Chaos, Unverstand und Wahnsinn

Mittwoch, 18. August 2010

Der Wolf

ich will dir einfach nur deine dumme fresse zerschlagen. immer wieder. bis es keinen unterschied mehr macht, ob es dein blut ist oder meines. wieder & wieder, alles zerschmettern, was nase ist & augen. & mund. vor allem deine zähne, - jeden einzelnen davon will ich dir herausbrechen bis du keinen grund mehr hast zum lispeln, zum lächeln, zum reden. dein echsenmaul will ich dir abbeißen mit wölfischem grinsen. dich aufreißen wie eine chipstüte. gierig, hungrig, unersättlich. ich will deine knochen in unordnung bringen, deine gedärme, blutig darin herumrühren und -wühlen bis selbst noch das entsetzen der erkenntnis weicht: es gibt kein vergeben.

dir unter die haut gehen will ich. bis noch in die unterste schicht. bis nichts mehr bleibt. von dir. bis ich dich auflöse. vollständig. keiner soll dich fühlen außer meine zähne. als meine zunge. als mein gaumen & mein hals.

hass ist ein zu schwaches wort für meine liebe.

Freitag, 16. Juli 2010

Die Zeitkapsel

Ich vergrabe dich zwischen weißen Laken; ich lasse dich da, bei den Büchern, - Die Liebhaberinnen (Jelinek), Wahnsinn und Gesellschaft (Foucault), Ich, etc. (Sontag), Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Dostojewksij), Chilenisches Nachtstück (Bolaño), - neben der leeren Plastikflasche (ein Energy Drink), bei der Brille (0,5 Dioptrien auf beiden Augen), bei den Gedichten von Plath, bei Ginsberg lass ich dich liegen, du, dieser Freitag im Juli, ein Datum wie viele, ein ganz normaler Sommertag im Jahr 2010.

Das Thermometer im Zimmer zeigt 29,2. Draußen ist es drei Grad heißer. Der Himmel ist nicht wolkenlos, aber das ist okay. Das Blau lastet wie Mauerwerk, die Wolken wie Farbe. Berlin wartet sehnsüchtig auf Regen. Die Hitze nimmt den Menschen die Sinne, manchen nimmt sie die Worte, - andren nimmt sie den Verstand. Drei Fallbeispiele:

1. Ein Mann, - seine Haut wie Mokka, das Shirt, - vielleicht ist's von den New Orleans Hornets, - ist leuchtend gelb, - der steht an der Treppe, die zu den Gleisen führt, und schreit, und schimpft, und wird immer lauter. Er flucht abwechselnd auf Englisch, - es ist ein wüstes Amerikanisch, - und auf Deutsch, keiner versteht, was er sagt.
2. Eine Frau, - ihre Jeans hat Löcher, sie trägt ihr braun-blondes Haar gescheitelt, da fängt dann das Pink an, das Hellblau, und das Hemd ist grau, - sagt ihrem Hund, er solle die Beine heben, es sei nicht so schwer, und der Hund seinerseits lässt die Zunge hängen und hechelt.
3. Ein dicker, älterer Herr schleppt sich die Stufen einer S-Bahn-Station hoch und sagt bei jeder Stufe: Nein, das mach ich nich mit, führt ja nirgends hin, hier, so'n Dreck, und stöhnt.

Ich stöhne auch. Während dem Fahren. Heute:
1 x mit dem Bus,
4 x mit der S-Bahn,
3 x mit der U-Bahn,
das ging grade noch, weil unter der Erde der Wind an den Haaren zerrte, am Hemdkragen, am ganzen Gesicht, das begierig die Bewegung erwartete wie einen Tag am Meer. Ich esse kaum, heute, und schon die ganze Woche:
1 x Brot mit Schokocreme,
1 x Pizza,
1 x Eis,
und zu trinken gibt's niemals genug:
1 x Flasche Multivitamin,
1 x kleine Flasche Apfelsaft,
1 x Glas Bananen-Milchshake,
1 x Tasse Espresso,
1 x Flasche Wasser, - das werden sicher noch zwei, oder drei am Ende des Tages, aber wer zählt schon wirklich, wer rechnet schon auf? Oder anders: wer rechnet genug?

*

Ich habe
- 20 Minuten mit meiner Mutter via Festnetz telephoniert (über Blutwerte, Sonneneinflüsse, den Einbau der Küche, den Urlaub meines Bruders), - sie rief mich insgesamt 4 x an, das vierte Mal sprach sie aufs Band,
- 20 Sekunden mit J. via Handy telephoniert, der mir die Haustür aufmachen musste,
- und 10 Sekunden mit dem Hedonisten, der mir ebenfalls eine Tür öffnen musste,
- 4 e.Mails versendet (an den Hedonisten, an den Idealisten, an A. in der Ferne & eines an C'mon),
- 1 Kurznachricht verschickt (an D. aufgrund seiner Bibliotheksausweise),
- eine Hand geschüttelt.

Augenkontakt gab es mit Männer und Frauen, die meisten waren unter 25 Jahren. Das aber nur nebenbei. Wichtiger waren die Bücher, die Absätze, die Dinge, die hängen geblieben sind beim Lesen, zwei Beispiele:

1. Mitten in der heiteren Welt der Geisteskrankheit kommuniziert der moderne Mensch nicht mehr mit dem Irren.
- Wahnsinn und Gesellschaft, Foucault, S.8

2. Mateu, ein Mann, der an das Wesen der Malerei gewöhnt war, ein Mann von sechzig Jahren, der seit fünfundzwanzig Jahren im Prado arbeitete, wollte plötzlich, daß die Szene eines Rembrandt weiterginge, die er nicht verstand (niemand versteht sie, zwischen Artemisa und Sofonisba liegen Welten, es geht darum, einen Toten zu trinken oder den Tod zu trinken, das Leben zu intensivieren oder zu sterben, es zu erweitern oder sich umzubringen).
- Mein Herz so weiß, Marias, S. 145

*

Musik gibt auch, vor allem das Minimale von J., aus dem anderen Zimmer, das ich durch die offenen Türen kommen lasse wie Katzen und Hunde, und die Local Natives, mal wieder, und zwischendrin auch Zoot Woman; Musik befreit. Immer.

*

Ich werde noch einen Film ansehen, desweiteren, und zwar I walked with a Zombie (1943), danach früh ins Bett gehen, oder zumindest werd ich's versuchen, weil ich morgen sehr früh ins Allgäu fahre. Zum Vater, zur Ruhe. Ich werde nichts mehr an den Menschen schreiben, dem großen und schweren, dem Projekt hinter den Tagen, sondern zwischendrin weiterhin lesen, Musik hören; ich werde zu Hause bleiben, den ganzen Abend. Ich werde mich nach dem Wind sehnen, nach einem Gewitter und Sturm, und vermutlich wird es trotzdem keinen Tropfen regnen.

*

Ich denke
- viel an A., aber das ist schätzungsweise normal, weil mich vieles in der Friedrichstraße, - in der hielt ich mich heute 2x auf, - an A. erinnert; vor allem die Werbung,
- an die Kurzgeschichte Das Haar der Circe, - ich warte auf die Reaktionen,
- an das Schreiben im allgemeinen,
- an Freunde, vielleicht prozentual gesehen: 55%.

*

Die Wand zeigt folgendes Bild:

zeitkapsel

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Auch das darf nicht vergessen werden.

*

Das hier ist eine Zeitkapsel.
Ich schreibe sie für ein späteres Ich, das zurückblicken wird in eine Zeit, in der es gut ging. Alles: Die Freunde, die Familie, das Geld, die Ideale, das Schreiben, die Stadt. Nicht die Liebe, nicht unbedingt Liebe, aber die Liebe hat jetzt, - j e t z t, - einen anderen Stellenwert als früher für mich, hier, 2010. Der Summer of Love, wie er vom Hedonisten genannt wird, hat mir eine Nacht geschenkt von dreien, die mich lächeln machte, Küsse, in denen Begehren die Lippen aufeinander presste, sie aneinander band mit einer Ahnung von Liebe, und die sie dann wieder trennte, sie zu anderen Nächten reihte, zum Vergessen hin. (Erinnere dich jetzt). Die Liebe ist eine ausgetretene Glut, aber es ist okay. Ich vermisse die Liebe nicht, momentan. J. schenkt mir ungefragt ein Glas Bananenmilchshake, - kühl und cremig, - und D. spendiert mir den Espresso in der Humboldtmensa mit freundlichen Augen; alles ist voller Leben: Der Idealist spricht vom Caipirinha-Abend, der Franzose aus Montmartre lädt mich zu sich, Barcelona ruft mich im August, und das Schreiben ist wie ein Band, ein festes, ein geknüpftes, eines, das mich nicht loslässt, das mich hält in Zeiten der Not. (Kitsch). Die Gewissheiten des Schreibens lassen mich leben, mehr denn je. Alles andere sind Entwürfe, Möglichkeiten. Es ist ein Glück, sie zu haben. Sie zeigen eine umsetzbare Version einer Freiheit.

Sie darf ich nicht vergessen, niemals.

Und auch wenn alles nur ein vorübergehender Zustand sein mag, nur eine Probe, vielleicht, so ist es mehr als nur Rausch, und Tanz, - etwas anderes als der Exzess in der Vergangenheit, sanfter, gleichbleibender, reinigender. Es ist wie ein Ankommen. Das ist es, was ich wollte. Das ist es, was ich jetzt habe. Egal, was kommt, in der Zukunft, in dieser ominösen, an das hier musst du dich immer erinnern. An genau diesen Tag, Junge, verstehste das? Du wirst. Ich bin optimistisch.

Sonntag, 4. Juli 2010

Vodou

New Orleans, Haiti, und ein Trommeln.
Namenlose Vögel, namenlose Blumen,
bunt und schrill und laut und süß und schwer.
Banjo. Benji. Ba-bi-ba-bo, alors.
Die Calla neigt ihre Blüten zum Wasser,
Sargassomeer, nur du gibst ihr dein stürmisches Salz,

und das Wasser steigt. Wie die Hitze, immer, überall. Die Hitze wringt mir die Kleidung aus, sie haucht mir den Schweiß auf die Haut. Nachts öffnet sie die Fenster für die Mücken und Motten. Die tanzen bald. Jedes Licht ist ihr Ballsaal. Und ich liege auf dem Boden, beobachte, belausche, - seltsam, dass sie nicht ertrinken, dass sie nicht stecken bleiben, in dem klebrigen Sirup, der Luft. Stattdessen: das Tanzen und Flattern, all dieses Rascheln. Atemlos bin ich, jeden Tag ein bisschen weniger Lungen. Mehr Blutrausch:

Ich sitze auf dem Balkon, - rechts: der Lavendel, links: der Basilikum, mittig: die Tomaten, - und um mich drei Männer. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sie sprechen verschiedene Sprachen. Ihre Herzen schlagen gleich laut. (Ich habe noch keine Namen für sie, weil sie noch neu sind, weil ich noch nicht herausgefunden habe, was sie denken, was sie lieben, wer sie sind. Die Zeit wird es richten).

Einer, der ist Künstler, der malt Bilder und hat Ideen, der verlegt das Laminat auf dem Balkon ganz nebenbei, der weiß ein Getränk zu mixen, der kocht dir Nudeln und macht sie zum Wunder.

Ein andrer liest viel, der kennt sich aus mit Literatur, der gibt mir fremde Worte in die Hand, gute, richtige, und Musik. Der lächelt. Der gibt mir die Philosophie zurück, als hätte ich sie nur mal verliehen.

Der letzte, der ist mein Mitbewohner jetzt, der lacht und kennt dabei vielleicht den Wahn, der geht durch die Räume und liebt die Musik, der liebt und liebt, alles ist Zunder in seinem blauen Blick; er öffnet die Türen und Fenster, der lässt das Leben ein in das, was mal ein Grab war, ein Denkmal für alle Exilanten; er schüttelt den Staub ab, der entkorkt dir den Wein. Es ist, als wäre es nie anders gewesen. VierTage, ein Leben.

Ich gehe durch die Wohnung und bin berauscht von dem Ist, von dem Zustand. Alles rückt sich zurecht, die Möbel bekommen ihren Platz, die Pflanzen das Wasser.
Das Böse aus dem Haus treiben.
Überall: Bannkreise.
Überall: Talismane.
Zuhause, wie es sein sollte, wie es gewesen ist, - ein anderes, neues, eines, das keinen Schmutz lässt unter den Füßen, das die Hand erhebt zum Klopfen und Rütteln, - hier: der Widerspruch, hier: eine fremde Sprache, - eine, zwei, drei, - die sich mir auf die Zunge legen wie Brause. Ich prickle im Englischen. Ich erinnere mich langsam wieder an französische Worte, italienische, - das schmeckt nach Bananen, nach Melonen, frische Tomaten und Mozarella, jedes Baguette bricht sich zwischen den Schrippenfingern, - das ist echt gewesen. Darüber kann man laut lachen. Ich rufe: Tanz, Arsène, tanz!, und ich meine dich.

Am nächsten Tag liege ich mit dem Idealisten im Weinbergpark und rede über Haben und Sein, über die Verwirklichung der Träume, - und alles Streben hat einen Sinn. Ich werde braun während wir reden. Die Zunge geht dem Eis nach wie ein Jagdhund der Beute. Ich beobachte nackte Haut, die sich aus Blusen und Hemden ins Licht rettet, ganze Körper entkommen ins Freie; wir liegen und liegen, jede Minute dauert Wochen und Jahre. Optimismus, ein leeres Glas auf der Theke. (Gib mir immer mehr, bitte, gib mir alles, was du hast. Alles Gift ist getrunken). Und der Hunger kommt plötzlich, der Durst. Alle Worte fliegen mir auf, dort im Schatten, beim Baum, jedes Gedicht zerspringt mir zu Licht. Meine Finger wühlen im Gras, das trocken ist, verdorrt von einem gierigen Sommer, von der Hitze; wie Heu zwickt das Gras unter den Händen, und ich erkenne den Tag in jedem Moment, erkenne die Nacht, und erneut, eine Zeile:

Is it the sea you hear in me*
und es ist das Sargassomeer, das seine Wellen gegen die Küsten wirft, die sengende Hitze, das Tropenfieber. Ich beginne unter der Sonne meinen Namen zu vergessen. Beim Rausch in der Nacht, vor allem Tanz, beginne ich zu vergessen, was die Liebe verheert, was sie verwüstet hat, und ich liebe plötzlich mehr denn je. Irgendwen. Das ist ganz egal. So viel wird irgendwann gelöscht. So viel verdrängt. Was bleibt, ist die Freiheit, - sie saugt sich fest an meinem wartenden Mund. Sie lässt mich nicht los.

Ich erkenne mich nicht wieder.
Ich bin jemand anderes.
Ich, das ist ein Doppelgänger.




* Elm - Sylvia Plath

Dienstag, 29. Juni 2010

Die kalte Glut

Die Hand, die sich an den Hals legt, zittert nicht; sie drückt die Luftröhre entzwei wie wenn jemand einen Strohhalm knickt. Es gibt nicht genügend Luft für uns beide, also raufen wir miteinander, wälzen uns über schmutzige Laken, in ungemachten Betten, auf ungeputzten Böden, bis es selbst die Nacht nicht mehr mit ansehen kann, & die Nacht sieht so selten weg bei allem Tun, - das mag was heißen. Namen haben wir allerdings keine. Wir sind Bestien in Menschenkostümen, unsere Haare sind wirr, unsere Münder sprechen nicht von Liebe, sondern vom Ficken. Immer geht uns das Anziehende jeder Anzüglichkeit aus wie Zucker & Mehl, - wir bestehlen einander im unbedachtesten Augenblick, nur um bei den serbischen Nachbarn um mehr zu bitten. Die lächeln dann ganz versonnen.

Dazu: Der Beat.
Er hämmert jeden Gedanken aus uns raus, uns, den Raufenden, sich Balgenden, sich Schüttelnden. Wir schlagen unsere Zähne ineinander, in den Nacken & in die Arme, wir beißen bis wir auf Blut stoßen. Das saufen wir gierig. Wir schlagen uns schier bewusstlos & keuchen vor Erschöpfung, denn die Hitze ist gnadenlos. Es ist ein Tropenfieber.

Alle Mücken fliegen auf unter unserem Toben & Wüten, & beim Knurren verscheuchen wir alle exotischen Vögel, - sie fliegen gen Süden, - mit ihnen ist auch die Sehnsucht verscheucht; wir brauchen sie nicht. Niemanden. Wir brauchen nur den Kampf, nur die Triebe. Zur Hölle mit der Isomorphie.

So wird es Tag.
& die Sonne kriecht über den Himmel, zäh & träge, keiner hat sie je gesehen. Selbst die Wolken fliehen heute vor ihr, & die Sumpfstraßen leeren sich brodelnd; alle Menschen entkommen der Stadt & ihrem kochenden Asphalt. Überall wird Wasser gesoffen, noch aus dem bleihaltigsten Rohr; ich phantasiere stattdessen vom Rum, weil das Wasser nicht sättigt. Der Gin schmeckt wie Monsun. Als ich aufwache, bin ich zerbissen & zerrauft. Ich suche mir gedankenlos meine Haut zusammen, verbinde eine Wunde am Handgelenk mit den Bandagen. Ich weiß nicht, wann du gegangen bist.

Der Tag ist unerträglich; ich verbringe ihn stumm & blind, ohne Erinnerung an die berauschende Nacht. Geduckt sitze ich in den Ecken meines Hauses, lege mich auf das Parkett & lasse die Schatten über mich wandern, denn mit den Schatten ziehe ich mit. In mir glimmt eine ausgetretene Glut. Denkst du. Ich sitze aber vor den Gläsern, die ich mit Bernsteinen fülle, bis zum Rand schenk ich sie voll, & stürze die Süße hinunter in den unruhigen Magen. Ich empfinde keinen Hunger während des Tages. Ich werde mir meinen Körper ruinieren, das weiß ich bereits. Mit all diesen Exzessen, mit diesem Kampf um die Luft.

In den Zimmern wird es immer heißer, die Vorhänge sind zu vertrocknet um noch zu rascheln. Es gibt keinen Wind. Den Pflanzen geht alles Grün aus, so sehr brennt die Sonne jetzt durch die Fenster, & ich höre das Chlorophyll prickeln. Alles verbrennt. Ganz an die Wand gelehnt, die als letzte Instanz mir Kühle bringt, sitze ich & lese Foucault & Freud, das Unbehagen wächst mit der Zeit, die Unruhe. Die Müdigkeit steigt mir in die Augen wie Tränen es täten, & salzig wird mir der Mund. Irgendwann hört das Gehirn auf, es folgen keine Impulse mehr. Alles fällt dann ins Dunkel.

Ich wache auf bei Anbruch der Nacht. Ich dusche eiskalt bis sich meine Haut rötet vor Schmerz. Das Brennen der Kälte, das bin ich. Nass gehe ich durchs Haus, lege mich ans Fenster hin, denn jetzt kommt der Wind, & lasse mich trocknen; in diesem Zustand ertrage ich keine Handtücher, kein Stoff kommt mir gelegen. Ein Neugeborenes ist nicht empfindlicher als ich. Der frische Geruch verschlingt alle Zimmer. Ich höre ein Lachen & Rufen, ich höre immer eine fremde Sprache aus den anderen Zimmern; sie wiegen mich in einen Schlaf, der mich nicht ins Vergessen stößt. Ich träume mit offenen Augen, verfolge, wie die Dunkelheit kommt, wie sie einzieht ins Haus, ein neuer Mieter, der das Vergessen mir bringt, das Glück. Die Mücken kehren zurück, die Motten suchen das Licht. Ist es erst dunkel, - ganz dunkel, - dauert es nicht mehr lange, dann kommst auch du.

Es ist ein Fehler, mich Kater zu nennen.
Ich bin ein hungriger Wolf.
Die Hand, die sich mir aufs Gesicht legt zum Schlag, die mein Haar packt & meinen Kopf zur Seite reißt, die beiß ich dir ab. Ich grabe meine Finger dir in die Brust, ich stoße ein Herz hinaus bis ins Freie, - & wieder von vorn. Wieder ein Beißen, & Schlagen, ein Wüten. Der Tanz zweier Wahnsinniger dauert die ganze Nacht.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Die Tage und Stunden, die Jahre

Jedes Bisschen Liebe macht mich irre; es wird mir in die Tasse gegeben zum Tee, es schmiert sich mit der Butter aufs Brot, - die Liebe, oder das, was sich als Liebe ausgibt in diesen Versuchsweise-Augenblicken, nehme ich zu mir wie andre ein französisches Frühstück. Es ist nicht genug. Niemals. Also kommen die Gedanken. Immer und immer: Die Hand unter das Hemd legen, und doch nichts beweisen müssen, nichts verlieren, - die Schwüle des Tages verrinnen lassen zum geküssten Mund, und dabei dem Blick nicht ausweichen. I can't be better than this. Bis die Haut brennt, bis das Haar zerrauft ist und die Finger rauh. Bis die Kleidung schief sitzt, das Hemd aus dem Hosenbund gerissen und die Schnürsenkel verknotet zum Abschied. Ich möchte den ganzen Tag noch über Türschwellen stolpern. (Deinetwegen).
Eine Wange.
Ein Nacken.
Die Hand, die den Kragen knickt, - sie stellt die Sonne auf zum großen Tanz. Aber eigentlich tanzen wir nicht. Eigentlich tun wir überhaupt nichts. Ich zupfe Haut von meinen verbrannten Lippen und rolle mit meinem Stuhl über das schiefe Parkett; immer eine Hand zwischen den Seiten, immer ein Wort im Anschlag, und jedes ein Treffer; ich gehe durch den Wind und am Nebentisch lacht ein junger Mann über das Alter, - auch er wird irgendwann an diesen Moment denken, und die Zeit suchen, die er verloren hat. Was du dabei tust, weiß ich nicht. Ich hab es nie gewusst. Stattdessen wache ich auf und sehe wie Bungalow Bill mir das Alter als gelben Blumenstrauß aufs Fensterbrett stellt; er streicht sich Lindenblüten aus dem braunen Lockenhaar. You're making me older, das dröhnt aus der Box im Hintergrund, aber niemand nimmt das wirklich ernst. Wie auch sollte man es wahrnehmen, das Ticken all der Bahnhofsuhren, das Umschlagen des Wetters, das goldene Licht? Auf allen Parkbänken sitzen verschlungene Körper. Aber ich will hier nicht von vorne anfangen.

Mir liegen dutzende Gedichte auf der Zunge wie Haar. Ständig will ich sagen: Das hat schon wer geschrieben, und in Wahrheit hat es nie Schriftsteller gegeben. Der Boden vibriert aufgrund der vielen Lügen. Alle Regale sind leer. Die Musik dröhnt. Judith, - was hast du gesagt? Und später? Und was? Und überhaupt, was ist geschehen? Na, da sitzen zehn Menschen am Tisch, und ich kenne alle ihre Namen. Erzähl mehr.

Samstag:
# I was running with the rude boys.
Nur kurz,
ein Blick lang, eine Handvoll, ein nackter Leib, der nicht satt wird vom Fleisch; so bin ich durch die Stadt geirrt am Samstag, habe mir die Haare zerwühlen lassen von Wind und Frauenmündern, während Männerhände nach der Hose griffen, nach dem Rippenbogen, nach blauen Augen. Der Wind trug alle Laster.

Sonntag.
Da sitze ich auf einen Stuhl geschnallt in Neukölln und verticke Schmuck an gierige Kopftuchweiber, da staple ich Ein-Euro-Münzen auf Ein-Euro-Türme und kaufe Kinderlachen, Trommelwirbel, Freundesworte, man reicht mir Erdbeeren und Kaffee, man gibt mir die Sonne zu trinken und den Sommer zu schmecken; ich nehme 60 Euro ein.

Montag.
Berlin ersäuft in der Musik, an diesem Montag. Ich tanze in der Kastanienallee zu Jazzanova und das Kesselhaus bebt unter Féloche, deren sumpfiges Fieber mich packt im Stroboskop. Ich schlafe nicht, ich raufe und knirsche mit den Zähnen, weil der Wind mir Sehnsucht in die Augen streut. So fühlt sich Leben an.

Dienstag.
Indien legt mir all seine Farben und Gewürze zu Füßen, und ich, als indischer Prinz, reite auf dem Kummer der Welt, während nichts mehr lockt als Glück und Genüsse; einen Hedonisten hat man mir eingesperrt in einen nimmersatten Körper, und so lache ich, stoße an mit Rubinwein und gedenke all der Jahre und Tage, dem großen Rausch, der mir in die Knochen gefahren ist wie ein böser Geist. Die 25 knallt, sie reicht mir Geschenke, sie streichelt mir den Kopf und fällt mir in die Arme; man gesteht mir Freude und Glück zu, man überschüttet mich mit Wohlwollen. Alles scheint ausgelöscht, jedes Unglück nichts als eine Phase von vielen. Wer war Narziss, wen hat A. gelockt zu feuchten Träumen, welche Liebe schüttete mir Salz auf Wien? Ein Knoten, den man löst, - er befreit den Rückschluss vom Fehler.

Mittwoch.
J. ruft zu den Waffen und ein Waffenträger bin ich, ein Knappe, ein Ritter auf einem ausgehungerten Pferd. Mit ihm reite ich gen Mexico, und Mexico weicht zurück unter großem Geschrei. Im Martin-Gropius-Bau, vor den Bildern der F.K. stehe ich ehrfürchtig und enttäuscht, berauscht und geschlagen, und jedes Bild, jeder Pinselstrich sagt: Erinnere dich, Echo ruft deinen Namen. Und alles ist Fieber, und Annahmen, ist ein Blick in kristallfarbene Augen, in schwarze Pupillen, und selbst die Hand, - hätte sie ein Gehirn, sie dächte ans blonde Haar, - zuckt kurz beim Aufsteigen aufs Rad.

Donnerstag.
Traumlos gehe ich durch die Wohnung wie ein Geist, blättere durch Bücher. Ich sitze vor dem stummen Gesicht Bungalow Bills, und denke an ein Sommergewitter, das draußen toben möchte, das sich entladen sollte, jetzt und sofort und auf der Stelle, denn ich sehne mich nach Wind. Jeder meiner Schritte ist genau bemessen, ich haushalte mit jedem Gedanken. Sollte ich nicht für einen Marathon trainieren? Sollte ich nicht das Kapitel beenden, die Kurzgeschichte schreiben, sollte ich nicht jedes verdammte Buch in diesem Zimmer lesen? Stattdessen wälze ich mich im Bett herum, geil und ruhelos, getrieben von der Berührung der Hände, vom besseren Wissen des Tobens, und dann, unter dem strömenden Duschwasser, folgt der Wahn, der sich mir unter die Haut schiebt wie eine Spritze: Er spült mir Endorphine durch den Körper, er wäscht mir den Schweiß ab vom Begehren und gibt mir Einsichten ein. You're addicted and you know that. Also rasiere ich mich gründlich, putze mir zweimal die Zähne; ich glätte mir das Haar mit Gel, um es danach zu zerrupfen; noch das beste Hemd taugt nichts zum Ausziehen, aber sei's drum. Es ist nicht genug. Niemals.

Dienstag, 25. Mai 2010

Der Bann.

Der Bass schraubt sich durch den Kopf bis ins Blut & das Blut trägt Blasen zum Gruß, es wirft sich auf & geht dem Gefolge der Musik nach, ins Körperinnere, wo jede Zelle brennt; dort zittert Haut in Haut gewälzt, dort klatschen sich die Organe alle Finger wund, - jetzt: der Einsatz der Geigen. Muskeln, die sich in Bewegung setzen, jede Verspannung löst sich im Tanz, Füße & Arme raufen nicht mehr, sie passen zum ersten Mal zusammen, - white flag?, white flag, - dies ist keine Kapitulation, es ist ein Motivationsschreiben, nagel es dir an alle Wände, Junge.

Mit den Händen an den Hifi-Kopfhörern, die mir der Hedonist für eine Woche geliehen hat, wippt mein Kopf am Fenster. (Da, wo der Wind ist. & ich). Schwitzen. Das T-Shirt klebt mir nass am Rücken, es ist zur zweiten Haut geworden, feucht & klebrig, ein Irrlicht über dem Sumpf, so bin ich, aber der Mund kann sich des Lächelns nicht erwehren. Ich werde duschen & währenddessen mich an allem Wasser verschlucken, kichern, das kurze Haar verdrehen zur schwarzen Pyramide & danach das Parfum von A. auf die Handgelenke tupfen, um dieses Entflohene zu schmecken, - das Meer an diesem ganz bestimmten Tag an der Côte d'Azur, in der Nähe von Vence, - & ja, plötzlich ist da ein unbegreifliches Glück, das aufsteigt in den Augen, das sich da auf die Zunge legt, & nirgends ist niemand mehr in der Lage zu fliehen: Der Blick aus Gold zerbrennt alle Kacheln & Spiegel, er trennt das Karma vom Körper & die Barthaare vom Kinn; der Blick, der erstarrte, bricht sich frei. Er poltert & stößt, er kippt die sechs Kisten im Flur, er schüttet den Schmuck auf den Boden & all das Glas, er öffnet die Fenster & Türen, die ganze Welt soll sich fürchten, vor diesem Blick, vor diesem von Irrsinn getränkten, diesem vor Glück geröteten, spar dir das Klimpern der Schlüssel & das Klappern der Schuhe, Junge, du bist ausgetrieben, ein böser Geist aus der Flasche das bist du, so haben wir einen Bannkreis gezogen.

Eins,
deux,
three.

Die Besinnung kriecht nur langsam zurück in den Leib, in dem die Musik tobt, in dem die Zeit stillsteht als wär sie photographiert worden. Die eigenen blauen Augen sehen fremde blaue Augen & blondes Haar. Wer? Ein Neuer, - er kommt aus Frankreich, & öffnet Adern & Fenster, er bringt Sauerstoff in die Wohnung, die für ein Jahr nichts als ein Grab war, ein Denkmal des Exodus', ein Mahnmal allen Verlusts, - das heißt nicht, dass er bleibt, dass er sich an den Tisch setzt & vom Leben erzählt auf drei Sprachen, dass er so ist wie er sagte. Immerhin: Von der Musik weiß er zu reden & den Spaß betrügt er mit dem grausamsten Lächeln. Das ist einer, der kommt aus der Ferne, der hat die Welt gesehen & geschmeckt, das ist ein Nomade vielleicht, vielleicht auch einer, der nie geht, & nimmermehr sagt zum Abschied. Einer, den ich nicht kenne, & der einziehen wird mit Getöse. Lachen, lachen, lachen, wie ein Glas, das der goldene Blick zerreißt zu dreidutzend Scherben, & alle beißen sie bis aufs Blut: Wie König Midas gehe ich darüber hinweg, - alles erstarrt glitzernd, alles, was ich ansehe, gefriert zu Licht. Überall.

Aber was ist denn los?, fragt mich der Hedonist, während alles Wasser vor mir flieht & zu Goldstaub zerkocht, Was ist denn in dich gefahren? & ja, vielleicht mache ich ihm wirklich Angst, weil der Wahn kontrolliert, weil die Manie, die mir unter die Haut genäht ist wie Adern & Nerven, Funken schlägt bei jedem Wort, & jeder Funken brennt wie Zunder, - ich setze unbedacht ganze Theorien & Wahrheiten in Flammen, ganze Bibliotheken brennen nieder zu goldener Asche. Auch Asterions Haus ist nicht sicher vor mir. Bitte! Nein. Niemand ist sicher.

Die Augen lassen sich nicht schließen vor dem glühenden Blick, - Bilder fallen von den Wänden, der Staub der Tage wirbelt auf zu Fontänen, - weiter. (Überall wo die Zehen den Boden berühren, blüht der Jasmin). Mehr: Bass. Mehr: Elektronik. Mehr: Rausch. Mehr: Luft. Zur Seite, in die Küche hin seh ich, der Schmutz zerspringt an den Fenstern als wär er das Glas, - ein Koch hatte mir ein Gericht gekocht aus Lotus & Möglichkeiten. Er sagte: Iss & reichte mir Gabel & Messer, - ich fraß wie ein Schwein: ganz ohne Besteck & auch ohne Hände. Vielleicht war es diesmal zu viel.

Donnerstag, 15. April 2010

Das hungrige Kind.

I.
A. sitzt auf der Kante der Badewanne & dreht sich eine Zigarette, es riecht nach Gras. Ich hatte ihm bereits zweimal gesagt, er solle in der Wohnung nicht rauchen. Er hat es dennoch getan. Das erste Mal in der Küche, beim Fenster, - der Nachbar im zweiten Stock hatte sich auf den Sims gesetzt & ihn dabei beobachtet; das zweite Mal im Flur, an der Tür zum Treppenhaus. A. sitzt auf der Kante der Badewanne, trägt die rote Decke, die ich ihm gegeben hatte, weil es kalt ist in der Wohnung, & sonst nichts; er lächelt schräg & bittet um Entschuldigung.

Erstens, die Initialien unserer Namen sind identisch.
Zweitens, unsere Haut riecht gleich.
Drittens. Ich versuche dich auszusprechen, ganz, & verschlucke mich.

Ich setze mich zu ihm auf die Kante & sehe ihn an wie ich niemanden ansehe. Ein Wolf vor der Krippe. Dem Grün dieser Augen kann niemand entkommen, es zerleuchtet die Fliesen im Bad, es zersprengt alle Spiegel, selbst das Wasser weicht ihm aus, - alles, was reflektieren kann, zieht sich zurück in die Ferne, wird unleserlich, unhaltbar klein, ein Punkt unter Punkten, - & auch mein Blick verglast nicht. Jemand fragt: Warum?, & ich sage: Weil alles an ihm wie Gift ist, aber süß, & wer einen Schluck von ihm trinkt, der erblindet. Das sättigt nicht, das macht keinen Kummer. Reiß dich zusammen. So hebt sich mein Kinn.

Er ist nicht mehr so dünn wie vor zwei Jahren, er ist kein Strich mehr auf zwei Strichen, kein Gesicht, das man aufgemalt hat auf einen leblosen Schädel. Paris hat ihn erfüllt, alles an ihm riecht danach, schmeckt danach, fühlt sich an wie die Seine an einem Augusttag, wie der Brunnen auf der Place des Vosges, an einem dieser namenlosen Sommertage: Ein Rufen vom Carré aus, eine Hand liest das Popcorn auf & verstreut das Salz, verstreut die Brösel, verstreut den Weg, ganz im Vertrauen: Wir wollen nicht heim.
Seine Lederjacke, die an der Garderobe hängt, könnte er in dem Geschäft gekauft haben, das ich ihm empfohlen hatte, die Sonnenbrille auf der Kommode ist von B******, er bekam sie geschenkt. Natürlich. Die Tasche ist voller Geschenke. (Zwei Bücher, eins von Cocteau & eins von Baudelaire, Gedichte; ein Notizheft, das nach Cookies riecht & dessen Papier sich anfühlt wie Bibelseiten; einen Bleistift, dessen Mine bricht beim Aufsetzen der Spitze; einen Kuss von I., der nach ihr schmeckt, nur nach ihr, ihrem Mandarinenmund, ihrem Salbeihaar; einen Pullover aus Kaschmir, der mir zu groß, & eine Hose aus Leinen, die mir zu kurz ist; Dreiecke, überall, auf Briefen, die er mir geschrieben hatte, als er krank war, & doch nie abschicken konnte, teils auf Französisch, teils auf Italienisch, selten auf Deutsch, unverständliches Englisch, seitenweise eng beschrieben von schwarzen Dornenworten, die mir die Fingerkuppen aufreißen, - es ist unleserlich; ein Parfum von B******, das nach mir riecht & immer roch; eine Dose voller verlorener Münzen, Photos aus Automaten, Büroklammern & Knöpfen; ein Löffel aus Silber mit einem Löwensiegel am Ende; die Zeichnung von mir, die Luca gemalt hatte, - wie viele Jahre ist das jetzt her? Nichts, nur drei, sie sind mir drei Leben).

II.
Erstens, A. steht auf wie ein Kind, unbedarft & gefangen im Spiel seiner Hände: Er lässt die Decke fallen & grinst, er steckt sich die Zigarette an, öffnet das Fenster & reißt dabei den weißen Vorhang herunter, - er entschuldigt sich dafür; dann setzt er sich ans geöffnete Fenster, zur Kälte hin, die seine Haut überzieht, & stößt seinen Rauch hinaus in den Hinterhof, wo die Leute ihn nicht sehen, sagt: Es ist kein Spiel mehr, er fügt meinen Namen ans Ende des Satzes, Es ist kein Suchen mehr übrig, die Wege führen an den Anfang aller Berührungen, & ich, der ich immer noch auf der Kante sitze, reiche ihm die rote Decke, damit er sich zudeckt. Ich sage ihm, er würde sich sonst erkälten. Er lacht. Ein Messer, das ans Glas schlägt. & nimmt die Decke, legt sie sich über den Schoß, schlägt sie an seinem Bauch um zum Knoten.
Zweitens, A. raucht. Er sagt: You became the man, the poet you needed to be. Ich sage: Du hättest nicht kommen sollen. Er sagt: You didn't make any difference. Not anymore. Ich sage: Es war ein Fehler. Er sagt: It was beautiful. Ich weiß nicht, wohin ich gehe, ich weiß nicht, wie spät es ist, ich bin betrunken, ich kenne den Weg nicht. Irgendwann schrecke ich von einer Berührung am Hals auf; ich sitze bei der Eingangstür, mit dem Rücken zur Wand. Er hat sich neben mich gesetzt & gibt mir einen Teil der Decke.
Drittens. Das Klatschen der Hände, das Umgreifen der Taille, die Nacht, die als kalter Wind unter die Haut geht, einschneidet wie ein Skalpell, & Treppenstufen hinunter in die Hitze eines Clubs, Bassdröhnen, da ist ein Glas, das mir aus den Händen fällt, ich höre es nicht brechen, Tanzen, Trinken, Trinken, die Grenze spüren, die mir der Alkohol als Messlatte bis zur Brust legt, & sie überfliegen, weit, weiter als je zuvor: Die Augen zerreißen, ich erstarre zu Stein. Tanzend. Mehr Musik. Mehr Menschen. Der Körper hört auf sich als Körper zu empfinden. Alles zergliedert. Das, was Denken sein will, endet in Satzanfängen ohne Worte. Es bleiben Punkte. Weitere Treppenstufen. Mund. Münder. Vielzahl. Hand. Hände, die sich auf den Kopf legen wie Gewichte, am Haar zupfen sie, an die Brust gelegt nehmen sie mir den Herzschlag fort. Flieg. Lauter. Schneller. Reibungslos dreht sich die Welt an mir vorüber, & der Schmerz, der sich ins Ohr beißt, windet sich hinein in jede Synapse, durchdringt in Strom jeden Nerv, erzittert, zerschlägt die Welt zu Funken. Boden. Fußtritt. Hinaufgerissen werden von zwei Armpaaren, die sich in die Achseln graben, in die Schultern nagen sich die Fingernägel. Taumeln. Wände, schwarz getüncht vom Hunger. Wieder die Hände fühlen, jetzt packen sie zu. Sie greifen nach Schwanz & Lippen, sie zerren an der Kleidung ohne die Haut darunter zu sehn, die Muskeln & Sehnen, das viele Haar in den Gräbern. Klatschen. Zittern. Wieder: der Boden. Überall Füße, Socken, Schuhe, Hosenaufschläge, Säume, hochziehen, hoch & immer höher, in die Scherben greifen, nichts fühlen. Herumgerissen rauschen Gesichter vorüber, sie sehen niemanden, der Raum ist leer & dumpf, die Luft lässt sich nicht atmen. Weiter. Wieder trinkt der Mund, die Lippen brennen beim Küssen. Salz. Bitterkeit. Zitronen. Zischen, es prickelt in den Fingerspitzen, breitet sich aus zum Brand auf den Armen, versengt mir die Brust, erlischt nicht. Tanzen. Dem Beat nachgehen wie ein läufiger Hund, Knochen vergraben, tief in fremden Leibern, sich darin eingraben, nicht die Hand finden, nicht die Berührung scheuen, freisein.

Karbonaugen glitzern vorüber,
Treppenstufen steigen nach oben, steigen nach unten,
endlos,
das Bewusstsein verlieren, im Gehen.

Sirenengeheul.


Nachtwind.


Weitere Schritte,
Schritteschritteschritte,
immer, --

Das Kreischen.
Hupen, es ist kein Hupen, es ist ein Brüllen, das alle Nacht fortwischt wie einen bösen Traum, jedes Bisschen Sirren, taub gemacht durch den Bass & das Trommeln, wird laut & immer lauter, es wird ergänzt durch ein Wüten.
Was?
Die Hand am T-Shirt spüre ich nicht, aber den Griff an der Schulter, - es ist ein rotes Auto, dessen Fahrerin mich anschreit aus weißen Augen, blind geleckt vom Schrecken, & aus einem roten Schlund, in den sich ihre Zähne senken wie Schrauben.
Was?, wo bin ich?
Ein Kuss versiegelt mir die Lippen, nahtlos. So stehe ich da, widerstandslos gegen eine Wand gedrückt, - wie ein Baum, der gefällt wird & nicht fallen kann, so lehne ich da, an der Ecke, - spüre die kalte Mauer, jeden Stein spüre ich am Rücken. Die Lücke auf der Straße hat sich längst geschlossen. Die Hand hat die Zeit angehoben wie eine Teppichecke & ich, ich wurde darunter gekehrt.

Erst jetzt spüre ich das Blut am Handgelenk, spüre die Schrammen am Arm, irgendetwas stimmt mit meinen Augen nicht, ich sehe alles undeutlich, in die Ferne geschüttet zum Rausch.
Was ist denn, --
Wieder Lippen, die mir den Atem nehmen wollen, die mich aussaugen, leertrinken, auffressen, kein Bewusstsein schlägt hier Alarm. Alles okay. Alles soft. Alles entspannt. Diese Hände gehören zwar nicht mir, aber es ist gut, dass sie da sind. & weg, ab von der Bühne.

III.
Sieben Stunden später wache ich auf, in mein Bett gelegt wie eine Puppe, ausgezogen, durchfurcht vom Abdruck des Kissens, der Mund trocken, die Augen brennen. Ich sehe mich um, - finde Hüllen, finde aufgerissene Kondompackungen, - eine Flasche Wasser ist ausgelaufen & hat sich jetzt im Teppich verloren, - ein Teller ist zerbrochen & liegt teilweise, die Scherben sorgsam aufeinander gestapelt, auf dem Regal. Alle Lichter sind an. Alle. In jedem Zimmer. Im Bad ist noch immer das Fenster geöffnet. Es riecht nach Gras.
Der Spiegel gibt nichts her. Nur eine eingerissene Lippe. Im Auge sind mir alle Adern geplatzt. Die Haare sind wüst, das Gesicht blass. Ich stelle mich unter die Dusche, ich weiß nicht, für wie lange. Dann kommt die Übelkeit. Ich versuche zu kotzen, aber davon wird es nur schlimmer. Ich weiß, dass ich essen sollte, ich würge stattdessen. So schleiche ich durch die Wohnung, schnappe Luft, stecke alle Kleider in die Waschmaschine. Danach: das Laken & das Bettzeug. Ich tupfe mit einer ganzen Rolle Küchenpapier den Teppich trocken. Alles, was meine Hände verrichten, tun sie besinnungslos, das Gehirn ist, dem Herzen gleich, aus der Verankerung gerissen.

Irgendwann, - die Müdigkeit frisst sich mittlerweile tiefer in die Augenhöhlen, - finde ich die Notiz, die besagt, er komme um 17 Uhr wieder. Ich erinnere mich an nichts. Ich bin hungrig.

Dienstag, 16. März 2010

.

1.
Weimar pulsiert mir unter der Haut: Tanzen, durch Räume irren, - immer mit einer Hand in einer andren, - alles Berühren ist ein Wollen; bewusstlos den Rum ins nächste Glas schütten, mit dem nippweise Mund das nippweise Essen überproportionieren, & gut dabei aussehen; Bierflaschen mit dem Handy öffnen, beim Reden lächeln & es ernst meinen, unnahbar sein. Für wen?
Für sich selbst.
Alles, was Haut sein will, ist oxidiert.
Du, wer du bist, wer?, eine Hand auf der Brust fängt den Vogel Herzschlag nicht, er nimmt die Augen mit den Fingern fort, & hoch zum rauhen Gesicht, zum Fremden, zur Frau, die ihr blondes Kunsthaar peitscht, zu ihren Brüsten, die nicht stillstehn, - niemals stillstehen, - & plötzlich der Mund am Ohr, der flüstert, der sagt: Bist du X, & plötzlich ist's, als ginge das Licht im Treppenhaus an: Zurückfließen, wie die Flut sich über die Küsten ergießen, die Verstand sind, & über alles hinwegfegen, alles mitnehmen, nichts auslassen. Dastehen. Wo bin ich? Stimmt, beim Hedonisten zu Hause, es ist seine Post-Geburtstagsparty. Wo? Zurück in die Küche, wo jeder jeden mal am Arm nimmt, jeder jedem mal ins Gesicht lacht, - manchmal auch in leere Fratzen, weil der Alkohol alles verklärt, alles nimmt & auflöst, selbst das Unlösliche. Der Exzess ist immer anders.

2.
Der Kontakt mit dem Hedonisten entkrampft mich, schablont mich aus dem Konstrukt von Wahn & Vorstellung: Kein Genuss ist mehr wert als dieser, alles ist Atemstillstand, ist Wunder & Möglichkeit; ich umarme Muskeln, die sich fremd anfühlen, berühre Haut, die weich ist, denke ans Übergangslose, an das, was ist, an das, was funktioniert, & nur an das. Wer entscheidet, in welchem Körper mehr Wahrheit steckt? Mehr Liebe? Mehr Sicherheit? Keiner begreift das Aufheben der Grenzen.
Tanz, du pussy. Tanz.
& mitten im Beat verliert alles seine Schwere, das Mensch gemachte Negativ: Hier bekommst du jetzt die Überbelichtung, hier bekommst du Minimal vermischt mit Pop, - Lady Gaga, Yelle, Simian Mobile Disco, Chroma, Gossip, Local Natives, Dub FX, Hot Chip, Hockey, Delphic, Estelle, Oliver Koletzki, Paul Kalkbrenner, Sascha Funke, alles Namen, Namen & Lieder, ins Ohr geschüttet wie ein Eimer Wasser, - & alles ist okay, denn Rock'n'Roll ist ein Gott mit tausend Armen & Beinen, mit Millionen von Köpfen, & jedes seiner Augen sieht dich an, sieht dich ins Stroboskop fallen, unter der Discokugel die Lichtfunken fangen, & vielleicht war niemand lächerlicher als du, - vielleicht, - niemand betrunken genug, - aber die Leichtigkeit!, vergessen, dass dein Kopf aus Blei gegossen ist.

3.
Morgen Köln, Lucia.
Ich weiß nicht, ob ich alles begreife, was da um mich herum geschieht; ich befürchte nicht. Alles ist Taumel, & Ausnahmezustand, alles bedarf des Neuen & das Neue sitzt in den Startlöchern. Nur ein Handgriff noch, nur einer.

Dienstag, 2. Februar 2010

The Shape Shifter. 2/2

Am Tisch, der nicht da ist, sitzen wir mit traurigen Augen & einem halben Lächeln auf den halben Lippen; seine Koffer sind gepackt fürs nächste Bisschen Glück, - das steht uns im Weg. Wir haben uns schon die Füße daran grün & blau geschlagen, einen Regenbogen haben wir uns ins Fleisch gehauen: gelb leuchten die Schenkel, violett die Schulterblätter, rot ist der Hals. Mit Stumpf & Stiel haben wir uns ausgerottet, sind uns aus der Haut gefahren mit großem Geschrei, an die glatten Wänden hinauf & raus, & immer raus, immer weiter weg vom Geschehen als unbedingt nötig. Nur damit uns kein Wasser mehr bis zum Hals stehen kann. So sitzen wir am Tisch, der nicht da ist, & mit den Händen am Kannenhenkel schenke ich mir Röte ins Gesicht; er trinkt nicht, er sieht nur aufs Papier, das gerollt & gewellt, das vom Regen in Bewegung gebracht, nicht stillstehn will zwischen den Fingern.

12.
Die Suche nach ihr, sagt er & zieht sich einen Sarg an aus bunten Strichen & Karos, Die Suche nach ihm, & er verzieht sein Gesicht zu einem Kleinjungengesicht, Es geht immer ums Suchen, wir suchen so viel. Ich habe in jedem der Zimmer die Heizung abgestellt, weil die Wüste Sonora in ihm steckt; mit jedem Schritt streut er Sand aufs Parkett, die Hitze dringt ihm aus den Poren wie Schweiß. Er sagt: Die Suche nach der Decke bei Nacht, die keine andre Hand findet, weder die Decke, noch die Hand findet die Nacht, alleine geht der Blick die Treppen hinab. Welche Treppen?, ich habe nicht danach gefragt. Stattdessen ging mir ein Lied durch den Kopf, irgendeine Melodie, die ich hörte als die Sonne noch schien, als die Wolken sorglos zergingen im Blau. Während er spricht, mit seiner Stimme, mit seiner Sprache, in der die Vokale sanft sind & die Endungen rauh, da rücke ich den roten Topf mit der Blume zum Fenster hin, ziehe den weißen Vorhang fort, - & erschrecke über das viele Grau. Das Grauen der Welt, dieses endlose & in die Gesichter der Menschen gegossene Grau, in die Tiefe eingesickert wie Wasser, eingegangen & Fleisch geworden. Ich fühle ein Gähnen im Gesicht, ein müdes Blinzeln. Die Hand lässt den Vorhang fallen, den ganzen Stoff reißt sie ab von der Stange, nur um zu beweisen: Sieh her, sieh was ich kann. Keiner sieht hin. Auch die eigenen Augen sind blind.

13.
Er sagt: Ein Zweig, der zerbricht, ist mir die Liebe. Backsteine aufeinander gelegt, - sie sind mir das Herz. Ein Kuss, auf die Stirn gehaucht, ergibt noch lange keinen Kuss, es ist nichts als das Decken eines leeren Tischs. Es liegt ein Lächeln in seinen Augen, ganz unten, auf dem Grund dieses Brauns, weit unter dem Blick, & sein Mund verschiebt sich zum Weinen. Du bist ein Sonntagskind, alle andren Tage tun dir nicht gut.

14.
Zusammen stehn wir an der Tür zum Tanz, drinnen wirft man sich einander in die Arme & tritt sich auf Schuhe. Einen Anzug hat er sich angezogen, er steht ihm recht gut, auch wenn er aussieht wie ein Dieb, wie ein Hehler, einer, der die Frau zum Abschied nicht küsst, sondern schlägt. Ich hingegen komme aus meinen Augen nicht raus; ich habe mich in ihnen eingeschlossen, um in der Ferne zu leben. Nicht im Ist.

15.
Er ist der Jäger, er leckt sich die Lippen, er verschwindet mit der Zigarette zwischen den Finger im Getümmel des Raums. Ich denke nach übers Lachen, & täte es gern. Stattdessen kommt er irgendwann wieder, früher als ich erwartet hatte, an der einen Hand eine Blonde, an der andren ein Mann, - beide lächeln in meine Augen hinein als klopften sie am Fenster zum Hof, - & sagt: Meine Nacht ist gelaufen, ich komme nicht wieder. Er drückt mir die Schultern & lässt mir den Mann da, der betreten wird weil er mein Schweigen selbst noch durch die Musik hören kann; er stellt sich als Janosch vor.

Janosch sagt: Wie wär's denn mit der, na, die da hinten, ist die nicht was für dich? & ich sehe eine Frau, eine Zwergin, sie ist ein Meter zehn, - vielleicht täuscht mich das Licht, - die schön ist wie eine Puppe, mit Haaren so schwarz, so geschnitten als wäre es falsch. Sie sieht mich an mit einem roten Mund. Ich sage: Nein, danke, ich jage kein Fleisch.

Janosch sagt: & die da?, du siehst sie?, die Blonde dort vorne, die tanzt als wär sie verrückt & ich sehe eine Frau, eine Schönheit, - vielleicht täuscht mich das Licht, - die sich ihr Haar aufgesteckt hat zum Greifen; die lächelt & lächelt, alle Zähne rufen mir einen Namen zum Gruß. Ich sage: Nein, verstehst du nicht: Ich suche niemanden hier. Ich bin nicht geboren zum Suchen. Da lacht er ein Lachen, das mir die Haut von den Lippen zieht als wäre die Haut längst abgestorben & weiß vom Zerbeißen.

Nach zwei Stunden klopft er mir auf den Rücken als ließe sich damit endlich eine Türe öffnen, & raunt mir zu: Na gut, vielleicht keine Frau für dich heute, das tut mir sehr leid, & ich denke: War das je wichtig? Geht es denn immer nur ums Suchen, darum das Verlorene zu vergessen, es zu ersetzen?, geht es denn immer nur ums Berühren, kann ich nicht sein wie ich bin, ein steinernes Zeugnis aus vergangener Zeit?, aber er nimmt mir die nestelnde Hand aus dem Kragen, & lächelt. Keine Dämmerung senkt sich, kein Sonnenaufgang im geschlossenen Raum, das bunte, kreiselnde Licht geht nicht aus im Nebel, der aufsteigt aus der Maschine, - nur der Nebel senkt sich auf die Zunge, senkt sich auf die Augen, die der Herzschlag durchfährt, die brennen wie Zunder, & die Augen zertrennen die Welt wie zwei Fäden: Atme. Atme. Atme. Die Wüste findet ein Ende.

Janosch & ich verabschieden uns ruhig, gelassen. Einander haben wir die Nacht zur Hure gemacht; er war glücklich damit, ich habe das Glück probiert als wäre es eine exotische Frucht. Wir gehen auseinander wie Fremde, die innerhalb weniger Stunden zu Freunden wurden.

16.
Als ich nach Hause komme ist's bereits Mittag; er hat die Koffer gepackt zu einem weiteren Abschied & die Liebe gelassen wie sie ist. Wir setzen uns an den Tisch, der nicht da ist, & sehn verstohlen den Abend in unseren Augen. Wir reden nicht viel, wir nehmen uns an der Tür in die Arme als könnten wir uns halten, & dann rutscht der Körper aus der Halterung, die Finger streichen die Falten glatt, sie greifen nach dem Griff am Koffer, nach dem Geschenk in der Tüte, & nehmen die Klinke zur Hand. Er sagt: Es ist zu kalt hier, du solltest drauf achten. Dann lacht er. & geht.

Samstag, 30. Januar 2010

Der Tanz.

In die Tiefe gehen, durch das Viereck der Dunkelheit, eintreten in den Raum, wo sie sitzen. Die Treppen sind beleuchtet von gelben Kerzen, ein Fremder hat sie an die Kanten gestellt, & auf die Kanten treten auch wir. Wir, Männer in dicken Jacken, mit nassen Schuhen, - uns hat man Raureif in die Gesichter gehaucht, ins Haar ist uns das Eis gewoben, - & nichts als die Nacht begleitet uns durch den Gang, wo sie sitzen. Die Jacken lösen sich schnell, darunter kommen Menschen hervor, man hat sie im Schnee fast vergessen. Wohin?, wohin bringt uns die Nacht, die nicht wartet, nicht singt, wohin bringt uns der Wein in den Gläsern, wohin der nächste Schritt? Gib mir das Glas, Bruder, ich trinke auf dich, heute Nacht, ich trinke nur Wasser.

Hinein, durchs Viereck Licht; dort erkennen wir, dass eigentlich alles wie immer ist, - der Club, in den jemand Licht geschüttet hat, Farben, die über die Tanzfläche rauschen, & hinter der Theke, unter den roten Lampen, lächeln die Bartender milde, wenn sie dir dein Wasser reichen, dein bisschenwas in einer Flasche, sehr schön. In Karohemden tanzen Körper, in dünnen T-Shirts, vom Begehren auf die Haut gemalt, vom Begehren angezogen wie von der Mutter & vom Vergessen wieder abgestreift, hinab in die Ecken hinein, nicht jeder kann tanzen, aber das ist egal. Weiter, weiter. Rüber auf die andere Seite geht der Blick, wo der DJ ist, der Zerberus: Er hat drei Köpfe, - auch sechs Arme & Beine hat er; dreimal rutscht Stoff über Haut, dreimal schiebt sich sein Kopfhörer über die Ohren & verdrängt die Welt, drängt sie hinaus & bis über den Rand, dorthin, wo sie sitzen, & sechsmal heben sich seine Augen zum Erkennen & Gruß, bevor sie weiter über das Mischpult zucken.

Jeder ist bunt.
Die Blicke sind es auch,
& in die Blicke will jeder eingetaucht sein.
Bis das Herz versagt...

Aus dem Wir heraus, aus dem Wir lächeln die Lippen einander zu, & sie sagen: Wir sind ruhig, wir sind zufrieden, wir sind, was wir sind, & das ist genug. Zum Andren hinüber gebeugt, den Mund dicht ans Ohr gelegt, raunen die Worte, sie springen aus der Kehle; wir reden viel über alles. Wir reden wenig im Lauten. Licht & Körper, & vereinzelt die Glut einer Kippe, ein bisschen Rauch, ein flüchtiger Blick, das ist genug. Was war das Morgen, was war, --

Da tritt mir jemand auf den Fuß, & das, was Wir ist, wird zu Kopf & Körper, zu Armen, Händen, die sich in den Hosentaschen verstecken, - zur Kälte im Leib drängt sich die Wärme, - zu Beinen, die sich gegen die schwarze Wand drücken. & plötzlich steh ich mitten in der Nacht in einem Club, mit dem Stempel auf dem Handgelenk, & die Gedanken zerstäuben beim Ansehen, bei den Gerüchen, die fremde Frauen, fremde Männer mir beim Vorübergehen aufs Gesicht hauchen wie Küsse, fragen sie?, wen?, was?, wer hat mich berührt?
Weil ich nüchtern bin, & der Rest der Welt besoffen vom Vielen, denke ich: Seltsam, wie manches beginnt, wie vieles endet, & durch die Musik dringt der Nebel der Maschine, in der das tanzende Volk ertrinkt, - alle Blicke nebeln sie ein, es lässt sich so besser nach der Hüfte greifen, der Mund findet schneller den Mund, der Körper schmiegt sich an den nächsten & es riecht plötzlich nach Sex; ihren Ascheregen, den sie ihr Leben nennen, stoßen sie funkenschlagend von sich: Hier bin ich, hier ist mein ganzes Verlangen, hier ist das leere Blatt, es wartet auf ein Wort, hier ist das leere Bett, es wartet auf Träume. & alles, mein ich, alles ist nur die Suche nach Halt, die Suche nach Liebe, die sich im Bass aufwirft zum Tanz, alles ist Wahn, ist Exzess & Atem. Bevor ich's verstehe, stehe ich dazwischen, in den Nebel gestellt & auf die Straßen getrieben, tanze.

Tanze.
Beiße mir auf die Lippen,
sehe in Augen, die meine Augen um deren Blick ergänzen.
& der Körper geht auf in der Bewegung, zergliedert, verflüchtigt sich im Nebel, der aus der Maschine hineinweht in den Raum, verflüssigt sich im Nebel, der den Augen die roten Lampen nimmt & die Bartender, den tanzenden Schatten, das Haar, das die Hände flüchtig berühren. Tanze. Zertanze, den Nebel fegst du weg mit den Händen, der Nebel ist ja dein Leben. & Haut rutscht über Haut, & Hosen schieben sich über die Beine, eine Hand streift die Hüfte, es geschieht so nebenbei, & allmählich teilt sich das Weiß. Kein Ich, kein Wir; es ist überall. Ein Überall nimmt den Platz, es kommt zum Viereck Dunkelheit herein & steigt die Treppen hinab; es hat das Gesicht eines Mannes, die Worte der Frauen zwitschern süß dazwischen; es kommt durch das Viereck Licht ins Bunte & zerteilt im Wind, in der leisesten Brise zerteilt es die Gedanken & jede Liebe ist in der Liebe aufgegangen, jeder Verlust im Verlust. Alles ist unmittelbar da, nichts ist verloren. Tanze!, tanze, der Boden zittert unter den Füßen, die Decke ist einen Handgriff vom Himmel entfernt, tanze, alles Schlechte fällt von dir ab, von uns, die Männer in den Mänteln & Jacken...

& das, was Raum ist, & Zeit, was im Traum kam, um die Sehnsucht zu wecken, öffnet sich, entfaltet sich, wird Licht.

Alles ist Licht. In diesem Moment.


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Zuletzt aktualisiert: 28. Januar, 01:34

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