Es gibt den Atem nicht mehr, der uns wegbleiben könnte.
Oben: Sonne. Himmel. Universum. Unten: Gras. Erde. Mittelpunkt der Welt.
Dazwischen stehen wir.
Teil 3.
Ich schütte mir ein Übermaß an Weizenpops in die Müslischale, und kippe dann die Milch daneben; auf dem Weg zur Couch verliere ich links und rechts noch ein paar Einzelteile, und grinse schief, - entschuldigend, - und belasse es dann aber auch dabei. Ich hab's mir so ausgesucht. Was sollte ich bereuen, was bedauern?
Ich setze mich zu euch, genau in eure Mitte, und fange gleich damit an, überhäufte Löffel in den Mund zu schieben. (Das Schmatzen verkneife ich mir ausnahmsweise). Ist so das Leben? Ein Gefühl von du und ich, von ihm und ihr, von allen, die im selben Raum sitzen, - sich kennen?
Zu jedem wäre etwas zu sagen, ...
Da ist eine, die backt gerne Kuchen, obwohl sie sie nicht mag; sie trinkt gerne Zitronensaft, - selbst den sauersten, - und lacht darüber ganz gelassen, sobald man den Mund verzieht, - sie verzieht ihn nicht; sie hält sich nicht für klug, und nicht für stark, obwohl sie beides ist; sie sagt, sie hätte so Mühe mitzuhalten, mit der Welt, und den Menschen um sie rum, dabei dreht sie die Welt, und die Menschen, ganz beiläufig bei jeder ihrer Bewegungen ein Stückchen mit. (Was ist das Nichts, wenn es doch nur ein Gedanke ist?). Sie ist ehrgeizig, ohne dabei verbissen zu sein, denkt pragmatisch und spirituell, und zweifelt manchmal ohne Grund. Vielleicht steht sie tatsächlich nie still, mit ihrem Ebenholzhaar und der schneeweißen Haut; vielleicht lässt sie sich immer so viel Zeit wie sie braucht oder nimmt sich mehr als sie hat, redet über Gott und die Welt in einem Atemzug, und unterbricht dich am Telephon mitten im Satz, weil sie dringend auf die Toilette muss. Vielleicht ist sie aufbrausend, vielleicht verzeiht sie nur langsam, ohne die eigentliche Schuld je zu vergessen, vielleicht auch nicht. [Sie bleibt ein Geheimnis, im Unverstand].
Da ist eine, die vergisst, das Licht zu löschen, sobald sie einen Raum verlässt; sie kann Kaffeeflecken auf weißen Teppichen hinterlassen, ohne zu wissen, warum; sie braucht ihren Bierschinken zum Frühstück, und eine Packung Zigaretten nach einem Film, in dem die Schauspieler rauchen. Sie hält an Ampeln, obwohl sie nicht an sind, und fährt dann schließlich bei einer anderen bei rot; sie kann dich anrufen, ohne etwas zu sagen, kann mit dir lachen, ohne den Grund zu kennen. Sie ist vergesslich, und schusselig, und schlägt sich die Zehen am Türrahmen blau; sie kann reden, ohne zu atmen, und zwei Sekunden später werden ihre Augen glasig und sie ist plötzlich nicht mehr hier, sondern in ihrer eigenen Welt. [Sie träumt sich fort, wann immer sie es braucht]. Mit ihr kann man sich streiten, ohne zu streiten, schweigen, ohne zu schweigen, Welten schaffen, die sich in den Worten verlieren; ganz rational, ganz Naturwissenschaften, mit einem Kopf voller Sterne, und einem unbeständigen Wollen. [Sie ist das Chaos, das das Leben ausmacht].
Da ist einer, der nimmt sich alles zu Herzen, was man ihm sagt; er trinkt seinen Kefir, und kann nicht alleine sein, weil sein Kopf sonst Unwucht kriegt; er ist loyal, vielleicht sogar bis zum Tod, und rastlos; er könnte Bücher füllen, - seitenweise Leben zwischen den Zeilen, - wenn er mehr riskieren würde, aber er tut es nicht, - und ja, vielleicht ist das auch ganz okay. [Man muss nicht immer was riskieren]. Er ist ganz direkt, und lässt sich selten über den Mund fahren; vielleicht wirkt sein Verhalten auch mal ruppig, - dann, wenn er zu der Frau an der Kasse nicht Hallo sagt, wenn er ihr keinen Schönen Tag wünscht, sondern ihr das Kleingeld in die Hand drückt und seine Ware vom Fließband nimmt, weil er denkt, es wären nur oberflächliche Phrasen, denen keiner echte Bedeutung schenkt, - und vielleicht hat er Recht damit. Er hat einen Hunger, dem selbst die ganze Welt nicht gewachsen ist, und viel zu oft Sorgen, die keine sein müssten. Er lebt in einer Stadt, die alles sein kann, - Mutter, Schwester, Hure, Heilige; eine gleichgültige, grausame Alte, ein junges gedankenloses Mädchen, - und vieles ist eines, in seinem Herzen, - vieles, was unausgesprochen bleibt; und sei es nur das Absitzen der Wartezeit mitten in der Nacht an einem Bahnhof, oder das Abreißen von Schildern in einer Seitenstraße, - eine Flut von Erinnerungen an ein endloses Leben, das der Tod nie bekommen hat.
Da ist einer, der ist wunderschön, und zerbrechlich, und wenn er seine Kreise auf dem Eis zieht, ist die Welt ganz plötzlich schwerkraftlos; er beschäftigt sich mit leblosen Kleinigkeiten, denen er mit einem einzelnen Blick Leben einhaucht, und oft sieht er es als einziger, - dieses kleine Etwas, dieses pulsierende Alles, ein Herz, das auf der Zunge liegt, - und er hört als einziger die Vögel durch den Straßenlärm, die morgens den Tag besingen, die abends rotglühend am Firmament verbrennen, und dann sieht er auf, sieht durch die Tropfen an der Fensterscheibe eine neue Stadt, eine neue Ferne, in die er ziehen kann, und er geht davon. Mehr denn je ist er ein Nomade, ein ruheloser Geist, der von einem Catwalk zum anderen läuft, und dabei nie wirklich ankommt. Er lächelt, und die Sonne geht auf; er weint, und die Welt steht still. Er ist egozentrisch, er ist in sich selbst verliebt, er verletzt andere, ohne es zu merken, - er ist wie ein Kind, das staunt und sich freut, und weint und lacht, und niemals wirklich erwachsen wird. Dabei ist er so oft allein, einsam in einer Welt aus Schall und Rauch, in der sich die Menschen nur mit Haut und Muskeln beschäftigen, mit idealen Proportionen, mit Maßen, - und nicht mit dem Menschen, der darunter steckt. [Er ist der letzte Romantiker].
Da sind so viele, die sich in einem Telephonat, in einem e.Mail, in einer Kurznachricht mit mir verhaken; sie sitzen irgendwo, am anderen Ende der Welt, und erzählen mir von ihrem Leben. Da ist es die Schweiz, dort ist es Shanghai; es ist Südamerika, New York City, Indien. Sie zeigen Bilder, sagen: Hier bin ich, und fragen: Wo bist du?, und melden sich irgendwann wieder, weil sie etwas Heimat brauchen.
Zu jedem wäre etwas zu sagen, aber der Platz reicht nicht aus ...
Da ist ein blondes Mädchen mit einem englischen Namen, und sie lacht so gerne, obwohl sie viel zu selten was zu lachen hat; da ist einer, der sich taumelnd von einer zur anderen verliebt, ohne je einen Namen zu kennen; einer, der sich zugrunde richten will, weil er das Lebenswerte nicht sieht, und es trotzdem nicht schafft; einer, der die Frau abbekommen hat, die ich geliebt habe und die Frau selbst, die wie ein Traum von einem Aufwachen zum nächsten huscht. Da ist einer, der kann nie ernst sein, und ein anderer, der immer viel zu ernst ist; ein Zyniker, der gestern was gefunden hat, was ihm heute schon nichts mehr bedeutet, ein Schauspieler, der sein ganzes Leben nur inszeniert, ohne es zu leben. Es sind viele unbekannte Gesichter zwischen ihnen, anonyme Menschen mit Pseudonymen, die mir ihr Leben in Portionen reichen, und die mich manchmal tagelang begleiten, - schon seit Jahren. Da sind neue Freunde, die sich zu den alten setzen, und sie reden und lachen und weinen und verschwinden manchmal für ein paar Sekunden, manchmal auch für immer, und ich sitze dort, in diesem Zug, und sehe sie aufstehen, sehe die Plätze leer werden, und sehe sie wieder besetzt, und manchmal bleibt das alles unerreichbar für mich hinter den Fensterscheiben zurück, hinter den Erzählungen anderer, hinter meiner Erinnerung. Und dann bin ich dankbar, für einen Augenblick.
Was für ein Glück, mit ihnen dieselbe Zeit zu teilen.
Was für ein Glück, sie getroffen zu haben.
Sie lehren mich alle verschiedene Dinge. Jeder von ihnen, die mich begleiten und begleitet haben, hat einen Platz, eine Fuge, eine Berechtigung, - selbst die, die mich enttäuscht, die mich verletzt, die mich schlecht behandelt haben. Es wirkt wie esoterische Gefühlsduselei, aber wer gibt dem Leben seine Bedeutung?
Fuck, das Leben ist so.
Und es geschieht in jeder Sekunde.
zugegeben: das war jetzt mal so richtig pathetisch.