1.
Guillaume streicht sich Eisenspäne aus dem Knisterhaar und schüttelt sein T-Shirt mit spitzen Fingern am Kragen; seine Lippen sind dabei zum Strich geworden, durch ein Piercing im rechten Mundwinkel asymmetrisch zerteilt, die Augen, starr und dunkelbraun, gehen ins Ferne. Immer ich, immer ich, des Hausmeisters Sohn, geh schnell in den Keller, bring mir Besen und Eimer, hol mir die Schrauben. Des Blaumanns Kittel, die Hosen mit weißen Flecken zerkleckst, die Schuhe verrußt und staubig, - das sieht nie bessre Tage, das ist verlorene Zeit, also hängt der linke Hosenträger, der blaue, der am Rand speckig schwarze, der andre spannt sich straff auf der Brust und hängt im Rücken locker. So geht er durch die Korridore, mit Buckelrücken, mit Pferdeschultern, mit einem Nacken aus Muskelsträngen, und streicht sich Eisenspäne aus dem Knisterhaar und schüttelt sein T-Shirt mit spitzen Fingern am Kragen, so steht er am Fahrstuhl und zieht seine Lippen zum Strich zusammen, - nur wenn die Mädchen kommen, die von oben, vom dritten Stock, dann versucht er zu lächeln, dann strafft er Schultern und Rücken: Der Blick, der ferne, wird warm, möchte begehren, - man sieht's ihm an, so wie er sich die Lippe mit der Zungenspitze beleckt, antupft, als klebe dort ein Honigtropfen, und manchmal, denkt er, müsse eine, nur eine, kommen und ihn sehen, sein Kinn und seine Wangen, die schön sind, und auch die Augenbrauen, die ihn ernst sein lassen, und bemerken, wie er in der Pause auf der obersten Treppenstufe sitzt, im Hof, die Zigarette im andern Mundwinkel, weil sonst das Piercing stört, und das Buch von Bakunin in den Händen. Bemerken, gesehen werden, das ist ein Cliché. Jeder sieht jeden. Es ist allen nur scheißegal.
2.
Sie lächelt über die Rose, vielleicht lächelt sie auch über seinen letzten Augenaufschlag, vielleicht über das Kleid, das sie ihm zu Ehren heute angezogen hat. Über ihre Schuhe lächelt sie sicher nicht, die sind ihr zu klein. Ihre Ohrringe, golden, passen zu ihrer Brille, golden, - nichts davon echt, - und das weiß sie auch. Sie gibt sich Mühe, mit der Abstimmung; sie lässt sich Zeit. Wie sie lächelt, sanft könnte man's nennen, sie lächelt selig, als sie seine Kurznachricht bekommt. Wie kindisch, denkt sie für den Moment, Ich benehme mich wie ein kleines Kind, und so schlägt sie den schwarzen Kragen ihres Jäckchens um, an dem eine goldene Brosche mit rotem Stein hängt, - das Rot findet sich auch an ihren Fingernägeln wieder, es ist doch alles nur eine Frage der Zeitinvestition.
Sie denkt, jeder könne gut aussehen. Vor allem sie selbst. Dabei flieht ihr Kinn vor den Augen, die sehr groß sind, sehr glubschig, und die Farbe ist unbestimmt grau. Müde sieht sie aus. Vielleicht vom blassroten Lidschatten. Den hat sie nämlich auch. Das sieht zwar so aus, als seien ihre Augen chronisch entzündet, aber es passt gut zu dem Modeschmuck, zu ihren engen Schuhen, zu dem Lippenstift sogar.
Egal. Sie hält die Rose zwischen den Fingern, - es ist eher ein hellrot, dafür kann sie aber nichts, war ja die Natur, nicht sie, - sie spürt der Blume mit den Fingerkuppen nach und lächelt. Sie lächelt, wie es nur Verliebte können.
3.
Sie sehn mir in die Augen und sagen: Der ist anders als andre.
Sie hörn mich reden und sagen: Der gehört nicht dazu.
Es reihen sich Silben zwischeinander,
für den Menschen bleibt kein Platz.
Nicht in der Bahn, wo der Hund sich auf die Schuhspitze setzt,
nicht vor dem Kassierer, dessen erster Arbeitstag
nur einer von vielen Tagen in meinem Leben ist.
4.
Ich träume von James Douglas Latham und George Ronald York.
Sie stehen sitzend neben dem Bett und lachen über das Leben.
Solln sie. Sind ja tot.
5.
In der Bahn, da begegnet mir einer, erst gestern, der saß mir gegenüber, irgendwo in Wedding war das, und zuerst hab ich ihn gar nicht bemerkt, weil ich doch immer lese, während dem Zugfahrn, und Musik hör ich auch, bin also meist völlig abgeschottet von der Welt, aber. Sein Knie. Immer ging das Knie auf und nieder, das merkt man irgendwann, weil die Seiten zittern vom Zittern des andern, und so sehe ich auf, vom Seitendunkel, und bin genervt, wütend eigentlich, weil da auch noch dieses Kind ist, schräg, bei der Tür, und das quietscht und schreit, und die Mutter, diese Schlampe, interessiert sich null für das Kind, weil irgendwer am Handy wichtiger ist, also röhrt und röhrt das kleine Mädchen, einfach weil's Spaß am Röhren hat, und weil die Mutter eben eine Schlampe ist und gegen Schlampen meistens nur Schreien hilft, weil es eine Form der Ignoranz darstellt, und dann auch noch dieses wippende Knie, das mir die Seiten zerzittert. Also sehe ich auf und direkt ins Gesicht vom Gegenüber, - ich versuch's mit den mißbilligenden Tobsuchtsaugenbrauen, aber bevor ich die Muskeln überhaupt erst in Bewegung gebracht habe, da hört er auf, denn ja, ich hab ihn ja jetzt registriert, mehr wollte er gar nicht, denn er redet schon, ich seh's nur, höre ja nichts, und ich denke: Mein Gott, wann wird es der Mensch je verstehen, und fingere mir die Stöpsel aus den Ohren, und frage: Was?, wie ich es immer frage, statt um Entschuldigung zu bitten, weil ich denke, solln die sich doch mal entschuldigen, weil sie stören ja immerhin mich und nicht andersrum, und er lächelt, ein breites, ein feinzahniges Lächeln und wiederholt: Was liestn da?, und ich denke: Nett, aber aufdringlich, und drehe den Buchrücken um, und er nickt anerkennend, das ist gut, das hab ich letztens auch erst gelesen, kennst du auch --- und ich nicke, Westhafen ist ja schon vorbei, ich weiß, ich muss gleich raus, also isses egal, ich könnte ihm alles erzählen, wird gleich vergessen, vom Menschenstrom verschlungen, vom Fiepen der Türen, aber nichts, er sagt bis morgen, weil man sich jeden Morgen sieht, dann auch im ersten Zug kurz nach acht, morgen. Dann, beim Rausgehen, erkenne ich ihn. Guillaume.
Man nimmt immer nur wahr, was man wahrnehmen will. Vermutlich ist das ein Kennzeichen unserer Zeit.