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    <title>Der manische Versuch Mensch zu sein : Rubrik:Chaos, Unverstand und Wahnsinn</title>
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    <dc:publisher>morbus</dc:publisher>
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    <title>Der manische Versuch Mensch zu sein</title>
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    <title>Who&apos;s afraid of Helen Keller?</title>
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    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Am Telephon fragte sie: &lt;i&gt;Was ist nur in hundert Jahren?&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sagte: In hundert Jahren ist all das längst zerfallen. Unsere Welt wird bis dahin nicht mehr existieren. Alles wird verschwunden sein, alles, was wir kennen, was wir lieben. Nur die iPods werden überleben. Die Plastikpartikel in den Ozeanen. Der radioaktive Müll in Betonhöhlen unter der Erde. Das statische Rauschen unserer Satelliten im Weltraum. &lt;br /&gt;
Meine Augen sehen jetzt mit Lichtgeschwindigkeit nach draußen, in die Nacht, und irgendwann in hundert, tausend! Jahren schlagen sie irgendwo als Kometen auf. Zumindest hoffe ich das. Auf irgendeinem fernen Planeten, auf irgendeinem Mond bleiben sie als Krater zurück. Hohlräume, die mein, dein, unser aller Verschwinden symbolisieren. Und dort sind wir dann. &lt;br /&gt;
Siehst du raus?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sagte: &lt;i&gt;Ich habe hier grad kein Fenster.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sagte: Dafür brauchst du kein Fenster. Du könntest Helen Keller sein, und es trotzdem sehen. Sehen und hören, und fühlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin legte sie auf.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Chaos%2C+Unverstand+und+Wahnsinn&quot;&gt;Chaos, Unverstand und Wahnsinn&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-05-28T14:30:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4891837/">
    <title>white light white light alcohol white light</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4891837/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Solange ich denke, dreht es sich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welt. Kopf. Erinnerung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist das Restalkoholblut in meinen Gedanken. Wie ein Lachen, das man mit der Hand wegwischen will, und das natürlich trotzdem bleibt. Habe ich gerade wirklich, -- &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eindrücke. Ausdrücke. (Wenn ich sitze, wanke ich). Suchend tippeln die Finger über mein Gesicht, aber sie finden nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Fünf Stunden Schlaf sind fünf Stunden zu viel&lt;/i&gt;, denke ich, und schmecke nichts als Ödnis in meinem Mund. Warum ist eigentlich meine Kleidung verkehrt herum? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erinnere dich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gestern saß ich also auf einer Party, oder nein: &lt;i&gt;Party&lt;/i&gt; ist zu viel gesagt. Es waren sieben Leute auf einem Balkon in Friedrichshain, - und Bier, viel Bier für Le Mo und mich, und im Grunde auch recht viel Bier für das Chaosmädchen, aber nicht genug, um den Film zu zerreißen. &lt;br /&gt;
Ich erinnere mich in einer Art überschnappender Deutlichkeit. An das Zusammenklappen meiner Beine auf dem kleinen Balkon, und an Nennen-wir-sie-Maude, die links, - links rechts links?, - von mir saß, und lachte, und auf Spanisch in ihr Telephon brüllte, und trank, und lachte, und lachte, und. Trank. Ich erinnere mich an den BWL-Studenten, und an den anderen, der der Andere bleibt, weil ich schon viel zu betrunken war, als sie sich vorstellten, um mir irgendetwas anderes als ihre Gesichter zu merken, die sich, wenn es sich denn ergab, nur dann zu mir drehten, wenn es ums Aufstehen und Bierholen ging. (Oder um den Zaubertrank, der nach Amaretto und Sommerfrüchten schmeckte). So im Nachhinein. Ich denke, die zwei konnten mich nicht leiden, denn immer wenn ich mit Nennen-wir-sie-Maude sprach, verstummten sie, hörten kurz zu, und tuschelten dann. (Besonders aufgefallen ist es mir bei dem Wort &lt;i&gt;Philosophie&lt;/i&gt;, das ich im Zusammenhang mit meinem Studium in Tubinga erwähnte). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem, ... &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte mir für den Abend fest vorgenommen, betrunken zu sein. Unreif und kindisch betrunken, &lt;i&gt;volltrunken&lt;/i&gt;, ich wollte blind werden, und torkeln, und dann auf einen hochwertigen Teppich kotzen, aber es blieb nur beim Taumeln und Lachen. Tatsache ist: Ich gehöre zu den Menschen, die, wenn sie betrunken sind, eine Art Normalität erreichen. Ich kann dann ungezwungen reden, ohne dabei redselig oder aufdringlich zu sein, (Blei löst sich nicht in Alkohol auf), und bleibe zum größten Teil, so wie ich bin, werde also weder emotional, noch unmündig. Alles, was ich verliere, ist meine introvertierte Schüchternheit; ich werde also nicht sofort allzu zynisch, beleidige niemanden wahllos, und bleibe vor allen Dingen bei Verstand. Ich weiß, wann Schluss ist, wann ich an der Grenze zur Kontrolllosigkeit stehe, und in welchen Fällen ich diese überschreiten kann. (Was natürlich auch nichts weiter ist als eine Form der Kontrolle). &lt;br /&gt;
Je nach Gesellschaft werde ich, was ich sein muss. Das klingt vielleicht zwanghaft, aber so ist es nicht gemeint. Reden, wenn zu reden ist, und schweigen, wenn es das Reden erlaubt. (Daraus könnte man eine Devise machen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie auch immer. &lt;br /&gt;
Le Mo und ich tauschten stumme Blicke über die Kommentarfeldfunktionen der Anwesenden, - die Marquise d&apos;O. bspw., die nett wirkte, ohne dabei nett zu sein, oder die zwei Kerle, die Nennen-wir-sie-Maude mit einer prophetischen Weltuntergangsstimme, die trotzdem versucht war, so beiläufig wie möglich zu klingen, als schwul outete. Ich weiß nicht wieso, (es wirkte so zusammenhangslos); sie hatte es möglicherweise getan, weil ich irgendeinen Satz vor mich hingesagt, oder sie mit einem Blick, - einem bestimmten, - angesehen hatte, aber sie sagte es so, als müsse sie sich für das Verhalten der zwei entschuldigen, und als sei das Wort &lt;i&gt;schwul&lt;/i&gt; dabei die Entschuldigung schlechthin. Happy gay people. Ich nickte nur, und sagte vielleicht: Das ist mir völlig egal, oder auch: Damit hab ich kein Problem, - was beides nicht der Kern meiner Gedanken gewesen wäre, aber schlicht lässiger über die Lippen ging. Was kümmert mich die Sexualität von zwei Menschen, die ich erst vor wenigen Minuten kennengelernt habe? &lt;br /&gt;
Ich dachte noch darüber nach, als Marquise d&apos;O. schon längst verschwunden war, - &lt;i&gt;um sich zu waschen&lt;/i&gt;, wie sie sagte, und für einen Moment wünschte ich mir, sie hätte etwas ganz und gar Etikettiertes gesagt, wie: Ich pudere mir mein Näschen, doch die Marquise d&apos;O. war eher einem pragmatischeren Charakter zu zuordnen, denn sie fragte schon zu Beginn, ob wir nicht etwas zu rauchen hätten, und als keiner bejahte, schon leicht angepisst erwiderte: &lt;i&gt;Ich dachte, ihr hättet Kiffer eingeladen&lt;/i&gt;, - und Le Mo und ich übelst Biernachschub orderten. Ich dachte darüber nach, wie seltsam es ist, dass heutzutage das Outing eines Menschen (gerade durch einen anderen Menschen) immer noch nach Aufmerksamkeit verlangt. Wen interessiert eigentlich, wer welche Sexualität hat? Wen interessiert, ob der Kerl mit anderen Kerlen oder doch eher mit Frauen schläft, wo doch weder das eine noch das andere etwas über seinen Charakter aussagt, über das, was ich &lt;i&gt;Seele&lt;/i&gt; nenne? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich konnte sagen: Sie haben sich über mein bisheriges Studium brüskiert (seit wie vielen Jahren warte ich darauf, dieses Wort sinnvoll in einem Satz zu benutzen?), und zwar mit einer Art, die mich wütend machte. Also sind sie möglicherweise kein Gespräch wert. &lt;br /&gt;
By the way. Wie oft musste ich meinen Studiengang gegenüber anderen verteidigen, egal aus welchen Gründen? Wie oft musste ich mir anhören: &lt;i&gt;Philosophie und Französisch? Toll, und was macht man später damit?&lt;/i&gt; Und wie oft wollte ich sagen: Was? Du Vogel, was fängt man mit dem Wissen an, das man sich im Leben aneignet? Was resultiert aus dem Studium der Philosophie anderes als ein kritisches Verhältnis zu sich selbst und der Welt? Als die Fähigkeit, abstrakt zu bleiben, zu relativieren, zu pathetisieren, Kind zu bleiben, ohne kindisch zu sein? Natürlich hat es seine Nachteile, das hat jeder Studiengang, aber mit welchem Recht wird Philosophie heutzutage degradiert? Gerade die Philosophie, die Jahrhunderte lang Keimzelle für anderes war? &lt;br /&gt;
Ich war unglücklich, mit der Philosophie Tubingas, ja. Und ich mochte die meisten Studenten nicht, weil sie gerade ins andere Extrem glitten. Aber wie ich da so auf dem Balkon saß, und den abfälligen Blick der beiden sah, da spürte ich so etwas wie trotzigen Stolz in mir auflodern. Ja. Ich war &lt;i&gt;stolz&lt;/i&gt;, es zu studiert zu haben, &lt;i&gt;stolz&lt;/i&gt; auf Tubinga, mein Dänemark, das mir zwei Jahre lang Heim war, nie Zuhause oder Heimat, aber Heim, und auch wenn ich dem entflohen bin, - ich war stolz darauf. Ich habe es in meinem Studium weiter gebracht als andere, und ich habe den Studiengang nicht abgebrochen, weil ich es nicht geschafft hätte, sondern weil ich mit der Umgebung unglücklich war. Welche Risiken ich eingehen, und welche Opfer ich bringen musste, - das war diesen Vollpfosten doch überhaupt nicht klar. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte ihnen dafür aufs Maul hauen können, für ihren Blick und ihr Tuscheln, das für einen Charakterzug spricht, der mit meinem kollidiert, aber doch nicht für ihre Homosexualität. Ich hätte sie über das Balkongeländer werfen können, weil sie mich in diesem einen Moment geringschätzten, weil sie mich in eine Schublade pressten, in ein bestimmtes Weltbild, in dem Philosophiestudenten nichts wert sind, und nicht, weil sie mit Kerlen ficken. (Dabei erscheint es mir so paradox, wie intolerant Menschen sind, die selbst mit Intoleranz zu kämpfen haben). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich versuchte trotzdem höflich zu sein. Höflich, aber unverbindlich. Ich konzentrierte mich auf Nennen-wir-sie-Maude, und auf das Chaosmädchen und Le Mo, - das war schön, so wie es war. Und vielleicht ist es die Wirkung des Restalkohols, der mir beim Schreiben dieser Zeilen immer noch durch die Adern fließt, aber ich habe jetzt, so im Nachhinein, das Gefühl, dass ich nicht nur neue Menschen, sondern etwas an ihnen und mir selbst kennenlernte. Etwas, das vielleicht mit Respekt zu tun hat, und mit der Selbstverständlichkeit der Toleranz, mit Stolz (und Vorurteil, ha!), und jeder Menge Bier. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, ein Hamster spielte noch eine Rolle. (Ich möchte ihn, nein: sie, - es war nämlich eine sie, - wie eine Hauptrolle in einem Bühnenspiel erwähnen: Henriette, - so hieß sie wirklich, - die Hamsterette). Keine wesentliche Rolle, zugegeben. Sie war nur für die Musik zuständig, (andere gab es keine). Und für die Szene mit der Marquise d&apos;O., die, als dieses riesige Tier auf ihrer flachen Hand saß, plötzlich aufschrie: &lt;i&gt;Ich glaube, es hat mich angekackt.&lt;/i&gt; Sie ließ es unbemerkt von allen anderen in den Käfig zurückfallen, wo es dann entsetzt quiekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also: die Hamsterette, nicht die Marquise d&apos;O. &lt;br /&gt;
Wobei. Es hätte auch anders herum sein können.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Chaos%2C+Unverstand+und+Wahnsinn&quot;&gt;Chaos, Unverstand und Wahnsinn&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-27T08:40:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4503723/">
    <title>Mittelpunkt.</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4503723/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Es gibt den Atem nicht mehr, der uns wegbleiben könnte. &lt;br /&gt;
Oben: Sonne. Himmel. Universum. Unten: Gras. Erde. Mittelpunkt der Welt. &lt;br /&gt;
Dazwischen stehen wir. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Teil 3. &lt;br /&gt;
Ich schütte mir ein Übermaß an Weizenpops in die Müslischale, und kippe dann die Milch daneben; auf dem Weg zur Couch verliere ich links und rechts noch ein paar Einzelteile, und grinse schief, - entschuldigend, - und belasse es dann aber auch dabei. Ich hab&apos;s mir so ausgesucht. Was sollte ich bereuen, was bedauern? &lt;br /&gt;
Ich setze mich zu euch, genau in eure Mitte, und fange gleich damit an, überhäufte Löffel in den Mund zu schieben. (Das Schmatzen verkneife ich mir ausnahmsweise). Ist &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; das Leben? Ein Gefühl von &lt;i&gt;du&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt;, von &lt;i&gt;ihm&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt;, von &lt;i&gt;allen&lt;/i&gt;, die im selben Raum sitzen, - sich kennen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jedem wäre etwas zu sagen, ... &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist eine, die backt gerne Kuchen, obwohl sie sie nicht mag; sie trinkt gerne Zitronensaft, - selbst den sauersten, - und lacht darüber ganz gelassen, sobald man den Mund verzieht, - sie verzieht ihn nicht; sie hält sich nicht für klug, und nicht für stark, obwohl sie beides ist; sie sagt, sie hätte so Mühe mitzuhalten, mit der Welt, und den Menschen um sie rum, dabei dreht sie die Welt, und die Menschen, ganz beiläufig bei jeder ihrer Bewegungen ein Stückchen mit. (&lt;i&gt;Was ist das Nichts, wenn es doch nur ein Gedanke ist?&lt;/i&gt;). Sie ist ehrgeizig, ohne dabei verbissen zu sein, denkt pragmatisch und spirituell, und zweifelt manchmal ohne Grund. Vielleicht steht sie tatsächlich nie still, mit ihrem Ebenholzhaar und der schneeweißen Haut; vielleicht lässt sie sich immer so viel Zeit wie sie braucht oder nimmt sich mehr als sie hat, redet über Gott und die Welt in einem Atemzug, und unterbricht dich am Telephon mitten im Satz, weil sie dringend auf die Toilette muss. Vielleicht ist sie aufbrausend, vielleicht verzeiht sie nur langsam, ohne die eigentliche Schuld je zu vergessen, vielleicht auch nicht. [Sie bleibt ein Geheimnis, im Unverstand]. &lt;br /&gt;
Da ist eine, die vergisst, das Licht zu löschen, sobald sie einen Raum verlässt; sie kann Kaffeeflecken auf weißen Teppichen hinterlassen, ohne zu wissen, warum; sie braucht ihren Bierschinken zum Frühstück, und eine Packung Zigaretten nach einem Film, in dem die Schauspieler rauchen. Sie hält an Ampeln, obwohl sie nicht an sind, und fährt dann schließlich bei einer anderen bei rot; sie kann dich anrufen, ohne etwas zu sagen, kann mit dir lachen, ohne den Grund zu kennen. Sie ist vergesslich, und schusselig, und schlägt sich die Zehen am Türrahmen blau; sie kann reden, ohne zu atmen, und zwei Sekunden später werden ihre Augen glasig und sie ist plötzlich nicht mehr hier, sondern in ihrer eigenen Welt. [Sie träumt sich fort, wann immer sie es braucht]. Mit ihr kann man sich streiten, ohne zu streiten, schweigen, ohne zu schweigen, Welten schaffen, die sich in den Worten verlieren; ganz rational, ganz Naturwissenschaften, mit einem Kopf voller Sterne, und einem unbeständigen Wollen. [Sie ist das Chaos, das das Leben ausmacht]. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist einer, der nimmt sich alles zu Herzen, was man ihm sagt; er trinkt seinen Kefir, und kann nicht alleine sein, weil sein Kopf sonst Unwucht kriegt; er ist loyal, vielleicht sogar bis zum Tod, und rastlos; er könnte Bücher füllen, - seitenweise Leben zwischen den Zeilen, - wenn er mehr riskieren würde, aber er tut es nicht, - und ja, vielleicht ist das auch ganz okay. [Man muss nicht immer was riskieren]. Er ist ganz direkt, und lässt sich selten über den Mund fahren; vielleicht wirkt sein Verhalten auch mal ruppig, - dann, wenn er zu der Frau an der Kasse nicht &lt;i&gt;Hallo&lt;/i&gt; sagt, wenn er ihr keinen &lt;i&gt;Schönen Tag&lt;/i&gt; wünscht, sondern ihr das Kleingeld in die Hand drückt und seine Ware vom Fließband nimmt, weil er denkt, es wären nur oberflächliche Phrasen, denen keiner echte Bedeutung schenkt, - und vielleicht hat er Recht damit. Er hat einen Hunger, dem selbst die ganze Welt nicht gewachsen ist, und viel zu oft Sorgen, die keine sein müssten. Er lebt in einer Stadt, die alles sein kann, - Mutter, Schwester, Hure, Heilige; eine gleichgültige, grausame Alte, ein junges gedankenloses Mädchen, - und vieles ist eines, in seinem Herzen, - vieles, was unausgesprochen bleibt; und sei es nur das Absitzen der Wartezeit mitten in der Nacht an einem Bahnhof, oder das Abreißen von Schildern in einer Seitenstraße, - eine Flut von Erinnerungen an ein endloses Leben, das der Tod nie bekommen hat. &lt;br /&gt;
Da ist einer, der ist wunderschön, und zerbrechlich, und wenn er seine Kreise auf dem Eis zieht, ist die Welt ganz plötzlich schwerkraftlos; er beschäftigt sich mit leblosen Kleinigkeiten, denen er mit einem einzelnen Blick Leben einhaucht, und oft sieht er es als einziger, - dieses kleine Etwas, dieses pulsierende Alles, ein Herz, das auf der Zunge liegt, - und er hört als einziger die Vögel durch den Straßenlärm, die morgens den Tag besingen, die abends rotglühend am Firmament verbrennen, und dann sieht er auf, sieht durch die Tropfen an der Fensterscheibe eine neue Stadt, eine neue Ferne, in die er ziehen kann, und er geht davon. Mehr denn je ist er ein Nomade, ein ruheloser Geist, der von einem Catwalk zum anderen läuft, und dabei nie wirklich ankommt. Er lächelt, und die Sonne geht auf; er weint, und die Welt steht still. Er ist egozentrisch, er ist in sich selbst verliebt, er verletzt andere, ohne es zu merken, - er ist wie ein Kind, das staunt und sich freut, und weint und lacht, und niemals wirklich erwachsen wird. Dabei ist er so oft allein, einsam in einer Welt aus Schall und Rauch, in der sich die Menschen nur mit Haut und Muskeln beschäftigen, mit idealen Proportionen, mit Maßen, - und nicht mit dem Menschen, der darunter steckt. [Er ist der letzte Romantiker]. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sind so viele, die sich in einem Telephonat, in einem e.Mail, in einer Kurznachricht mit mir verhaken; sie sitzen irgendwo, am anderen Ende der Welt, und erzählen mir von ihrem Leben. Da ist es die Schweiz, dort ist es Shanghai; es ist Südamerika, New York City, Indien. Sie zeigen Bilder, sagen: &lt;i&gt;Hier bin ich&lt;/i&gt;, und fragen: &lt;i&gt;Wo bist du?&lt;/i&gt;, und melden sich irgendwann wieder, weil sie etwas Heimat brauchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jedem wäre etwas zu sagen, aber der Platz reicht nicht aus ...  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist ein blondes Mädchen mit einem englischen Namen, und sie lacht so gerne, obwohl sie viel zu selten was zu lachen hat; da ist einer, der sich taumelnd von einer zur anderen verliebt, ohne je einen Namen zu kennen; einer, der sich zugrunde richten will, weil er das Lebenswerte nicht sieht, und es trotzdem nicht schafft; einer, der die Frau abbekommen hat, die ich geliebt habe und die Frau selbst, die wie ein Traum von einem Aufwachen zum nächsten huscht. Da ist einer, der kann nie ernst sein, und ein anderer, der immer viel zu ernst ist; ein Zyniker, der gestern was gefunden hat, was ihm heute schon nichts mehr bedeutet, ein Schauspieler, der sein ganzes Leben nur inszeniert, ohne es zu leben. Es sind viele unbekannte Gesichter zwischen ihnen, anonyme Menschen mit Pseudonymen, die mir ihr Leben in Portionen reichen, und die mich manchmal tagelang begleiten, - schon seit Jahren. Da sind neue Freunde, die sich zu den alten setzen, und sie reden und lachen und weinen und verschwinden manchmal für ein paar Sekunden, manchmal auch für immer, und ich sitze dort, in diesem Zug, und sehe sie aufstehen, sehe die Plätze leer werden, und sehe sie wieder besetzt, und manchmal bleibt das alles unerreichbar für mich hinter den Fensterscheiben zurück, hinter den Erzählungen anderer, hinter meiner Erinnerung. Und dann bin ich dankbar, für einen Augenblick. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für ein Glück, mit ihnen dieselbe Zeit zu teilen. &lt;br /&gt;
Was für ein Glück, sie getroffen zu haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lehren mich alle verschiedene Dinge. Jeder von ihnen, die mich begleiten und begleitet haben, hat einen Platz, eine Fuge, eine Berechtigung, - selbst die, die mich enttäuscht, die mich verletzt, die mich schlecht behandelt haben. Es wirkt wie esoterische Gefühlsduselei, aber wer gibt dem Leben seine Bedeutung? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fuck, das Leben ist &lt;i&gt;so&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
Und es geschieht in jeder Sekunde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;font size=&quot;1&quot;&gt;zugegeben: das war jetzt mal so richtig pathetisch.&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Chaos%2C+Unverstand+und+Wahnsinn&quot;&gt;Chaos, Unverstand und Wahnsinn&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2007-12-03T17:40:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4283043/">
    <title>bruised</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4283043/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;&lt;i&gt;Es passiert. Ständig passiert es.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sind die Zellen, die morgen früh im Staubsaugerbeutel verschwinden, und unter dem Wasserstrudel, der in dem Duschkopf, aus dem Duschkopf, um den Duschkopf herum, - alles, alles! Verstehen wegwischt, auslöscht, tilgt und bis ins letzte verrostete Rohr der Kanalisation bläst. Dorthin, wo alles Seiende Vergebung, -- nein: Vergessen findet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Absolution&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei ertrinke ich; ertrinke in dem Bisschen Wirklichkeit, das beim Augenaufschlag über mich brandet, mich mitreißt, raus, hinaus, aufs Meer. Zwischen die Wellen und die Leere, in dieses ständige Auf und Nieder. &lt;i&gt;Es ist zu viel. Und es passiert.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich reiche mich in einem schwammigen Handschlag weiter, &lt;i&gt;Guten Tag, ich bin&lt;/i&gt; [Hier Namen einsetzen]. &lt;i&gt;Aha, wie interessant. Dein Herz schlägt schneller als meins.&lt;/i&gt; Meins. Deins. Die Hand rutscht wieder aus der Verankerung, und findet eine neue Hand. Auch hier wird geschüttelt und sich aneinander gerieben, bis die Fingerspitzen den Saum des Ärmels berühren und schließlich in den Hosentaschen verschwinden. Dann stehen sie beide vor mir, der junge Mann und die junge Frau, und in dieser Begegnung liegt ein bisschen Fremdheit. Dabei saßen wir schon beieinander, - morgens, mittags, nachts, - schliefen in denselben Betten, aßen von denselben Tellern, teilten ein paar Tage die Mansarde über den Dächern dieser Stadt. Das bist du. Ich kenne dich. Nur hast du mal anders ausgesehen. &lt;br /&gt;
Meine blauen, - blauen (!), - Augen hüpfen über dich, eilig, flüchtig, wie der Wind will ich dich ansehen. Doch ich schrecke zurück, säe stilles Seufzen in den Wipfeln, und verharre in kaltem Schweiß auf meinem Rücken. Das bist nicht. Du: Deine Schlüsselbeine ragen, knochig wie sie sind, aus deiner Haut heraus. Dieser Bronzehaut. Italienerhaut. Und ich zähle Rippen, - eins, zwei, drei, vier: alles will versteckt sein, nur bei dir ragt alles, sticht alles, es tut weh. Dein Gesicht ist zerbrechlich geworden, schmal und hohlwangig; deine grünen, - grünen (!), - Augen wirken von Schatten verschleiert, dunklen Halbmonden gleich, die niemals zur anderen Seite werden, niemals vollständig, niemals hell, und du wirkst so traurig, so resigniert, obwohl du lächelst. Deine Arme, Arme? Muskelstränge klebend an Knochen, Knochen! Die Knochen deiner Arme umfassen mich, ich drücke ein Skelett, das unter meiner Hand zerbricht, und es tut weh, schmerzt mir, denn ich spüre jede Rippe, jede verbliebene Faser, jeden Nervenstrang, der unter deiner Haut vibriert, und ich weiß nichts. Nichts zu sagen, zu denken, zu tun. Ich starre dich an, aus meinem Gehirn heraus, starre ich die Materie an, die dein Gehirn umgibt, und ich möchte deinen Verstand fassen, deine Seele, &lt;i&gt;brainstew&lt;/i&gt;, meinetwegen, ich möchte dich fassen, aber es sind nur noch Knochen da. &lt;i&gt;Ich berühre den Tod&lt;/i&gt;, denke ich, und erschrecke über meine eigenen Gedanken. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du sagst, du seist endlich in Hamburg genommen worden, aber in Paris sei es jetzt sehr schön. Du sagst, das mit dem Modeln wird immer ernster, und du warst sogar im Fernsehen. Dir geht es gut. Sagst du. Und nickst bekräftigend mit dem Totenkopf, auf dem die Erinnerung deines Gesichtes liegt. Du sagst sehr vieles, - auch, dass es so viel zu sagen gäbe, - aber in Wirklichkeit bleibt alles stumm. Also stehen wir uns gegenüber, auf dieser Straße, und im Hintergrund rauschen die Autos, rauscht Weiß und Rot zu Fäden zerronnen, und grell: das Leben. Nur ich stehe still. Herzschlag trifft Atemnot. In genau diesem Augenblick bricht es über mich herein. Die Erkenntnis, das Bewusstsein: das kappende Gefühl der Kontrolle, der Lebendigkeit; die Ungewissheit, die wie ein Faustschlag alles zu Brei zerschlägt: &lt;i&gt;Nichts bleibt.&lt;/i&gt; Ich schnappe nach Luft, doch sofort schießt das Wasser herbei, Wasser, tonnenweise, flutenreich, alles in einem ohrenbetäubenden Kreischen, wie Metall tost und bricht es, die Front von tausend Metern Höhe, gekrönt von weißer Gischt, die sich selbst verschlingt, und ich, als kleiner Punkt davor, ich stehe da, und schnappe nach Luft, nach einem rettenden Gedanken, nach einem Wort. Doch ich ertrinke. Rudere mit den Armen. Aber es nützt nichts. Es reißt alles fort. Ich. Verliere. Mich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du gibst die Hand zum Abschied, nach sieben Stunden Stillstand gehst du weg, und im Straßenlicht verklingt das Lachen deiner Freundin. Bis in zwei Wochen, sagst du. Ich komme dich besuchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich setze mich in das kleine Café, bestelle einen Cappuccino, und frage mich entsetzt, was ich tun kann. [Nichts]. Ich löse mich an den Rändern auf, während ich an der Tasse nippe, riesle als Asche und Staub zerstäubend durch Hohlräume, Weltenräume, Megapixelzoom. [Im Hintergrund: statisches Rauschen mit Hochfrequenzen]. Als Sand im Getriebe, als fallender Putz von Häuserwänden, - es passiert. Ständig passiert es. Und ich kann nichts dagegen tun.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
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    <title>Über eine Hochzeit.</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4233721/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Eine Erinnerung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit mir selbst verschlungen sitze ich in einer der hintersten Reihen, und starre apathisch auf das Kreuz; das Kreuz und Jesus, die Ikone des Todes. Ich sitze tatsächlich in einer. Da schiebt sich die Orgelmusik in das geräuschvolle Tuscheln der Menschen, überdröhnt dann schließlich gekonnt alle weiteren Möglichkeit des Denkens und ertränkt uns alle in Ehrfurcht. [Oder zumindest alle anderen; ich bekomme Kopfschmerzen]. Es nieselt draußen, und der Wind bläst durch das uralte Gebälk, - beides bleibt mir &lt;i&gt;Gott sei Dank&lt;/i&gt; die meiste Zeit in Erinnerung, denn meine Schuhe sind nass, und meine Augen tränen leicht. [Das fasst die alte Dame neben mir im ersten Augenblick als &lt;i&gt;Rührung&lt;/i&gt; auf, reicht mir ein Taschentuch und beginnt so einen Satz wie: &lt;i&gt;Jaja, selbst die stärksten Männer werden weich&lt;/i&gt;. Ich halte waghalsig mein Erbrochenes zurück, und werfe ihr einen bösen Blick zu, der sie zum Schweigen bringt. Böse, aber immerhin nicht unnötig unfreundlich. Arme alte Frau]. &lt;br /&gt;
Während sich das Blumenmädchen, - ein kleines dickes Mädchen mit linksseitig beklebter Brille, die mehr schlecht als recht ihre weißen Blümchen im Mittelschiff verstreut, - so von Reihe zu Reihe stolpert, frage ich mich, was ich hier mache. Hier. Das ist die Kirche, das ist diese Hochzeit von Yadé und ich sitze auf Seiten der Braut. Alles ganz klassisch. Ich mitinbegriffen. Ganz in schwarz, sogar mit Krawatte, und ein bisschen Pomade im Haar, weil man meinte, es würde sich gut machen, dabei fühle ich mich überhaupt nicht gut; mir ist, als sitze ich tatsächlich auf einer Beerdigung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist meine erste Hochzeit. &lt;i&gt;Und hoffentlich die einzige&lt;/i&gt;, setze ich in Gedanken dazu, als meine Blicke wieder auf Jesus zurückfallen. Der hängt da, und hält die Augen geschlossen. [Ja, besser ist das]. Jesus. Der Name hallt, wenn man ihn seufzend ausspricht, aber die Orgel hinterlässt nur Hall in meinem Kopf. Dabei überlege ich stur, während sich vorne der Priester, - ein spindeldürrer Herr mit Brille und Aknenarben, - in Position bringt: Warum hat sich die Kirche eigentlich den sterbenden Jesus ausgesucht, den Gekreuzigten, und nicht ein Symbol seines Lebens? Jesus sollte Lebendigkeit sein, Überschwang, meinetwegen auch Liebe, alles, - stattdessen nun eine Ikone des Todes, des Leidens, der Schuld. Je länger ich auf den Holzleib starre, desto bewusster wird mir, wie sehr ich die Kirche hasse. Die katholische. Die Institution. Nicht so sehr den Glauben, nicht einmal das Neue Testament, oder all das, wofür die christliche Lehre steht, sondern nur die Konventionen der Männer, die alles einzwängen, wovor sie Angst haben; die alles gefangen nehmen, was ihr beschränkter Geist nicht versteht; die das Leben und vor allem ihren Glauben betrauern, anstatt ihn zu feiern. [Das ist ein tiefer Hass]. &lt;br /&gt;
Also rutsche ich unruhig hin und her, und frage mich, wo die Braut bleibt. Sie verspätet sich um ... was? fünfzehn Minuten? Das ist typisch. Meine Blicke fliegen wieder durch die Kirche, und ich bleibe irgendwo weit vorne hängen. Genauer gesagt: ich mustere geringschätzig den Bräutigam, einen Mitzwanziger mit Eisblumen anstelle von Augen, und einem Lächeln, das Sehende erblinden lässt. [Um in der Kategorie &lt;i&gt;Wunder&lt;/i&gt; zu bleiben]. Ich mustere ihn genau; seine breiten Schultern, seine breite Brust, seine Handgelenke, ich bleibe immer wieder an seinen Lackschuhen hängen, in denen sich das Kerzenlicht bricht [und Brechen ist überhaupt &lt;i&gt;das&lt;/i&gt; Stichwort]. Er trägt seine Haare so, wie es gerade &lt;i&gt;in&lt;/i&gt; ist, und tatsächlich: der schwarze Emoschnitt steht ihm. Er sieht auf die Uhr, und scherzt mit dem Priester, - beide lachen sie, - und ich frage mich wieder, wo ich hier bin. Ja, die Kirche. Das hatten wir schon. Vielleicht sollte ich präzisieren: &lt;i&gt;Warum&lt;/i&gt; bin ich hier? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da gibt es nur ein Lösungswort: Yadé. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch der Name hallt sogar, wenn man ihn seufzend denkt; also nochmal: &lt;i&gt; Yadé&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist der einzige Grund meines Daseins in dieser Kirche, bei dieser Hochzeit, in diesem Bekanntenkreis, den ich eigentlich zurückgelassen hatte, wie ich alles von damals irgendwie zurückgelassen habe. [Oder genauer: ich habe mir ausgesucht, was ich mit auf Reisen nehme]. &lt;br /&gt;
Ich habe Yadé vor mittlerweile drei oder sogar schon vier (?) Jahren auf einer kleinen privaten Party getroffen, und mich mehr oder weniger sofort in sie verliebt. [Damals ist mir das nie bewusst geworden, oder ich habe es die meiste Zeit selbst nicht verstanden; Jungs sind die meiste Zeit ihres Lebens merkwürdig und unreif, - selbst dann, wenn sie ins Erwachsenenalter rutschen und sich &lt;i&gt;Männer&lt;/i&gt; nennen, bleiben sie im Herzen doch die Jungs, die in [dann stillen] Taumel ausbrechen, wenn sie eine nackte Brust sehen, - und so habe ich wahrscheinlich die Art von Ungewissheit gestammelt, die mir auch heute noch das ein oder andere Mal den Kopf schwer macht. (Eine Unsicherheit in Punkto &lt;i&gt;Beziehungsfähigkeit&lt;/i&gt;).] Sie hatte diesen Pagenschnitt, und roten Lippenstift, und sie lächelte entrückend ansteckend. Ihre grünen Augen wurde zu meiner Obsession, ihre schmalen Hände zu einem Laster, und alles, ihr ganzes Gesicht, - orientalisch, aber europaisiert: schmale Augenbrauen, bronzene Haut, und eine Nase zum Verlieben, - berührte vergessene Ideale. Sie wirkte auf den ersten Blick wie eine Diva, - eine Diva aus den alten Tagen Hollywoods vielleicht. [Da steckte ein Bisschen &lt;i&gt;Taylor&lt;/i&gt; in ihr; zumindest in manchen Momenten, in denen das Theatralische freilag].  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yadé war für mich das, was mir gefehlt hatte: Ein Eimer kaltes Wasser am heißesten Tag des Jahres. Also ein Schock für das Herz, - oder fast: ein Herzinfarkt, - aber eine ungeahnte Erfrischung. Sie hatte das Talent, innerhalb kürzester Zeit alles auf den Kopf zu stellen, an was ich in meiner Beschränktheit hing; sie hat mich gleichsam entführt und aus allem anderen entkommen lassen. Sie hat mir ein Stückchen Freiheit auf die Zunge gelegt und gesagt: &lt;i&gt;Genieße es. Es könnte das letzte Stückchen sein&lt;/i&gt;. Sie war chaotisch in ihren Liebschaften, irgendwie geheimnisvoll in ihren Andeutungen, aber immer bezaubernd; sie wollte das Leben, sie wollte es reiten und missbrauchen, und dann mit sich erneut versöhnen. Sie konnte mich mitten in der Nacht anrufen und fragen, ob ich jetzt nicht Lust hätte, nackt in einem See zu baden; sie fuhr ohne Führerschein in einem Auto, das ihr nicht gehörte, bis kurz vor Paris, und sagte dann, sie wolle da eigentlich gar nicht [mehr] hin. Eines Abends stand sie mit Fred [unserem gemeinsamen Kumpel, der dann später ihr &lt;i&gt;Freund&lt;/i&gt; werden sollte, - allerdings nur bis zu dem Punkt, als es bei ihm mit den Drogen anfing] und einer Unbekannten in der Wohnung und wollte eine Orgie; sie wollte Kondome mit Erdbeergeschmack, und Handschellen, und danach sprach sie über Dostojewskij und die Herrschaft der Dämonen, oder wollte wissen, welches Buch von Camus mir nun am besten gefalle. Sie wollte alles, am liebsten gleichzeitig, und ohne die kleinste Verschnaufpause. Sie war rastlos, ungebunden, und ich? Ich redete mir damals ein, ich könne sie nie lieben, weil wir beide nicht an die Liebe glaubten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir gingen so auseinander, wie wir zusammengekommen waren: ratlos, neugierig und ohne ein Gefühl der Reue. Es fiel ein eiserner Vorhang über sie, wie auch über mich, und letzten Endes glitt und rutschte alles. Hauptsächlich wir beide voneinander weg. Ich machte mein Abitur, sie fing mehrere Beziehungen an, die mir mein alter Freundeskreis klatschsüchtig weitertrug, [von diesen Freunden trennte ich mich dann nach Paris endgültig]; und dann habe ich lange Zeit nichts mehr von ihr gehört. Naja, bis zu der Einladung zu ihrer Hochzeit. [Da fiel mir auf Anhieb nichts mehr ein; ich kann es ja eigentlich bis heute nicht fassen: ausgerechnet &lt;i&gt;sie&lt;/i&gt;, die Ungebundene, die Rastlose, - sie heiratet?]. Naja. Das damals war eine andere Welt, und wir alle verändern uns; meist auch unwissentlich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann geht die Türe plötzlich knarrend auf, bringt wirbelnd kalten Wind, und sie kommt rein. [yes, and here comes the bride]. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit kleinen Schritten geht sie an mir vorbei. Sie rafft ihr schwarzes Kleid, zupft hier und da an dem schwarzen Schleier, [er ist an einem kleinen Hut befestigt] und mit dem Gothik-Look, den der Nieselregen auf ihrem Gesicht hinterlassen hat, und ihrem Lächeln, das alles, gar alles wieder wettzumachen scheint, was zwischen uns vorgefallen ist, da denke ich daran, dass es tatsächlich Dinge gibt, die sich nie ändern werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie und ich, wir sind die einzigen Gäste auf dieser Beerdigung. &lt;br /&gt;
In schwarz und nass. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Rest feiert eine Hochzeit.&lt;/p&gt;</description>
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    <title>Elementarteilchen: Chaos und Wahnsinn, Pt.1</title>
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    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;&lt;i&gt;Kurznachricht an das Chaosmädchen. 12:35 Uhr, Berlin.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
Wir haben das seltene Glück, dieselbe Zeit &amp; denselben Ort miteinander zu teilen. Wir sollten glücklich sein. Wir sollten vergessen, was wir verlieren, - sei es die Zeit, den Verstand oder die Kontrolle. Letztlich ist das alles überhaupt nicht wichtig. Nur wenn wir zeitlos leben, sind wir im Augenblick lebendig, erst wenn wir den Wahnsinn schmecken, erkennen wir die Wirklichkeit &amp; ein Moment ohne Kontrolle bedeutet ein Leben voller Möglichkeiten. Ich denke, wir sollten das endlich lernen. Oder was sagst Du?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Kurznachricht vom Chaosmädchen. 15:21 Uhr, Gießen.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
du besoffener, du vom wahnsinn besoffener, gib einer ertrinkenden nicht noch mehr wasser. sie kann doch fast nicht schwimmen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Kurznachricht an das Chaosmädchen. 15:34 Uhr, Berlin.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
Jetzt stell Dich nicht so an. Du brauchst nur einen Tauchschein &amp; sonst nichts. Mehr Wasser ist die einzige Konsequenz für diejenigen, die aufs Meer hinaus wollten. Haha, ja, klingt einfacher als es ist. Trotzdem. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;font size=&quot;5&quot; color=&quot;red&quot;&gt;*&lt;/font&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Chaosmädchen studiert in Gießen Medizin. &lt;br /&gt;
Ich studiere in Tübingen Philosophie und Französisch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir beide sind in unseren Grenzen unglücklich; sie, weil ihr das Studium die Zeit zum Leben raubt, und ich, weil ich Dänemarks Gitterstäben nicht entkommen kann. Wir sehnen uns beide nach der Freiheit, die keine Option ist, kein Ferienhaus am Mittelmeer, oder ein schickes neues Auto; &lt;i&gt;die&lt;/i&gt; Art von Freiheit, die man sich selbst verspricht, wenn man den Umständen einen bläst. Eine absolute Freiheit. [Etc.] &lt;br /&gt;
Trotzdem ertrinken wir nicht in den Möglichkeiten, die uns das Leben zum Trinken reicht. Wir bekommen Wissen als Zuckerguß, den man uns missgönnt. Wir bekommen Probleme mit Mitbewohnern [sie], oder Probleme an der Uni [ich]. Unsere Väter drucken uns das Geld, das wir im Grunde nicht verdienen, und das wir auch gar nicht wirklich wollen. Geld ist für uns nur ein Mittel, - etwas, das wir gebrauchen wie jeden anderen Alltagsgegenstand auch; es ist uns kein Substitut für das, was in der Welt fehlt. Daher sind wir sozial-engagiert. [Hochtrabendes Geschwätz, über das wir im Nachhinein lachen]. &lt;br /&gt;
Das Chaosmädchen und mich verbindet etwas Platonisches, Kosmisches, Altes. Wir sind uns gegenseitig sowohl Positron, als auch Elektron; wir sind Elementarteilchen des Wahnsinns und des Chaos&apos;, die in kalten Explosionen detonieren, um kochend in Halbwertszeiten zu zerfallen, um sich in Kernschmelzen neu zu formieren, um wieder zu zerstäuben, - und so kreisen wir bis ans Ende gemeinsam umeinander. Trotz des abnehmenden allgegenwärtigen Kontakts, den die Ferne zwischen uns verliert, bleibt immer eine Gewissheit zurück, die uns sogar in den schlimmsten Stunden daran denken lässt, dass es immer noch den anderen gibt; eine Möglichkeit, eine Vertrautheit, und wahrscheinlich auch eine Form der Selbstverständlichkeit. [Etc.]&lt;/p&gt;</description>
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