Teil daran lag, dass die internationalen Handelsgesetze diesen Kontinent benachteiligen. In den reichen Ländern werden die Bauern stark subventioniert (Baumwollzüchter in den Vereinigten Staaten, Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Europa), so dass sie zu Preisen nach Afrika exportieren können, mit denen die afrikanischen Bauern nicht zu konkurrieren vermögen. Gleichzeitig schützen diese reichen Länder ihre eigenen Märkte mit Zöllen und Quoten und verwehren damit afrikanischen Produkten den Zugang. Die Summe, mit der die G8-Länder ihre eigenen Bauern subventionieren, übersteigt bei weitem den Gesamtbetrag der Hilfsgelder, die sie Afrika zukommen lassen. [S.321ff]

Wir überschwemmen die afrikanischen Märkte mit Gütern, anstatt ihnen Geld zukommen zu lassen, das ihre Wirtschaft ankurbelt. Wo ist der Marshallplan, wo sind die internationalen Fördergelder, wo sind die Friedenstruppen der UN, die sanieren, reformieren und helfen? Natürlich gibt es Stiftungen, es gibt unzählige Fonds, und es gibt Menschen, die sich engagieren. Keine Frage. Und trotzdem überlege ich, was ein Profifußballspieler, was ein Hollywood-Star, was ein Spitzenpolitiker verdient, - wie viel Geld, wie viele Millionen, und Milliarden sind hier im Umlauf, - wie viele Paris Hiltons gibt es auf der Welt, die aus Geld noch mehr Geld machen? Ein Bill Gates gibt freimütig ein paar Millionen aus seinem Sparstrumpf, weil Bill Gates es kann. Den Bürgern drückt man dafür zu Weihnachten wieder den nächsten Spendenmarathon auf die Nase, um sie die stille Befriedigung spüren zu lassen, den Persilschein für die Seele, und dann ist gut, dann denkt man nicht mehr daran, und man vergisst. [Mensch, dein Name ist Gleichgültigkeit, und du lebst in einer Welt des Vergessens].

Es sind überall Zusammenhänge. Wirtschaftliche, ökonomische, menschliche. Die Pharmakonzerne, die ihr Patentrecht die vollen zwanzig Jahre ausnutzen, um den Reichen die Medikamente zu verkaufen, und die deshalb die Armen sterben lassen; (es ist ein Skandal, dass es Konzerne gibt, die auch heute noch gegen die Generika-Herstellung klagen, - nur weil es Menschen gibt, die daran glauben, dass Medikamente auch den Ärmsten zugänglich gemacht werden sollten). Es gibt Berichte über Testlabors in Afrika, die zwar kostenlos Patienten behandeln, aber auf einer Basis, die jeder ethischen Richtlinie widerspricht: sie testen die Patienten mit verschiedenen Medikamenten, um herauszufiltern, was wirkt und was nicht, - zum Preis von Toten, die die Medikation nicht verkraften, nicht vertragen, etc. Es wüten Tuberkulose-Epidemien, die vollständig resistent gegen Antibiotika geworden sind; es gibt neue HI-Virus-Stämme, die selbst gegen die ARV-Therapien resistent sind, weil die Menschen ihre Adhärenz nicht einhalten, und deshalb immun werden, - und wegen diesen Resistenzen muss geforscht werden. [Sie scheinen nicht zu verstehen, dass sie das Übel der Resistenz selbst beschwören, weil sie die Generika verbieten oder die eigentliche Medikation unerschwinglich teuer machen; wer sich am Anfang die Medikamente noch leisten konnte, sieht sich durch die steigende Inflation mancher Länder außerstande, die Tabletten einzunehmen, - durch Abbruch der Medikation entwickeln sich Resistenzen. Im Jahr 2005 infizierten sich beispielsweise rund drei Millionen Europäer mit Keimen, die gegen bekannte Antibiotika resistent sind – 50.000 von ihnen starben daran*, - wie das in Afrika aussehen muss, kann man sich ungefähr denken. Aber das nur so nebenbei].
Es gibt Zusammenhänge zwischen den Lobbys, die in Afrika Wurzeln schlagen, und sich in die politische Lage eingemischt haben, und dem Status von Europa und Amerika. Das wirtschaftliche Niedrighalten der Dritten Welt durch die Erste, unter dem Aspekt des Gleichgewichts, - ich höre nicht zum ersten Mal von Menschen, die behaupten, es gäbe eine darwinistische Katastrophe, wenn es den Menschen in Afrika besser ginge, wenn sie freien Zugang zu medizinischen Einrichtungen, zu Lebensmitteln, zu Schulbildung hätten. Was für eine Arroganz. Die darwinistische Katastrophe ist längst eingetreten.

Wir wissen nicht, was dieses Leiden bedeutet, - ich wusste es nicht, und halte mich selbst doch für ziemlich aufgeklärt.

Ich weiß erst seit dem ich Richard kenne, - den ich vor ungefähr eineinhalb Jahren auf einer Aids-Kundgebung in Tübingen kennengelernt habe, - dass man Aids und HIV mittlerweile wie eine chronische Krankheit behandeln kann, wie Diabetes beispielsweise. Ich habe durch ihn gelernt, dass es Medikamente gibt, die den Virus unter Kontrolle halten, oder genauer gesagt: Medikamente, die das Immunsystem nicht zusammenbrechen lassen. [Richard lebt seit ungefähr drei Jahren mit Aids, wird mit einer ARV-Therapie (einer Antiretroviral-Therapie) behandelt und sein CD4-Wert ist konstant. Kein Problem, zumindest nicht hier. Die Generika ist erschwinglich, und jedem Menschen zugänglich, - im krassen Gegensatz zu einigen Staaten in Afrika, wie in Simabwe beispielsweise, wo selbst die Generika für die Bevölkerung unerschwinglich teuer ist].

Die Prävention durch Kondome und Mirkobizide ist wichtig, - wichtig, um die Ausbreitung zu stoppen, - und dennoch wird die Prävention nach wie vor gedrosselt oder genauer gesagt: sie wird nicht vorangebracht. [Ich gebe nach wie vor die Hauptschuld der katholischen Kirche, die durch ihre Missionierungsarbeiten nicht zuletzt einen erheblichen Einfluss auf die Menschen in Afrika hat]. Die Tabuisierung von Sex und der Stigmatisierung der Krankheit haben dazu beigetragen, dass sich der Virus ausgebreitet hat, - und sich noch immer verbreitet. Tag für Tag laufe ich an Reklametafeln vorbei, die für Kondome werben, und ich glaube fest daran, dass es nicht reicht, plakativ zu sein. Weder hier, noch irgendwo sonst, - erst recht nicht in Afrika. Das Stigma der Sünde und der Strafe Gottes ist eine Denklast ungeahnten Ausmaßes.

Man muss sich informieren, heute, man muss es wissen, man muss darüber reden. Erst wenn man diesen 02. Dezember auf jeden Tag im Jahr legt, erst wenn man das Bewusstsein der Allgegenwart geschaffen hat, - das Bewusstsein, dass man an die tagtäglichen Toten eben jeden Tag denken sollte, - erst wenn man die Zusammenhänge, die Bezüge, die Konsequenz versteht, erkennt man den Umfang der Pandemie, der Katastrophen, und den Völkermord aus Gleichgültigkeit.

Und wenn man es erst mal erkannt und begriffen hat, dann kann man nicht mehr tatenlos sein.

Zumindest ich kann es nicht mehr.

Lest dieses Buch: 28 stories about aids in africa, von Stephanie Nolen. Und wenn ihr es gelesen habt, empfehlt es weiter.



*Quelle


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Zuletzt aktualisiert: 28. Januar, 01:34

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