Cardiomania

Dienstag, 1. Januar 2008

defying gravity

Ich schließe die Augen, ein letztes Mal. Ich will der Schwerkraft trotzen, sag ich, und fahr mir durchs Haar. (Ich spüre Strähne für Strähne zwischen meinen Fingern). Und tatsächlich: plötzlich ist alles so leicht; ich spüre die gelbe Ziegelsteinstraße nicht mehr unter meinen Füßen, spüre keine Erde mehr, kein Blei, das mich niederdrückt. Ich schaue auf, und atme Ostwind. Freiheit. [Du warst meine Schwerkraft].
Ich will nicht länger unglücklich sein, sag ich und die Smaragdstadt deiner Augen verglüht unter dem Zerspringen der bunten Funken am Himmel, unter dem Regen der tausend Diamanten, die über den Dächern dieser Stadt verblassen, und ich mache einen Schritt, schwebe einen Meter weiter, weg von dir. Wünsch dir was? Gut. Dann will ich nicht mehr gefangen sein.

Ich sehe dich an, - vielleicht zum ersten Mal mit meinen eigenen Augen, verdammt, und vielleicht schreckst du tatsächlich ein bisschen zurück. Es ist vorbei, sag ich, und ich fühle mich so melodramatisch dabei. Vielleicht ist es das Feuerwerk. Vielleicht die Musik, die schräg über uns aus einem der Reihenhäuser bricht. Vielleicht, weil alles auf einmal fühlbar wird: die erste Begegnung zwischen zwei Türen, das Absitzen in Wartehallen, das Graben deiner Worte in diesem brüchigen Minenschacht, aus dem mein Ich bestanden hat, und dann die schmeichelnden Berührungen deiner Ölkannenfinger auf meinem Blechmannkörper, der erste Kuss, der das Stroh meines Verstandes in Brand steckte; meine Lippen, die immer wieder deine suchten, die weißen Vorhänge, die im Wind sachte tanzten, deine bronzene Haut, und der Duft deines braunen Haars. Und das alles schmilzt zusammen, wird weggewischt von der giftigen Träne, die aus den Trümmern der Smaragdstadt sickert, - aber das funktioniert nicht mehr.
Es gibt keine Entschuldigung, die alles wettmachen könnte, was da schief gelaufen ist, verstehste? Es hat sich alles geändert, - was da um uns rum gefeiert wird, ist nicht das Ende des alten Jahres, sondern der Anfang eines neuen. Doch du verstehst nicht, greifst durch Sand und Nebel nach meinem Handgelenk, aber ich gehe drei Schritte weiter. Ich bin den Regeln dieses Ratespiels überdrüssig, und dem Schlafen zwischen leeren Kissen, dem Warten vor deinem Namen.

Was ist die Vergangenheit schon wert, wenn sie aus Lügen besteht?

Wir sind keine Figuren aus einem Märchen, sind keine Protagonisten eines Romans; es gibt kein happily ever after, das wissen wir genau, aber es gibt Glück. Es gibt Erinnerungen, die etwas wert sind, und es gibt dich und mich. [Es hätte nie so sein dürfen]. Du hast mich gefressen, hast mich übernommen, besessen, infiziert, hast mich vollkommen zum Schatten gemacht, der hinter dir strahlenden Sonne verborgen blieb, und, --

Ich hoffe, du bist jetzt glücklich, sagst du, und ziehst deine Jacke enger am Kragen zusammen. Ich hoffe, es hat sich gelohnt, mich hier her zu bestellen, um mir das zu sagen. Du lächelst grausam dein Modellächeln, - es sagt: Du schaffst es nie, von mir loszukommen. Aber du hast Unrecht.
Da ist dieses zerrissene, zusammengeklebte, zerknüllte, entfaltete, erneut zerrissene und zusammengeklebte Herz, und ja, vielleicht ist es nicht mehr neu, aber es ist jetzt unverletzt. [Wunden heilen in der Regel. Nur du heilst nicht, - du bist die schlimmste aller Wunden].
Ja, ich bin jetzt glücklich, atme ich in die Welt hinaus. Denn für diese eine Sekunde, da spüre ich, was Liebe ist (oder sein könnte). Es ist kein artikulierbares Gefühl, nichts mit Worten Erklärbares, - es ist wie Starkstrom, der mich durchfährt, wie ein Stoß in die Lungen, der allen Sauerstoff hinauspumpt; es ist, als sterbe ein ganzes Universum, - schrecklich und lähmend, - aber irgendwas, ein letzter Funken vielleicht, der am Rande der Wahrnehmung flackert, ein letztes Glühen, das im Ostwind aufleuchtet, wird hell und immer heller, beginnt zu strahlen, zu wirblen, und wächst und wächst, - und detoniert dann schließlich mit einem ohrenbetäubenden Brüllen zu neuen Universen. Und der Mund schnappt nach neuer Luft, der Körper entlädt sich in grellen Blitzen, und die Liebe ist alles. Mehr denn je. Es gibt kein Zurück, es gibt keine Reue, kein Bedauern.

Zusammen waren wir unbegrenzt, waren unendlich, expandierten als Nichts und Alles in die Unsterblichkeit, aber dieses Heute ist nicht mehr. Heute ist Vergangenheit.

Was ist die Unendlichkeit wert, wenn sich die zwei Parallelen doch nie berühren?

Ich sehe die perfekte Fassade deines Gesichts im Licht der Straßenlaterne leuchten, und im Hintergrund torkeln substanzlose Schatten gröhlend von einem Hauseingang zum nächsten. Du steckst deine beiden Hände in die Jackentaschen und bauscht sie damit auf. Du sabotierst dich doch nur selbst, sagst du, und bist furchtbar kindisch dabei.
Immer warst du es, warst Essenz jedes Gedankens, jedes Wartens, jedes Aufstehens, - um nicht verletzt zu werden, habe ich einen viel zu hohen Preis gezahlt, habe mich aufgegeben, für dich, habe dir alles gegeben und habe damit aufgehört zu existieren, bin verblasst und ertrunken, und ich habe gezweifelt, - so viel gezweifelt. An jedem meiner Worte, an jeder meiner Bewegungen, an dem Spiegelbild, das mir in meinen Träumen ständig zerbrach, an mir selbst und diesem unendlichen Inneren, dem ich Grenzen auferlegt habe, um dich nicht zu verlieren, an diesem Himmel, in den ich gefallen bin, um auf einer Wolke zu leben, an meinen suchenden Augen, die in der Hoffnung um dich kreisten, dadurch etwas zu finden, das mir gehören könnte, - aber das war naiv. Es gibt keine Besitzurkunde, es gibt keinen Kredit, und keine Hypothek. [Es gab nur mich].

Ich komme zu dir, während du stehen bleibst und mich anstarrst. Ich bin jetzt glücklich, ja, sag ich nochmal. Ich bin befreit. Von dir. Von deinem Zauberland, - dem tödlichen Mohnfeld, das mich in traumlosen Schlaf fallen ließ, und der Porzellanstadt, in der ich ständig mit unbewussten Bewegungen etwas zerstörte, den Wüsten und Meeren, die beide gleich endlich waren in ihrer Unbegrenztheit, von diesen bösen Hexen, die in dir schliefen, und dem großen und schrecklichen Schwindler, der dir Tag für Tag neue Masken auf dein wunderschönes Gesicht setzte; ich war derjenige, der Verstand in dir zu sehen glaubte, - und nur Gedankenlosigkeit entdeckte; war derjenige, der mit dir zwei Herzen spüren wollte, die ein absolutes Leben versprachen, - und nur das eigene fand; ich war derjenige, der in dir verzweifelt ein Zuhause finden wollte, in dir und dem ewig Unbekannten deiner Stimme, deiner Hände, deiner Lippen, - und doch nur Fernweh spürte. Ich hatte zu lange Angst, und erst jetzt kommt der Mut, mein Schatz. Das hab ich erst jetzt verstanden.

Ich hoffe, am Ende bist du irgendwann glücklich, sag ich, und sehe eine letzte Rakete zu grünen Funken zerplatzen, - das Licht rieselt still in der Ferne zu Boden, und ich spüre alles. Die Winde umtosen diesen Hügel, auf dem wir stehen, und dann verschwindet die Laterne knisternd über dir im Dunkel, und mit ihr die ganze Straße. (Der Stromausfall ist wie ein Omen). Vielleicht habe ich dich geliebt. Vielleicht werde ich dich immer ein bisschen lieben.


but that's the end of the yellow brick road.
the other end of this rainbow.
that's the end of Oz.



Es gibt keinen Abschiedskuss, keine letzte Berührung. Zusammen gehen wir durch die dunklen Straßen; zwei Menschen, geschlossene Systeme, Moleküle. Es ist kalt, es ist finster. Keine Versprechen mehr, keine Stimmen mehr. Wir haben uns dafür entschieden, zu schweigen. So gehen wir minutenlang, in Richtung Helligkeit, in Richtung Stadtkern. An irgendeiner Kreuzung bleiben wir dann schließlich stehen, und ich sehe dich an, ein letztes Mal. Dein Gesicht leuchtet in der Neonreklame einer Bar, deine Augen sind weit und offen, und glänzen matt. Du siehst so aus, als wolltest du noch etwas sagen, und ich muss tatsächlich lächeln. (Kein schiefes Grinsen wie sonst). Es war doch ein stückweit schön so, wie es war, oder nicht? Fragst du. Ich nicke, überlege, ob ich noch etwas sagen soll, aber es ist alles gesagt, und gehe von dir weg.

Ich habe Herz und Verstand, und Mut wieder zusammen, - jetzt suche ich mein eigenes Kansas. Und das liegt nicht in dir.








Meine Wohnung ist leer. Ich bin fort.
Wenn du mich je irgendwann suchst, dann schau in Richtung Osten.

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Bestandsaufnahmen

Worin meine Stärken liegen, siehst du leider nicht. Also rutsche ich aus dir raus, um danach betäubt auf dem Küchenboden zu liegen, und denke an die Manie meines Lebens. Ist doch alles lächerlich. Ich bin es, du bist es, diese ganze Un-Situation ist es, aber ich kann nicht sagen, weshalb. du fehlst mir. Es bleibt unbenennbar. Dein Körper hebt sich scharf vom Neonröhrenlicht ab, - er wirkt viel zu lebendig, viel zu echt, high definition, - und dann stehst du auf, ziehst dir die Hose wieder an, und nimmst einen Apfel aus dem Korb. Für den Weg, sagst du entschuldigend, und lächelst dein Colalächeln, - es schmeckt süß und macht süchtig, und doch löst es meinen Mund auf, meine Augen, mein Herz. (Ich bin ein guter Junge).

Später sitze ich im Zug, fange eine Kurznachricht auf, und stoße dann mit dem Schaffner zusammen. [Keine Karte, kein Leben]. Während draußen der Wind die Welt zu Glas gefriert, stell ich mir vor, ich wäre nicht ich, sondern ein unbeteiligter Dritter, der diesem Leben nur zufällig innewohnt. Nur für die Spanne einer Aufzugsfahrt, oder innerhalb des Zeitraums, in dem man in einer Warteschlange vor der Kasse steht. Ein flüchtiger Blick in dieses Gesicht. (Dabei ist davon momentan nicht mehr viel zu sehen; ich verstecke mich unter der Mütze, die mir bis über die Augenbrauen rutscht, sodass der Himmel immer einen wolligen Saum hat, und unter dem Schal, der tausendmal gewickelt Hals und Kinn verdeckt). Was würde ich denken oder sagen, wenn ich mich nicht kennen, sondern nur einmal sehen würde? nichts ist nur hülle.
Ich drücke mich durch enge Geschäfte, in denen Menschen aneinander gedrängt, Geschenke suchen, und glaube schier an den unterschiedlichen Gerüchen zu ersticken, die in der Luft vermengt Weihnachten ergeben wollen. Es ist doch immer dasselbe. Überall eingeimpfte Schönheit. Buntes Treiben, --

Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?

Zwischen einer alten Frau, die aus dem Regal einen gläsernen Aschenbecher zerrt, und zwei kleinen Kindern, die nach Plüschelefanten greifen, verstehe ich. Was machst du da überhaupt? Ich gehe wieder raus, in die frische Luft, und atme.

[Das Leben geht weiter, nur du bleibst stehen].

Wir haben uns wieder mal gestritten.
Jetzt lauf ich ziellos durch die Gegend.
Ich denke über deinen Bruder* nach.
Es ist erschreckend, wie ähnlich ihr euch seid.
(Es muss euer Blut sein).
Aber ich kann nicht. Zurück. Es geht weiter. Ich bin Prozess, Umbruch, Neuanfang. die bombe explodiert. Wenn die Tasche erstmal gepackt ist, und ich morgen Mittag im Zug sitze, dann gibt es keine Rückkehr. Dann helfen auch die Worte nicht mehr. Ich beende uns, bringe diese Un-Situation zu einem richtigen (Ab)Schluss, und kann dann endlich wieder denken. Es geht nicht anders. Wir haben uns zu lange unglücklich gemacht.







* du hast geschwiegen. hast dir dein haar zurecht gemacht. hast dich im spiegel an- & wieder ausgezogen. es ist doch merkwürdig, wie man sich verändern kann. (that's your gift, your burden, brother). dein gesicht ist hohlwangig geworden, aber das siehst du nicht. deine arme klappern unter deiner kleidung, die an dir wie an einer garderobenstange hängt, aber das nennst du muskeln. deine augen sind verschleiert vom schatten des mondes; du siehst müde aus, siehst traurig aus, - gezeichnet von tausend tränen, & sorgen, - doch das gibt es alles nicht auf deinen photos, gibt es nicht in dem flüchtigen wort, das du mir im vorübergehen in die hand drückst. du bist so fragil wie ein vogel, zerbrechlich wie der spiegel, der dich ständig begleitet, eine schneeflocke, die bei der leisesten berührung zerschmettert wird.
doch meine fragen sind dir lästig. ich esse regelmäßig, sagst du trotzig, & danach ist dir trotzdem ständig schlecht. also verschwindest du für ein paar minuten im badezimmer. danach bist du wieder fröhlich, lachst, & gehst zu einem neuen date. (es ist erstaunlich, mit welcher konstanz du dich durch die menschen fickst). I quit annoying you, denn das ist dein leben, bruder, deine entscheidung. du richtest dich damit nur zugrunde.

Samstag, 15. Dezember 2007

the shadow of the day

Du kommst heim, wenn es regnet. Du gehst rückwärts an mir vorbei sobald ich am Fenster sitze, und bleibst schließlich an der Türe stehen. Dann verschwindest du im Morgengrauen.


Ich komme nicht von dir los, flüstere ich dir in die Ohren, während mein Mund den deinen sucht. Ich komme nicht weg von dir. Und meine Hände greifen in den Irrgarten deiner Haare, verhaken sich in den Dornenranken deiner Gedanken, und alles ziept und zwickt in meinem Inneren, während ich versuche, mich daraus zu lösen. Es ist, als wäre mein Herz in diesem gläsernen Schaukasten gefangen, den du im Vorübergehen aufgestellt hast, - wie um zu sagen: Seht euch das an. Es ist nicht mehr als ein Muskel. Das kann nichts empfinden. Und Menschen gehen daran vorbei, sehen nur flüchtig hin, gehen weiter, zum nächsten Ausstellungsstück dieses Lebens, und vergessen die Herzensbrecher dieser Welt.
Ich komme nicht von dir los. Dabei bist das schon lange nicht mehr du. Du-Sein. Das ist ein schöner Körper mit schönen Proportionen, aber ohne Seele. Das sind die schwarzen Dunkelkammern deiner Augen, dein Medusenkopf unbelebter Schönheit, und das Schweigen deiner Lippen. Dabei rauhe ich doch meine Worte an dir auf: Ich gebe dir ein Fragezeichen mit auf den Weg, das du zum Leerzeichen machst; ich frage, welche Musik du gerne hören würdest, und du bleibst taub. Dein steinernes Gesicht bleibt unsichtbar hinter meinen Fragen zurück, es gibt keine Antworten mehr, die aus deinem Mund entkommen könnten. Es gibt kein Innehalten mehr und kein bewusster Blick, in dem ich aufgehen könnte, in dem ich aus dem Inneren ins Freie brechen könnte, es ist alles anonym, alles ungeliebt und verbrauchbar, - also warte ich, verfange mich aufs Neue in deinen Händen, Beinen, in dem klopfenden Herzteil, der Kopfnote deiner ewigen Jugend.

Wir werden nicht besser, - egal wie oft wir uns berühren. [Ich fühle dich nicht].


Später reden wir dann wieder aneinander vorbei, horchen ins Telephon, als ob der andere noch was zu sagen hätte, und schweigen dann aus Langeweile beide. Es ist fast schon komisch, wie kindisch wir uns verhalten; kindisch, wenn man es aus der Ferne betrachtet. Ich möchte, dass Gläser fliegen und dass das beste Porzellan zerbricht; ich hätte gerne einen Sturm in diesen Vierwänden, in diesem immergleichen Spielraum unseres Verstandes, dem allmählich der Sauerstoff ausgeht; ich möchte dich packen und an den Schultern schüttelnd fragen, weshalb du dich so dumm verhälst, - warum du mir ausweichst, wenn wir nicht ausweichen können, weshalb du einsilbig wirst, wenn es so viel zu sagen gäbe, warum du überhaupt noch da bist und nicht endlich verschwindest ...


Nein. Ich komme tatsächlich nicht von dir los. Aber die Zeit kommt. Ich werde gehen, und dann ist alles auf einmal vorbei. Dann wird dein Autoschlüssel nicht mehr wie ein Anker auf meiner Kommode aufschlagen, dann wird dein Schaukasten während dem Umzug zerbrechen, dann werde ich frei sein. Frei von dir und mir, von dieser Vorstellung, die nicht mit der Realität kompatibel ist, - dann wird alles aufhören. Das Essen in klaustrophischen Kammern, das Denken in engstirnigen Klammern, dieses Gefühl, dass alles irgendwie falsch ist. Dann muss ich deinen Namen nicht mehr anstarren, muss nicht mehr die letzten Sätze durchlesen, die in meinem Handy wie Splittergranaten detoniert sind, muss deine Bilder nicht mehr sehen, die mich so plötzlich angefallen und nicht mehr losgelassen haben.

Was bleiben wird ist der zerbrochene Traum.
Die Narbe, die mich immer fragen wird, was nicht alles möglich gewesen wäre.
Der letzte Grund, Sansibar zu verlassen, um nicht an der Ferne zu erkranken.


Du bekommst noch eine Szene von mir.
Noch eine letzte. Eine Erinnerung. (the eternal sunshine).
Dann werde ich aufhören, an dich zu schreiben.

Freitag, 14. Dezember 2007

My Fiddler's Green

Benutzt du kein Gel?, fragst du.
Ich liebe dich, sag ich.
Dann stehen wir uns schweigend gegenüber & sehen den Tauben beim Fliegen zu, - die fliegenden Ratten sitzen eigentlich die meiste Zeit zwischen D und B, und schauen uns aus schwarzen Augen beim Fallen zu, (wo wir doch eigentlich die meiste Zeit nur stehen), aber das ist ohnehin alles nicht ganz richtig. Die Tauben sind nicht grau genug, der Himmel ist zu blau, es liegt nirgends Schnee. Das ist nicht das Bild, das mir mein Gehirn während des MRTs vorgegaukelt hat, - es ist nur die Realität. [Du bist Mr. Einsatzwunder, und trotzdem sagst du kein Wort].

Don't hold me too tight, knistert aus dem linken Lautsprecher, hier in der Nähe des Cafés, wo zwei Frauen, - die eine blond und solariumbraun, die andere brünett und hellhäutig, - von einem plötzlichen Lachanfall erfasst & geschüttelt werden, - erst verhalten, dann immer lauter werdend und gackernd, mit hastigen Atemzügen, die in kehligem Schmatzen versumpfen, bis das Lachen so laut geworden ist, dass sogar der Kellner vor Schreck ein Glas auf dem Weg zur Theke verliert. (Es zerfällt zu Scherben noch bevor es den Boden berührt).
Dort ist alles in Bewegung: warmes goldenes Licht strömt durch die Fensterscheiben ins Freie & flutet das kleine Bisschen Bürgersteig, das die breite Straße den Menschen noch gelassen hat, & zaubert denen, die eng an dem Café vorübergehen, einen verführerisch lebendigen Ausdruck auf die sonst so leblosen Gesichter. Draußen stoßen Lungenflügel warmen Stickstoff in die kalte Atmosphäre. Draußen drängt sich Polyethylen aneinander. Draußen verglühen vielleicht ganze Universen, - das ist ganz egal. In dem Café gibt es kein Draußen.

Ich streiche mir also eine dieser Strähnen aus der, -- Welt, in der Hoffnung, ich bewege mich mit. In der Hoffnung, ich bin nicht nur eine Reflektion, nicht nur einer dieser Atomspins, nicht nur ein Klopfgeräusch. Ich fühle meinen Körper als schwere träge Masse, mein Gehirn ist ein sauberes weißes Etwas, meine Augen nichts als Glaskörper, wie Wassertropfen benetzen sie im Schrägschnitt mein Gesicht, & es ist wirklich ganz schön, gesund zu sein. [Es ist schön, ein Körper zu sein, der medizinisch funktioniert].

Du hast mir den Himmel versprochen, sagst du auf einmal, & das ist alles, was ich bekommen hab. Plötzlich versiegeln Tränen deine Augen, aber ich bin es müde, sie zu trinken. Unsere Zeit ist nur geliehen, denke ich, & schiebe meine Fäuste tiefer in die Hosentaschen. Es kommen immer mehr Menschen zwischen dich & mich, & selbst wenn ich meine Finger nach dir ausstrecken könnte, - du wärst nicht zu erreichen. Zwischen uns ist das Meer. (Nichts als kaltes Wasser, das wir mit unseren Augen füllen)*.
Was ist der Himmel im Vergleich zu mir?, frage ich, & wünsche mir nur einen Schal. Ich kaue ein bisschen auf der Unterlippe rum & hoffe, dieser Moment geht schnell vorbei; ich hoffe, ich kann bald in dieses Café & mir einen Cappuccino bestellen, oder eine heiße Schokoloade, es ist mir ganz egal. Ich brauche Wärme.

[Ist das der letzte Augenblick bevor die fette Dame singt?]




*Dabei habe ich dein Gesicht gesehen, als ich eingezwängt war, in dieser Röhre, die um mich rum die Welt zu polternden Interferenzen zerschlug, zu bebenden Stücken Irrealität, die mir zwischen den Händen zerglitten. (Händen, die ich nicht bewegen durfte). Ich habe dich 25 Minuten lang heraufbeschworen, habe dich zurück in dieses Bett gebracht, in dieses Zimmer, wo die weißen Vorhänge sachte im Wind wehen, & Staub goldglitzernd zum Weltall wird; ich habe dich gesehen, habe dich mit meinen erstarrten Handflächen berührt, ich habe deine Blicke auf meinem Salzsäulenkörper gespürt, - wir waren da, in diesem Zimmer, als es nur das Hämmern gab, nur die Faustschläge der Maschine, die nichts übrig ließen, - keine Erinnerung, kein Leben, keine Bedeutung. Nur das, nur das. Ein Niemals hinter dem Und wenn sie nicht gestorben sind. Es gab nur diesen Wind, nur die weiße Bettwäsche & die Sonnenflecken, die über das Parkett huschten, über deine Augen & deine Nase, es gab nur uns. Immer wieder, & wieder & wieder. Verdammtnochmal: Du warst mein Fiddler's Green inmitten dieses Alptraums, warst mein Schutzwall gegen diesen Wahnsinn, der hinter dem Rütteln lauerte, warst mein Patronus gegen die Dementoren, meine Wonderwall, mein Mojo, mein pumpendes Blut, das durch meine Venen rauschte, mein Gehirn, das in der Röhre durchleuchtet wurde, mein schwerer träger Körper, meine Kernschmelze, - mein Alles, in das ich Nichts eingehen, zu dem ich werden konnte.






Dann hast du mir das Kontrastmittel injiziert.
Und jetzt ist alles blau.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Interlude: the shortbus is leaving the town

Liebe? Liebe. [Es ist, was es ist]. Meine Füße halten nicht still. Der Kopf sitzt schief. Und die Augen blinzeln im Neonröhrenlicht. Das ist. Das könnte. Vielleicht, - Liebe?

Liebe!

Morgens: Der Blick auf die Straße zeigt Geschäftigkeit. Mittags: Ein Kaffee zum Mitnehmen macht das Herz munter. Abends: Da sind irgendwo kleine Fenster, die in der Bahn zu Wunderkerzen zusammenschrumpfen. Da ist kein Platz für. Da findet sich kein Stop neben der. Zwischendrin berühren sich zwei Körper, flüchtig, eilig, wie Wind das Haar zerzaust, und der Tag reibt müde Augen wund. Man geht einen Schritt weiter, lässt die Menschen an sich vorbei, ins Innere des Abteils, schlüpfen, und sie lächeln vielleicht. Wer weiß, was es bedeutet? [Wunden vernarben besser. Kraft schöpft sich leichter. Angst verdirbt sich schneller den Magen]. Atme aus, und du spürst, was sie ist. Wahrscheinlicher ist das Granit, aus dem ihre Gesichter bestehen. Tobsuchtsaugenbrauen, die sich zum Brummen verziehen. Atme ein, und du spürst, was sie ist.

Liebe!

Im Waschsalon bittet mich eine junge Frau, - blaues Kleid mit weißen Gänseblümchen, - auf ihre Wäsche aufzupassen. Im Supermarkt fragt mich ein junger Mann, - Piercing und blondes Stachelhaar, - ob er sich vor mich in die Schlange stellen kann. Im Aufzug stoße ich mit der Tür zusammen. Zu Hause fühl ich mich allein. [Küss mich, Leben]. Da bleibt ein schönes Lied zwischen zwei Treppenstufen auf den Lippen hängen. Alle Fragen führen zu. Jeder Mensch will. Ich wische mir Sand von der Jacke.
Da ist Verbundenheit. [Hier: drei Ausrufezeichen]. Ein begriffsloses Stammeln in Anbetracht der Möglichkeiten. Was Liebe ist? Das willst du doch gar nicht wissen. Wärme, vielleicht, und unermessliche Sehnsucht. Mein Kopf sitzt schief, aber mein Herz schlägt beständig weiter den Takt zum Soundtrack meines Lebens. Was? Man will es einfach. Lieben. Da fragt man nicht nach dem Warum?, oder Wieso? man fragt nur nach dem Wann?, und vielleicht auch nach dem Wie lange? Es erklärt sich von selbst. Wortlos. Sprachlos. Verzücken blitzt auf, - Blitzlicht-Zucker, - von Innen heraus wärmend. [Du darfst nicht gehen].

Liebe!

Ich bin auch 22 und arbeitslos, und ich habe tatsächlich dasselbe T-Shirt wie Horatio. [We're all gonna die alone]. Ich sitze ständig in Zügen, stehe ständig in anderen Städten, schlafe ständig in fremden Betten, - und denke nach, was ich suche. Die Sehnsucht nach Menschlichkeit ist mein Benzin, ist mein Reaktorkern, aber das ist keine Liebe. Liebe ist das Ausatmen im Vakuum, das Öffnen von Kapillar-Venen, das Begreifen kurz vor dem Aufprall. Unmöglich, sagt das Herz, aber es ist da. [Es ist, was es ist]. Es lässt mich schlafen, und von Besserung träumen. Von dem kleinen glitzernden Stück Unendlichkeit, das in uns begraben liegt, - in Phosphor und Citronensäure, in ein bisschen Stickstoff und jede Menge Proteinen, Aminocarbonsäuren und Fett; hier bist du, wie du sein willst, weil du dich darin auflösen kannst, weil du frei wirst, wenn du zu deinen Bestandteilen zerfällst. Es ist die Überwindung des Todes in einem Augenblick. So soll es sein, sagt das Herz, so war's erdacht.

Ein letzter Kuss von Romeo und Julia, ein letztes Auflehnen von Tristan und Isolde, ein süßes Sterben von Julius Cäsar und Cleopatra. [Es gibt immer eine Penelope, die auf ihren Odysseus wartet, - immer eine Kalypso, die ihn verliert]. Honey Moon, - das ist ein Lied. Das ist, das muss, das könnte. Setze jetzt einen Schrägstrich und vergleiche die Optionen. Wir suchen ständig danach, und finden in der Regel selten Worte, die es uns erklären.

Liebe!

Das Erwachen und Tasten nach Leere. Laub, sterbend. Unfalltode, Mutterschaftsurlaub vom Gestern, Mitgift in Herzen vergoldet. Wenn die Liebenden fallen, die Liebe fällt nicht, Ophelia, und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben. [Sterbliche, die wir sind, können wir nur in weitergereichten Gefühlen unsterblich leben]. Das kann man nicht erklären, - das kann man nur verträumt fragen, kann man sich ersehnen, draußen im Wunderkerzenbummelzug, im Wind, in einer einzigen Nacht, die alles zu Staub und Asche zerstäubt, - du, und ein Bewusstsein, das nach Wärme sucht. [Alles außerhalb von uns ist kalt, - hier sind 37° und das ist meine Betriebstemperatur]. Also hier: Funktion, Entstehung, Körper, - aber das ist es nicht. Das erklärt nichts. Daher:

Liebe?

Das ist mehr, als es das Herz verkraften kann.
Und trotzdem: alles, gar alles, was uns am Leben hält.






das wird dich nicht zufrieden stellen, oder?


*



[veröffentlicht am 23.07.2007 als chasseur; dann vergessen, & verlegt, - heute wiedergefunden. sowohl den text als sachliches ding als auch als inhalt, als Ich. was ich damals geschrieben habe, passt heute viel besser].

Donnerstag, 29. November 2007

eat so many lemons

... went away for love ...


Es führt alles zurück zu dir nichts.
[Ist es denn vergebene Liebesmüh?].

Hektisch umkreisen wir einander, und betasten uns nachlässig mit Sätzen, die viel zu viele Fragezeichen enthalten, um noch Aussagen zu sein. Beiläufige Sätze, wortlose Sätze, stumm und tonlos, - ohne Lippen, die sie formulieren, ohne Zungen und Zähne, ohne Kehlen, denen sie entkommen könnten. Zickzacksätze in einem Zickzackleben, alles berührungslos, unfrei, unbedacht. Reine Existenzen. Wir existieren aneinander vorbei.
Also gehst du mir aus dem Weg, oder bleibst wortlos an einem Fenster stehen, um den Wolken Namen zu geben, und ich? Ich schweige in mich hinein, in diese Welten aus Glas, in dieses Universum an Worten, in dieses Alles, das mich ausfüllt, und bin genauso blind wie du. So stehen sitzen liegen wir dann nebeneinander, stumm und bewegungslos, ratlos, und spielen mit dem Besteck auf unseren Tellern. Ich denke, wir haben uns da in was verfahren ...

Ja, eingefahren, in Sackgassen ohne Wendeflächen.


Im Café vergesse ich die Zentimeter, die den Muskel von der Drüse trennen; vergesse die Kilometer zwischen Herz und Nieren; vergesse die Lichtjahre, die aktuelles Fühlen vom vergangenen trennen. Was bleibt ist das Zelluloid, das die Welt zur Ewigkeit gefriert. [Wer bist du, wer warst du?]. Gibt es die Vergangenheit denn überhaupt noch? Oder bleibt nur dieser kreisrunde Kaffeefleck auf dem weißen Papierdeckchen, und der gläserne Aschenbecher, in dem Salz- und Pfefferkörner liegen? Ist es dieses nicht-können, sich nicht lösen können, sich anschauen, sich anfassen können, nur betreten sein?


Glücklichsein ist keine Bürde, sage ich am Ende des Films und streiche mir das Popcorn vom Schoß. Auf der Leinwand fliehen die Namen. Das Rascheln von Jacken, von Stoff an Stoff, dringt leise nach vorn. Dann schaust du mich an, - nur für einen Moment, - und schaust wieder weg. Was verstehst du schon vom Glücklichsein?, - das liegt dir auf der Zunge, das seh ich ganz genau.

Nichts natürlich. Im Grunde verstehe ich überhaupt nichts.

Weder von dir, noch von mir selbst. Und das ist okay.



Wir haben uns lange genug unglücklich gemacht.
Wollen wir damit weitermachen?

Mittwoch, 21. November 2007

Fragmente der Liebe.

Deine Finger tanzen über mich, berühren sachte meine Lider, streichen eine Wimper von der Wange. Wünsch dir was. Ich sehe auf: Wir liegen unter diesem metallisch blauen Himmel, in den mein Atem steigt, - eine Dampfwolke, ein ganzes Leben, - und der Himmel ist in uns. Der ganze verdammte Himmel, - ein reineres Blau hat es nie zuvor gegeben. [Mein Herz].

Dein Gesicht ist von der Sonne ganz golden, und deine Augen leuchten auch.


Wünsch dir was.


Ich sehe dich dort sitzen, an der immergleichen Stelle, an diesem Baum gelehnt, der heute nicht mehr steht, und sie gehen weiter, all die Menschen gehen weiter, an diesem Nichts an Erinnerungen, an diesem Alles an Leben, und ich? Ich versuche nur zu stehen. Am Straßenrand, --
In der Nähe kracht ein Auto in ein anderes, und schimpfend steigen aus beiden Menschen aus; ihre Hände zerteilen stumm die Luft. Ich sehe nur die Ampel blinken, rot, und rot, und rot, immergleiches Licht, das sich in jede meiner Poren schiebt, wünsch dir was, und sie stehen beide da, und geben sich die Schuld an.

Meine Schuhe fallen auf den Boden, mein Gesicht fällt hinter her.
Seiten verbringe ich damit, über mich nachzudenken.
Tage verbringe ich damit, nicht Ich zu sein.

Und ganz plötzlich hab ich Angst.

[Mein Herz].


Ich schreibe meine Zeilen auf dünnes Papier, verpacke ein Buch in gelber Pappe, und versiegle alles mit dem Herzblut der Kerze. Schönheit liegt im Inneren, sagst du zu mir, und schaust auf, Schönheit ist ein Lächeln, Schönheit ist deine Persönlichkeit, und ich spüre, -- mein Gott, was spüre ich nicht, während du das sagst? Ist es nicht das, was ich hören will? NEIN. Ich sage, ich glaube an Worte, und du schweigst. Ich sage, ich glaube an die Liebe, und du brichst mir die Treue schlicht entzwei.


Alles ist flüchtig gesagt, und selten so gemeint;
alles ist hektisch und viel zu selten echt.


Wünsch dir was, mein Herz.



Heute ist immer noch, heute ist Vergangenheit, heute ist.


Was bedeutet mein Glück, frage ich dich lauter als ich müsste, und räume mit einer einzelnen Geste den Tisch leer. (Ich reiße mir die Fingerkuppen dabei auf, und es ist mir ganz egal). Ich brause auf, und tobe, und wen kümmert, was die Nachbarn denken?, Zur Hölle mit den anderen!, schreie ich, und draußen ist der Himmel blau, fürchterlich blau, fürchterlich ewig, und du und ich, - wir sind es nicht. Was ist mein Herz wert, frage ich dich, während du dir die Schuhe schnürst, und dann sagst du: Du erstickst mich, und gehst.

Dein Schlüssel dreht sich um, und bricht ungünstig auf der falschen Seite ab.


Eine halbe Stunde später kann ich darüber lachen, aber du lachst nicht.

Du bist zwei. Ich bin drei. Schere Stein Papier. Ungleich chaotischer. Sitzen uns an Tischen gegenüber, die uns viel zu kleingroß sind, die uns bis zum Hals raushängen, samt den Restaurants, die uns dabei umgeben. Wünsch dir was. Mein Herz sehnt sich nach dir, und ich krieg dich nicht.

Du bist mein Phantomschmerz.
Und das macht mich manchmal sogar ganz glücklich.

Ist doch total krank, oder nicht?

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Ein Absprung in fünf Akten.

Wir lieben die Menschen nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil sie da sind.

1.
Ich komme nach Hause und Deine Kleider hängen ordentlich am Haken, - Deine Liebe hängt chaotisch irgendwo daneben, - und ich schlüpfe leise aus den Schuhen, aus der Hose, aus dem ganzen Leben, und öffne die Tür, die Augen, ich öffne Herzen, und Du bist da. Du stehst einfach da, stumm, am Fenster, im Mondlicht der Straßenlampen, Dich selbst umarmend: die Hände an den Schultern und die Arme auf der Brust, wie zwei Liebende in einer einzelnen Person verschlungen, und dann siehst Du auf. Siehst verschleiert durch die Ferne. Siehst mich. An. Wie ein Licht geht Dein Lächeln an; es ist golden, und warm. Und mein Mund wird plötzlich furchtbar trocken, - ich brauche einen Schluck von Dir, - und doch verdurste ich mit jedem Schritt weiter. Trockne aus, werde rissig, brüchig, werde Sand.

Es ist alles glatt gelogen. Spiegelglatt. Ich seh mich darin warten, gehen, reden. Sehe den Wimpernschlag meines entzündeten Auges. Und es ist nichts okay.



2.
Lass los, sagst Du. Lass alles los.

Gut, dann also auf 3.

Eins!



Zwei!


Drei!

Absprung.
Ob ich nach oben oder nach unten springe ist doch mittlweile ganz egal. Die schiefe Welt ist eine Scheibe, die sich um sich selber dreht. Wolken, Erde, Partikel im interzellulären Raum, Mikrokosmos: Universum. Während ich durch die Nacht falle, finde ich den Tag; weiße Vorhänge, die im Luftzug leise rascheln, - transparent, aber nicht transparent genug, - alte Häuser, die aufblitzen, aufleuchten, dort draußen, Häuser, denen Putz und Farbe fehlt, und saubere Fenster, und jedes dieser Häuser zeigt eine andere Sphäre der Geborgenheit, der Einsamkeit, eine Variation von Leben, die beständig um sich selber kreist: Familienväter, -mütter, -kinder, Freunde an langen Holztischen, die gemeinsam essen, die schweigend streiten, die sich in die Arme fallen; Verliebte, das Fernsehflimmern Einzelner, Einsamer, Verlassener, - lauter Verlorene, Liebende. Reibung der Fragmente, - so viele, mein Gott so viele Menschen! Und sie essen, und sie trinken, und sie berühren einander, sie sind flüchtig wie der Wind, und so schrecklich zerbrechlich. Sie sehen sich mit Worten, hören sich in Farben, vergeben sich, verlieren sich, streben auseinander. Sie suchen nach Gott in einer gottlosen Welt, suchen so dringend nach Beständigkeit, und bemerken nicht, wie sie dabei allmählich vergehen; sie suchen nach Stärke in schwachen Momenten, und tragen doch meist mehr als ihre eigenen Sorgen; sie streben nach Liebe und Freundschaft, und verkaufen beides für Geld, sie verraten und missgönnen einander, sie streiten, und hassen, sie morden einander, berauben sich, führen Kriege und Fehden, und opfern sich zu selten selbst. Alles leuchtet auf, dort draußen, tobt in einem Anflug der Ewigkeit, in einem Beben, in einem Zittern der Welt, in einem Blick, verstehst Du? In einem einzelnen Blick erkenne ich, -- Fallend, fallend. Niemals Stop, niemals Ankommen. Lass los.


Wir haben so viel gemeinsam, denke ich. Die Welt und ich.
Und Haus um Haus, Leben um Leben, alles fliegt vorbei.


3.
Ich habe alles schon erlebt. Ich war dort, tausendjährig in Deinen Augen, ich habe mich selbst gesehen, habe mich selbst gefühlt; ich war in der Mansarde über den Dächern dieser oder jeder anderen Stadt, war in Deinen Armen zerronnen, war groß und immer größer, in Deinem Herzen, war ein steinerner Koloss der Ewigkeit, war ein Denkmal für Dich und mich. Und jetzt ist alles Staub, ist alles zerfallen. Wer braucht diese Zeilen? Wer braucht mich?

In meiner Wohnung sammeln sich die Spinnweben an der Decke, in meinen Poren sammelt sich der Sand, in jedem meinen Worten gerinnt der Überdruss, die Sättigung. Ich bin gesättigt, von mir. Von meinem unperfekten Mund, der nicht zu Dir spricht. Von meinen versehrten Augen, die Dich nicht sehen.


4.
Und doch falle ich nicht ewig.

In einem Bild vom Eiffelturm, in einem Lied von The National pralle ich auf. Es ist. Vorbei. Alles ist. Ausgeträumt, ausphantasiert, ausgerückt, - und jetzt? Kommt die Welt. Die Scheibe dreht sich konstant, Berlin bewegt sich, und was machst du? Ich? Ja. Ich bin endlich da.


5.
Ich habe Dich nicht verloren. Ich habe Dich nie verloren. Du bist immer da. Ich habe Dich nicht besessen. Ich habe Dich nie besessen. Du warst nie ein Teil meines Lebens. Du bist immer da.

Ich habe lange über Dich [und mich!] nachgedacht, und jetzt finde ich: Es reicht.






Kehren wir zu dem zurück, was ich in meiner Eile liegengelassen habe.

Samstag, 20. Oktober 2007

un peu d'air sur terre

AND I'M HERE, TO REMIND YOU
OF THE MESS YOU LEFT WHEN YOU WENT AWAY
IT'S NOT FAIR, TO DENY ME
OF THE CROSS I BEAR THAT YOU GAVE TO ME
YOU, YOU, YOU OUGHTA KNOW


ALANIS MORISSETTE
YOU OUGHTA KNOW

ich reiße alle knöpfe ab. ich werfe die gläser um. ich verliere ständig den halt. ich verknote alle kabel, verwasche farben, räume mit einer unbewussten bewegung ganze tische ab. wegen mir: motorregelungssystemfehler, abgefallene ersatzreifen auf der autobahn, weggebrochene auspuffrohre. wegen mir: kratzer im venyl. ein ellbogen im gesicht. webcam-obsessionen. süß und lustig. lust-ich und süß? ohgott, ja. und noch so vieles mehr. [keine chance!]


> Meine Worte stoßen ständig an Grenzen, gängeln mit Leichtsinn über Gräben, fallen, ohne dass der Mund es merkt. Worte sind in diesem Herzschlag keine Basis. Kein Fundament, auf das ich bauen kann. [fail]. Es sind die Bilder, verstehst du? Nicht mehr als Bilder.

non c'è niente da dire
non ho mai detto
perchè
non c'è nessuna parola
da dire
solo immagini




dabei steht mir das alles überhaupt nicht zu; das ist keines dieser großen kapitel über eine unglückliche liebe. oder eine gescheiterte beziehung. ich liebe (!) nicht. nicht auf diese herkömmliche achterbahnweise. in mir ist alles zementiert, da ist kein platz für schmetterlinge. [allenfalls für die zweifel, die dieses ganze konstrukt von kopf bis fuß durchziehen]. aber ich bin glücklich, gerade. das bedarf wirklich keines subtextes. das sind nur gefühle. nur! geh! fühle! und ich will und ich brauche, und ich reiße mir das t-shirt effektvoll vom leib, damit ich frierend an dem geländer lehnen, und nach unten sehen kann. [fair? wer redet hier von fair?]. da ist nichts, außer die welt. das ist nichts als mein wahnsinnslachen, das aus mir herausbricht, während zum zehnten mal das telephon klingelt. während die sonne den himmel flutet. während sich das denken immer mehr in sich selbst verfährt. dann folgt das aufstehen zum halben preis. die müdigkeit als fallbeil, das den kopf so sauber vom körper trennt, dass dieser es gar nicht bemerkt.

nein. du warst nie hier. never ever. happily after.

das ist nur die wochenendpoesie schrägstrich soft-depression, die mir zum hals raushängt; sind die texte, die ich schreibe, während ich manisch zwischen leuten festklemme, feststecke; ist die musik, die mich dröhnend von der existenz befreit, - existenzialismuspop in schwarz und bunt, - und dann rollt die bahn weiter ratternd über schienen und lässt alles zurück. dich, mich, die relationen. [während dem sex bricht der lattenrost. während dem reden bricht ein backenzahn. während dem leben bricht das herz, und trotzdem fügt sich alles neu].

ich werde noch mehr verlieren, weil ich dich nie berühren kann, mit meinen worten, mit meiner seele, mit allem, was mich am leben hält, und vielleicht auch mit meinen fingerspitzen. ich werde dich nie bereichern, werde dir nie die wunder schenken, zu denen ich fähig bin, werde ersetzbar, austauschbar, relativierbar sein. werde mit dem X geschlossen und vergessen sein. und das ist okay. ich mache weiter haken auf meine liste, fühle mich bereichert durch die kurzen shortcuts, die mir dieser film im vorübergehen auf der netzhaut hinterlässt, durch die flüchtigen worte, und die bilder. das ist eine erfahrung, die alles umkrempelt, - alles bisherige infrage stellt, und niederreißt. sein als randerfahrung. werden als absolution. ich werde durch dich. [das ist übertrieben, - aber ich muss übertreiben, damit ich verstehe / du verstehst]. es gibt immer eine null-punkt-energie. horror vacui? total fürn arsch! ich habe einen rahmen gebraucht, und du hast mich jetzt darin eingeschlossen. also. expandieren wir. expandieren wir endlos bis dieses nichts durchdrungen ist.

i am here to remind you: ti ringrazio per acettare é il mio privilegio.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

...


la mia ossessione mi sta uccidendo

lento, ma inarrestabile.


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