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Der Junge & das Herz

Donnerstag, 3. September 2009

Hand in Hand

Es geht ein Mann durch alle Räume.

(Übergang)

Ich liege unter horizontlosen Himmeln, von Sternen übersät; im hohen Gras um mich knistern Insektenbeine an Insektenhaut; es riecht nach Regen. Wann ist später? Ich schüttle mir die abrasierten Barthaare vom T-Shirt, ich schüttle mir die Haut vom Körper, ich schüttle und schüttle und niemand streicht die Falten glatt. So gehn die Tage. Es könnten Jahre sein.

[Jemand geht silbenlos, er verlässt den Raum, - den großen, den zeitdurchsetzten, - mit einem Zwinkern, das besagt: Sucht mich, aber wer wird ihn suchen?, wie soll dieser augenlose Raum nur in mich passen?]

Vergessen,
so vieles war zu vergessen,
ist es noch, an keinem Ort, dem Nirgends,
am Ende aller Punkte,
nur: Was war dem Merken wert?

Ein Tag, als wir am andren Ufer standen, von Wellen gestreichelt die Arme, vom Wind benetztes Haar, ein rotes Tuch, das übers Wasser flog, denk daran, daran!, nicht, wie die Nähte falsch sind und die Hände schmerzend, des Nervenleidens wegen, - denke: und der Kopf auf deiner Schulter, dein Haar verwoben mit meinem, deine Hände mit meinen verschmolzen, Brust an Brust, und schon geht das Herz im Körper zehndreiviertel Takte schneller, und Blut pulst im Schnellfeuer der Hormone, und Und-Sätze reihen Momente aneinander, die nicht zu ver-und-en sind. Jetzt. Jetzt. Ja. Jetzt.
Mir ist ein Name in die Haut gebrannt, in die rechte Hand, in Fleisch und Nervenzellen, und nichts in diesem Ort vermag ihn zu tilgen. (sic!)

Was?, woher der Wind, & Augen auf!, im Geschrei von Möwen & Seemännern, die an den Piers stehen, tausendmal mich lockend auf Schiffe, die nirgendwo ankommen, & ich wische mir das Straßenköterhaar aus Stirn & Augen, & alle Worte verlieren ihren Klang, alle Buchstaben fallen aus ihren Gerüsten, & Ratten & Rauch rauschen riesig, rrrrrrrrrr-ran!, & dann klatschen die Wellen einen neuen Takt in mein Gesicht.

Was?, was sagt die Mutter, was sagt der Bruder, & die Schwester am Ende der Welt? Woher die Wolken, woher das viele Blau?, was schreien die Spatzen bloß heute von den Dächern?, & welcher Leib wurde je begehrt? Öffne mir die Hose, öffne mir den Mund; ich habe mir beim Ablecken des Joghurtdeckels die Zunge zerschnitten, sei also vorsichtig. Beim Masturbieren hab ich an dich gedacht. Beim Duschen dachte ich, deine Haut könne die meine sein. Wir sind zu viel Körper, wir sind zu wenig, - ich bin narbig, meine Haut ist die des Feuerläufers, du wirst meinen Spuren nicht folgen können. Ein Geist, ich bin ein Geist, ein Geist. Es gibt keine Beweise für meine Existenz.



Ich erinnere mich an diesen letzten Augusttag, der lange nicht der letzte war, ich erinnere mich an Glück, an Herzschlag, an Möglichkeiten; es ist das einzige, das bleibt. (Ist es?)






Es stimmt,
wir sind der Traum eines sterbenden Astronauten.

Samstag, 29. August 2009

Er. Pt.3

Er ist ein Mann unter vielen. Ein namenloser Körper, einer mit Eiskristallen in den Venen, einer, der dich bis aufs Blut beißt, sobald du ihm zu nahe kommst, - er häutet dich mit Blicken, er leckt dir die Lippen mit Worten, & egal wie gut er riecht, - er und sein Bett, - du kannst ihm nicht trauen; er ist ein Monster.

So geht er durch die Wohnung & kehrt den Staub unter die Teppiche; ein Mann unter vielen, er kehrt die Liebe unter die Haut, & schiebst du den Arm auf der Couch zu nahe an seinen, dann zuckt er zusammen, - er kommt nicht näher, er schafft es nicht, du verbrennst ihn; er ist aus Wachs gebaut, eine Voodoo-Puppe, verflucht um seiner selbst willen, im Bitteren ertrunken, das Sonntagskind, der kleine Sonnenschein, der Mann, der neben dir sitzt, ist nicht zu haben, er kann nicht begehrt werden, er kriegt es nicht mehr hin; das verbrannte Kind scheut das Feuer nicht, es ist vernarbt, es kann nichts mehr fühlen. So sitzt er auf dem Parkett & faltet Papier. Er hat vergessen, was er geschrieben hat. Er weiß nicht mehr wozu.

Er fragt: Woher?, wohin?, - die ganze Welt könnte in Stein gehauen sein & für die Ewigkeit, er wäre der Wind, der durch die leeren Städte heult, er wäre der, der die Wolken bringt, den Sturm, denn nichts ist wirklich sein. Alles ist nur geliehen, von der Zeit, vom Zufall & den Pheromonen, darum hat er dir nichts vom Unglück erzählt, das ihn umgibt, vom Mitleid, in dem er sich suhlt, - nachts, wenn die Astronauten samt ihren Raumschiffen in der Atmosphäre verglühen, wenn sie wie Sternschnuppen den Himmel erleuchten, aschen, zwischen den Wolken, in der Weite, ganz & gar Mensch Gewordene, - & er, der am Fenster sitzt, die Füße auf dem Sims & das Herz ganz in Blei gegossen, wohin?, woher?, er begreift nicht die kleinste Kleinigkeit. Seine Vergangenheit hat nie existiert, obwohl er sich an sie erinnert. Seine Gegenwart flieht in die Zukunft, sie flieht & flieht, & er flieht auch, sein ganzes Leben lang schon flieht er, - vor den Wahrheiten, vor den Lügen, vor dem, was sich die Menschen erzählen, wenn sie über sich selbst sprechen, wenn sie über andere richten, & das Ende ist nicht absehbar, das Ende verzögert nur das Atmen, fort von der Verpflichtung, von der Freiheit, von dem Mitleid der andren, & niemals Bewusstsein, & niemals Augenblick, immer nur die Flucht nach vorn, immer weiter hinaus, bis der schwarze Spiegel auf der Haut nichts als weitere Narben hinterlässt. Wir sind wie Kinder, die Kinder der fremdesten Menschen. Spuren im Sand, wir hinterlassen sie in der kommenden Flut.

O Gott, sagt er in den Ascheregen, der sich senkt wie ein Fallbeil, O Gott, ganz so als brächte es Erlösung, O Gott, & keine Beschwörung, kein Aberglauben bringt ihn weiter zu sich selbst, zu dir, der du da bist. Er hat die Dunkelheit am helllichten Tag gesehn. Er hat die Stille im lautesten Geschrei gehört. Er ist niemand, er ist einer unter vielen, ein von der Zeit Versehrter, einer, der sich seines Namens nicht mehr erinnern kann. Ein König über ein unbesehnes Reich, weit hinter dem Horizont.

Donnerstag, 27. August 2009

Er. Pt.2

Vom Tod schmeckt er den letzten Kuss; nicht auf den Lippen. Woanders. Tiefer. Dort, wo die Haut weich ist & nach Bittermandeln riecht. Er wacht davon auf, der nackte, der schlaftrunkene Mann; er wacht auf, die Arme & Beine von sich gestreckt wie einer, der nie seinen Platz teilen musste, - an keinem Ort, nirgends, - erregt & durstig, das Gesicht besänftigt von der lauen Sommernacht, der Körper glänzend von der Schwüle des beginnenden Tages, - so wacht er auf, der Blick von den Wimpern verzahnt wie von Weberknechtbeinen, die Lippen geöffnet zum Stöhnen, vom Begehren verzehrt. In der Stille der Sonne befriedigt er sich selbst. (Langsam).

Unter der Dusche bemerkt er den Stich an der Hand.

Später. Das Wasser hat ihn nicht beruhigt, es hat ihn ruhelos gemacht. Sieht er zum Fenster raus, sieht ihn die Welt. Seltsam wie das die Menschen nicht merken. Er trägt jetzt ein weißes T-Shirt, dessen Kragen so groß ist, dass seine Schlüsselbeine schließen dürfen, sein Brustbein vom Wind genommen, - die Namen von Wolken: Clavicula, Sternum; Zaubernamen: Ewigbesehnes, Langgeküsstes, - & eine Unterhose. Er liebt den Anblick seiner Beine. Er liebt seine Haut. Narziss, was tust du ohne Spiegel? Die Spiegel sind alle blind.
Die Beschreibungen des Außen decken seine Gier nicht, also setzt er sich im Schneidersitz vor die geöffneten Türen. Wann kommt er, in den er sich seines Menschseins wegen verliebt hat? Die Exfreundin fragte nach Namen. Seine Mutter fragte nach Namen. Sein Bruder fragte nach Namen. Niemand hatte für den Moment begriffen, was es bedeutete, einen Namen auszusprechen, den man selbst so selten benutzt. Sie alle reden über das Wetter wie es vorhergesagt wurde. Niemand spricht über das Wetter wie es ist. Alles wird gedankenlos, so lehnt er sich gegen die weiße Wand, im Flur, vor allen Türen sitzend, nichts verliert seinen Reiz.

Er denkt über die Liebe nach, er denkt an seine Exfreundin, seine vorletzte, die zweite von dreien; ihr schwarzes Haar & ihre roten Lippen, der Kuss von geklauten Kirschen & das atemlose Lachen sexdurchtriebener Nächte, ihre Gespräche über Gott, die Gespräche über Krankheit & Tod, die Gespräche über das Wesentliche in der Erziehung von Kindern, Verwehtes, an die Wand Gehängtes, aufgeknüpft vom Jäger, der sich die Trophäen ins Zimmer stellt. Er denkt an die Frau, die nach ihr folgen sollte, die Schöne: Ihre braunen Locken zwischen den Fingerspitzen gezwirbelt, ein Geruch von Lavendel & Orangen verströmend, sie, die am Tisch saß & den Brief mit schwarzer Tinte schrieb, sie, die Ex, die ein weiterer Mann begleiten sollte, sein Exfreund, ein Junge eigentlich, mit einem Lachen so atemberaubend, dass jedem das Herz zerbrechen mochte, wenn es plötzlich verschwand, mit einem Hunger in den Augen, dass nie genug Süße im Kaffee blieb, nie genügend Farben am Leib, nie ein Ausreichend für die ruhigen Stunden, ein Zufriedensein mit der Hand, die auf dem Brustkorb lag, auf dem Hals, der ganz & gar sein war; mit beiden zusammen sollte es Glück geben, vor das sich dann irgendwann andre Silben schob. Der junge Mann im Weißen dachte an sie, an den andren Mann & die Frau; er dachte an sie, wie er es manchmal tat. Sehnsüchtig. Wütend. Gierig. Noch einmal ihre Brüste zu berühren. Noch einmal seinen Kuss zu schmecken, seine Zunge, seinen Rachen. Wie begleichend die Zeit allmählich wurde.

Mittwoch, 26. August 2009

Er. Pt.1

Zeit & Wind treiben den Staub unter den Betten hervor, - zart verästelt fliegt er als Rose von Jericho, als Steppenläufer trennt er das Haar von den Dielen & rollt es in die dunkelsten Ecken, - & auf dem Bett?, da liegt der Mann, der nackte, der auf den Bauch gelegte, mit ihm die Beine gen Himmel & die Arme gen Erde, wie ein Maler ihn skizziert haben könnte, mit ein paar Kohlestrichen, aquarellfarben, (um ihm die helle Haut wie Rauchquarz zu geben?), & er liegt dort, von Zeit & Wind an den Schultern berührt, liegt & blättert in einem seiner Bücher.

Die Sehnsucht knickt ihm alle Zeiten Seiten.

Seine Muskeln spannen sich, er riecht das Meer. Dabei ist es nirgends. Seine Augen sind silbern. Er möchte eintauchen, zwischen tausend Wellenschlägen, eintauchen, bis an den Grund, eintauchen ins Kalte & Unwiederbringliche, stattdessen stanzen sich die Worte in seinen Mund. Er ist so jung, wie er da liegt, wie er sich durchs braune Haar streicht, - ein Halbstarker, dessen Mandeln eitern & dessen Zähne wie Basaltgestein brechen, der aber im Regen die fremde Hand ergreift, der als Abschied die Wange küsst, der lacht (lauter) & weint (leiser), ein Narr, dem die Liebe auf den Leib geschneidert ist, ein König der Armut, ein Prinz des Hungerns, ein Fürst der Sterblichkeit, - Niemand, eine Augenwischerei. Er dreht sich auf den Rücken, der Wind küsst ihm die Brust, - seine Arme gen Himmel, die Beine gen Erde, - was hieße es, so frei zu sein? Was hieße es, geliebt zu werden?

Sonntag, 23. August 2009

Schwarz

Whisky please, I need some Whisky please
So bring me consciousness
And kill my innocence
Please lay your eyes on me
Lead me in the dance
Give me no chance to reconsider, reconsider
*


1.
Papier, das auf den Boden fällt; hineingeschoben durch den Briefkastenschlitz, - eine Explosion könnte nicht lauter sein. Ich stehe währenddessen vor dem Spiegel und schiebe Haut über Knochen und Knorpel; wie sich alles verändert, denke ich, mich rasierend, und schneide mich fast, als der Knall die Stille zerfetzt.

Das Wort Ablehnungsbescheid reißt mir die Arme ab,
den Kopf, die Beine,
es bleibt nur ein nackter Rumpf.
Ein Rumpf muss nichts wollen.
Ein Rumpf kann nichts müssen.


2.
Minuten später. Stunden. Tage, was macht es schon für einen Unterschied? Die Weltzeituhr ist nicht zu stoppen. Draußen gehn die Lichter der Straßenlampen an, die Dämmerung scheucht die Menschen durch die Gassen. Ich sitze am Fenster, die Beine auf dem Sims, die Hände auf dem atmenden Brustkorb verschränkt.
Wie geht es weiter, sag es!, wie geht es mit uns, wie geht es mit mir weiter?, da gibt es zu vieles, was nicht menschenmöglich ist; Berlin sollte alles sein, und während die Stadt im schmierigsten aller S-Bahnfenster an den Augen vorüberzuckelt, ist tatsächlich alles da, wohin es gehört. Ich, die Momentaufnahme, dort im schwarzen Pullover, Tegan & Sara in beiden Ohren, die eine Hand umfasst den Haltegriff, die andre hält das Buch, und das Herz ist schon fünf Kilometer weiter, tief drin, beim Rot irgendeiner Ampel in Kreuzberg, im Lichtblick-Kino in der Kastanienallee, in der Stille des Müggelsees, überall, selbst hoch über der Stadt, - es ist das glücklichste Leben, das traurigste, und nichts ist an seinem Platz. Wohin?, was tun?, zur Hölle mit Lenin, aber.
Mitdenken und Gegendenken, der Artikel über Habermas hängt immer noch an der Wand, - zynisch, eigentlich. Es scheint, als habe ich nie wirklich gedacht. Nicht, als ich hergezogen bin. Nicht, als alles gut war. Nicht jetzt. Während alles auseinanderbricht. Was?, gib doch nicht auf, vielleicht bekommst du eine gute Nachricht von der FU. Nein. Aller Wahrscheinlichkeit werde ich das nicht. Niemand wird eine gute Nachricht von der FU bekommen. Das ist nicht Teil der Entscheidungsfreiheit. Wir sind Opfer unserer Möglichkeiten, also warten wir, nicht?, wir warten bis das Urteil kommt, das uns die Köpfe von den Leibern trennt, und dann wird alles furchtbar schnell gehen, nicht?, Umzugskisten sind zwar nicht leicht gepackt, aber es werden Leute immerhin fürs Schleppen bezahlt, und ich, der ich hier bleibe, - bleibe ich?, - nehme diesen Jungen in mein Leben auf, ganz auf, mein ich, so vollständig, wie man einen Menschen in sein Leben lassen kann, der die gleichen Räume teilt, und wer weiß?, wer weiß?, ich meine: irgendwas?, letztendlich. Niemand weiß etwas.

If you're gonna get up, you might as well get up with me.
If you're going downtown, I might as well be on your way.
And I sit all night, I sit still all night.
I won't tell one soul, I won't tell one soul.
**


3.
Und dann, als der Rauch sich verteilt über der Ruine meines Verstandes, als der Rumpf sich sammelt und Arme, Kopf und Beine wieder aufgehn im Ganzen, spricht der Mund ein Wort aus, an das er sich nie gewöhnen wird: Exil.

Exil, Exil. Für ein Jahr, oder zwei. Es muss nicht schwer sein. Ich fülle irgendein Formular aus, das alles wissen will, in gierigen kleinen Kästchen, füge andres Papier bei, hefte an, was dran gehört, und schicke ein Polaroidbild meiner Verzweiflung mit; ich nehme dann meine Lehrbücher mit, die nur geliehen sind, aber ich werde sie pfleglich behandeln, wirklich, sei beruhigt, und vielleicht zwei, drei andere Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, die Gedichte von Vallejo zum Beispiel, und dann?, ich weiß nicht, was mit meinem Zimmer passiert, ich weiß nicht, ob es wirklich funktionieren könnte, ich weiß nicht, ob mich die Perspektivlosigkeit so mutig sein lässt, oder die Mutlosigkeit so perspektivlos, aber sei's drum, nach draußen, raus aus Deutschland, raus aus der Bestechlichkeit, raus aus allem, solange die Weltzeituhr so entschieden gegen mich ist, und leben. Nicht so sehr aufgrund der Berge im Hintergrund, oder des Meeres, das Salz durch die Straßen weht. Es ist dort nichts besser, das Exil ist auch nicht dafür da, dass es etwas besser macht. Arbeiten. Lernen. Schreiben. In einer fremden Sprache sprechen. Raus aus der bohème&bourgeoisie. Raus aus den ganzen Katastrophen. Exil heißt Flucht, ja. Aber wie viel Flucht steht uns im Leben zu?





*Queen of the World, Ida Maria
**Downtown, Tegan & Sara

Dienstag, 18. August 2009

Rot

schläfrig senkt sich der leib,
tausend jahre lang wartet der tag,
ins bett gerollte haut, wartet;
die finger brechen dabei pistazien entzwei,
möchte der kopf ebenso zerbrechen,
die sehnsucht, die liebe, --

ich zupfe mir an der hose herum, ungeduldig wippt das rechte bein. da ist keine erinnerung mehr an vorhin. kein bewusster moment. seit wie viel jahren schon sitze ich hier? es ist alles vergessen versus ist es? jetzt zerreißt die ungeduld jedes verträumte seufzen. kein meine zunge leckt dir über die oberlippe, auch wenn sie's möchte; kein so & so gingen die tage, auch wenn sie's weiterhin tun. ich hab es satt so besinnungslos zu sein. nicht mehr zu schreiben. (das ist kein schreiben). bitte?
in einem brief an s. denke ich mir ein altes motiv neu; es geht um dornröschens schlaf. da gähnt mein mund, - länger als es sich ziemt. wann bin ich je wütend gewesen?, & aus welchem grund? hat dich alles, - die welt, die umstände, die buße & die häresie, - so vollständig eingewickelt, dass du nicht mehr widersprichst? was?, nein. immer! widerspruch! bitte?, kaum zu glauben. wann soll das gewesen sein?, sicher nicht im letzten halben jahr. also klatsche ich mir mit beiden händen kaltes wasser ins gesicht; ich fülle das waschbecken bis obenhin & tauche darin bis zur brust ein, bis zum bauchnabel, bis zu den kniekehlen. wie ein spatz bade ich darin, im kalten, im gefieder sträubenden. sauber-werden. sich von der müdigkeit befreien, die seit wochen, monaten, jahren den körper wie metastasen durchsetzt. ich zerre & reiße am dornengestrüpp. wirklichkeit?, seit wann steckt hinter einem deiner worte wirklichkeit?, immer schon.

jetzt riecht mein zimmer nach druckerschwärze.
die gedanken wiederholen ein paar sätze von hašek,
im eingerollten schreibmaschinenpapier steht der erste satz einer unerzählbaren geschichte, an die ich mich wagen will, wenn die tage wieder lauter werden.
jetzt reiße ich erneut die fenster auf, lasse den verkehrslärm als windgetöse durch die räume rumpeln; im rotesten t-shirt raufe ich mir haare & haut. keine ausrede für faulheit. das ist kein verzicht, sondern unfähigkeit. (mademoiselle manie sagt, es sei vielleicht der schock gewesen. ich sage, es sei mir egal. dieses gerede führe zu nichts). hat je jemand an das geglaubt, was die leute sagen? was?, rot ist die farbe meiner handschrift, die unter jedes wort meinen namen setzt. eingeprägt ins weiße bleibt nichts als das.

herzschlag, das alte lied vom romantischeren leben.
dem überfüllten;
bis zum rachen steht es mir,
das herzensgute lachen der trostlosesten menschen.

also stehe ich vor dem spiegelfragment, die haut sitzt heute außergewöhnlich schief am leib, aber was ist schon leib?, wenn der verstand an allen gitterstäben rüttelt? was ist lüge, was entschuldigung? seit tagen bittet der regress um wiederaufnahme eines verfahrens, das vor drei jahren schick war, & dann?, vergessen. jeder hat die kunst vergessen. keiner hat es auf die goldwaage gelegt. stattdessen haben sie die räume mit plattitüden vollgestellt. mit nicken & lächeln, & nichts mit I am versus the many. das ist gar nicht mehr relevant. auch nicht, dass ich noch M.s nummer in meinem handy habe. M.?, ein kürzel wie jedes andere, wenn nicht der kürzel zu viele wären, M., die mir schlaftrunken an der hose nestelte, die sich auf mich setzte & mir ins ohrläppchen biss; M., die schöne, mit den katzenaugen & dem rotbraunen haar, das sich wie geschmeide um ihren hals legte. M., dreizehnter buchstabe im alphabet, - er hat mir nie glück gebracht. trotz der dreizehn möglichkeiten. ja, richtig. mit M. habe ich geschlafen, in zwei stunden nur zweimal, weil mein herz nicht schlug, sondern pumpte, weil mein leib nicht begehrte, sondern schlief, aber sei's drum, sei's gewesen, das ist der spruch für's neue jahr, - das neue jahr, das schon tausend jahre alt ist. schließ das ein, schließ es weg. M. siehst du nicht wieder. zähl weiter, geh weiter im alphabet, du weißt genau, wo du jetzt stehst. nicht?, nein. denn wir, du & ich, wir driften. aber wir driften wenigstens zusammen.

ich zähle wunden.
meine wie die von andren.
die schlimmste von allen ist das was hätte sein können, das nie gewesen ist, sondern gereicht wurde wie pastis an zu kalten wintertagen: in zu kleinen gläsern. also denkt man es größer, & immer größer, & wer weiß, wie es weitergeht. wer weiß das wirklich zu sagen? jetzt zerbrennt das rot die siegessäule; es brennt die straßen von unter den linden bis zur turmstraße in tobender weite; es verschlingt die geschäfte, die namenlosen menschen, die träume, die stille. bis nichts mehr bleibt. außer deiner haut. außer meinem kochenden atem. außer all dem, was verwirklicht wurde. mehr?, nein. mehr brauchen wir jetzt nicht.

Sonntag, 16. August 2009

Weiß

Die Nacht bringt Sirenengeheul, - zum Fenster dringt es herein & macht alle Sehnsucht bitter; ich bin im weißen & ewig weißen T-Shirt, stehe zwischen dem Weiß des Vorhangs & dem Weiß der Wände, & draußen zerspringt die Welt in nichts als eiligem Blau & lauen Sommernachtsträumereien. Was nicht alles sein könnte, wenn mehr Mut in diesen Adern pumpte!, denk's dir, im Wind das Haar verwirrt, die Arme baumelnd in unermesslich langen Relationen; der Abschied ist ungeübt geblieben. Jetzt heulen die Hunde.

Mir tut der Hals weh vom vielen Luftigsein,
dabei fehlt dem Mund nur ein andrer Mund,
dem er Luft & Liebe geben kann; das ist ein altes Spiel.

Schweigend gehe ich des fremden Schrittes nach, der über Teppiche ging, übers Holz, über Sand & asphaltierte Straßen, wohin?, wohin?, draußen ist zu weit, draußen ist zu viel, wer mag noch draußen sein? Draußen gibt es keine Welt.
Nicht?
Nein.
Hat es denn je eine Welt gegeben?
Blaue Himmel, Wolken dran, Gras darunter,
& all das nur für einen Traum.
Niemand träumt. Alle wachen.
& ich?, ich möchte schweben. Durch die Straße, an der Frau vorbei, die im Auto sitzt, - die Türe offen, die Anlage spielt ein orientalisches Lied, - & vorbei am Ewigunsichersein, dem Ewigängstlichen meines Herzens. Aber ich schwebe nicht. Ich sitze im Halbschatten der Lampe, im Gewirr von Mottenflügeln & Stechmückenbeinen, & jahe ins Handy, ins Ohr einer Fremden, die mein Leib besaß, die mein Leib war, tausend Jahre lang, & sie sagt: Du verhälst Dich, als wärst Du verliebt, Gott, als wär alles rosarot, & ich lache lauter als ich sollte, verzerrt in elektronisches Rauschen, - draußen heulen die Hunde, - & ich sage: Es ist einfach alles nur okay, so, verstehste?, genau so könnte es für immer bleiben, & sie sagt: Aber du bist krank, deine Mutter ist noch immer in der Reha, du weißt überhaupt nicht, wie es weitergeht, mit dir, der Wohnung, der Zukunft, du hast überhaupt keinen Plan, oder doch?, & so willst du's für immer haben? & ich, der ich mir die Rippen abzähle, der noch das andre Parfum riechen kann, ich, der im Stillen weint & im Lauten lacht, ich denke: Ja. Genau so, für immer, - & weiß gar nicht, was das heißt.