Der elfte September
Seit dem elften September ist alles anders, sagte er und strich sich mit einer Hand am Kragen entlang; sein schwarzes T-Shirt spannte sich knapp über seine breiten Schultern, lag eng an seiner Brust an und war dann ab der Taille ein bisschen zu locker, groß fast, wie von zwei Generationen großer Brüder abgetragen. Er lächelte schief während dem Reden, und zeigte eine Reihe kleiner weißer Zähne. Seit dem elften September ist alles anders, formten seine Lippen, seine Zunge, seine Stimmbänder in dem geäderten Hals. Die Worte waren in den Raum gestellt, und standen unverrückbar. Gott selbst hätte sie nicht berühren mögen.
Vom Kragen sprangen seine Finger in sein dichtes schwarzes Haar zurück, verwuschelten die Strähnen, und legten sich dann wieder auf seinen Oberschenkel. Seit dem elften September, ein Satz, - wie gemacht für zufällige Begegnungen im Zug, denn im Zug traf ich ihn; er nannte sich Romeo, und war wie ich auf dem Weg nach H.
Braungebrannt war er, und ungefähr zwei Jahre älter als ich, oder vielleicht zwanzig, so genau konnte ich das nicht sagen, wollte ich ihm doch nicht direkt in die Augen sehen, denn seine Augen waren blauer als meine, klarer, intensiver, beinahe stechend, aber von so einer Reinheit, dass es fast schmerzte. Falten umspielten seinen Mund, und machten ihn lächeln, selbst wenn er stumm schwieg und den Kopf gegen das Fenster lehnte; sein Haar halblang und hinter die Ohren gesteckt, zeigte eine breite Stirn, durchfurcht von Sonne und Wind, wie es schien, obwohl es nichts als Schatten waren, die durch das Abteil zuckten, wenn die Sonne, die Welt und man selbst mit dem Kreisen des Zuges auf die andere Seite drehten, und nichts verriet Ablehnung, oder Zustimmung, oder den leisesten Zweifel; es war alles so wie es war. Selbst, wenn es nicht wahr war.
Man rechnet doch heute so, oder nicht?, fragte er unvermittelt, während ich versuchte, mir die Seitenzahl zu merken, auf der mein Lesen zum Stillstand gekommen war. Wie ein ganz neuer Zeitabschnitt. Als hätte man dem Quantum Lebenszeit, in dem wir stecken, einen Stempel aufgedrückt. Er lächelte, und strich sich über die Lippen. Ich kann es bald nicht mehr hören: Seit dem elften September ist alles anders; ständig die Detektoren, und die neuen Bestimmungen an Flughäfen, zu Konzerten, während man als Fußgänger vom Auto überfahren wird, konzentriert sich die Kamera an der Dachrinne auf den Koffer, den man am Bahnsteig vergessen hat. Kann im Notfall gesprengt werden, sagen sie. Kann gesprengt werden, könnte ja Anthrax drin sein, oder irgendwas Explosives, - deshalb sprengt man's ja: Kann ja nicht von selbst in die Luft gehen. Er lächelte gegen die Sonne im Westen, fasste sich an den Schritt, band sich die Schnürsenkel zu.
Seit dem elften September ist alles anders. Vorher waren Flugzeuge keine Waffen. Entführungen gab's zwar, aber das ist ja nicht dasselbe. Heute schießt man die Flugzeuge vom Himmel, also: möglicherweise. Das kann man zumindest erwarten. Könnten ja noch mehr sterben, also warum auch nicht? Sterben werden die im Flugzeug ja sowieso, egal für welchen Gott, für welchen Traum, für welche Möglichkeiten des Lebens. Sterben werden alle, nur zivile Opfer will man meiden, - die größte potentielle Menge an Toten will man meiden, - daher bombardiert man dann später aus Versehen ein Dorf, und es sterben zufällig ein paar Kinder, aber das ist nicht dasselbe, das ist niemals dasselbe. Nur Kollateralschäden. Prävention, heißt das. Und man macht weiter, egal wo, egal wann, man verkauft es als Friedenstruppen und in Wirklichkeit ist es nichts als die Kriegsmaschinerie.
Ich hatte die Seitenzahl längst vergessen, Der Untertan kam wieder in die Tasche, und mein Blick nickte apart zu den nächsten Worten, die aus seinen Lippen raus ins Freie sprangen: Was der elfte September verändert hat, begreifen die meisten Menschen doch gar nicht, aber sie zeigen auf die Bilder von einstürzenden Gebäuden und nennen es Terror, und Terrorgefahr, und bejahen die Fragen nach Sicherheit mit Weitwinkelobjektiven. Sie denken, der kostbare Frieden sei ins Wanken geraten, dabei kennt die Menschheit nur ein paar Tage Waffenstillstand und dann wieder anhaltende Gefechte. Oder nicht?
Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf mich wie ein Suchscheinwerfer, helle blaue Augen durchsuchten mein Gesicht nach Antworten, und ich? War schrecklich stumm, blinzelte zurück, und wusste zur Abwechslung überhaupt nichts zu erwidern.

