Avalons Erben

Freitag, 18. Juli 2008

aufgewärmt: Flieder//Robotorliebe

Ich wärme auch alte Texte auf. (Nicht einen, sondern zwei, weil ... ach, das Übliche. Ich komme zu keinem richtigen Entschluss). Trendhure, just for a day.

*

Flieder.

Ich träume von dir. Ich träume von deinen blauen Augen und deinen Lippen, ich träume von deinem braunen Haar und deiner Nase, - es ist dein Gesicht, das ich sehe, eingerahmt von dem Flieder, der im Hintergrund an einer Hauswand in Richtung Dachstuhl wächst. Lila Flieder. Duftend. Er streut leise seine Blüten.
Irgendwo dort oben, auf diesem Dachsims, sitzen die Meisen und Spatzen, und zwitschern ihre Sommerlieder, während weiße, feingliedrige Pollen durch die Luft schweben, federleicht und schwerelos. Was kümmern sie mich, - was ist die Welt ohne dich?
Ich sehe nach unten: das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen dreht sich, wippt und wankt. Dann sehe ich hinauf und auch der Himmel zittert, wackelt, kippt. Das alles scheint wie aus Papier; es möchte zerknüllt in Ecken liegen, möchte zu Fetzen zerrissen im Wind verwehen. Davon, und über das Meer. Dazwischen liegt der Tod, möchte ich sagen, dazwischen liegt das Verderben, aber du nimmst mir die Worte noch bevor ich sie spreche und machst sie schön, ungefährlich, - du machst sie so leicht, dass sie wie die lilafarbenen Blütenblätter durch die Luft trudeln, und niemals, niemals den Boden berühren.

[Wenn ich ausatme, höre ich Schmetterlingsflügel rascheln].

Komm, sagst du, lass uns um die Wette laufen. Dann berührst du mich an der Schulter, streifst meine Brust, - du kitztelst meine Nasenspitze mit deinem Haar, und dann eilst du davon, - durch die engen Gassen und Straßen, über die Zebrastreifen, die unter deinen Zehen galoppieren möchten, und ich eile dir nach. Vorbei an all den Gesichtern, die uns mit ihren Blicken fangen, die uns festhalten wollen, und wir schneiden ihnen ein ums andere Mal Grimassen. Hastig, verliebt, fiebrig, unermüdlich, - das sind wir. Uns kann man nicht fassen. [Wir sind der Wind. Und ihr seid nur das Papier].


Die Ampeln sind alle rot, weil du nicht in der Nähe bist.

*

Fragment: Roboterliebe [+16]


Liebst du mich?

Sie schüttelt stumm den Kopf, - ihre Haare fallen ihr jetzt in die Stirn, - und sie sieht wieder raus aus dem Fenster, raus in die Stadt, die im Sonnenlicht schwimmt [Milch der Frühe], raus in die Backsteinwelt, raus in die Ferne. Auf ihrer Unterlippe glänzt ein Tropfen Wasser, rubinrot schimmernd durch den Lippenstift, und sie scheint es nicht zu spüren.

Begehrst du mich?

Ihre Augen streifen mich für eine Sekunde, streifen über mein Gesicht wie Sandpapier, über die stoppeligen Wangen, den Hals, kurz und anteilnahmslos, dann in der Schwebe, ungebunden reißt und zieht es in den Gedärmen.

Manchmal, sagt sie. Dann nippt sie an ihrem Glas und lässt es einen Augenblick lang in ihren Händen kreisen, unschlüssig schwappt das Wasser hin und her. Aber die meiste Zeit nicht dich als Person, als Mensch. Ich drehe meine Handflächen in den staubumschwirrten Sonnenstrahlen rückwärts, - ohne wirklich darauf zu achten, - und deute ein Achselzucken an.

Soll heißen?

Zögernd stellt sie das Glas wieder auf den Fenstersims. Ihr Körper zeichnet sich unter dem dünnen Rollkragenpullover ab, wie er sich unter einem Seidentuch abzeichnen würde: man erkennt nicht nur die Konturen, sondern jede Einzelheit, die Armbeugen, ihren sanften Hals, ihre Brüste; es ist, als trage sie nur ihre Haut, - sonst nichts.

Ich begehre den Körper, den Mann unter den Neurosen; das, was zwischen deinen Beinen ist, - alles, das Pulsieren, die Handflächen, die sich ineinander verschlingenden Körper, das Salz auf deiner Haut, unter deinen Achseln, auf deiner Brust, das Zucken, das Wiegen, kurz alles, was tierisch, was unmenschlich ist. Sie lächelt anzüglich.

Befriedige ich dich?

Ihr Lächeln ist aus Stein gemeißelt. Unverrückbar, unwiderstehlich, unbeschreiblich. Oft, sagt sie, öfter als andere. Und ich, wie ich da stehe, mit den nach außen gekehrten Handflächen, denke an die Mechanik, die der Bewegung innewohnt. Ich denke daran, als sie den Pullover über den Kopf zieht und ihre Haare wie ein Schleier durch den Rollkragen nach unten fließen, wie in einem Nadelöhr. [Milch der Frühe.] Ich denke an die Reflexe, an die Muskelstränge; ich denke an das Gewebe, die Schleimhäute, die Nervenbündel, und irgendwie fühle ich mich dem Zauber beraubt, - auch dann, als sie vor mir kniet.

Später stöhnt sie und ich stöhne, oder ich bilde mir ein, ich könne es noch, könne noch meine Atemwege, meine Stimmbänder, meine Zunge, die Lippen, ja den ganzen Mund zu solchen Geräuschen benutzen, doch stattdessen empfinde ich mich selbst als alte Pumpe, als ein mechanisches Wesen, ein Roboter, der reinrutscht und rausrutscht, und sie stöhnt. Ich spüre ihr Zittern, ihre Haut, die elektrisch aufgeladen vibriert und zuckt, aber ich zucke nicht. [Ist es das? .] Es ist heiß und heißer, aber das Kribbeln bleibt aus, die Nerven scheinen taub, oder tot. Ich bewege mich nur noch so, wie sie es erwartet. Und irgendwann ist es vorbei; ich spüre alles, spüre, wie sich irgendwas zusammenzieht, wie die Nerven wieder leben wollen, aber dann, kurz vor dem eigentlichen Höhepunkt, da ist es wie ein falscher Schritt: ein Taumeln, ein Stolpern und der Gedanke: ist es das? Dann der Fall.

Als ich meine Hose wieder anziehe, habe ich wieder einen Ständer, aber das ist es nicht. Keine Geilheit, kein Verlangen, nur Mechanik, mechanische Bewegungen, Roboterliebe; nicht mehr als zwei Substanzen, die sich emotionslos vermischen, und dann knallt es, aber es bleibt ein kalter Knall. Ohne Hitze, ohne Spuren, als rauche das Innere, aber sonst nichts. Es ist sonst nichts.

Donnerstag, 22. Mai 2008

GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.3

Graue Einheitsfassaden, aufgerissene Straßengräben, bunte Kopftücher vor dem H&M, und ein Geruch von verbranntem Fett. Mitten in der Stadt, Großstadt, Kreisstadt, - ein Blick in eine Welt der Slowmotionbewegungen, in der das GROSSE um das KLEINE kreist.
Wir gehen stumm und zielstrebig an den Gebäuden vorüber, die nach dem Krieg in großer Hast errichtet wurden: große graue Einkaufshallen, die sich viel zu dicht aneinanderdrücken, - ihr Glas ist trübe geworden, die Spiegel sind blind, - und Geschäfte, die mit Schildern werben, die von tausend Jahren Sonnenschein farblos geworden sind, mit Produkten, die im Gedränge untergehen. Vor einem der Geschäfte, - es ist ein Schreibwarenladen, - sitzt ein Mann und trinkt Cola vom McDonalds; daneben steht ein Becher mit Kleingeld, und ein schiefes Pappschild mit krakeliger Schrift: Ich bite um 1 Milde spende. Als gäbe es die Armut nur in der Großstadt, denke ich, und bemerke, wie es keiner merkt. Auch Peppermint Patty nicht. Worin liegt also der Unterschied?

In der Theorie sind wir alle gute Menschen.

Dabei versucht man es! Man will es: Anschluss an die Welt von Morgen! Daher die neuen Fugen im Kopfsteinpflaster. Daher die neuen Schilder. Daher neue Glasbauten. Alles will Leichtigkeit vermitteln, und ist in Wirklichkeit nur schrecklich schwer.
Zwei Minuten später verscheucht der Verkäufer den Bettler vor seinem Laden; er droht ihm mit der Polizei. Steine zwischen Steinen, zeige kein Mitleid. Keine Milde, spende!

Wir gehen an kleinen Gruppen junger Männer vorbei, immer wieder. Selbstbewusste junge Männer, in gestreiften T-Shirts und geringelten Pullovern; in ihren Ohrläppchen glitzern geschliffene Glassteine. Sie stehen vor der Kirche, und rotzen auf die Treppen; sie stehen vor den Brunnen, und streuen ihre Zigarettenasche hinein; sie sitzen auf den Wippen der Kinder, und telephonieren. Sie sind so bemüht cool, so bemüht lässig, so bemüht stark, in ihren kleinen elitären Gruppen, aber was sind sie allein? Ich versuche in ihren Gesichtern zu lesen, versuche zu ermitteln, welche Ängste sie quälen, welche Wünsche sie haben, aber ich sehe alles wie durch das Pigmentrauschen des Fernsehers. Es ist zu weit weg. Eine andere Generation. Eine andere Welt.
Wir gehen an Frauen vorbei, immer wieder. Selbstbewusste junge Frauen, in zu engen Klamotten; auf ihren Lippen glänzt roter Lippenstift, ihre Titten hüpfen beim Gehen. Sie wirken billig, und aufdringlich, zu laut, zu grell, zu viel von allem, - ein Gegenentwurf zur Emanzipation, oder seine Verwirklichung? Sind das die Mädchen, die in HipHop-Videos mit ihren Ärschen wackeln? Sie tragen kleine Einkaufstüten, in denen kleine Dinge rascheln. (Glück gibt es zu kaufen). Zum Ficken reicht es allemal.

Die Bildzeitung hat einen neuen Menschen geschaffen. [Ich denke an den Film Idiocracy, an eine Welt degenerierter Glückseligkeit].
Zwischen der Nordsee und dem Kaufhof beginne ich daher Peppermint Patty ein bisschen zu mögen, weil sie alle mit der gleichen Verachtung straft. [Jeder, der sich erniedrigt, verdient die Probleme, die er sich schafft]. Mit jedem Schritt: Ich gehöre nicht zu euch, mit jedem Blick: Eure Dummheit ist Teil des Problems, mit jedem Atemzug sagt sie: Auch wenn es Jahre, oder Jahrzehnte dauert: Die Revolution wird kommen. Futur II. Die Revolution wird gekommen sein. (Es sind nichts als Privilegien).



Ich bin zu Hause, ohne zu Hause zu sein, gehe durch Straßen, deren Namen ich nicht kenne, an deren Ecken und Kreuzungen aber billige Erinnerungen stehen, bleibe mit meinen Augen an Auslagen hängen, die mir bedeutungslos sind, und die trotzdem eine Art Begehren wecken, versuche dem eine Bedeutung abzuwringen. Ein Rückblick in die Kindheit. Ein Rückblick in die Jugend. Und dann? Es ist nur eine Geisterstadt, in der die Gespenster der verlorenen Zeit ihr Unheil treiben. Ticktack. Wo bin ich gewesen?
Ein leerer Platz in der Métro verfolgt mich durch den Sommer, Herbst und Winter, ein Kuss auf nackter Haut, ein Rippenbogen, der nicht meiner ist, auf dem sich straff die Sehnen spannen. hush my darling hush, und nichts als das Rauschen des Windes, der durch die Baumwipfel streicht. Ist es. Systematischer Verlust, rote Sekundenzeiger, ein Ausblick eines Himmels über einem roten Ziegeldach? Oder nur: Erinnern?

Mein konvexes blaues Zyklopenauge über dem Display.
>>Klack,
macht die Uhr, und das Herz, und der Zug fährt weiter durch die siebenundvierzig Minuten Felder, Wiesen, Fachwerkhäuser. (Ich muss zurück).

Mittwoch, 21. Mai 2008

GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.2

Wir sitzen in der Bahn. [Stadtbahn, heißt die, und es folgen siebenundvierzig Minuten Felder, Wiesen, Fachwerkhäuser]. Man teilt sich den Raum, indem man dem anderen nicht in die Augen sieht. Das ist einfach. Viel schwerer hingegen ist es, generell keine Anzeichen von Leben zu zeigen, kein Atmen, kein Blinzeln; man werde Stein zwischen Steinen.
Ich sitze neben Chuck-y, Niemalslandbewohner. Ich beobachte ihn aus den Augenwinkeln, und zwar in der Reflektion im Fenster. Ihm sind früh die Haare ausgegangen, weshalb er sich schon seit Jahren die letzten blonden Büschel abrasiert, und auch wenn das damals merkwürdig frühreif gewirkt hat, so, als hätte er plötzlich seine Jugend verloren, so ist es ihm jetzt Merkmal und Kennzeichen, ein notwendiges Stilmittel; unvorstellbar, er könnte irgendwann doch mal seine Geheimratsecken zur Schau stellen. Er ist ein Kopf kleiner als ich, - was keine Kunst ist, - aber dafür viel kräftiger, allein seine Oberarme sind so muskulös, dass ich daneben wie ein unterernährter Waisenknabe wirke. Das betont er natürlich: sich, und seinen Körper. Meistens sind es daher T-Shirts, die er ein kleines bisschen zu kurz trägt, - um so vieles zu kurz, dass, wenn er sich bewegt, ein bisschen Haut zu sehen ist, - nicht viel natürlich, das wäre ihm zu aufdringlich, nur ein Spalt breit. Vermutlich denkt er, dass es auf Frauen verführerisch wirkt, wenn sie ein bisschen blonden Flaum sehen, ein bisschen schwarzes Haar, Hüft- und Bauchmuskulatur. Keine Ahnung. Es funktioniert in der Regel.

Im Grunde ist Chuck mein Nemesis.

Wäre da nicht Peppermint Patty, sie sitzt neben ihm. Hat sich ihre roten Haare zu einem Zopf geflochten. Es sind schöne rote Haare, gefärbt natürlich, - wahrscheinlich mit so einer Farbe mit ausdrucksstarkem Namen, Sunset Revolution Red oder Bloody Mary Red, - aber eindrucksvoll.
Peppermint Patty ist das generell. Eindrucksvoll, natürlich. Eine perfekt funktionierende Stepford. Mit Emanzipationschip. Wie sie da so ihre Brüste durch das enge schwarze Tanktop drückt, wie sie ihre langen Beine übereinanderschlägt, der Kajal ein bisschen wie die Winehouse, ein Piercing in der Nasenwurzel, - sie schreit nicht Fick mich! Sie schreit: Denk nicht mal im Traum dran, mich als sexuelles Objekt zu betrachten! Auf ihrem Rucksack glitzert ein Button, er zeigt Alice Schwarzers Profil, darunter steht: Welcome to the Wonderland of outmoded Thinking, Alice. Für einen Moment frage ich mich, ob das Zynismus ist, oder eine klare politische Aussage, aber ich verkneife mir jeden Kommentar. Für Peppermint Patty bin ich nicht mehr als eine flüchtige Erscheinung, ein Versuch emanzipatorischer Konvergenz. Das muss man nicht beachten.

Ich habe Chucky vier Jahre lang nicht mehr gesehen; er war in Jerusalem, hat behinderte Kinder betreut und währenddessen eine Ausbildung als Sanitäter abgeschlossen, - sein soziales Engagement ist wirklich erschreckend. Während der Fahrt unterhalten wir uns ausschließlich über seinen Aufenthalt, - auf meine Frage, wie die Lage abseits der Medien zwischen Juden und Palästinenser sei, schnaubt Peppermint Patty verächtlich. Mir ist, als hätte ich etwas gefragt, wofür ich mich zutiefst schämen sollte, - Darf man überhaupt noch Jude sagen?, - aber ich schnaube nur irritiert zurück. Und weil sie es so will, richte ich mich an sie, wende mich voll und ganz ihr zu, ganz und gar Futur II, heute: eine Zukunft, die schon abgeschlossen ist.
Ich frage: Und was hast du in den letzten vier Jahren so getrieben?
Sie: Was soll ich schon getrieben haben? [So wie sie das Wort betont klingt es plötzlich wirklich anzüglich]. Ich war natürlich (!) zwei Jahre in Südamerika.
Natürlich, sage ich. Und konzentriere mich auf ihren Kopf, der dann natürlich explodiert, Blut und Gehirn spritzen gegen Fenster und Polster. Ich wische mir die Reste aus dem Gesicht, und bevor das geschieht, nicke ich. Natürlich. Was auch sonst?


FRTSTZNG FLGT

Dienstag, 20. Mai 2008

GROSSstadtGEFLÜSTER, Pt.1

Zukunftsberge, - Zukunft bergen, Futur II: geborgen haben; man atme gegen das Fensterglas und staune über die Synchronität der Bahnhofsuhren:
>>Klack,
Herzschlag. Die Uhr steht auf Punkt 8, und ich sehe nervös auf das Handy. Ein Anruf in Abwesenheit. Sonst nichts. Mein großes blaues Auge schwebt konvex über dem Display und driftet immer weiter ab, nach oben, wo es dann mit dem anderen zusammenschmilzt und mich für ein paar Sekunden zum Zyklopen macht, - bis ich mich schließlich ganz und vollständig sehe. Ein abgehärmtes Gesicht: spröde wulstige Lippen, die gesichtsbeherrschende Nase, zu eng beieinander stehende, gerötete Augen, - das heute ist nicht gerade mein vorteilhaftestes Aussehen. (Aber ich kann es besser).

Ich sehe auf, Zyklopenbeschleunigung: Der rote Sekundenzeiger verharrt, und ticktackt dann schließlich weiter, - die Deutsche Bahn stiehlt mir systematisch Zeit, denke ich, und starre doch wieder zurück zu den Gleisen.
>>Klack.
Kein Grund völlig auszuflippen. Ich schwitze maßlos in den grauen Kapuzenpullover, - da hilft das Ärmelgekrempel und Kragenziehen auch nichts. Die Luft steht still, ist opak und lebensfeindlich, und das Training macht es auch nicht gerade besser. (Wie kann es um diese Uhrzeit nur so heiß sein?)
Umkrempeln, - das Wort hallt in meinem Kopf nach, ticktack: U m k r e m p e l n. Ein falsches Wort und dann wechselt man die Spur. (Wispernd, ein Lufthauch). Wie der Sportarzt, der mich jetzt also zum Laufen motiviert hat. (Futur II: Er wird mich zum Laufen motiviert haben). Und dann das knallrote und viel zu enge Schweißarmband, das mir irgendwann Narziss geliehen hat, das ich dann zufällig zwischen den alten Notizbüchern fand, und das mir jetzt die Blutzufuhr abquetscht. Umkrempeln. Ein Leben? Eine Einstellung. Ich atme nichts als lauwarme Luft in die Welt, und denke, es sei kochendheißer Dampf. Also: Ins Sportstudio, Gym, Fitnesscenter, - warum gibt es nur so viele aussagelose Worte für ein- und dieselbe Einrichtung? (Substrakt).

>>Klack.
Ich gehe einen Schritt weiter weg, um mir Platz zu schaffen, - weniger impressionistisch also, - und sehe mich zwischen der Kneipe mit den nikotingelben Fenstern und der Bahnhofstoilette eingekeilt, direkt am Parkhaus, unter den sind das Erlen? Bäumen. Ich bin den ganzen Weg zum Bahnhof gerannt, um den ersten Zug in die Großstadt zu kriegen, dabei ist die Großstadt weder groß, noch Stadt, sondern viel mehr die wahllose Aneinanderreihung unzähliger Substitute: picklige (postpubertierende) Türken in viel zu weiten Klamotten mit Glitzerapplikationen (Totenköpfe sind so in gerade), und Friseusenbiatches in viel zu engen Hüfthosen (pink, weiß & mit Playboybunnies), die frischblondiert, mit Solariumbräune und Frenchnail-Maniküre zu 4 Minutes aus Handyspeakerboxen ihre leichten Köpfchen bewegen, alte Frauen in zweiteiligen Standardkostümen, Männer, arschlos in Kordhosen, und Mütter, die ihren Kindern eine kleben, Emos, verschüchtert in Schwarz und Goths, irritiert in Weiß, etc. Und ich.
>>Klack.
Und ich.
>>Klack.
Und die Uhr.
Tick tack.

Neben der eingeschlagenen Glaswand lehnt eine Plastiktüte vom Kaufland, - sie ist voller leerer Bierflaschen. Fliegen kreisen. [Die Wiederholung ist (m)eine Kunstform]. Sieht das jemand, - irgendwer? Der Zug kommt, ganz in gelb, und mit Zyklopenbeschleunigung. Noch ein Blick auf die Uhr, - es ist sechzehn Minuten nach acht, - und dann steigt er aus. Viel zu spät, natürlich. Chuck, und seine Peppermint Patty.

>>Klack.
Das erste, was er sagt, ist: Ich hab da ein Buch für dich, dann rieche ich herbes Männerduschgel, und fühle mich völlig überdreht. Sie nickt dazu, weiß, dass sie nicht mit mir reden muss, denkt, ich sei ihr unterlegen, und ich nicke unverbindlich zurück. Mein Nicken könnte alles heißen, von Schön dich zu sehen bis Fahr doch zur Hölle, du dumme Schlampe.


FRTSTZNG FLGT

Mittwoch, 7. November 2007

Avalons Erben.

Ich habe den Brief mit rotem Wachs versiegelt. Es riecht nach dem abgebrannten Streichholz; der Geruch verliert sich rauchend, wirbelnd in dem Wind, der durch die undichten Fensterritzen zieht. Da sind, -- Worte. Meine Worte an Dich, - mein Leben für Deines, so war es damals, so würde es für immer sein, dachte ich, aber was war davon wirklich und was nicht?
Ich hab auf uns zurückgesehen, als ich Dir diesen Brief mit meiner schwarzen Tinte schrieb, mit dieser krakeligen, eilig hingeschmierten Schrift, die Du wahrscheinlich nicht mal als die meine erkennen wirst. Ja, das ist mein A, mein B, mein S und C und H, mein I, mein E und auch das D ist meines. [IRGENDWO BLÜHT DIE BLUME DES, +s]. Es ist alles anders, murmle ich alle vier Zeilen. Es hat sich alles verändert, und das Bild, das ich von Dir hatte, das muss ich erkennen, - das warst nie Du; es entsprach Dir nicht. Allenfalls diese braunen Augen, und das braune Haar, das lichter wurde, mit den Monaten, mit den Jahren, das immer so schien, als würde es allmählich ausfallen, - das und nur das war etwas, das ich benennen konnte. Du als Körper. Als reine Materie. Als junger Mann mit neunzehn, zwanzig, einundzwanzig Jahren, deutlich anders als der Rest, aber ungleich ähnlicher mit denen, die sich im Sport verlieren, die sich in der puren Bewegung finden. Ich kannte Dich nur als Sportler, als Fußballer, als Athlet, aber in voller Unperfektion: zerbrechlich, leidend bei jedem Stoß gegen das Knie, - die Kniescheiben, die sich wund gerieben hatten, - und leidend bei jedem möglichen Schlag. [Wusstest Du denn nicht, dass man sich im Leben ständig blaue Flecke holt? Dass selbst das Herz nicht bricht, sondern nur vernarbt, gefühllos wird, mit den Jahren, taub und blind wird, angesichts der Enttäuschungen, in die man sich verliebt].

Während ich Dir schreibe, denke ich an dieses unbegreifliche Damals, an diese vergängliche kleine Dann, das nur noch in mir existiert, und nur in mir, und das sich aus mir löst, das sich wie der Kohlenstoff aus meinem Mund löst, aus meinem Kopf, aus der Erinnerung, - und ich begreife nicht, zweifle daran. Waren wir denn je Freunde, Narziss? Dort fliegt Rom, - ich erinnere mich, als wir auf der Spanischen Treppe saßen, erinnere mich an die Bungalows, an unsere Tour mit Nathalie, - dort fliegt Berlin, - ich erinnere mich, als wir in der Nacht durch die Straßen irrten, erinnere mich an die stillen Stunden, an das Lachen, im Bus, und an die beiläufigen Gespräche; ich erinnere mich an die Sterne, - dort fliegt dieser eine letzte Geburtstag, den wir zusammengefeiert haben, auf der Burg, mit der Lady of Hearts and Sorrows, und ihren sonnenhaften Blicken, die uns beide gleichermaßen verzauberten, und vielleicht verstehe ich. [Du hattest gesagt, Du würdest niemanden vermissen; hattest gesagt, die letzten Jahre wären Dir ganz egal, und dann saßen die Lady und ich uns gegenüber und waren zutiefst schockiert, enttäuscht vielleicht, und einsam, in unserer Freundschaft zueinander].
Ich habe an so vieles geglaubt, in dieser Vergangenheit, und vieles ist verloren. Ich habe immer gedacht, ich sei derjenige, der eine falsche Vorstellung hat, - von Freundschaft, von dem, wie es eigentlich sein sollte, - und als Du Dich entfremdet hast, als Du Dich losgerissen hast, in einem Blick, der mehr besagen sollte, als er tat, in einem verbitterten Nebensatz, den Du Amy an den Kopf geschleudert hast, und damit auch mir, als Du Dich aufgemacht hast, Dein vernarbtes Herz einzubalsamieren, als Du Dir selbst vergeben hast, in Deinen Bemühungen, in Deinem Willen, den Du unbedingt durchsetzen musstest, obwohl ich Dich davor gewarnt hatte, dann ist mir bewusst geworden, dass nicht ich der Fehler war, zwischen uns allen, sondern Du.

Warst Du Dir denn nie der Konsequenz bewusst? Hast Du gedacht, ich könnte dabei tatenlos sein, könnte schweigen, während Du eine (funktionierende) Beziehung sabotierst? Könnte zu Dir halten, während ich Dir sagte, ich empfände es als falsch? Meinetwegen, dann hat sie Dich geliebt, aber nie gewollt. Meinetwegen, dann habt ihr miteinander gefickt, aber ihr habt euch nicht begehrt. Meinetwegen, dann warst Du eifersüchtig, dann warst Du rachsüchtig, und egoistisch, aber Dein Schmerz wurde nie gestillt. (Auch Du zählst zu denen, die ihr Leid lieben).
Ich habe in der ganzen Zeit, in der wir uns kannten, immer gesagt, dass mir Loyalität alles bedeute, in einer Freundschaft. Und ich war immer für Dich da, - ich habe mir Zeit genommen, obwohl sie mir immer zwischen den Fingern zerrann, für Deine Sorgen, für Deine Probleme, ich habe lange Strecken in Kauf genommen, bin zu Dir gefahren, habe zu Dir gehalten, als die ganze Welt gegen Dich war, ich habe Dich verteidigt, habe Dir nicht nur eine Hand zum Halt gereicht, sondern beide, und habe dabei noch selbst den Halt verloren; ich habe auf Dich eingeredet, habe versucht, Deine Sturheit mit meiner Demut zu mildern, habe versucht, einen Gegenpol zu Deinem Egoismus zu sein, habe versucht, mit meinen Worten Deine Welt facettenreicher zu machen, -- und was war davon wirklich? Was davon war authentisch? Die Veränderung, die Du wolltest, war nur in mir, - und die konntest Du nicht haben.

Ich habe so lange Zeit geschwiegen. Ich habe alles hingenommen. Ich dachte, Freunde müssten selbst über solche gravierenden Fehler hinwegsehen. Aber jetzt, zwei Jahre des Schweigens zwischen uns, zwei Jahre des Abschmetterns meiner Versuche, meiner Briefe, meiner Worte, zwei Jahre der Flüchtigkeit, - was ist nach diesen zwei Jahren die Vergangenheit noch wert? [Eine Vergangenheit, die im Grunde nur von Enttäuschungen geprägt war, von Opfern, die Du nicht wert warst].

Du hast mich als Gegenstand benutzt, Narziss, hast mich als Inventar betrachtet, das irgendwann ganz selbstverständlich wird. Jetzt, wo Du ein neues Leben beginnst, und ich im Vorübergehen davon erfahre; jetzt, wo ich mit Dir mal wieder reden will, und Du mir Ausweichtermine gibst; jetzt, wo alles Vergangene von meinen eigenen Entscheidungen und Gedanken weggewaschen wird, - jetzt bleibt kein Platz mehr für diese Freundschaft, für diese Antigravitation, die nur ich selbst bedinge, für Dich oder das, was uns mal zusammengeschweißt hat.

Das Bittere ist, dass Du Dich wie alle anderen in das einreihst, was vergessen werden wird. Du bist Vergangenheit, Narziss. Diese Freundschaft ist es. Du bist von jeder Verantwortung entbunden, bist von jedem Gefühl befreit. Liebe Deine Freundin wie man lieben sollte, Narziss, - liebe sie nicht auf dieselbe Weise, wie Du die Frauen bisher geliebt hast: egoistisch, einnehmend, zerstörerisch. Finde bessere Freunde als mich, Narziss, finde Menschen, die sich selbst nicht mehr brauchen, und die Dir mehr geben als ich es je konnte. Alles, was Du je gesagt hast, war Betrug, war ein Bruch in meiner Loyalität, - deshalb breche ich jetzt mit Dir. Es ist alles vergessen, vergangen, es ist alles fort; der letzte Faden ist gekappt, der mich zum Stolpern brachte.


Ich versiegle den Brief mit rotem Wachs. Ich trage ihn noch zwei Tage mit mir herum, - immer in meiner Brusttasche, dicht bei meinem Herzen, und dann, an der Ecke, fühle ich mich befreit. Ich werfe den Brief ein, in diesen schwarzen Schlund. Und sehe dabei zu, wie sich das letzte Kapitel schließt, wie sich der letzte Punkt in das Papier drückt, und ich realisiere, was es bedeutet, mit der Vergangenheit abzuschließen. [Und ich glaube daran, dass ich richtig fühle, richtig handle; ich glaube an die Konsequenz]. Dies ist meine Vergangenheitsbewältigung.


Heute habe ich Dich aus der Liste gelöscht.
Aus jeder Liste.
(Lebwohl).


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Zuletzt aktualisiert: 28. Januar, 01:34

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