Der Junge & das Herz

Dienstag, 11. Mai 2010

12 Kisten

ich finde deine handschrift plötzlich zwischen meiner, - dieser brief ist über zwei jahre alt; ich weiß nicht, weshalb er geblieben ist. es gab schönere, schmerzlichere. ich hab sie alle zerrissen. nichts war denkbar, zu keiner zeit. an keinem ort. nirgends.

es ist die tragische tragweite trauriger tage.
auch diesen brief werde ich zerrissen haben. später.

es ist da nur ein satz... ein einzelner, ich fahre mit den fingern über die buchstaben als könne die tinte in mich übergehen, eindringen, als könne sie all mein blut ausschütten wie ein glas kirschsaft. oder eine flasche, tausende kisten voll. meinetwegen sollen alle kirschen von allen kirschbäumen dieser welt abfallen, dann sind wir quitt.
ich lese: Ich durfte zärtlich umarmen, wen ich unglücklich liebte, und mildtätig vergessen, welche Enttäuschung ich darum verspürte, & ich weiß nicht, ob es glück ist, wahn, albernheiten; ich hab es vergessen, es ist nur ein moment, der mir ein photo in die hand gibt: wir beide in schwarzweiß. es ist ein freitag im juni 2007. da ist er. der wind, der die flaggen fächert. der stadtlärm, der mir zärtlich ins ohr beißt. & du & ich & das linoleum. kein gedanke an ein ende, kein feuerwerk, das uns zersprengt, keine naht, die aufgeht am saum. das ist wie ein fremder, der jeden grüßt.

immer diese fehler.

ich dachte damals, es sei zu ende. das alles, dieser ganze irrsinn dreier herzen. & jetzt sitze ich zwischen den zwölf kisten, die ich hochbrachte nach berlin, nachdem meine mutter umgezogen war, & sortiere bilder & finde briefe, & ich war in wien deinetwegen, & du warst in berlin meinetwegen, & ich sitze zwischen den kisten, - zwölf kisten, - in denen bücher stecken, & tischdecken & vorhänge, & gläser (rotwein, weißwein, champagner), & vasen & computerspiele, knoblauchpressen & eismaschinen, mixer, handtücher, farbtiegel. kisten, in denen sich eine zweite wohnung versteckt, noch eine nach der nächsten, die ausgepackt werden will, aufgeräumt & in die höhe gestapelt, hinter wände gestellt & hinter türen, damit sie niemand sieht: aber dabei ziehe ich eben auch diesen satz heraus, & dieses bild. & ich kann nicht klar denken. deshalb also. deshalb dieses chaos. dieser faden, der damals gekappt wurde, hängt mir nun um den hals. eine schlinge ist mir die liebe. mit jedem gespräch zieht sie sich zusammen. & ich, in meiner designer-weisheit, in meiner zurecht geschneiderten gefälligkeit, in meiner arroganz, - denn sie darf niemand unterschätzen, - lasse es ruhen wie einen teig, schleiche darum herum, eine kurznachricht, ein e.mail zwischendurch, nur ein anruf später, nur ein wälzen im bett & ein irren durch die stadt, ich empfinde lust dabei. es ist das abschnüren der luft, das mir gefehlt hat. das träumen unter wasser. wenn nur die zeit dazu bliebe... stattdessen mach ich die kisten auf:

1. Das Café hieß Tangente Jour, - ich dachte, ich hätte den Namen vergessen.
2. Es war Februar.
3. Du hattest einen Schlüssel um den Hals; es war dein Glücksbringer. Mir träumte später davon, mir einen Schlüssel auf mein Handgelenk tätowieren zu lassen. Ich weiß nicht, warum ich es nicht tat.
4. Es war April.
5. Ihr Haar schmeckte nach Salbei, ihre Lippen nach Mandarinen.
6. Wir verbrachten die Tage zu dritt, die Nächte auch.
7. Du hast mich das erste Mal geküsst als ich schlief.
8. Es war Juli.
9. Dein Haar schmeckte nach Meersalz, deine Lippen auch.
10. Wir haben die Nächte geweißt mit unsren Worten, dem Lachen, dem Wollen & Sehnen, dem Aufhören & Nie-Aufhören; wir wurden süchtig von einander.
11. Es war November.
12. Wir waren glücklich. Wir waren unglücklich. Wir waren immer auf der falschen Seite der Tür. Wir sagten Wir & meinten den Betrogenen. Wir sagten nichts mehr, wir stritten im Schweigen, wir verbrauchten jeden Namen bis nur einzelne Buchstaben blieben, dann: nichts mehr. Wir gingen wie auf Scherben auseinander. Wir packten Kisten, getrennt. Wir gingen in drei Richtungen, keiner sah dem andren nach, wie ich dachte, aber in Wahrheit sah jeder zurück.

Sonntag, 9. Mai 2010

Das Fieber aller Geheimnisse.

Und dann zurückkehren, einfach so. Der Gedanke macht mich schlaflos. Immerhin sind wir jetzt schon zum zweiten Mal auseinander gegangen wie Liebende, die Hand in Händen, der Mund im andren verzahnt, - blutig gebissen vor Hunger, durstig gerissen; wir sind wie Kinder, gesäugt von Wölfen: Wir suchen nach Fleisch und finden Knochen, wir knurren und bellen, wir schnappen einander nach, zerheulen unsre grimmigen Mäuler, nur der Knochen wegen, nicht?, nur weil wir das Calcium brauchen, nur um groß und stark zu werden, nur um einander nicht mehr die Wunden zu lecken, die wir uns antun im Schweigen, im Anblicken und Ausziehen, im Niemals-Vergessen, - der letzte Knochen. Die Eitelkeit hat ihn uns vorgeworfen zum Fraß.

Erstens.
Du sagst: Was nackte Geilheit sein will, tarnt sich als bloßes Interesse, und nimmst mir einen Gedanken fort, nimmst mir eine Wimper aus vielen, besiehst meine zerschlissenen Glieder, lächelst, und dieses gottverdammte Lächeln, dieses Teufelsgrinsen, von einem Ohr zum nächsten geht es dir, gebiert einen Wahn, den die Worte nicht fassen. Ich sterbe darin.

Wie eine Feder zwischen Steinen liegen, - ich taste beiläufig über die neuen Flecken, den Biss, der nicht heilen will, das Fehlen der Hände, der Zunge; niemand ertappt mich beim Träumen. (Nur die Narren schauen mir über die Schultern). Stattdessen sitze ich am Tisch und schaufle Essen in mich, - unsinnig: die Nudeln, ein Ei darüber geschlagen wie zum Trotz, wider des besseren Wissens, ein Ei, mein Gott, was denn noch? Es fehlt an Salz. Ich erzähle dir nichts über das Schweigen der Tage. Es ist, was ist es?, nur ein Abwinken, komm, geh weiter, Schlafwandler, durchwache weitere Nächte, es sei dir zum Abschied gegeben, ein Ring unter vielen, Stadtring, kreisrund nach Österreich, geschlossen: Diese Stadt...

Ich betrete Wien mit geröteten Augen, der Wind schließt den Sack, in dem ich stecke, wie mit riesigen Armen, und ich. Ersticke schier, in diesem Wien. Dort, wo die Sonne über alle Straßen wetzt wie einer mit dem Schleifstein das Messer wetzt zum letzten großen Schnitt, - dieses Messer ist mir an die Kehle gelegt. Wohin? Immer diesen Straßen nach, immer den gleichen, immer an den Gebäuden entlang mit all diesen reizenden Namen. Dem Begehren nachlaufen wie einer Hündin.

Der Finger, meiner, geht auf die Klingel, und danach surrt die Tür. Echtzeit jetzt: Ich steige alle Treppenstufen nach oben, ich zähle die Stockwerke. Eins, - ein Eimer Wasser, ein Schwamm liegt vollgesogen auf der Treppenkante, - zwei, - es könnte Rotwein sein, den ich da rieche, nichts als das, - drei, - die Fenster verlieren das Glas aus den Fassungen, ich sehe in einen hellen Flur, Maler haben eine Wohnung in die Unschuld gestrichen, - vier, fünf, - ich höre das Aufschnappen einer Tür, schneller. Dann stehst du da, ja. Natürlich. Ich denke sofort an Raskolnikow. Ally Klein hat ihm das Beil in die Hände gelegt. Daran denk ich.

Später. Es ist schon später, nicht? Ich bin betrunken, habe diesem C. meine beiden Arme gereicht, umarmt hab ich ihn wie einen Bruder, und es war, als hätte ich mich in Draht gewickelt, so kalt war sein Körper im Dunkel der Mainacht. Wir sprechen miteinander im Lächeln eines Knebel-Vertrags, oder vielleicht ist es ein Knebel-Lächeln, ich weiß es nicht; ich sitze vor ihm, vor dir, der Wind bringt Rauch, ich rede über die Fahrt nach Wien, die bedeutungslos ist, ich lache, auch wenn C. mein Lachen nicht mag, denn er verzieht jedes Mal sobald ich lache seinen Mund als könne er gleich abfallen. Seine Augen sind blau. B l a u. Sein Haar ist wie meines. Seine Arme sind nicht muskulöser, er ist kleiner als ich, dieses Einrastern, Analysieren, Beleuchten, ich kenne dich, C., ich hab dich gefressen, nur damit du's verstehst, - und wieder: Hier hast du mein, was?, er sieht mich an, nennt meinen Vornamen zuletzt, und geht. Wohin? Ich kann es nicht sagen, Wien hat mich geblendet mit seinem Deutsch, mit seinen Blicken und Winkelzügen, mit seinem kostbaren Vergessen und Wieder-Finden. Was mache ich hier eigentlich? Wem will ich etwas beweisen?

Zweitens.
Im Spiegel streicht sich ein Mann über den behaarten Bauch und denkt: Das Klimpern und Rascheln der Steine, - es ist mir ein Kitzeln unter der Haut, ein Lachen hinter den Zähnen, eine Sehnsucht, die nicht gestillt wird. Auch nicht mit Erinnerungen. Die Sehnsucht bleibt ihm wie Zucker auf den Lippen kleben, wie geschmolzene Schokolade, wie Sirup und Honig, wie Karamell. Und wieder beißt er sich auf die Zunge, um nicht darüber sprechen zu müssen, um nichts zu verraten. Von der Liebe. Der Lust. Die Stadt, die in ihm lebt. Die ihn verschlingt. Nein, du bist es nicht, Wien.

Ich wache auf, irgendwo.
Ich trage Kisten nach oben, nach unten, ich packe sie aus,
ich verschlucke mich am warmen Wodka,
und beiße danach ins grelle Gelb der Zitrone.
Ich lese Agejew, gierig.

Berlin empfängt mich 24 Stunden später, - wieder: später, - als hätte ich es nie verlassen. Mit dem Hedonisten sitze ich im Mauerpark, - das Bearpit Karaoke und eine sanfte Sonne beruhigen mich. Zuhause dann, beim Schreiben, entdecke ich, dass ich diesen Moment auseinander nehmen muss. Wieder. Und wieder. Es muss diesmal ein Ganzes geben. Noch einmal. Von vorne.

Samstag, 17. April 2010

Heimkehr

1.
du und deine absinthischen lippen,
ein auge für deines,
ein bitterer fluch, - gegen die wand gestöhnt,
beine umfassend,
zwei arme, untergeklemmt wie bücher.

später sehe ich den abdruck deiner zähne in meinem fleisch,
in den oberschenkel hast du mich gebissen,
in die schulter,
am mittelfinger meiner linken hand fehlt ein stückchen haut,
ich bin zerschunden zerbissen zerkaut, nicht verschluckt.

Ich komme nicht zu mir. Ich wache nicht auf.

2.
In der Nacht nimmst du mir die Hand weg von der Brust & sagst, ich sei zu spät dran, für diese Liebe, wir seien nicht mehr synchron, vielleicht waren wir's nie, & du müsstest gehn, jetzt, & morgen zurück nach Wien. Wien. Diese Stadt, dieses Würgen. Ich sage nichts, mir bricht nicht das Herz. Es ist nur einfach kein Bett mehr unter dem Körper, kein Kissen unter dem Haar, kein Haus hinter den Wänden, & immer so weiter, denn der Anfang zerschrumpft mir im Mund, - wird zum Gift. Warum habe ich von dir getrunken? Warum lagen wir wach, Arm in
Arm
in Arm,
umschlungen wie zwei Seile, ineinander verknotet, & gewärmt von einem Streifen Licht, der über uns glitt wie eine Zunge?, warum lagen wir da wie geleerte Gläser, & besahen einander Narben & Bisswunden, die Adern am Hals, die niemals nicht nach Herzschlag schmeckten, die Schlüsselbeine, das gestrandete Haar, die Brauen im Winkel, die Nasenspitze, das Lächeln. Dieses. Ich spüre noch das Kleingeld in der Hosentasche klimpern, - hosenlos, - mein Mund schmeckt dem Kupfer deiner Finger nach, die meine Finger sind, denn der Unterschied reibt sich auf im kriechenden Licht, im Streifen Wärme, der sich wie Wachs verteilt auf dem Bauch, - es Frühling nennen, wenn da nicht deine Hose wäre, die du nimmst, & den Pullover vom Haken; wenn da die eigenen Fingern nicht wären, die jede Strähne einzeln richten bis selbst der Wind sie meidet; nicht die Worte, die deinem Mund entschlüpfen wie Fruchtfliegen, - geheimnisvoll aus der prallsten Frucht geboren, im ersten Schimmelkeim, - & ich höre, & es stimmt, du hast da völlig recht, es ist uns nicht möglich. Es ist uns nicht gegeben.

3.
clamore.
amore
more
ore
re.

das echo zerhallt mir die ohren. als du gehst, als du wirklich wieder gehst, die hand in meinem haar, der mund dicht an der wange, brust gegen brust gepresst. es bleiben zitronen ohne saft, gebrochene siegel. eine frage nach der frage, sie bleibt aus. sie stellt sich nicht.

die tür fällt ins schloss, das ganze haus bricht nicht zusammen.

nachdem du gegangen bist, - ich weine nicht, - lege ich mich ins bett zurück, greife mit hohlen händen ins kissen, um die verlorenen haare mir ins haar zu stecken, um mich in dem geruch zu verkriechen, & ich hebe die bettdecke über mich hinweg, hinein in einen blicklosen himmel, & hebe mich darunter, & atme plötzlich meersalz.

4.
Sie klopft mir an die Tür, und findet mich eingepackt in bleierner Hitze; den Schlüssel hat sie von mir, das Armband, das sie trägt, - eine 8 an einer silbrigen Kette, - auch.

Schöne, sag ich, du kommst drei Tage zu spät; ich bin fertig.

Ich habe sie am Schritt erkannt, natürlich, immer: Diese Tür, das Geklapper des Briefkastenschlitzes, der Schlüssel, der in den Holzkorb fällt wie ein Anker ins Meer. Es ist das erste Mal, das sie ungefragt kommt.
Sie setzt sich zu mir auf die Kante, und schlägt die Bettdecke zurück. Sie sagt: Ich weiß, ich hab es befürchtet. Mit dir und deinen Obsessionen ist es doch immer das gleiche. Was ist denn jetzt zwischen uns?

Die Welt, die um mich ist, um die Augen, rund herum, ist mir zu groß, und auch sie, sie ist zu weit weg. Ich sage: Wir sind dazu gemacht, unsere Fehler zu wiederholen. Es ist fast schon romantisch, wenn es nicht so furchtbar idiotisch wäre. Mir liegt ein Weinen unter der Haut, ich bin damit ummantelt.

Sie sagt: Und morgen, da verlässt du das Haus, und die Stadt, und hilfst deiner Mutter beim Umzug, - und wann kommst du wieder?

Ich sage: Ein Teil ging gestern Nacht, ein Teil zersprach sich am Morgen um acht; einer, der geht, morgen, bleibt für drei Wochen verschwunden; ein anderer haust hier als Zwilling und bringt die Blumen in Unordnung, verliert die Geduld beim Umblättern der Zeitung. Ich weiß nicht, ich wünschte, ich könnte hier bleiben, gebadet.

Ich rieche sie.
Auch sie will ich.
Alles wiederholt sich. Irgendwie.

Sie sagt: Okay, ich versteh schon. Du hattest Sex, du hast gespielt mit den Hunden, bist gegen den Strom geschwommen und darin fast ersoffen, jetzt bist du glücklich. Dein Herz ist in Aufruhr, dein Verstand hat unruhige Zeiten, aber... das Glück, für eine Nacht und einen Tag geliebt zu werden, begehrt und beseelt zu werden, losgelassen und in die Luft geworfen zum Flug, zum Tanz, - das ist es, dein Leben, und ich, die ich hier bin, kein Mädchen, eine Frau, - die, die nicht in Wien lebte, ich, die ich hier bleibe bis zum bittersten Ende, - die siehst du jetzt nicht. Das ist okay. Wir verstehn uns schon, ich mach dir keinen Vorwurf. Mir bricht zwar das Herz, aber dann sind wir schon zwei mit gebrochenem Herzen. Das ist nur gerecht.

Ich sehe ihr in die tobenden Augen, sehe ihren roten Nagellack, den grauen Cardigan, das Gesicht, das strahlt in der Sonne, und ich rieche die warmen Brötchen, die sie mitgebracht hat, ich rieche sogar die frischgewaschene rote Tischdecke, dort in der Küche, den frischen Basilikum bei den Tomaten, - der letzte Tag im April. Eigentlich. Und ich liege da, und denke: Auch sie lieben, und fühle keinen Schmerz mehr. Keine Wut.

Ich weiß einfach nicht, was passiert ist.

Dienstag, 30. März 2010

Lift your head.

1.
Und dann plötzlich einem Mund gegenübersitzen, und einem Glas, bis zur Hälfte gefüllt mit Rotwein, und einem Fenster, das Berlin zeigt, immer und immerimmer, wie einer, der sich wieder fängt, ein Rekonvaleszenter, - das ist diese Stadt, - und im Hintergrund läuft Sandpaper Kisses (Martina Topley-Bird) und schließlich Summerbreeze (Emiliana Torrini), und ich sitze am Tisch, die eine Hand darauf, die andre im Haar, und lächle. Nur das: Lächeln.

In der Ferne wälzen sich Sirenen durch die Straßen,
jemand ruft einen Namen,
es riecht nicht nach Regen.


Mir geht Unzusammenhängendes durch den Kopf; als hätte mir jemand alle Lichter aus den Fassungen gedreht. Ich bemerke, wie kalt meine Finger sind, und hauche in meine hohlen Hände. Es riecht nicht nach Regen?, aber draußen regnet es. Wie wenig das eigentlich bedeutet.

2.
Wir hören Schritte über uns, die Decke knackt leise wie altes Holzgebälk, und dann ein Trampeln, das Gekläff eines Hundes. Stille. Alles ertrinkt in der Menge der Geräusche, wir hören Arms (von Seabear), und schmecken einander, besonders am Hals, wir riechen unser Haar, - nichts davon besitzt einen Namen, und kennt doch viele: Bergamotte, Ingwer, und Lavendel, Anis, Zeder und Eichenmoos, Moschus, - viel Moschus, - und Tonkabohnen, und Sandelholz, und Vanille, und Amber und Zitrone. Jasmin.

Alle Gerüche der Welt sind an mir.
Du riechst wie ein Egoist riechen muss, sagst du.
An dir rieche ich Lavendel und Orangenblüten,
Meersalz, - immer, - und Minze.

Aneinander gekettet wie Hunde liegen wir in dem viel zu schmalen Bett, liegen auf dem Parkett und auf dem roten Teppich, liegen und liegen, die Zeit ist ganz egal. Stille, - sie wird nur manchmal von Lippenbekenntnissen durchbrochen: Ich erzähle dir meine Jugend neu, du flechtest dein Haar; ich suche ein Buch aus dem Regal, - Der Mann im Jasmin (von Unica Zürn), - und denke dabei an den Freund in der Ferne, an den, der in Barcelona ist, der die Stadt vor, sag, wie viel Tagen?, vor 118 Tagen verließ, - du liest Allen Ginsbergs Howl, und bittest mich, das Gedicht zu übersetzen, - nur für dich, - und ich reiche dir das Buch, und du siehst es an und lächelst; und ich denke nicht mehr.

3.
Ich versuche mich zu erinnern wie es war. Wie es angefangen hat. Statt mich zu erinnern, lachen wir über Wien... gehen barfuß durch die Wohnung... die Ärmel meines Hemds sind aufgeknüpft und baumeln beim Gehen. Es ist kein Kaffee mehr da, aller Kaffee wurde von andren aufgebraucht, auch der Zucker geht bald zur Neige, es sind noch Tomaten im Kühlschrank, Butter, ich habe Milch für dich gekauft.

Im Hinterhaus brennen Lichter, und oben, im zweiten Stock, schaut der Mann zum Fenster raus; er ist in meinem Alter (schätzungsweise), und lächelt, als er uns sieht. Das Winken verkneift er sich. Es ist immer er, der am Fenster steht, nie die Frau, die mit ihm in dieser Wohnung lebt. Als sei sie nichts als ein Geist.

Ein Kleid, auf eine Schneiderpuppe gelegt.
Ein Vorhang, unbedacht zur Seite geschoben.

Ich mache mir keinen Kopf darüber. Ich habe vergessen, den Brief zu Ende zu lesen, das Buch, die Gedanken von gestern. Was ist so schlimm daran, weiter in diesem Zustand zu bleiben? Die Ewigkeit verspricht einen blinden Segen, ein Rufen ohne Stimmen. Echos, ewig: Das Aufwachen mit einem bezuckerten Mund, mit gesalbten Augen, mit einem Herzen im Anschlag, und warmen Fingern.

4.
Wir verabschieden uns berührungslos. Du gehst aus dem Haus als es heller wird, ich bleibe darin zurück. Aber die Abstände vergrößern sich nicht. Wir sind alle gleich weit vom andren weg. Die Entfernungen wachsen nicht. Sie gehen ein in die Träume, - und werden dort zerrauscht von Sehnsucht und Wahnsinn. Das ist es, wofür wir uns entschieden haben. Immer.

Dienstag, 23. Februar 2010

The Bone Picker Man

Ich denke, mir geht die Milch aus. Was? Zu viel Müsli, hineingeschaufelt ins Leere, es verbraucht eben die. Was? Milch, Alter. Die Milch. Das ist kein großer Wurf, ich weiß. Darüber lässt sich nicht ernsthaft nachdenken. Nein. Warum dann aber. Was? Reden.

Immer dieses Unpassende,
das sich zwischen die Beine greift & grunzt.

(Einen Telephonisten hat man mir unter die Haut genäht).

Ehrlich gesagt denke ich nicht über die nächste Zeile hinaus, sagst du & schüttelst dir den Mund aus, sagst: Wie wär's mit einem, aber das Rumpeln von Kind & Hund über uns, in der Wohnung über der meinen, lässt den Satz abbrechen wie ein Streichholz vorm Zünden. Danach ist's das weiße Lampenlicht, das uns ablenkt, denn der Staub darunter irrt als wär er lebendig; dann die Dokumentation über David Alfaro Siqueiros, schließlich & stundenweise ins Dunkel gegraben: Eine Hand, die sich in die andre legt wie ein Rosenkranz. (Lass uns beten).

Am nächsten Morgen schrecke ich auf, von dir, der du die Türe öffnest & Wind bringst; in der Küche ist das Fenster auf, es riecht noch nach dem eingebrannten Fett in der Pfanne. Where's the single lime we bought yesterday?, ich suche den Gin. Es ist dreiviertel vor acht, es ist nie zu spät. Früh, verdammt: früh. Die Zeit hat keine Rolle gespielt, jemals. Ich bin übernächtigt, meine Lippen schmecken den Quesadillas nach, die wir im Bleu Mourant aßen, gierig & mit fettigen Fingern, mit hungrigen Augen, mit hungriger Haut, wie zwei räudige Hunde. Der Durst greift zur leeren Milchtüte. Achja...

Du erzählst: Sie hieß Sabrina & hatte kurzes schwarzes Haar. Mit zwanzig ließ sie sich ein Kind wegmachen, mit zweiundzwanzig nahm sie sich das Leben. Ich sitze im weißen Flutlicht, schütte den Kaffeesatz in den Müll, denke: I don't want to lie alone.

Ein Lied später stehn wir uns im Badezimmer gegenüber; du reibst dir mit einem Handtuch die Haare trocken, ich schaue weit fort, über dieses hier hinaus... Ein Gedicht geht mir durch den Kopf:

He asked: How are you, bone picker man?,
and I said: I'm kinda fine, thanks.
I am
lovely loved by the lovely ones,
by those, who perish scalawag-sweet,
who dance naked on the white bathed street;
but,
I said,
on my tangled tinkle-lip,
it's blood and sweat, which married it,
you and the many,
the men in your glasses,
mixed with a single lime cut,
drunken in heat, swallowed in rut,
and it doesn't taste bitter,
this whitewashed juice;
and it's not my fault,
and it's not my scythe,
which headed your love.


Ich habe vergessen, was ich eigentlich sagen wollte; daher knautsche ich das Handtuch, zerdrücke es zum Unbrauchbaren, & sehe dir nach, dem geraden Rücken, dem Braun der Haare, dem Gewöhnlichen jeder Besonderheit. Das ist es. Halt es fest. Lass nicht los.

Montag, 15. Februar 2010

Kopien.

Da wirst du mundtot gemacht, & ein bisschen ziehn sich die Lippen nach Innen, & die Zunge greift linkerhand zum Schneidezahn: es wird geschwiegen, dort im Hohlen deines Kopfes, jeder Winkel verbeißt sich jetzt das Wort. Was hast du gesagt? Wider Holen!, ich bin da wirklich dagegen, gegen dieses ständige sich erneut ins Zeug legen, - es ist, als hätte mir jemand Steigbügel ins Maul gelegt, Eisen, Lederbänder, steif & hart, zerkaut vom Auswegslosen. Keinem will da's Wasser zusammenlaufen. Du hingegen sagst ja. Ein ganzes Ja zu meinem halben Nein, dieses ganz Gewollte nimmst du mir weg mit so ein bisschen Nicken, & die Hände liegen dir dabei im Schoß. Was ich dabei gedacht habe?, das willst du doch gar nicht wissen, gib's zu. Es geschieht meinetwegen, natürlich. Deinetwegen ist nie etwas passiert. Das haben die Blicke im Café schon bewiesen, dieses Café, du erinnerst dich?, oder ist dieses bisschen Erinnerung schon so ganz zum Restbild geworden, zum Punkt eines Satzes, den man nicht aussprechen muss, weil alle diese Punkte schon kennen, diesen Satz samt seinen Wendungen, seinen Pointen.

Im Café saßen wir, ich denke, es war irgendwo in Kreuzberg, & die Kellnerin gab uns statt Zucker nur Salzstangen. Wir tranken den bitteren Kaffee mit verzogenen Lippen, diesen unbekannt verzogenen, kusslos gingen die Zähne auf der Haut spazieren & furchten sie bis aufs Blut. Irgendso ein Nachmittag eben, & draußen fiel der Schnee wie er nun mal fällt im Januar, - es fühlte sich an wie November, - irgendwann an einem Sonntag, an dem wir uns morgens die Haare aus den Gesichtern strichen, mit Fingern, die nicht voneinander lassen konnten, ins Bett gelegte Eile, die immer zupfte, immer tanzte, die immer auf Haut zu liegen kam wie Wind. Rastlos. Ein Tippen auf den Adern, einundzwanzig, zweiundzwanzig, das ist dein Puls, das ist die Schlüsselbeinromantik: Ein Kuss, ein Biss, ein Rupfen & Schnippen, & die Hand fand noch den kleinsten Leberfleck dort an der Hüfte & verband ihn mit der Narbe beim Knochen zur Schnur, zum Faden, der aus dem Labyrinth hinaus führte, hinein ins Begehren. Wir haben einander begehrt, stundenlang. Bedenkenlos. Erst das Klingeln des Postboten ließ uns wieder an die Welt glauben, - wir erinnerten uns, dass es da Steine gab, die auf andren Steinen lagen, dass es heller werden konnte, & finster, das Licht erfüllte wieder den Raum. Dann ließen wir voneinander, verschreckt & ertappt, zwei, eingesperrt in denselben Leib, die sich plötzlich entkeilen.

Die Nachbarn nickten als ich mir die Schuhe auf der Treppe schnürte, du hast dir dein Hemd in die Hose gestopft, & den Schlüssel fallengelassen vor Schreck. Wir gingen grundlos nach draußen; wir waren dort schon gewesen, hatten die Menschen gesehn & gehört, in der Bahn das Gezeter der Frauen, - es war wie ein Schreien am Ende der Leitung, - & der Tobsuchtsblick zwischen den sich schließenden Türen. Wir hatten darüber nichts mehr zu sagen, so wurden wir stumm.

Als sich unsere Hände berührten,
da taten wir so als wär's zufällig geschehn.

Im Café dann hast du mich angesehn. Mit Augen, die meine nicht suchten. Die Straße war wichtiger als das Verzahnen der Wimpern, das Heben der Braue war nichts, nur ein Gedanke, & so hast du dir den Löffel genommen, hast den schwarzen, bitteren Kaffee verrührt zum Verlust; die Tasse blieb an den Rändern weiß, in der Mitte teilte sich die Schwärze zu Schwarz. Im Grunde blieb nichts zu sagen als: Es war ein Versuch. Mir tat davon noch immer der Hals weh, - den Mandeln spürte ich nach mit den Händen, - die Zunge suchte den Zahn. Es war toll, ein Wort wie eine Patronenhülse, toll-toll-toll, wie Bomben schlug es ein im Herzen, zersprengte es zu Muskeln & Fleisch, eine tolle Nacht, & das Konzert erst, Mann, das war magisch, magisch?, einen Bannkreis hatten wir gezogen um uns & die Körper, die wie zwei Magneten sich drehten, immer zum Pol, der sich anzieht, auszieht, verbindet zum Ganzen. Wer hatte die Magnete gedreht, hatte sie falsch aneinander gehalten? Wir stießen uns ab, jetzt: der Beckenrand unter unsren Füßen, so flogen wir fort, & du nahmst die Tasse & führtest sie zur Lippe, was noch hat dieser Mund damals berührt?, & nicktest, besahst mein Gesicht im Hellen. Nie hätte ich gedacht, dass --, unausgeführt, liegen gelassen, wieder dieses X-beliebige: Meine Haut riecht nicht nach mir.


Einen halben Monat später rufst du mich an. Es ist Nacht & die Luft ist ganz klamm. Du sagst: Ich habe darüber nachgedacht, hast du jetzt Zeit?, & alle Adern schnüren sich mir zu. Wider des Holens!, den Stock nehmen & ihn wegwerfen, sodass ihn selbst der Jagdhund nicht findet.

Samstag, 6. Februar 2010

In der Stille.

Bist du denn, was?, na, öfters, ja, ich bin öfters hier. Wir wissen es beide. Trotzdem wird gelächelt, - ein schmales Lächeln, das an den Rändern festgehalten werden muss vom wartenden Finger, - und im Versuch, die Welt mit Blicken anzuhalten, dreht sie sich weiter: Haben wir uns denn vorher nie bemerkt?, bei was?, diesem Hin und Her, dem Abschuften, hast du's nicht gesehn, wie ich dich verfolgt habe, mit?, diesen, - Händen? Nein, diese Hände haben nur das rauhe Eisen gehalten, die Gewichte aus schwarzem Gestein, sie haben sich ins Haar geschoben als verspräche es Halt und über die Haut unter der Kleidung. Haut, die sich verzehrt. Sehnen. Muskeln. Bitte? Muskeln. Dafür sind wir ja hier, nicht?, um was zu tun?, um hart zu werden. Die Härte geht Hand in Hand mit dem Kupferstich in deinen Augen.

Es waren die Augen.

Beim Rausgehn aus der Halle hast du meine Schulter wie zum Abschied berührt, aber. Es war ein Kennenlernen. Andere nennen es Begehren. Auch das begann an der Ampel; dort stand eine Frau, - sie wird fünfzig Jahre alt gewesen sein, dabei sah sie aus wie hundert: Die schaute uns skeptisch an. Vielleicht lag es an deinem Piercing, vielleicht war's wieder mein Mund. Keiner hat begriffen, was die Frau eigentlich will. Diese?, jede andere, die erstbeste?, bitte? Natürlich nicht. Nur diese.
Zuhause haben sich die Türen schnell geöffnet und geschlossen, keiner hatte uns gesehn. Die Beherrschung, die wir in der Bahn zeigten, um im Fremden kein Aufsehen zu erregen, - obwohl wir vom Aufsehen genug Erregung in uns ließen, - fiel von uns ab beim Schließen der Vorhänge, und dem Zurückschlagen der Decke. Sturz, Fall, leise quietschte das Parkett vom eiligen Tritt. Schon waren wir da, haben uns auf dem Laken gerollt. Bis es uns feucht am Rücken klebte. Bis die Ecken sich von der Matratze lösten. Bis nichts als das Holz unter uns war, der bloße Boden. Ganz in der Stille, damit's der andre nicht hört, so haben wir's getrieben, - mit der angerauhten Hand habe ich dir den Mund verschlossen, meine Hand wurde zur Tür, hinter der das Schreien lauerte, das Stöhnen als Schmetterlingsschwarm, der aufflog hinter der Haut, der mit dem Zungenschlag zur Schnecke zerschrumpfte, zum klebrigen Kuss, der kalt wurde an der Kante zum Lächeln.

Mit hastigen Fingern habe ich dich geöffnet. Jeans, T-Shirt, Slip, wie Spinnweben hab ich sie von dir abgerissen. Deine Zähne schlugen sich mir in die Lippen, das Blut machte mich rasend. Zwischen die Beine bin ich dir gefahren, - nicht als Eindringling, keiner hat mir den Namen eines spanischen Eroberers gegeben, im Gegenteil. Unbedarft, wie einer, der sich hinter der Mauer versteckt, um zu spielen, so bin ich an dich heran gegangen. Niemand hat mich darum gebeten, wie der Teufel in dich zu fahren, dich auszufüllen, - obwohl du nicht (niemals) bewohnt warst, von mir. Allein das Nasse, und immer Nasse, blieb. Der Schweiß auf der Haut, verfangen in Wimpern, ins Haar geflochten wie Silber. Ein Leib mit vier Beinen und Armen, zwei Köpfe, ineinander geschlungen vom Biss in den Nacken. Wir haben uns blutig gebissen, wir waren wie Hunde, die sich um den letzten Knochen streiten. Erst nach Stunden haben wir plötzlich voneinander abgelassen, erschöpft vom unterdrückten Schrei, erschöpft von der reibenden Haut, vom Scheuern der Glieder. Die Schlüsselbeine blieben unverletzt.

Du hast dich zurückgelehnt, mit dem Kissen im Rücken, hast das Kondom von mir abgestreift wie abgestorbene Haut, du hast es fallen gelassen neben das andere und gesagt: Niemand wird dich je wiedersehen. Da musste ich nicken, mit der Hand auf dem Bauch, der sich hebte und senkte als sei er in Aufruhr, sah dich liegen, nackt und nur nackt, Haut und Begehren, aufeinander gelegt wie zwei Lagen Stoff, und spürte das Blut in den Schläfen schlagen. Ich habe nicht begriffen, was du sagtest, der Kopf war mir zu leicht, um ihn zu schütteln.

Also bist du aufgestanden, hast den Slip genommen, das T-Shirt, die Jeans auf der Couch, und hast dich im Stehen angezogen. Da lagen dir Lichter auf dem Rücken, und viele Schatten im geneigten Gesicht. Kein Kuss mehr, kein Beißen der Lippe, so hast du dir die Schuhe angezogen, leise, behutsam, aber schnell. Die Schnürsenkel blieben offen, - du sagtest, du würdest sie auf der Treppe verbinden zur Schleife. Ich habe die Tür geöffnet, ich hab sie geschlossen, nur im letzten Blick lag der Wunsch nach den Blumen auf dem fehlenden Tisch, vielleicht waren es Tulpen. Der Wunsch nach aufgeschnittenem Brot, nach Mandarinen in der gläsernen Schale, eine Gabel, die einen Teelöffel kreuzt. Die Zeitung, die raschelt, das Buch, das auf dem Tisch liegt wie vergessen und niemals geliebt...

Ich habe geduscht.
Verstohlen, ungesehen, und ohne das leiseste Wort.
Die Kratzer auf der Haut habe ich erst abends bemerkt.
Der blaue Fleck am Oberschenkel kam am nächsten Tag.
Auch das ist schließlich verschwunden.
In aller Heimlichkeit.

Donnerstag, 3. September 2009

Hand in Hand

Es geht ein Mann durch alle Räume.

(Übergang)

Ich liege unter horizontlosen Himmeln, von Sternen übersät; im hohen Gras um mich knistern Insektenbeine an Insektenhaut; es riecht nach Regen. Wann ist später? Ich schüttle mir die abrasierten Barthaare vom T-Shirt, ich schüttle mir die Haut vom Körper, ich schüttle und schüttle und niemand streicht die Falten glatt. So gehn die Tage. Es könnten Jahre sein.

[Jemand geht silbenlos, er verlässt den Raum, - den großen, den zeitdurchsetzten, - mit einem Zwinkern, das besagt: Sucht mich, aber wer wird ihn suchen?, wie soll dieser augenlose Raum nur in mich passen?]

Vergessen,
so vieles war zu vergessen,
ist es noch, an keinem Ort, dem Nirgends,
am Ende aller Punkte,
nur: Was war dem Merken wert?

Ein Tag, als wir am andren Ufer standen, von Wellen gestreichelt die Arme, vom Wind benetztes Haar, ein rotes Tuch, das übers Wasser flog, denk daran, daran!, nicht, wie die Nähte falsch sind und die Hände schmerzend, des Nervenleidens wegen, - denke: und der Kopf auf deiner Schulter, dein Haar verwoben mit meinem, deine Hände mit meinen verschmolzen, Brust an Brust, und schon geht das Herz im Körper zehndreiviertel Takte schneller, und Blut pulst im Schnellfeuer der Hormone, und Und-Sätze reihen Momente aneinander, die nicht zu ver-und-en sind. Jetzt. Jetzt. Ja. Jetzt.
Mir ist ein Name in die Haut gebrannt, in die rechte Hand, in Fleisch und Nervenzellen, und nichts in diesem Ort vermag ihn zu tilgen. (sic!)

Was?, woher der Wind, & Augen auf!, im Geschrei von Möwen & Seemännern, die an den Piers stehen, tausendmal mich lockend auf Schiffe, die nirgendwo ankommen, & ich wische mir das Straßenköterhaar aus Stirn & Augen, & alle Worte verlieren ihren Klang, alle Buchstaben fallen aus ihren Gerüsten, & Ratten & Rauch rauschen riesig, rrrrrrrrrr-ran!, & dann klatschen die Wellen einen neuen Takt in mein Gesicht.

Was?, was sagt die Mutter, was sagt der Bruder, & die Schwester am Ende der Welt? Woher die Wolken, woher das viele Blau?, was schreien die Spatzen bloß heute von den Dächern?, & welcher Leib wurde je begehrt? Öffne mir die Hose, öffne mir den Mund; ich habe mir beim Ablecken des Joghurtdeckels die Zunge zerschnitten, sei also vorsichtig. Beim Masturbieren hab ich an dich gedacht. Beim Duschen dachte ich, deine Haut könne die meine sein. Wir sind zu viel Körper, wir sind zu wenig, - ich bin narbig, meine Haut ist die des Feuerläufers, du wirst meinen Spuren nicht folgen können. Ein Geist, ich bin ein Geist, ein Geist. Es gibt keine Beweise für meine Existenz.



Ich erinnere mich an diesen letzten Augusttag, der lange nicht der letzte war, ich erinnere mich an Glück, an Herzschlag, an Möglichkeiten; es ist das einzige, das bleibt. (Ist es?)






Es stimmt,
wir sind der Traum eines sterbenden Astronauten.

Samstag, 29. August 2009

Er. Pt.3

Er ist ein Mann unter vielen. Ein namenloser Körper, einer mit Eiskristallen in den Venen, einer, der dich bis aufs Blut beißt, sobald du ihm zu nahe kommst, - er häutet dich mit Blicken, er leckt dir die Lippen mit Worten, & egal wie gut er riecht, - er und sein Bett, - du kannst ihm nicht trauen; er ist ein Monster.

So geht er durch die Wohnung & kehrt den Staub unter die Teppiche; ein Mann unter vielen, er kehrt die Liebe unter die Haut, & schiebst du den Arm auf der Couch zu nahe an seinen, dann zuckt er zusammen, - er kommt nicht näher, er schafft es nicht, du verbrennst ihn; er ist aus Wachs gebaut, eine Voodoo-Puppe, verflucht um seiner selbst willen, im Bitteren ertrunken, das Sonntagskind, der kleine Sonnenschein, der Mann, der neben dir sitzt, ist nicht zu haben, er kann nicht begehrt werden, er kriegt es nicht mehr hin; das verbrannte Kind scheut das Feuer nicht, es ist vernarbt, es kann nichts mehr fühlen. So sitzt er auf dem Parkett & faltet Papier. Er hat vergessen, was er geschrieben hat. Er weiß nicht mehr wozu.

Er fragt: Woher?, wohin?, - die ganze Welt könnte in Stein gehauen sein & für die Ewigkeit, er wäre der Wind, der durch die leeren Städte heult, er wäre der, der die Wolken bringt, den Sturm, denn nichts ist wirklich sein. Alles ist nur geliehen, von der Zeit, vom Zufall & den Pheromonen, darum hat er dir nichts vom Unglück erzählt, das ihn umgibt, vom Mitleid, in dem er sich suhlt, - nachts, wenn die Astronauten samt ihren Raumschiffen in der Atmosphäre verglühen, wenn sie wie Sternschnuppen den Himmel erleuchten, aschen, zwischen den Wolken, in der Weite, ganz & gar Mensch Gewordene, - & er, der am Fenster sitzt, die Füße auf dem Sims & das Herz ganz in Blei gegossen, wohin?, woher?, er begreift nicht die kleinste Kleinigkeit. Seine Vergangenheit hat nie existiert, obwohl er sich an sie erinnert. Seine Gegenwart flieht in die Zukunft, sie flieht & flieht, & er flieht auch, sein ganzes Leben lang schon flieht er, - vor den Wahrheiten, vor den Lügen, vor dem, was sich die Menschen erzählen, wenn sie über sich selbst sprechen, wenn sie über andere richten, & das Ende ist nicht absehbar, das Ende verzögert nur das Atmen, fort von der Verpflichtung, von der Freiheit, von dem Mitleid der andren, & niemals Bewusstsein, & niemals Augenblick, immer nur die Flucht nach vorn, immer weiter hinaus, bis der schwarze Spiegel auf der Haut nichts als weitere Narben hinterlässt. Wir sind wie Kinder, die Kinder der fremdesten Menschen. Spuren im Sand, wir hinterlassen sie in der kommenden Flut.

O Gott, sagt er in den Ascheregen, der sich senkt wie ein Fallbeil, O Gott, ganz so als brächte es Erlösung, O Gott, & keine Beschwörung, kein Aberglauben bringt ihn weiter zu sich selbst, zu dir, der du da bist. Er hat die Dunkelheit am helllichten Tag gesehn. Er hat die Stille im lautesten Geschrei gehört. Er ist niemand, er ist einer unter vielen, ein von der Zeit Versehrter, einer, der sich seines Namens nicht mehr erinnern kann. Ein König über ein unbesehnes Reich, weit hinter dem Horizont.

Donnerstag, 27. August 2009

Er. Pt.2

Vom Tod schmeckt er den letzten Kuss; nicht auf den Lippen. Woanders. Tiefer. Dort, wo die Haut weich ist & nach Bittermandeln riecht. Er wacht davon auf, der nackte, der schlaftrunkene Mann; er wacht auf, die Arme & Beine von sich gestreckt wie einer, der nie seinen Platz teilen musste, - an keinem Ort, nirgends, - erregt & durstig, das Gesicht besänftigt von der lauen Sommernacht, der Körper glänzend von der Schwüle des beginnenden Tages, - so wacht er auf, der Blick von den Wimpern verzahnt wie von Weberknechtbeinen, die Lippen geöffnet zum Stöhnen, vom Begehren verzehrt. In der Stille der Sonne befriedigt er sich selbst. (Langsam).

Unter der Dusche bemerkt er den Stich an der Hand.

Später. Das Wasser hat ihn nicht beruhigt, es hat ihn ruhelos gemacht. Sieht er zum Fenster raus, sieht ihn die Welt. Seltsam wie das die Menschen nicht merken. Er trägt jetzt ein weißes T-Shirt, dessen Kragen so groß ist, dass seine Schlüsselbeine schließen dürfen, sein Brustbein vom Wind genommen, - die Namen von Wolken: Clavicula, Sternum; Zaubernamen: Ewigbesehnes, Langgeküsstes, - & eine Unterhose. Er liebt den Anblick seiner Beine. Er liebt seine Haut. Narziss, was tust du ohne Spiegel? Die Spiegel sind alle blind.
Die Beschreibungen des Außen decken seine Gier nicht, also setzt er sich im Schneidersitz vor die geöffneten Türen. Wann kommt er, in den er sich seines Menschseins wegen verliebt hat? Die Exfreundin fragte nach Namen. Seine Mutter fragte nach Namen. Sein Bruder fragte nach Namen. Niemand hatte für den Moment begriffen, was es bedeutete, einen Namen auszusprechen, den man selbst so selten benutzt. Sie alle reden über das Wetter wie es vorhergesagt wurde. Niemand spricht über das Wetter wie es ist. Alles wird gedankenlos, so lehnt er sich gegen die weiße Wand, im Flur, vor allen Türen sitzend, nichts verliert seinen Reiz.

Er denkt über die Liebe nach, er denkt an seine Exfreundin, seine vorletzte, die zweite von dreien; ihr schwarzes Haar & ihre roten Lippen, der Kuss von geklauten Kirschen & das atemlose Lachen sexdurchtriebener Nächte, ihre Gespräche über Gott, die Gespräche über Krankheit & Tod, die Gespräche über das Wesentliche in der Erziehung von Kindern, Verwehtes, an die Wand Gehängtes, aufgeknüpft vom Jäger, der sich die Trophäen ins Zimmer stellt. Er denkt an die Frau, die nach ihr folgen sollte, die Schöne: Ihre braunen Locken zwischen den Fingerspitzen gezwirbelt, ein Geruch von Lavendel & Orangen verströmend, sie, die am Tisch saß & den Brief mit schwarzer Tinte schrieb, sie, die Ex, die ein weiterer Mann begleiten sollte, sein Exfreund, ein Junge eigentlich, mit einem Lachen so atemberaubend, dass jedem das Herz zerbrechen mochte, wenn es plötzlich verschwand, mit einem Hunger in den Augen, dass nie genug Süße im Kaffee blieb, nie genügend Farben am Leib, nie ein Ausreichend für die ruhigen Stunden, ein Zufriedensein mit der Hand, die auf dem Brustkorb lag, auf dem Hals, der ganz & gar sein war; mit beiden zusammen sollte es Glück geben, vor das sich dann irgendwann andre Silben schob. Der junge Mann im Weißen dachte an sie, an den andren Mann & die Frau; er dachte an sie, wie er es manchmal tat. Sehnsüchtig. Wütend. Gierig. Noch einmal ihre Brüste zu berühren. Noch einmal seinen Kuss zu schmecken, seine Zunge, seinen Rachen. Wie begleichend die Zeit allmählich wurde.


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