Auszüge

Dienstag, 19. April 2011

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Ich gebe zu, dass Gewalt, in welcher Form sie sich auch immer äußert, ein Scheitern ist. Aber es ist ein unvermeidbares Scheitern, weil wir in einer Welt der Gewalt leben; und wenn es wahr ist, dass der Rückgriff auf Gewalt gegen Gewalt sie zu verewigen droht, so ist auch wahr, dass sie das einzige Mittel ist, sie enden zu lassen.

Sartre

Montag, 7. Juni 2010

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Er war ein kühner Kritiker, schwungvoll und bissig, und er besaß all die Qualitäten, die die Kehrseite seiner Fehler waren; er war aufrichtig und lachte gern; er sagte einem Freund tausend Bosheiten ins Gesicht, den er, wenn er abwesend war, tapfer und loyal verteidigte. Er spottete über alles, sogar über seine Zukunft. Er war stets in Geldnöten, doch - wie alle Menschen von einiger Bedeutung - unsagbar faul. Dabei konnte er Leuten, die nicht in der Lage waren, in ihren Büchern auch nur einen guten Gedanken zu formulieren, mit einem Wort ein ganzes Buch an den Kopf werfen. Ein Verschwender von Versprechen, die er niemals hielt, hatte er sich aus seinem Glück und seinem Ruhm ein Ruhekissen gemacht und ließ es darauf ankommen, als alter Mann im Spital zu erwachen. Im übrigen als Freund verläßlich bis zum Schafott und ein Aufschneider aus Zynismus, arbeitete er nur, wenn er Lust hatte oder aus Not.

Das Chagrinleder
Honoré de Balzac

Mittwoch, 19. Mai 2010

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Ich habe nie geschrieben, wenn ich zu schreiben glaubte, ich habe nie geliebt, wenn ich zu lieben glaubte, ich habe nie etwas anderes getan, als zu warten vor verschlossener Tür.


Der Liebhaber
Marguerite Duras

Sonntag, 29. November 2009

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»Kommen Sie«, sagte sie, »man muss frei werden, frei zum Töten und zum Schreien, frei, ihm die Haare auszureißen, und frei, aus keinem anderen Grund loszurennen, als um lachend zurückzukehren.«

- Warten
Leonora Carrington




Sonntag, 5. Juli 2009

Die Städte und der Austausch

2
In Cloe, einer großen Stadt, kennen die Menschen, die auf den Straßen gehen, einander nicht. Wenn sie sich sehen, stellen sie sich, der eine vom andern, tausend Dinge vor, Begegnungen, die es zwischen ihnen geben könnte, Unterhaltungen, Überraschungen, Liebkosungen, Bisse. Doch niemand grüßt jemanden, die Blicke kreuzen sich eine Sekunde lang und fliehen sich dann, suchen andere Blicke, verweilen nicht.
Ein Mädchen kommt vorbei und läßt den an die Schulter gelegten Sonnenschirm kreisen und ebenso ein wenig das Rund ihrer Hüften. Eine schwarzgekleidete Frau kommt vorbei, die alle ihre Jahre zeigt, mit unruhigen Augen unter dem Schleier und bebenden Lippen. Ein tätowierter Riese kommt vorbei; ein junger Mann mit weißem Haar; eine Zwergin; zwei Zwillingsmädchen, korallenfarben gekleidet. Irgend etwas läuft zwischen ihnen hin und her, ein Wechsel von Blicken, wie Linien, die eine Gestalt mit der anderen verbinden und Pfeile, Sterne, Dreiecke zeichnen, bis alle Kombinationen auf einen Schlag erschöpft sind, und andere Personen erscheinen auf der Szene: ein Blinder mit einem Geparden an der Kette, eine Kurtisane mit dem Fächer aus Straußenfedern, ein Ephebe, eine Frau mit üppigen Ausmaßen. So begeben sich zwischen denen, die einander zufällig in einem Laubengang treffen, um sich vorm Regen zu schützen, oder die sich unterm Sonnendach eines Basars drängen oder die stehenbleiben, um dem Platzkonzert zuzuhören, Begegnungen, Verführungen, Liebesumarmungen, Orgien, ohne daß man ein Wort miteinander wechselt, ohne daß man sich mit einem Finger berührt, fast ohne einen Augenaufschlag.
Ein wollüstiges Beben durchläuft fortwährend Cloe, keuscheste der Städte. Fingen Männer und Frauen an, ihre flüchtigen Träume zu leben, dann würde jedes Trugbild eine Person werden, mit der eine Geschichte aus Verfolgungen, Täuschungen, Mißverständnissen, Zusammenstößen, Unterdrückungen zu beginnen sei, und das Karussell der Phantasien würde zum Stillstand kommen.

Die unsichtbaren Städte
Italo Calvino
S.60

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Glück

Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel weggeflogen.
Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster in die Bläue jagen -
Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen,
Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich ins Weite zogen.
In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen.
Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem Herzen zuckt.
Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder,
Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige Gefieder
Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt.

Ernst Stadler

Dienstag, 12. August 2008

Kurzschluss/2 afterlude

Ich hab's jetzt auch gemacht. (Hi. Hi). Natürlich kommt das nicht von ungefähr, AiHua hat mich auf die Idee gebracht.

Ich hoffe, das Strich(er)leben sieht irgendwann auch so gut aus; und die Sache mit dem Copyright funktioniert. (Hrrr). Desweiteren schreibt es sich leichter, momentan, aber das nur so nebenbei.

additional: Ich weiß. Es ist nicht soo~ besonders, aber mit irgendetwas muss ich anfangen.

Sonntag, 25. November 2007

and death shall have no dominion // und dem tod soll kein reich mehr bleiben

And death shall have no dominion.
Dead men naked they shall be one
With the man in the wind and the west moon;
When their bones are picked clean and the clean bones gone,
They shall have stars at elbow and foot;
Though they go mad they shall be sane,
Though they sink through the sea they shall rise again;
Though lovers be lost love shall not;
And death shall have no dominion.

And death shall have no dominion.
Under the windings of the sea
They lying long shall not die windily;
Twisting on racks when sinews give way,
Strapped to a wheel, yet they shall not break;
Faith in their hands shall snap in two,
And the unicorn evils run them through;
Split all ends up they shan't crack;
And death shall have no dominion.

And death shall have no dominion.
No more may gulls cry at their ears
Or waves break loud on the seashores;
Where blew a flower may a flower no more
Lift its head to the blows of the rain;
Though they be mad and dead as nails,
Heads of the characters hammer through daisies;
Break in the sun till the sun breaks down,
And death shall have no dominion.

* * *

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die nackten Toten die sollen eins
Mit dem Mann im Wind und im Westmond sein;
Blankbeinig und bar des blanken Gebeins
Ruht ihr Arm und ihr Fuß auf Sternenlicht.
Wenn sie irr werden solln sie die Wahrheit sehn,
Wenn sie sinken ins Meer solln sie auferstehn.
Wenn die Liebenden fallen - die Liebe fällt nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die da liegen in Wassergewinden im Meer
Sollen nicht sterben windig und leer;
Nicht brechen die, die ans Rad man flicht,
Die sich winden in Foltern, deren Sehnen man zerrt:
Ob der Glaube auch splittert in ihrer Hand
Und ob sie das Einhorn des Bösen durchbrennt,
Aller Enden zerspellt, sie zerreißen nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Keine Möwe mehr darf ins Ohr ihnen schrein
Keine Woge laut an der Küste versprühn;
Wo Blumen blühten, darf sich keine mehr regen
Und heben den Kopf zu des Regens Schlägen;
Doch ob sie auch toll sind und tot wie Stein,
Ihr Kopf wird der blühende Steinbrech sein,
Der bricht auf in der Sonne bis die Sonne zerbricht,
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Dylan Thomas







Dieses Gedicht verfolgt mich schon so lange;
es ist das einzige, das ich auswendig kann.
(Es ist überall dort, wo ich bin; jetzt auch hier).

Freitag, 14. September 2007

l'enfer c'est les autres.

Über »Geschlossene Gesellschaft«:

Ich wollte sagen: Die Hölle, das sind die andern. Aber dieses »Die Hölle, das sind die andren« ist immer falsch verstanden worden. Man glaubte, ich wollte damit sagen, dass unsere Beziehungen zu andren immer vergiftet sind, dass es immer teuflische Beziehungen sind. Es ist aber etwas ganz andres, was ich sagen will. Ich will sagen, wenn die Beziehungen zu andern verquer, vertrackt sind, dann kann der andre nur die Hölle sein. Warum? Weil die andren im Grunde das Wichtigste in uns selbst sind für unsere eigene Kenntnis von uns selbst. Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir im Grunde Kenntnisse, die die andern über uns schon haben. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die andern haben, uns zu unserer Beurteilung gegeben haben. Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil andrer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil andrer spielt hinein. Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von andren. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil andrer abhängen. Aber das heißt keineswegs, dass man keine andren Beziehungen zu den andren haben kann. Es kennzeichnet nur die entscheidende Bedeutung aller andren für jeden von uns.
S.61

Geschlossene Gesellschaft
Jean-Paul Sartre




Das ist etwas, über das ich nachdenken muss.

Donnerstag, 21. Juni 2007

Albert dit

[...] »Glaub mir, es gibt keinen großen Schmerz, keine große Reue, keine großen Erinnerungen. Man vergisst alles, die große Liebe sogar. Das ist am Leben das Traurige und zugleich Passionierende. Es gibt nur eine gewisse Art, die Dinge zu sehen und die kommt von Zeit zu Zeit an die Oberfläche. Darum ist es trotz allem gut, wenn man eine große Liebe, eine unglückliche Liebe in seinem Leben zu verzeichnen hat. Das gibt uns wenigstens ein Alibi für die Verzweiflung, die uns ohne Grund befällt.« [...]


Albert Camus
Der glückliche Tod
S.104


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