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Chaos, Unverstand und Wahnsinn

Dienstag, 21. Juli 2009

Odessas Träume

In Seide gewickelt,
betreten wir Odessa.

Die Hand,
die geliebte,
sie geht weiter auf Fingerspitzen durchs Haar,
auf Hautmeeren umsegelt sie

Lippen

die wie steile Klippen ragen,
in den Kuss gesenkt, in einen letzten, in einen ersten, in den Morgen als Weidegras unsre Knöchel umtanzte, jung Vermählte, am Brunnenrand sitzend, drüben, im Fenster des verlassenen Hauses gespiegelt, im Rauschen der Zunge, des süßen Speichels, niemals Gesehene. Unser Geheimnis versiegeln wir mit unseren Mündern.


Ich wache auf. Es ist Dienstag, es ist zehn nach sechs, und draußen reißen Bagger die Straßen auf. Die Punkte, gerade noch gesehen, gerade noch real, wollen plötzlich nicht mehr halten, - nur der Name J.T. streift flüchtig die Lider, und den Stift, der die Finger führt, er schreibt auf zerissenes Papier. J.T.? War das ein Junge, den ich mal kannte? War das ein Mensch, ein richtiger, mein ich? Noch nackt tippe ich ihn ins Weiß, zur Kontrolle, gegen dieses Gefühl. Das Internet spuckt nichts als Kriege aus. Viele T.s sind gestorben zwischen 1914 und 1945. Soldaten im Schützengraben, --

Senfgas, das dir die Lider aufreißt wie Jalousien,
und nichts als Blut, das dir auf die Schuhe klatscht, im wilden Dröhnen der Granaten, einsickert in die Risse, die der Schlamm zerweint, und Sirren und Feuer und Gängeln im Leichtsinn, wahnsinnig Gewordene, aschene Tote,

-- in Stadtruinen, --

Odessas letztes Rot, im Körper der Armee angerückt, zu Tausenden, die Aeroplane erschüttern den Himmel und Wolken stürzen, wo kein oben mehr wartet, kein Gott, kein Wiehern der Pferde, im Rot Ertrunkene, im Tod Geborene,

-- und in Konzentrationslagern, die namenlos bleiben. Still.

Wie ein Fluch entschlüpfe ich zwanzig Minuten später ins Badezimmer, reibe mit der Narbenhand über Kinn und Oberlippe, - die Stoppeln werden schwarz, - und was bleibt zu denken?, was geschieht heute?

Bücher und Worte begleiten mich den ganzen Tag. Im Zug drängt sich die Menschenmasse an mich, ein Körper aus Männerschweiß und Frauenblicken, rauhe Seide reibt mir an den Handgelenken, -- Bücher und Worte, daraus baue ich mir Mauern und Wände. Auf der Straße streift mich der Blick eines jungen Mannes, der mir die Haut von den Wangen schält; grüne Jadeaugen, die nicht blinzeln wollen und auch ich blinzle nicht, -- Bücher und Worte, ich spinne und webe sie zu neuer Kleidung. Raus, raus, in den Wind der Treppenaufgänge, raus, und ins Foyer, wo XY wartet, ein Mensch aus Rauch gemacht, Sandelholz, Myrre; ich vermisse den Geruch von Kernseife. Mein roter Pullover wirkt falsch an mir, er wirkt falsch im Sonnenlicht, und doch zupft Mademoiselle Manie daran und sagt: Wie schön, wie schön?, wie eiskalt muss dir sein. Das sagt sie nicht. Natürlich nicht. Alle fragen mich nach der Hitze. Nie nach der Kälte.

Seit wann bin ich wach?

Donnerstag, 9. Juli 2009

From beneath you, it devours.

Im Halbdunkel tropft der Honig auf den Boden, umgekippt läuft das ganze Glas aus, & der nackte Fuß berührt ein Stück der Traurigkeit; zugegeben: So etwas passiert. Aber Niemand geht aus dem Raum, - wer berührt das Kinn mit Zuckerfingern, - fragend: Was geht hier nur vor?, & plötzlich steht der junge Mann im Viereck Helligkeit. Sein Schatten ist wie die Hand im Haar. Das weiße T-Shirt ist zerlöchert von Mottenmündern, die Ärmel schlottern an den Muskelsträngen, das ist ihm egal, keiner sieht's, keiner hat's je geschmeckt, was sind schon Löcher in so ein bisschen Stoff?, was geht's dich an, Junge, der du da hockst wie ein indischer Prinz auf seinem Elefanten?, was willst du von mir?, ein Kinderlachen?, ein Tasten von Haut an Haut, - nur die im Sande verlaufene Meeresgischt allein vermag das Geräusch des Herzens nachzuahmen, - in diesem Blick, das Auge, von den längsten Wimpern verzahnt, in diesem Blick-Auge, das sich im Grün verliert, im Blau, im Braun, Moment!, was hast du gesehen?, Porzellan?, ach, was weiß der leere Teller am Morgen, der leere Teller der Nacht, was weiß der Kühlschrank, dessen Licht nichts anderes beleuchtet als Senf & Kaffee, was wissen sie zu sagen?, nichts anderes als: Geh, berühr ihn am Arm, dann schließt sich die Welt, die Türe fällt ins Schloss & der Zeh, der eine, er klebt weiter im Honigteich, zerlaufen auf weißen Fliesen.

Du sprichst vom Haus der Götter, in dem die Kinder niemals schlafen; ich sitze im Schneidersitz zwischen Bücherstapeln & streife mir Brotkrümel vom Revers. Hast du je, -- Willst du, -- Ein Funkeln im Fenster unterbricht unsere Sätze immer an den glattesten Kanten; Staub schwirrt dabei im Takt eines ruhelosen Tages, eines Verkehrunfalltages, - selbst die S-Bahn tickt nur noch alle zwanzig Minuten, & die Menschenmassen schieben sich durch's dünnste aller Nadelöhre, - aber darum geht's unseren Händen überhaupt nicht, oder etwa doch? Du sprichst vom Feuer, von Spiegeln, vom kaltgewordenen Kaffee, der zwischen den Kerzen steht, & ich sehe uns schon wieder im Bett, stundenlang, wochenlang, für immer, - nur deine Halsschlagader, dein Schlüsselbein spricht davon. Deine Augen lügen. Deine Worte tun's.

Ich verzeih es.

Der Hunger auf den nächsten Morgen wächst mit jedem Abendrot. Ich, wie ich mich aus Traum & Kissen schäle. Du, wie du verschlafen meine Brust berührst, in diesem viel zu schmalen Bett liegen wir, & dein Bein wickelt sich um meines, dein Haar riecht nach Lavendel, meines riecht nach Salzwasser, & der Wind kräuselt die Vorhänge. Träume ich?, war ich je ein anderer Mensch?

Du sagst, es sei 23 Uhr.
Ich sage, es sei zu früh für den letzten Kuss.
Du sagst, es sei zu früh, um Gedichte über uns zu schreiben.
Ich sage, es ist zu spät,
& das Honigglas zerschellt mit leisem Knacken.

Plötzlich bin ich müde, die Augen sind zu schwer. Alles ist Schwanz & Durst, alles ist Herzschlag & Nomenklatur, alles ist im grünen Licht des Kopierers, alles ist im Handschlag nach drei Bier, alles ist alles ist alles ist in der Tiefe, kommt zu verschlingen, denn das Dunkel kommt aus umgekippten Gläsern, der Schrecken tropft süß auf viel zu kalte Böden, & Niemand rührt am Brustbein, niemand holt die Haare aus dem falschen Winkel zurück in die perfekte Frisur, - der Wind ist viel zu stark, - es bleiben nur zwei sanfte Lippen, im letzten Atemzug versiegeln sie Welten. Alles, was danach kommt, ist ein Abstieg.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Je veux te voir

Wachsein wollen, dazu klatschen die Hände unpassend den nächsten Takt auf die eignen Wangen: Durch dicke Watte dringt der Ton, das Gefühl von brennender Haut vergeht zwar zugegebenermaßen nur langsam, aber wirklich wach wird das Bisschen Mensch davon auch nicht. Stattdessen? Knochen jagen: mit den Fingern sich in die Brustmuskeln kneifen, unter der Haut, beim Rippenbogen, nach dem Nervengewebe schnappen, einfach so gehn die Nägel ins Schlüsselbein ein, - geliebtes, ewig besehnes, - und zerteilen dort die Fasern. Nein, das ist es auch nicht, rupf mir doch nicht so an den Haaren, bitte, --
Um was geht's hier eigentlich?
Yelle schreit mir ihr Je veux te voir so laut ins Gehirn, dass die Augen tränen, das ist nicht genug, natürlich nicht, zwing dich nicht zum Schreiben, tu ich doch, aber was weiß der Einzelne, was weiß der Mensch von der aufgebissenen Unterlippe und dem letzten Traum?, was weiß er vom Alkohol, der mir des nachts den Körper brennen lässt?, Blut, ins Waschbecken gespuckt, ein tiefer Blick von XY an der ersten Treppenstufe, - es wird dabei ein Hi in die hallende Weite des Foyers geflüstert, ach wie süß, sagt die Mademoiselle Manie, - gehn wir weiter vor oder nur noch zurück?

Ich bitte dich, schlechte Tage haben wir doch alle, nicht?
Nicht zum halben Preis, nein.

Also gib mir nichts mehr von der bittren Süße, gib mir Gift, gib mir das Beil in die Hand, gib mir Jasmin, den ich zerkauen kann, gib mir Stechapfel und Vogelbeere, und zum Ausgleich dafür zerschlage ich dir alle Uhren, ich hau dir alles in Trümmer. Besonders dein gottverdammtes Leben, das du mit dem grünen Seidenschal so schicklich trägst, mit deinen perfekten Haaren, ich schneide sie dir ab, und deine Kraft ist fort, nicht?, so heißt es doch irgendwo geschrieben; ich rasiere dir alle Haare ab, ich rupfe dir die Augenbrauen aus, die Wimpern, jede einzelne, ich rupfe dich wie ein Hühnchen und werfe dich dann den andren zum Fraß vor, das passt mir ziemlich gut.

Du fragst, - naiv, unschuldig, wie du bist, - was denn los sei. Du fragst das ernsthaft, am Telephon, - nach über einem Jahr hast du den Nerv, mich anzurufen, du und deine samtweiche Stimme, - deine Worte sind Baumwollkokons, weiß gebauscht gehn sie mir unter die Haut und stauen alles Blut, - und alles in mir, - verstehst du?, in mir, nicht in den Eingeweiden, nicht im Gewühl tausender Atome, in mir, - schreit nach der letzten Möglichkeit, die mir deine Küsse waren, - stattdessen kneifen mich die Knochen, die Hose rutscht beim Treppensteigen, und bald gehn dem Gürtel die Löcher aus, denkst du da dran? Nein, du bist das neue Gesicht von B***, wie wundervoll, hast du mir eigentlich überhaupt zugehört, bastardo, sciattona, du kannst den ganzen Scheiß behalten, weißte das?

Ich knirsche mit den Zähnen und reiße mir dabei das Zahnfleisch blutig; ich bin der Wolf, der hungrige, der verwahrloste, ich knurre die Menschen an, die mir den Weg versperren, ich knurre und schnappe nach ihnen, mit tollwütigem Maul, mit schäumendem Blick, was geht's dich an?

Wachgeküsst, sagt das Herz, wachgeküsst ist jetzt die Wut, kostbare, reinste, luzide; Stachelbeere unter den Gefühlen; zerkau mich und du beißt dir ins eigene Fleisch.

Samstag, 27. Juni 2009

Licht stürzt wo keine sonne scheint

Morgen? Berechne mir alle Wahrscheinlichkeiten, - Narziss, du warst da mal so gut drin, nicht?, du hast gewusst, wie man die Gleichung richtig löst, also sag mir bitte, was da morgen auf mich zukommt, morgen und an allen weiteren Tagen, sag's mir bitte jetzt, denn die Ungewissheit ist ein Leichentuch, - es deckt mir die Träume zu. Was?, Narziss ist verstummt. Achja, und er hätt's mir ohnehin nicht gesagt.

Zum Ausgleich schütte ich mir Zucker übers Müsli, ich kippe Honig in die Milch, ich würze mein Brot mit Chilisaucen, ich streiche meine Lippen mit Gin Tonic ein. Das ist noch lange kein Kontrollverlust, oder? Das ist kein Eingeständnis.

Seit Wochen schlägt mein Herz zu schnell.

Ich zwinge mich zum Rausch, ich zwinge mich zum Aufstehen, ich zwinge & zwinge mich, - Schraubzwingen sind meine Hände & Finger, - und? a tragedy brings misery, misery loves company.

Ziehen wir uns also aus, ziehen raus, lassen Türen einschnappen, Bettdecken zerrollen uns die Laken, Körper, - denk dir: Der erste Geschmack des Tages ist Regen, der letzte ist Staub; so gehn die Tage, so geht der Zustand hin, - und morgen? Ich weiß es nicht, weiß nichts nimmermehr. Umziehen? Wie leicht das klingt. Einfach so einen andren Anzug aus dem Schrank nehmen, einfach so das bisschen Stoff von der Haut streifen, ganz neu, in ein andres Viertel schlüpfen vielleicht, - was die Wohnpreise sagen, das kann der Einzelne nicht wissen, aber genau beim Einzelnen wird's dann eben bleiben, - und versuchen, wirklich ganz von vorn zu beginnen, wieder, innerhalb der gleichen dreihundertsechzig Grad, das muss man eintragen, das steht nicht jedem.

An jedem Tag denke ich: Jetzt verlierst du alles, - es geschieht nur in Raten, es passiert nicht mit dem lauten Knall. Natürlich. Da helfen die tausend Bücher nur bedingt, mit denen ich mir tausend Mauern baue, ...

Sag's mir, A., - du hast mir die Stirn geküsst, ich weiß es noch, das war zum Abschied damals, in der Sturmhöhe, als die Wolken schon die Gedanken nach Osten zogen, da saß ich auf den Holzlatten meiner Couch, du standest neben den gelben Postpaketen, in denen die Bücher lagen, ein Zehntel dessen, was ich heute habe, - sag mir, wie ich's wieder leichter mache, sag mir, was du denkst; sollte ich es zerschlagen, mit der Handbewegung, die die Gläser von den Tischen fegt, sollte ich mich losreißen?, morgen, sag's mir, was fang ich damit an? Was?, A. wohnt nicht länger hier.

Vierundzwanzig Jahre, den Schock hab ich erstmal überwunden, ja, aber was geschieht jetzt, was resultiert daraus? Wenn das Chaos weiterzieht, wenn es aus Stadt und Augenblick zieht, was geschieht dann hier? Wenn der Don sich von der Sprache löst, gleichfalls von der Stadt, wenn es nicht geht, wie steht es dann?, liegt es? Wenn ich wieder nicht für die Fächer an der Uni zugelassen werde, wenn der Job Ende Juli endet, was beginnt dann? Mehr denn je ist alles Übergang, immer Zustand, die Sicherheit vergeht sobald die Freiheit kommt.

Spiel mir ein andres Lied,
das jetzt ist mir zu leise;
schenk mir ein,
das Süße will mir nicht auf der Zunge bleiben,
das Bittre kehrt immer wieder,
also gib mir ein neues Glas.

Bang, bang, bang, immer der Regen, der gegen die Fenster klatschen würde, wenn sie nicht offenstünden, so klatscht der Regen auf das Parkett, er klatscht mir ins Gesicht, und das Toben im Kopf, - es ist kein Donnergrollen, es ist ein Orkan, es fegt alles fort, es reißt alles ein, geh mal so weit, komm an meine Grenzen, ich zeig dir, was da für krasser Scheiß passiert. Also lügen die Menschen, also lügt die ganze Welt, wir wollen nichts verliern, und doch tun wir's jeden Tag, und so weiter und so weiter, und im Ampelrot flammt mein Blick, und im Drängeln der Touristen flammt die Haut, und ich will zerschlagen, was meine Augen berühren; als ich an dem BMW vorübergehe, schnappen meine Finger mit dem Feuerzeug, bei den Häuserwänden knistert das Papier in den Taschen, a tragedy brings misery, misery loves company, was schiefgeht, geht, das ist nicht das logische Argument, das ist keine Konklusion, man zieht mir nur die Tischedecke fort, auf der ich lebe, alles bleibt stehn, nur ich falle seitwärts aus dem Augenblick.

Kontrolle? Drauf geschissen. Ich hab diese ganzen Zwänge satt, die Verantwortung, die Sittlichkeit, die Moral; ich hab die Schnauze voll davon, also zerschlage ich die Teller in der Küche, die gespült werden müssen, ich zerreiße die T-Shirts, die nicht sauber werden. Der Vodka wird mir zum Verbündeten, er gibt mir neue Ideen ein: In jedem Zimmer öffne ich die Fenster und lasse den Wind herein, er wirbelt das Papier und den Staub, er faucht in den peitschenden Vorhängen, in jedem Zimmer drehe ich die Musik auf volle Lautstärke und spiele überall das gleiche Lied, sodass die Menschen auf der Straße stehnbleiben, sodass selbst der unermüdliche Verkehr nicht mehr zu hören ist, ich stampfe laut mit den Füßen auf das feuchte Parkett, ich singe schreiend mit und drehe mich im Kreis, es ist egal, was morgen ist, nicht?, es ist scheißegal, die Leere kriegt mich am Ende doch, der Tod reibt sich die Hände wund, also warum morgen? Es gibt nichts, was das Morgen besser macht.

Sonntag, 14. Juni 2009

High Road

1-
Nie zur Ruhe kommend, gehen wir durch Straßen und Nacht.
Was sehn?
Am Ende der Worte ist keine Stille zu finden, sondern Müdigkeit.
Wer müde ist, muss nicht mehr sprechen.
Also rücken wir Stühle und Tische,
rücken uns durch Treppen und Träume,
rücken uns raus, aus jedem Leben,
sodass wir nicht merken, wie fern wir uns sind.

2-
& plötzlich, & einfach so. alles bricht,
ein alles geht brechend,
zergeht,
alles geht (r)aus,
wie die finger, die nach dem lichtschalter greifen, greift zelltod nach mir, nach uns, alle greifen ins morgen-gestorben & niemals-gewesen. immer. wie gern gäbe man sich die schuld daran, wie gern spricht man vom unvermeidlichen, vom unvorhersagbaren; aber vom sprechen wird nichts realer, nichts besser. es gibt keinen adäquaten ersatz für's leben.

3-
In Berlin, - das ist hier, das ist dort draußen, - da gehen Gesellen, in den Zügen reden sie vom Lieben & sehen nach drinnen; die Buchseite zerknistert zu Fragen, die Fragen werden mit Zähnen & Unterlippe zerbissen, - mein eigenes Blut will mich Tag für Tag an den Herzschlag erinnern, aber der Schlag kommt wie immer viel zu schnell, er bleibt, zu leise, das geht vorbei. Wie geht es denn jetzt eigentlich weiter? Mit allem, meinst du? Ja.

Don Toupo sagt, ich solle ein Mann sein. Okay. Ich treffe mich also mit M., wir schlafen miteinander zwischen zwei Stunden, & als sie geht, nimmt sie ein bisschen Liebe mit. Nein, nicht die Art von Liebe, nicht diese prosaische, nicht die romantische Liebe. Die zum Leben, die eigentliche. Sie geht im Hüftschwung eines trunkenen Abends. Blick auf die Uhr, Blick zur Seite: Mein Bett ist zerwühlt & riecht nach dem Rauch ihres braunen Haars, - wohin mit der Kraft?, es ist doch nur ein Bild. Auch: Sie im Morgenlicht der Hinterhauslampen, der bittere Kaffee auf der Tischkante, daneben das angebissene Croissant. Fehler, aber nicht im eigenen Sprechversuch: Lebwohl. Ich zupfe mir am T-Shirtkragen, werfe zwei Minuten später die Tür ins Schloss & bin leer.

Nein, die Wohnung ist es, seit drei Tagen, alles leert sich aus.

Weswegen? Das Chaosmädchen trägt den Vater zu Grabe, den eigenen, den einzigen, das ist genauso plötzlich geschehen wie der Schlaganfall meiner Mutter, nur umso vieles tödlicher, - es ist zynisch wie sich diese Sätze im Lauten herausputzen. Wie sie irgendwie wehtun, wie sie rauh & geistlos sind, kein Gefühl, stattdessen die Leere. Eine große, eine unbegreifliche.
Don Toupo sagt, ich solle ein Mann sein.* Das geht mir zu Herzen, denke ich, das trifft mich wie eine Ohrfeige. An diesem Freitag Abend sagt er mir das, während mir Augen & Leber schon ganz im Bier ertrunken sind, & ich?, ich stoße an so viele Ecken, dass all das Selbstmitleid zum Ekel wird. Das ist der Preis der Freiheit, das ist das Leben, natürlich. Eine Phase, ein Teil davon, zumindest reduziert sich das mit der Zeit**, ich weiß, & doch ist der Kaffee schwarz & viel zu bitter.

4-
Nein, Reue ist kein Gefühl für mich. Ich bereue die zugeschlagenen Türen nicht. Auch nicht die ungewählten Telephonnummern, nicht die verpassten Dates. Ich bin niemandem etwas schuldig, zumindest jetzt nicht.




* Ein Mann sein. Das heißt, die Wunden ertragen lernen. Das heißt: Kampf, & Rebellion. Egal, ob ich nie müder war als jetzt, - müde von dem ganzen Scheiß, der immer & immer wieder aus Vergangenheit & Fersentritt hervorquillt, - egal, ob ich nie kraftloser, unmotivierter, einsamer war als jetzt, - darum geht es nicht. In dieser Welt zu leben heißt, Bürden zu tragen. Nicht irgendwelche. Menschliche. Es heißt, trotzdem zu lachen. Lauter als man sollte, länger als man müsste, verzweifelter als man dürfte. Okay, meinetwegen. Aber: Lachen.


** Die Frage ist, wie man heilt. Es ist nicht die Zeit, die mir die Wunden schließt; die Zeit macht das Gewebe nur narbig. Das ist keine Kunst. Die Zeit ist nichts als eine dumme Entschuldigung. Dabei macht man nur immer wieder Kompromisse.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Vorsortierung

Sich bemühen, abmühen, sich zur Mühe ins Bett legen, zur Hure, die sie ist, & Unzucht mit ihr treiben, morgens: Ein Wegseufzen aller Träume, ein Aufschlagen im Kissen als sei es aus Beton, - von der Unkenntlichkeit verzehrt nickt das Spiegelbild dann dem Körper zu, dem leberfleckigen Rippenbogen, dem angenarbten Hüftknochen, den müden & ewig blicklosen Augen, & nichts vermittelt mehr Ungewissheit als dieses ganze Jetzt, als diese Bewölkung, die den Sommer tilgt.
Was? Der Satellitenmund kreist beständig um mich rum, küssen?, niemals. Nicht niemals, sag so was nicht. (Trotzig sag ich's). Das verliert den Sinn an der Kasse im Supermarkt, - mit Brot steh ich da, & lache, - an der Haltestation Stadtmitte, die stadtlos ist, weil ständig mehr & immer mehr Menschen ins Innere der S-Bahn strömen, Schultern schaben aneinander, Hände reiben sich, eine Brust, die an eine andre stößt, Lachen, Husten, Tanz um Silberstangen, - das ist irreal, das ist nicht die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit ist: Telephonklingeln, Münzscheppern, Augenbrennen, schmutziges Geschirr, Krümel auf den Socken, Berge von Wäsche, ungelesene Bücher, ein schweres Herz, fahrige Blicke, T-Shirts, - falschherum getragen, - Durst, Aufsein, nachts um halb eins, um halb drei, um fünf, wenn der Morgen graut, quietschende Schuhsohlen, Hunger, Geilheit, - verpackt in grellen Träumen, - Fußwippen, umgefallene Papierstapel, Denkfehler, Schreibzwänge, Becksflaschen, klirrende Wolken.

Gib mir Süße ein, längst ist das Bittere getrunken.

Donnerstag, 28. Mai 2009

de golpe

der multivitaminbrausetablette beim brausen zusehn; an der straßenecke stehn, und der regen klatscht applaus im eigenen gesicht; teuren whiskey aus kleinen gläsern trinken und über die eigene unfähigkeit am lautesten lachen; türkischen honig in der hosentasche schmuggeln und dann verschenken; die hand einen moment länger als gewöhnlich im anschlag lassen;

schließlich nennt sich's leben, nicht?,

und die ewigkeit ist kalt, eisig kalt, ohne irgendein gefühl, - daran wird kein gedanke mehr verschwendet, kein herzschlag, denn die ewigkeit ist ein abzählreim: wir gehn zurück zum ersten bitterlemonaugenblick, nennen es zweifel, um uns später daran zu gewöhnen, vermissen es beim zuschlagen aller türen, gehn grade straßen lang, vergessen's später. könnte es sein, dass wir zu leise lieben? könnte. es könnte auch sein, dass wir's zu laut sagen. wenn wir's sagen, mein ich. wenn überhaupt. das müsste man erst mal präpositionieren. könnte es sein, dass wir uns verlieren? das ist schon längst geschehen.

der knall kommt viel zu überraschend, - die sicherungen schlagen funken. und nichts als viel verzweiflung schwappt über, mit ins dunkle rein. es ist ein treppenhaus,
verloren,
ein verlornes treppenhaus, - die stufen führen eigentlich nirgends hin, aber ich steh da wirklich drin, huste in die armbeuge bis es sich so anfühlt als zögen spitze finger meine adern an den schläfen raus, und denke an den schlaf, den letzten, weil alles nur schlaf ist, und gehe hoch, und immer höher, nirgends hin. und doch ertappt mich jemand dort beim lachen, ich kann's noch, ich will noch, das lachen ist süßes gift, der letzte grund, weshalb nicht längst alles ineinander bricht. und bier wäre auch noch da.

thanatos, du siehst.
gib mir den becher, ich reich ihn weiter,
an den, der ihn zu halten vermag.

stummheit schlängelt sich frei, legt sich mir auf augen & mund, & nichts als mein herz, -- klingeln, ein scheppern, draußen im hof rennen die kinder, auf der straße schiebt sich der verkehr im dröhnen voran, glasklirren: nichts als das herz, nichts als das, schlägt thanatos die worte tot. (mein lachen, das ist das einzige, das mir ganz gehört).


An diesem Morgen stehe ich in der Sonnenallee und schmecke Kaffee und Orangensaft nach; der Regen geht so restlos ins Überall ein, dass ich nicht weiß, ob das Wasser von oben oder längst von unten kommt, - was soll's, - & ich stehe da, warte auf die M41, & für eine Minute bin ich frei. Trotz allem frei, müsste ich sagen. Trotz allem!, - dem Busfahrer ins Gesicht geschlagen; trotz allem!, - dem Hausmeister die Schlüssel aus der Hand gerissen, - verdammtnochmal! für eine Minute gehöre ich dazu, da bin ich plötzlich kein Versuch mehr, sondern ein Fulltime-Mensch: In meinen Adern der Alkohol, im Herzen der Kummer, die Sorgen, in meinem Mund der Geschmack von Orangensaft, Kaffee, die nassen Ärmel, die nassen Schuhe, die Ungeduld im rechten Fuß, der drohende Husten im Hals, - das ist alles plötzlich mehr als weißes Rauschen. Es ist das Gefühl, zum ersten Mal in Echtzeit zu existieren. Kein Phantom, eine Minute lang. Das ist die eigentliche Ewigkeit. Alles, was man bekommt. Von ihr.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Eleanors Stimmen

er: über etwas sprechen, nur sprechen, zwei treppenstufen lang.

ein bild mitgeben, ein schönes, nur solange es geht.

zum beispiel? er wieder:

ich weiß nicht, ein zimmer. ein weißes. ganz und gar weißes. die vorhänge, das bett, - weiße wände, aber nicht klinisch, es ist kein krankenhauszimmer. der dielenboden ist dunkel, und auf dem fenstersims steht eine pflanze, eine grüne, eine ganz und gar grüne.

du sagst, du wüsstest nicht, und benennst alles ganz genau.

er: das licht wird durch die vorhänge gefiltert, es wird verwandelt. und draußen rauscht leise, gedämpft, der verkehr, man hört die menschen gehen und reden, ... musik müsste gespielt werden, die schallplatten liegen auch gestapelt neben dem bett, dem weiß bezogenen, leicht zerknautschten, ein faltenbett, in dem sich die hände nicht verlieren, in dem sich nichts verliert. eleanor heißt die pflanze.

vögel gehen ein in die luft, sind wind, sind atemzug.

am grab sitzen wir, am grab, das keines ist, und befühlen mit den fingern die zahlen. die sonne steht schief über uns, es riecht nach sommer, überall, es riecht nach grünem gras und namenlosen blumen. pollen fliegen, schwerelose riesenatome, überall.

warum gibst du nicht ein ganzes weiter?, er. ein ganzes? wie sollte das gehn? sie hat alles genommen, die räume sind leer.

eleanor,
du bürstest dein schwarzes haar
am fenster
blickt die stadt dir ins auge.
das lied vom weißen nebel besteht aus perkussion.

du gibst keinen raum. das hier passiert an keinem ort, nirgends.

dir ein gesicht geben, dir, der du da sitzt, junge aus gutem haus, armutsjunge, spielst im männerkörper jungenspiele, denkst dir träume aus, gesichtslose, rauhfasrige. so ist das sterben, er. so fühlt es sich an, wenn man alles fühlt, wenn man aufwacht, aus diesem weißen rausch, wenn man aufschreckt aus den zeilen, die ich ins treppenhaus halle, mit der hand am geländer, dem fuß auf der vorletzten stufe. du fragst nach orten? ich gebe sie dir:

in der küche stapelt sich geschirr, schon seit wochen; die gläser sind schmierig und werden nie mehr ganz sauber, in schüsseln schimmelt quark, faules gemüse liegt in der spüle und kleine fruchtfliegen kreisen über den tellern. auf dem boden sind krümel, brotreste, zwiebelschalen, müsliflocken, kaffeeflecken; klebrige limonadenflaschen stehen auf dem fenstersims, darunter liegt ein gelber lappen, der nach fäulnis stinkt.
im badezimmer sammeln sich die haare, die ausgebürsteten, die ausgefallenen, die mit dem handtuch abgeriebenen, zwischen mülleimer und waschbecken klebt staub vermischt mit fusseln, haargummis, überall, die wäsche riecht giftig in der trommel, man sollte noch mal waschen, vielleicht, das alles liegt zu lang im feuchten. zahnpasta klebt am waschbeckenrand, der spiegel ist von wasser zerspritzt, abrasierte bartstoppel verstecken sich hinter dem seifenspender, der schmierig ist, und leer. im eck ist ein eimer mit putzwasser, seit wochen schon steht darin das wasser.
im zimmer liegen cds auf dem boden, bücher stapeln sich schief auf den tischen, leere flaschen stehen da und dort, überall. ein leeres glas mit aspirinflocken am boden, ein teller mit brotkrumen, eine gabel, ein messer mit butterrand; tablettenschachteln, - baldrian, aspirin, pantoprazol, erkältungskapseln, - und kaugummi am tischrand verteilt, taschentücher, notizen. überall: an der wand ein schuldschein, an der tischkante die geburtstagserinnerung, in bücher gesteckte erinnerungen. untergehen, in allem, im überall.

er: aber du. was ist mit dir?
ich sitze da, die hose hängt auf dem hüftknochen und rutscht bei jedem schritt. das t-shirt ist weiß, zu weiß, und tut auf den schlüsselbeinen weh. ich betaste die venen, die mir der sport aus haut und muskeln treibt, ich betaste die muskeln, die haut, die endlose, die von malen übersäte, und umfasse mit zwei fingern das handgelenk. zweipunkt, dreipunkt, vierpunkt. herzschlagzählen, ist doch komisch, wie das funktioniert. was noch? eine plastiktüte könnte nicht mehr über sich erzählen; ich passe in den raum, ich passe zur unordnung der wohnung, ich passe zum chaos. zur zeit. all das findet sich in meinem kopf. überall.

er fischt sich den tabak von der zunge, legt mir das buch von goetz auf den tisch und lächelt quer zu meinen augen. das ist das buch, das dir gehört, dir allein. nur und immer dir. dann küsst er eleanor auf die lippen, streicht ihr durchs haar, und verlässt das zimmer, das weißeste aller zimmer, mit einem winken der hand.

es wird zeit aufzuräumen.

Dienstag, 19. Mai 2009

Los heraldos negros

1.
Guillaume streicht sich Eisenspäne aus dem Knisterhaar und schüttelt sein T-Shirt mit spitzen Fingern am Kragen; seine Lippen sind dabei zum Strich geworden, durch ein Piercing im rechten Mundwinkel asymmetrisch zerteilt, die Augen, starr und dunkelbraun, gehen ins Ferne. Immer ich, immer ich, des Hausmeisters Sohn, geh schnell in den Keller, bring mir Besen und Eimer, hol mir die Schrauben. Des Blaumanns Kittel, die Hosen mit weißen Flecken zerkleckst, die Schuhe verrußt und staubig, - das sieht nie bessre Tage, das ist verlorene Zeit, also hängt der linke Hosenträger, der blaue, der am Rand speckig schwarze, der andre spannt sich straff auf der Brust und hängt im Rücken locker. So geht er durch die Korridore, mit Buckelrücken, mit Pferdeschultern, mit einem Nacken aus Muskelsträngen, und streicht sich Eisenspäne aus dem Knisterhaar und schüttelt sein T-Shirt mit spitzen Fingern am Kragen, so steht er am Fahrstuhl und zieht seine Lippen zum Strich zusammen, - nur wenn die Mädchen kommen, die von oben, vom dritten Stock, dann versucht er zu lächeln, dann strafft er Schultern und Rücken: Der Blick, der ferne, wird warm, möchte begehren, - man sieht's ihm an, so wie er sich die Lippe mit der Zungenspitze beleckt, antupft, als klebe dort ein Honigtropfen, und manchmal, denkt er, müsse eine, nur eine, kommen und ihn sehen, sein Kinn und seine Wangen, die schön sind, und auch die Augenbrauen, die ihn ernst sein lassen, und bemerken, wie er in der Pause auf der obersten Treppenstufe sitzt, im Hof, die Zigarette im andern Mundwinkel, weil sonst das Piercing stört, und das Buch von Bakunin in den Händen. Bemerken, gesehen werden, das ist ein Cliché. Jeder sieht jeden. Es ist allen nur scheißegal.


2.
Sie lächelt über die Rose, vielleicht lächelt sie auch über seinen letzten Augenaufschlag, vielleicht über das Kleid, das sie ihm zu Ehren heute angezogen hat. Über ihre Schuhe lächelt sie sicher nicht, die sind ihr zu klein. Ihre Ohrringe, golden, passen zu ihrer Brille, golden, - nichts davon echt, - und das weiß sie auch. Sie gibt sich Mühe, mit der Abstimmung; sie lässt sich Zeit. Wie sie lächelt, sanft könnte man's nennen, sie lächelt selig, als sie seine Kurznachricht bekommt. Wie kindisch, denkt sie für den Moment, Ich benehme mich wie ein kleines Kind, und so schlägt sie den schwarzen Kragen ihres Jäckchens um, an dem eine goldene Brosche mit rotem Stein hängt, - das Rot findet sich auch an ihren Fingernägeln wieder, es ist doch alles nur eine Frage der Zeitinvestition.
Sie denkt, jeder könne gut aussehen. Vor allem sie selbst. Dabei flieht ihr Kinn vor den Augen, die sehr groß sind, sehr glubschig, und die Farbe ist unbestimmt grau. Müde sieht sie aus. Vielleicht vom blassroten Lidschatten. Den hat sie nämlich auch. Das sieht zwar so aus, als seien ihre Augen chronisch entzündet, aber es passt gut zu dem Modeschmuck, zu ihren engen Schuhen, zu dem Lippenstift sogar.
Egal. Sie hält die Rose zwischen den Fingern, - es ist eher ein hellrot, dafür kann sie aber nichts, war ja die Natur, nicht sie, - sie spürt der Blume mit den Fingerkuppen nach und lächelt. Sie lächelt, wie es nur Verliebte können.

3.
Sie sehn mir in die Augen und sagen: Der ist anders als andre.
Sie hörn mich reden und sagen: Der gehört nicht dazu.
Es reihen sich Silben zwischeinander,
für den Menschen bleibt kein Platz.
Nicht in der Bahn, wo der Hund sich auf die Schuhspitze setzt,
nicht vor dem Kassierer, dessen erster Arbeitstag
nur einer von vielen Tagen in meinem Leben ist.


4.
Ich träume von James Douglas Latham und George Ronald York.
Sie stehen sitzend neben dem Bett und lachen über das Leben.
Solln sie. Sind ja tot.


5.
In der Bahn, da begegnet mir einer, erst gestern, der saß mir gegenüber, irgendwo in Wedding war das, und zuerst hab ich ihn gar nicht bemerkt, weil ich doch immer lese, während dem Zugfahrn, und Musik hör ich auch, bin also meist völlig abgeschottet von der Welt, aber. Sein Knie. Immer ging das Knie auf und nieder, das merkt man irgendwann, weil die Seiten zittern vom Zittern des andern, und so sehe ich auf, vom Seitendunkel, und bin genervt, wütend eigentlich, weil da auch noch dieses Kind ist, schräg, bei der Tür, und das quietscht und schreit, und die Mutter, diese Schlampe, interessiert sich null für das Kind, weil irgendwer am Handy wichtiger ist, also röhrt und röhrt das kleine Mädchen, einfach weil's Spaß am Röhren hat, und weil die Mutter eben eine Schlampe ist und gegen Schlampen meistens nur Schreien hilft, weil es eine Form der Ignoranz darstellt, und dann auch noch dieses wippende Knie, das mir die Seiten zerzittert. Also sehe ich auf und direkt ins Gesicht vom Gegenüber, - ich versuch's mit den mißbilligenden Tobsuchtsaugenbrauen, aber bevor ich die Muskeln überhaupt erst in Bewegung gebracht habe, da hört er auf, denn ja, ich hab ihn ja jetzt registriert, mehr wollte er gar nicht, denn er redet schon, ich seh's nur, höre ja nichts, und ich denke: Mein Gott, wann wird es der Mensch je verstehen, und fingere mir die Stöpsel aus den Ohren, und frage: Was?, wie ich es immer frage, statt um Entschuldigung zu bitten, weil ich denke, solln die sich doch mal entschuldigen, weil sie stören ja immerhin mich und nicht andersrum, und er lächelt, ein breites, ein feinzahniges Lächeln und wiederholt: Was liestn da?, und ich denke: Nett, aber aufdringlich, und drehe den Buchrücken um, und er nickt anerkennend, das ist gut, das hab ich letztens auch erst gelesen, kennst du auch --- und ich nicke, Westhafen ist ja schon vorbei, ich weiß, ich muss gleich raus, also isses egal, ich könnte ihm alles erzählen, wird gleich vergessen, vom Menschenstrom verschlungen, vom Fiepen der Türen, aber nichts, er sagt bis morgen, weil man sich jeden Morgen sieht, dann auch im ersten Zug kurz nach acht, morgen. Dann, beim Rausgehen, erkenne ich ihn. Guillaume.

Man nimmt immer nur wahr, was man wahrnehmen will. Vermutlich ist das ein Kennzeichen unserer Zeit.

Samstag, 16. Mai 2009

Amok me and amok you

0

nullte stunden,
aus blau geschältem, halb real,
in eineinhalb stunden, dreiviertel getaktet:
gib mir sehnsucht ein, im dämmer-
licht
bei der kirche drüben,
wo niemand ist,
niemand außer dem regen,
der immerhin etwas ist.

nullter herzton,
männermund,
abgrundblick.

nullte berührung im café, nulltes wort,
bücherseiten tilgen den schwindel;
in der tasse der zucker, im glas noch das bier,
gib mir stille ein, im durst-
strudel
im mund, der gierig wird,
trocken und spröde, was soll man sagen?

nulltes leben,
anfangspunkt und ende.
nullnummer-
spiel mir, jukebox, ein geglücktes lied.


*
Ich zerdrücke mir Worte mit spitzen Fingern. Wenn es keiner macht, machen es dann alle? Drüben, auf den Straßen zur Zionskirche, - beim St.Oberholz, dessen Menschen so fein und sauber sind, so ordentlich in ihren Elitefarben, - in einer Befürchtung, - in einer Besinnungslosigkeit; ich gehöre nicht dazu, das ist okay, das hatten wir schon. Been there, seen that. Sitze im grauen Pullover im Eck, vielleicht, lese Das siebte Kreuz von der Seghers, versuche es aus A.s Augen zu sehen, diesen Italieneraugen, diesen verdammten, - versuche zu sehen, was er in Männern sah, für heute, nur für ein paar ungezwungene Stunden, - einfach, weil sie mir das Herz gebrochen hat: Sie, deren Lippen mich zum Abschied auf die Wange küssten, erst in Tubinga, dann in Berlin.

Dann in Berlin.

Seltsam, wie sich alles fortsetzt, von der Vergangenheit hinein in diese unmittelbarste aller Gegenwarten. (Meine). Seltsam, wie man manchmal alleine ist, alleine mit der Liebe, die einem allein gehört. Und dann geht die Türe auf, und ein bisschen Regen kommt mit rein, ins Dämmerlicht des Cafés, schlägt die Buchseiten um, verwirbelt Haar und knickt den Jackettkragen, und ich denke: Ich werde es nicht schaffen.

Und seltsamerweise ist es trotzdem okay.