Cine-Mania

Dienstag, 20. November 2007

Additional Hours

Es ist 17.15 Uhr. Der Kinosaal Das Kinozimmer ist im Grunde leer, wären da nicht der junge Mann zwei Reihen hinter mir und ich, - und unser kleines zerbrechliches Schweigen, das von seinem Nasehochziehen ab und zu recht geräuschvoll unterbrochen wird, oder von dem reibenden Stoffgeräusch, das entsteht, wenn ich wieder meine Arme und/oder Beine neu zu justieren versuche. (Meist mit dem Resultat, dass ich noch viel mehr verkrampfe, like ever).
The 11th Hour läuft zu beschissenen Uhrzeiten an beschissenen Tagen, nichts mit Kinotag-Lifestyle, nichts mit Happy Hour; stattdessen reißt die Kinotusse mit einem völlig überzogenen angepissten Gesichtsausdruck das Bisschen Papier von der Karte und weist mich mit dem ausgesprochen sinnfreien Ratschlag: Kino 2 (vor dessen Toren ich bereits stehe) beinah schon passiv-aggressiv gerade aus, unfreiwillig komisch dabei. Als hätte ich mich bei drei Schritten völlig verlaufen. Das Kino Lichtspielhaus ist tadellos leer, heute. An einem Dienstag Nachmittag rechnet man ja auch wirklich nicht mit Kundschaft, - schon gar nicht für einen Dokumentarfilm über Umweltzerstörung, und dessen Konsequenz. (etc).

So viel vorab: Mit der Einschätzung, dass The 11th Hour plakativ ist, hatte ich mehr oder minder recht. Schon die ersten eineinhalb Minuten zeigen hastige Zusammenschnitte der menschlichen Geißeln, - Flutkatastophen, Hurrikans, zerstörte und weggeschwemmte Häuser, leidende Menschen, Tiere, - dann folgen zwischengeschnittene Sequenzen von Wissenschaftlern, Umwelt-Aktivisten, und sonstig Engagierten. Bei manchen Szenen bekomme ich Gänsehaut, bei manchen Sätzen auch, - seien es nun die Sätze von Stephen Hawkins, oder einem Indianer (dessen eigentliche Tätigkeit oder Identität mir idiotischerweise völlig entfallen ist, - hauptsächlich hat sich sein Indianer-Sein eingebrannt, - und ja, meine Dummheit ist fast schon körperlich spürbar), oder von anderen Menschen, der Friedensnobelpreisträgern Wangari Muta Maathai beispielsweise (sie bekam den Friedensnobelpreis im Jahr 2004), fuck, - selbst von den pathetischen Sätzen eines Leonardo DiCaprios bekomme ich dieses flüchtige Gefühl von Gänsehaut.
Dabei sind es weniger die Fakten, die zusammengetragen werden, - die sind mir zum größten Teil längst bekannt, wenn auch nicht in dieser Darstellungsform, - oder der eigentliche Ton, der angestimmt wird, - verzweifelt, aber irgendwie auch von einem Optimismus geprägt, den man mit Worten gar nicht rational beschreiben kann, - die Gänsehaut machen, es ist mehr das Ganze, das Gefüge. Es ist poetisch, ohne es sein zu wollen. Sowohl in Hässlichkeit als auch in seiner Schönheit.

Ich dachte bisher immer, jeder rationale Mensch müsste die Zusammenhänge verstehen, - die Zusammenhänge zwischen der Verschmutzung der Meere, der Erde, der Luft, und den Auswirkungen und der Balance, von dem Eingreifen der Menschen in ökologische Systeme, etc., - aber als ich es jetzt selbst so sehe, so geballt, so zusammengeschnitten, musikalisch begleitet, mit dem Opus des Todes im Nacken, da habe ich (wieder) begriffen, nichts verstanden zu haben. Oder zumindest nicht vollständig. Es ist ein Stehen am Abgrund; du sitzt vor der Leinwand und es rauscht alles durch dich hindurch, all diese Katastrophen in dieser Dringlichkeit, in dieser allumfassenden Zerstörungswut, - und was ist ein Mensch? Was ist ein Ich? Es ist nur eine Wiederholung dessen, was ich schon damals in der Grundschule gelernt habe, Kreisläufe vom Entstehen und Verfallen des Lebens, und es ist eine Lektion in Demut (der Indianer erfasst es zum Schluss ganz richtig: Dieser Planet hat Zeit, sich zu regenerieren; die Erde hat Zeit die Zerstörung zu überdauern, all die Erosionen, all das Gift, das wir in ihre Venen pumpen, in ihre Gewässer, in ihre Luft, - all die abgeholzten Wäldern werden verschwunden bleiben, aber nach den Wüsten, nach der Dürre, nach dem Ende dieses Lebens wird sie wieder neues Leben bringen, - das Leben auf diesem Planeten lässt sich nicht auslöschen, nicht einfach so, nicht durch eine Hybris, die sie selbst geschaffen hat, - aber der Mensch? Der Mensch hat keine Zeit).

The 11th Hour zeigt mit einer überschnappenden Deutlichkeit die Unverzeihlichkeit des menschlichen Handelns, - und dessen Endgültigkeit. Die Geister, die wir riefen, bekommen wir nämlich jetzt nicht mehr los. (Oder zumindest nicht zum größten Teil). Das, was wir heute Klimawandel nennen, ist mehr als nur eine Worthülse, mehr als die Panikmasche kapitalistischer Großkonzerne, als der Hinweis von weltfremden Interessensverbänden, von Randgruppen (Ökoparasiten, Post-Hippietum), - der Klimawandel wird nicht abgehakt, in dem man sich auf einen sommerlichen Frühling bei 35° Celsius freut, in dem Überschwemmungen mit Spendenmarathons aus der Welt geschafft werden; der Klimawandel ist etwas Unausweichliches, von Menschenhand Beschleunigtes, etwas, das eine lange Kette von Problemen mit sich führt, - Umweltflüchtlinge sind da nur die Spitze des Eisbergs. (Eines Eisbergs, der wegschmilzt).
Was folgt ist das Beharren der Menschen, die Hoffnung nicht zu sehen, - die Möglichkeiten; was folgt ist das Schweigen, gereicht in bunten Tüten. (Auch dieses Jahr werden wieder Menschen Geschenken nachjagen, um etwas zu füllen, was sie nicht haben). Es will niemandem so richtig einleuchten, dass die Beschädigung der Ökosphäre nicht nur eine Beschädigung des Lebens an sich ist, sondern auch eine Beschädigung des Menschen selbst. Das vergiftete Wasser, das Staaten ins Meer pumpen, liegt als Fisch auf unseren Tellern; das Methan aus der Tierzucht löscht die Nahrung aus, die diese Tiere nähren sollte; wir essen ihre Krankheiten, nehmen Verfall und Tod mit Messer und Gabel in uns auf, - aber erkläre das! Steh auf der Straße und erklär es den Menschen, - was werden sie tun? Allenfalls abwinken, allenfalls vorübergehen, allenfalls vergessen. Ist es denn tatsächlich so verklärt zu sagen, dass alles eins ist, - alles Moleküle, Atome, kurzum: Stoffe, die sich vermischen, die sich schon immer vermischt haben, und die sich negieren, wenn sie nicht miteinander harmonieren, wenn die Balance gestört ist.

The 11th Hour entwirft ein Bild einer Zukunft, in der uns die nachkommenden Generationen nicht anschreien, weil wir ihre Gegenwart eben nicht verseucht, weil wir aus unseren Fehlern gelernt haben; es entwirft eine Utopie, für die ich sterben würde, um sie zu erreichen, eine Ordnung, eine Bedeutung für das menschliche Leben, einen Sinn. Es entwirft ein romantisches Bild von Frieden und Harmonie, und es zeigt letztlich auch Menschen, die sich heute, hier, die sich genau in diesem Augenblick dafür einsetzen, - egal auf welchen Wegen. Denn es stimmt: Jeder Mensch hat Fähigkeiten, und sie gilt es zu nutzen. Es gibt genügend Organisationen, genügend Ideen. Investigative Journalisten (die heute ja irgendwie recht selten Arbeiten finden) sind genauso wichtig, ja, entscheidend wie Wissenschaftler, Arichtekten, Ärzte, Menschenrechtler, Musiker, Tierschützer, Ingenieure, Lehrer, Künstler; es gibt kein Talent, dass in einer möglichen Zukunft nicht von Bedeutung wäre.
Nur man darf sich nichts vormachen: auf den Schultern der Menschen lastet heutzutage eine unaufwiegbare Last, eine unaussprechliche Bürde; wir tragen nicht nur die Schuld an unserem Tun, wir tragen auch die Schuld der Menschen, die vor uns lebten. Wir tragen einen Mechanismus in uns, einen Irrglauben, eine Depression, - eine völlig verschrobene Perspektive, - die uns denken lässt, wir seien in der Endgültigkeit gefangen, in der Unveränderlichkeit, in dem kleinen bescheidenen Leben. Kinotussen, die angepisst sind, weil man der einzige Kunde ist; Busfahrer, die einen ankeifen, weil man das Ticket nicht gelöst hat; alltägliche Menschen, die so blind sind und es nicht wissen; Politiker, die die Dringlichkeit nicht verstehen, kurzum: Menschen, die von sich behaupten, das Leben zu verstehen, die Grundsätze und Ziele setzen (und gesetzt haben), die in Wirklichkeit bedeutungslos sind. Es geht um Perspektiven, Denkansätze, Brainstorming. Es beginnt im Kleinen, immer noch beginnt alles im Kleinen, auch wenn es pathetisch klingt. (Ich stehe nach wie vor zu dem Pathos, denn er hält mich lebendig, und zeigt mir ab und zu seltene Momente des Glücks, die mehr wiegen als alles Leid).

Die Kette der Informationen scheint endlos, aber das ist sie nicht; sie beginnt immer bei einem selbst.



[Jeder leistet seinen Beitrag zur Verbesserung, oder zur Zerstörung, - daran glaube ich].



Erste Schritte:
> 11th hour action
> 11th hour page *
> greenpeace
> ipcc page


*Den Tipp bezüglich der Schulvorstellungen an Schulen weitergeben; vielleicht an engagierte Ex- oder Immernoch-Lehrer. Film ansehen, Meinung bilden, weiterempfehlen, darüber reden, - selbst dann, wenn man ihm kritisch gegenüber steht.

Montag, 19. November 2007

1984 vs. me feat. Cinemania

Es stimmt vielleicht. Aus Sternenstaub sind wir, zu Sternenstaub werden wir, - es gibt nur die Unausweichlichkeit des eigenen Daseins, einen Mittelpunkt, auf den sich unsere volle Aufmerksamkeit konzentriert: Ich, Ich, Ich. Aber was tut dieses Ich, was für Schäden richtet es an?

Durch Zufall stolpere ich über einen Trailer, und sauge mich daran fest. Parallelen sind deutlich, - das ist mir schon mal passiert, > An Inconvenient Truth, aber irgendwie will die Wirklichkeit nicht passen, die mich da umgibt. Ich höre in den Medien von dem vierten Sachstandsbericht des IPCCs (hier), und sehe dann als nächstes das Lesbenbekenntnis der Anne Will. Auf der Straße sehe ich die Menschen ihren Müll neben den Mülleimer werfen, sehe Zigarettenstummel auf Rasenflächen, sehe, wie Tauben, Krähen, Elstern sich im Dreck verfangen; zwischen all den Windmühlen ragen die Industrieschlote auf, dazwischen die Autobahnen, und tausende Häuser, Supermärkte, Habgier-Attachments. Japan jagt wieder Wale, und ich fische aus meinem Briefkasten ein Schreiben von den Stadtwerken, in dem es heißt: innerhalb der letzten Wochen und Monate sind die Presie an den europäischen Strombörsen, welche maßgeblich für unsere Stormbezugspreise sind, stark angestiegen. Zusätzlich haben sich die Belastungen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz für Strom weiter erhöht. Belastungen? Eigentlich unfassbar, - das alles.

Ich bleibe an diesem Trailer* hängen, - vielleicht, weil die Bilder so plakativ sind, vielleicht, weil es die Wahrheit ist. Ich kann nichts lustiges mehr daran erkennen, an diesen pathetischen Worten, diesen Bildern, an Liebe und Frieden; ich kann nicht mehr geringschätzig sein, kann nicht mehr die Augenbrauen hochziehen. Panikma(s)che? Vielleicht. Aber es sind immer nur die Menschen, die diesen Worten, diesen Bildern, diesen Inhalten die Bedeutung rauben, - die alles aufrauhen und abnutzen, und verbraucht zurücklassen. Wie viele sind der Blindheit der Menschen wegen gestorben? Wie viele Tiere sind ausgerottet worden, wie viele ökologische Systeme nachhaltig gestört und letztlich zerstört, (der Viktoriasee ist da nur eines von unzähligen Beispielen), wie viele Katastrophen sind uns allein in diesem Jahr über die Bildschirme geflimmert, - in den letzten zwei, drei, vier Jahren? All die Tsunamis und Waldbrände, all das Abschmelzen des Eises und das Verlangsamen des Golfstromes, die Ölpest, das Verschwinden von Bienen und Fischen, - wo sind die Zusammenhänge zwischen dem Raubbau der Menschen und ihrem Wohlstand? Welche Bedeutung haben resistente Epidemien im Zusammenhang zu ökologischen Flüchtlingen? [Wir erinnern uns an die Tuberkulose- und HIV-Resistenzen (mit statistischer Ausbreitung)]. Wo bist du, kleines erbärmliches Nichts von Mensch, wo bist du im Angesicht dieser Probleme?

Alles, was ich höre ist: ICH. Es bleibt immer nur ein Ich zurück, an dieser Oberfläche, an diesem multimedialen care-life-Geschwätz, an diesen Events, Life8, und so weiter und so weiter, aber dann stehen die Autos doch im nächsten Stau, und die Skitouristen bejubeln den frühen Wintereinbruch, und in Japan jagen sie Wale. Was hilft das Bloggen im Angesicht des menschlichen Wahnsinns? (Die Burma-Idee ist so heuchlerisch wie jede andere; in der Ersten Welt zieht man sich gerne in die Ideen zurück, in die Ideale, wie die Welt sein sollte, und komm, wir schweigen für einen Tag, dann gedenken wir den Menschen und es geht ihnen sicher bald besser, - fuck, was für eine Logik. Die Probleme sind nur da, weil die Menschen schon in der Vergangenheit geschwiegen haben, anstatt das Maul aufzumachen).
Und ich verstehe nicht, verstehe wirklich nicht, wie man noch normal weitermachen kann. Wie man zur Arbeit gehen kann, in den nächsten Club, um ein bisschen zu feiern, um den Alltag zur Seite zu schieben, wie man tratschen, quatschen, wie man nur so viel reden kann, ohne etwas zu sagen, - tja, und draußen stirbt die Welt. (Was stirbt, ist nicht der Planet, sondern das, was wir gerne an Menschlichkeit noch in uns hätten). Ich kann nicht verstehen, wie man nicht alles stehen und liegen lassen kann, und sagen: Wie konnte es nur so weit kommen? Die Probleme, in denen der Mensch versinkt, sind die Probleme, die er sich selbst geschaffen hat. Wir sind Frankenstein, verdammt, und die Welt ist unser Monster. (Ist es die Konsequenz der Dummheit?)


LinkinPark - What I´ve done - MyVideo

Ich frage mich, während die Bilder sich allmählich in mein Bewusstsein graben, was die Generation der Zukunft über uns sagen wird. Während wir die Ressourcen dieses Planeten ausgesaugt haben, während das Öl zur Neige ging, während wir die Armen arm und die Reichen reich gehalten haben, während Kriege unseren Zusammenhalt schwächten, - während wir sagen: Das ist doch alles gar nicht so schlimm, so ist der Mensch, da lässt sich nichts ändern; während wir zusehen, wie alles alt und brüchig wird, wie neue Schienen rostig werden, - das Glas der Fenster ist längst trüb, - während wir so fröhlich lachen und klatschen und unserem Leben so viel Bedeutung beimessen, was bricht da aus den Fugen? Werden sie, diese Generationen der Zukunft, auf uns zurücksehen und sagen: Wie konnten sie nur so untätig bleiben, wie konnten sie nur so tun, als hätten sie nichts gewusst, wie konnten sie nur schweigen?

Plakativ, polemisch, wiederholend, - ja, all das. Aber fuck, fehlt den Menschen nicht einfach nur ein fieser Schlag mitten in die Fresse? Brauchen sie nicht dieses unmittelbare Bewusstsein der Auslöschung, allenfalls der Gefahr, um aufzuwachen, - aus ihrem Persilschein-Leben?
Denn letztlich, so ist doch die grausamste aller Wahrheiten, redet man sich nur ein, man wäre nicht Teil des Problems, hätte keine Schuld an dem Geschehen, an dieser Schieflage der ganzen Welt, - dabei geht mit jedem Einkauf, mit jedem Einschalten, mit jedem Wegschauen die Zerstörung weiter, setzt sich der Völkermord der Gleichgültigkeit fort, und der absolute Verlust der Menschlichkeit. Es sind immer die eigenen Hände, an denen das Blut Unschuldiger klebt. Es ist immer der eigene Mangel an Interesse, der die Unwissenheit gebärt, und damit die Dummheit. Nichts bleibt außer die kollektive Schuld, die individuelle Schuld, - eine Schuld, die keine Vergebung finden kann, und keine Absolution.




*The 11th Hour richtet sich natürlich und in erster Instanz an die amerikanische Bevölkerung und an dessen Regierung. Die Tatsache, dass sich Europa so sehr darum bemüht, dieses Umweltdesaster wieder einigermaßen in den Griff zu kriegen (haha, was ja nicht mehr möglich ist), ist natürlich respektabel, - dass allerdings der Hauptteil der Bevölkerung Europas nach wie vor verschwenderisch und ignorant mit Ressourcen umgeht, und kein ökologisches Bewusstsein besitzt, ändert leider nicht sehr viel an den Bemühungen mancher Menschen, darunter auch Politikern. Es beginnt bei jedem selbst, bei jedem Tropfen, bei jedem Fetzen Müll, bei jedem vergessenen oder verwehrten Ratschlag, es besser zu machen.

Dienstag, 25. September 2007

1408

Die Türe. Es ist die verdammte Türe!

Nach dem Film hoffe ich hinter der schweren Türe nicht das Hotelzimmer zu sehen. Nicht die Blümchentapete, nicht die halbseidenen Vorhänge, nicht die Schirmlampen. Ich hoffe, aus dem Kino rauszukommen, aus diesem Alptraum, aus dieser Stunde, nach der Stunde, nach der Stunde. Erwachen. Ich will erwachen, ich will den Wind spüren, die Erde unter meinen Füßen.


Dann stehe ich draußen. Vor dem Auto, und lache über den Vollmond. Das ist doch alles gar nicht. Doch. Ist es.


Die letzten zwei Stunden sind kafkaesk und klaustrophobisch. Sie sind beängstigend visuell. Sie sind banal, im Tod wie auch im Wahnsinn. Dieser Film. Je mehr Zeit vergeht, desto unwirklicher wird das Gefühl, das ich gerade eben noch empfunden habe, diese Entfremdung, diese Aufspaltung, dieser innere Zeitverlust. Möglicherweise auch alles andere. Es scheint egal. Denn der Horror, - der echte, nicht der blutrünstige Fleischerhorror, - entsteht im Kopf.
Er entsteht in der Identifikation mit Mike Enslin. Seinem clichéhaften Scheitern, vielleicht auch in seinem clichéhaften Leiden; er entsteht in dem zwischenmenschlichen Schweigen, und, - vor allem!, - in den Bildern. Dabei sind weder Konturen, noch Perspektiven wichtig; selbst dann, wenn es überstrapaziert wirkt. Wenn ein Korridor plötzlich à la Hitchcock in die Länge verschwindet, wenn Mike mit dem Kühlschrank spricht, und nicht mit dem Hotelmanager, wenn er draußen hängt, obwohl er das Zimmer nie verlässt. Der Horror beginnt in der Wiederholung. In der Intensität der Wiederholung. Der Horror beginnt in der Wiederholung. In der Intensität der Wiederholung. Das hat King schon in anderen [Kurz]Geschichten bewiesen. Du kommst nicht raus, du entkommst deinem Verstand nicht, denn der Verstand bewegt die Masse deines Wahsinns. Du kannst nicht entkommen, wenn du der Horror bist. So finden sich selbst in sonst so simplen, vielleicht auch kitschigen Melodien im Radio Momente des Grauens. Oder in Bildern, die schief an Wänden hängen. Oder in dem Babyschreien von nebenan.

Das Grauen findet sich im Kleinen, in den furchtbaren Details, - selbst in der Blümchentapete.



Donnerstag, 19. Juli 2007

Im Herzen der Finsternis.

Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut, als der Abspann läuft; ich zittere, ich bebe vor Wut. Es herrscht Stille, im Raum, eine undurchdringliche lastende Stille, - dann seufzt jemand. Langsam geht wieder das Licht an; ich sitze auf der Couch und starre auf die Namen, die dicht an dicht gedrängt verlöschen, - neben mir kaut man Chips, trinkt Bier. Ich bin so wütend. Auf die Leute um mich, auf die Menschen in Europa, auf mich selbst.

Ich bleibe wütend.
Ich stehe wütend auf, ich gehe wütend ins Bett, meine Wut verraucht nicht einfach.

*

Der Victoriasee in Afrika ist der größte See Afrikas, und mit einer Fläche von 68.800km² der zweitgrößte Süßwassersee der Welt. Sein Nordufer berührt den Äquator und in den angrenzenden Ländern Kenia, Tansania und Uganda leben mehr als 30 Millionen Menschen in unmittelbarer Umgebung des Sees.

Der See, früher ein blühendes ökologisches System, ist heute zum größten Teil nicht mehr als totes Wasser. Der Nilbarsch, eine nicht in das natürliche Ökosystem des Sees gehörige Fischrasse, - ein Raubtier unter den Fischen, - hat das biologische Gleichgewicht gestört, in dem er sich erstens exponentiell fortgepflanzt und zweitens so gut wie alle anderen Fischrassen dezemiert bzw. gefressen hat. Der Nilbarsch ist für uns in Europa, und auch für Asien, eine Delikatesse, und ein rein kommerzieller Fisch für die umliegenden Länder des Victoriasees, d.h. die Normalbevölkerung zieht aus den Fischen nicht mehr als ein paar Dollar, - also weder Nahrung, [sie ernähren sich von den Resten, die von den Firmen übrig bleiben], noch großen Reichtum [die Fischer leben in Armut und bringen arme Kinder zu Welt, die arm sterben]. Pro Tag essen ca. 2 Millionen weiße Menschen Nilbarsch, schwarze Menschen hingegen nicht mal fünf.

Die Flugzeuge aus der westlich-zivilisierten Welt, die in Mwanza [Tansania] landen, um den Fisch nach Europa zu transportieren, bringen im Ausgleich Waffen und Munition aus Europa, und Russland, um die umliegenden Länder mit Schmuggelwaffen für zukünftige Kriege zu versorgen. [Das heißt also wirklich: Fische für die Welt - Waffen für Afrika]. Die Flugzeuge, die auf dem schlecht überwachten und instand gehaltenen Flugfeld in Mwanza landen, bleiben im Zwielicht. Die Bevölkerung, wird von Hunger und AIDS ebenso heimgesucht, wie von der schlimmsten Form der Globalisierung: Der strategischen Versklavung eines Staates zum Nutzen eines Konglomerats von Staaten.

Massive Epidemien, Hungersnöte und natürlich die niemals endenden Bürgerkriege passieren beinahe unbeachtet vom Rest der Welt. Diese bewaffneten Konflikte sind seit dem 2. Weltkrieg bei weitem die blutigsten in der Geschichte. Allein im Osten des Kongos sterben täglich ebenso viele Menschen gewaltsam wie am 11.September in New York. Jeden Tag, das ganze Jahr, findet ein 11. September statt. Wenn nicht total ignoriert, werden die Konflikte oft als Stammeskriege qualifiziert, wie etwa in Ruanda, Burundi oder Sudan. Der wahre Hintergrund ist aber meistens der Einfluss von internationalen Interessen um Rohstoffe.

Die Menschen, die am Rand von Reichtum und Wohlstand leben, gehen elend zugrunde. Ihre Söhne werden zu unterbezahlten Wächtern und Soldaten, ihre Töchter zu Dienerinnen und Huren.


Hubert Sauper, der Regisseur von Darwin's Nightmare, über seinen Film:

Ich habe versucht, den kurzlebigen Boom, den die bizarre Erfolgsgeschichte eines Fisches ausgelöst hat, in eine ironische, erschreckende Allegorie über die so genannte Neue Weltordnung zu verwandeln. Ich könnte den gleichen Film in Sierra Leone machen, nur wären die Fische dann Diamanten, in Honduras Bananen, in Libyen, Nigeria oder Angola Roh-Öl. Nach hunderten von Jahren der Sklaverei und Kolonialisierung in Afrika ist die Globalisierung der afrikanischen Märkte die dritte und tödlichste Demütigung für die Menschen dieses Kontinents.

Ansehen!

*

Wie, frage ich dich, können wir dabei so untätig bleiben? Wie können wir unser Leben weiter leben, wenn es diese Welt wirklich gibt, die da neben unserer existiert? Nein: wenn es unsere Welt wirklich gibt, die sie verklavt hat?

Wir blenden aus, schleudern einen Euphemismus nach dem anderen von uns, nur um uns zu sagen, dass die Welt doch ganz okay, unser Leben schön und alles gar nicht so schlimm ist. Aber es ist gelogen. Ich weiß nicht, aber ich denke, wir müssen Konsequenzen aus all dem ziehen.


[www.attac.de]

Mittwoch, 11. Juli 2007

btw. Angels in America

Man vertröste sich im übrigen meine Abwesenheit mit Filmen. Hier eine Empfehlung: Angels in America. Sechsstündiger Film, bzw. eine Miniserie, wenn man so will; eine Adaption eines ausgezeichneten Theaterstücks. Die Verfilmung wurde zwar auch mit Preisen überschüttet, damals, aber wirklich publik wurde sie nie. [In Deutschland wurde sie irgendwann mal auf ARD ausgestrahlt, mitten in der Nacht. Gesehen haben das vermutlich nicht sehr viele, und die Gründe dafür sind klar].



[Zwar extrem schwul, im wahrsten Sinne des Wortes, aber ... ach, scheiß auf Homophobia! einfach traumhaft inszeniert: Dialoge, Rollenvergabe (besonders Harper), die Darsteller (hach, Emma Thompson, Meryl Streep, Al Pacino), und alles zusammen: wunderbar! Ausleihen, kaufen, raubkopieren, - egal wie, Hauptsache: ansehen!]

In Addition: Ich habe mich jetzt entschlossen, doch noch den ... musikunterlegten Trailer reinzusetzen, aber ... ach, am besten schaut man sich keinen von beiden Trailern an. [Wieder stelle ich fest, wie schnell mich das Internet enttäuscht, weil ich nicht das finde, was ich brauche].


1984 vs. me
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Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
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